Emanzipation im Quadrat

„Würdest Du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss?” “Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst.”
(Bild: John Tenniel / wikimedia commons)

Wenn unklar geworden ist, was links und was rechts bedeutet, wenn politische Farben ineinander fließen, sich Querfronten bilden und Zweifel wachsen, wofür und wogegen man sein soll, empfehle ich Emanzipation im Quadrat. In (m)einen Topf geworfen, was ich über neuzeitliche Geschichte, gegenwärtige Zustände und erwartbare Zukünfte gelesen, erlebt und bedacht habe, befürworte ich vier strategische Orientierungen; wer Machtinteressen verfolgt und Privilegien schützen oder erringen möchte, wird andere haben. Emanzipation im Quadrat heißt, sich für Gleichstellung, Demokratisierung, Grundeinkommen und Arbeitszeitverkürzung stark zu machen.

Emanzipation im Quadrat hat als Grundidee, selbstbestimmt zu leben. Immer und überall, wo Freiheitsrechte sich gegenseitig beschränken oder unbeteiligte Dritte tangieren, also fast immer und fast überall, soll möglichst gegenseitige Verständigung greifen oder eben der Mehrheitswille gelten. Das ist sehr viel leichter geschrieben als praktiziert, aber das trifft auf jede gute Idee zu. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist produktiv nur als Forderung, den Zustand aufzuheben, der der Illusionen bedarf (frei nach Karl Marx).

Gleichstellung

Die moderne Gesellschaft hat die kulturelle Nachrangigkeit der Frauen geerbt und die meisten Männer, rechte wie linke, reiche wie arme, nahmen diese Erbschaft liebend gerne an. In den flammenden Reden für Freiheit und allgemeine Menschenrechte kamen Frauen ausdrücklich oder stillschweigend nicht vor. Fahrrad fahren, Hosen tragen, studieren, das Wahlrecht ausüben, nichts verstand sich von selbst. Bis 1958 hatte in Deutschland der Mann das Letztentscheidungsrecht in allen Eheangelegenheiten. In dieser männerdominierten Tradition halten sich Herrenwitzfiguren wie Donald Trump, Friedrich Merz und Christian Lindner für etwas Besseres. Die kulturelle Nachrangigkeit der Frauen gegenüber den Männern und die ökonomische Abwertung der reproduktiven Arbeit gegenüber der sogenannten produktiven gehen bis zum heutigen Tag Hand in Hand. La Liberté ist weiblich, in der freien Arbeitswelt sind es besonders die unbezahlten und die gering bezahlten Leistungen, die von Frauen erwartet werden. Die Frauenbewegung sieht und attackiert diese fatalen Traditionen. Sich für weitere Erfolge der Frauenbewegung einzusetzen, hat politische Priorität.

Emanzipation (Bild: Lajos Tscheligi / wikimedia commons)

Demokratisierung

Gigantische Unterschiede in der Verteilung von Reichtum und Macht und katastrophische Auswirkungen auf die Natur machen die Frage unausweichlich, ob die Entscheidungen über die gesellschaftliche Arbeit in den richtigen Händen sind. Machen die Mieter von Arbeitskräften, die sogenannten Arbeitgeber, den richtigen Gebrauch von ihrer Freiheit? Sie entscheiden darüber, welche Produkte auf welche Weise hergestellt und welche Dienstleistungen angeboten werden. Offensichtlich anhand zweifelhafter Kriterien und mit problematischen Motiven. Auf das Freiheitsrecht, Gewinn zu machen, lässt sich kein gesellschaftliches Zusammenleben aufbauen. Alle familiäre Fürsorge, die meisten sozialen und gesundheitlichen Dienste, viele infrastrukturellen Leistungen können nicht als gewinnbringende Arbeiten organisiert werden. Dass diese dem Staat und jene in erster Linie den Frauen obliegen, sind Charakteristika der gesellschaftlichen Arbeit, wie wir sie kennen.

Wie weit sich das Freiheitsrecht, Gewinn zu machen, mit einem rücksichts- und respektvollen Zusammenleben, den Chancen auf ein gutes Leben für möglichst alle und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verträgt, muss jede Gesellschaft für sich entscheiden – aber es muss zur demokratischen Entscheidung stehen. Die Bedeutung angemieteter Arbeitskräfte (sogenannter Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen), ihres Wissen und ihres Engagements, wurde mit der Digitalisierung noch einmal deutlich größer. Sie an den grundlegenden Entscheidungen über die Arbeit nicht zu beteiligen, sondern das letzte Wort Investoren zu überlassen, die der Vermehrung ihres Vermögens alles andere unterordnen, ist verrückt.

Der beste Weg, die Entscheidungen über die Arbeit zu demokratisieren, führt direkt hinein in die Organisationen der Arbeit, in welchen Mieter und Vermieter der Arbeitskräfte zusammentreffen. Bekämen die Vermieter der Arbeitskraft ein echtes Mitentscheidungsrecht darüber, welche Arbeiten gemacht und unter welchen Bedingungen sie verrichtet werden, würde die Arbeit in tatsächlicher gesellschaftlicher Verantwortung stattfinden. Auch dann kann es schief gehen, doch dann hätte es die Mehrheit tatsächlich so gewollt und dann ist es eben so.

Grundeinkommen

Freie Entscheidungen kann nur treffen, wer sicheren Boden unter den Füßen hat. Ohne eine halbwegs stabile soziale Existenz stehen Freiheitsrechte nur auf dem Papier. Ein Grundeinkommen für alle, das soziale Nöte nicht entstehen lässt, ist angesichts der hohen Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit keine Frage der Leistbarkeit, sondern eine Verteilungsfrage. Die politisch-rechtliche Konkretisierung eines garantierten, möglichst bedingungslosen Grundeinkommens gehört zu den dicken Brettern, derentwegen Politik eine lohnende Aufgabe ist.

Arbeitszeitverkürzung

Wie das Nein als Highlight der negativen Freiheit so kann als Krönung der positiven Freiheit die selbstbestimmt gestaltbare Zeit gelten. „Die Fähigkeit, das Wort Nein auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit.“ (Nicolas Chamfort 1741-1794) Wenn aus dem ersten Schritt ein eigener Weg werden soll, braucht es die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was ich wann, wo, wie und mit wem mache. Arbeiten heißt, konstruktiv und produktiv mit Notwendigkeiten umzugehen. Deshalb ist Arbeitszeitverkürzung ein Königsweg zu mehr Selbstbestimmung.

Bild: Roland Steinebach

Mit dem Finger auf der Landkarte sind Wege leicht zu gehen, weite Strecken bequem zurückzulegen, das ist schon wahr.
Aber die Grinsekatze hat trotzdem recht: “Würdest Du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss?” “Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst”, antwortete die Katze.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Bis 2002 leitete er zehn Jahre lang die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

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