Bröckelt die Männerdomäne Wirtschaftstheorie?

Antje Schrupp / Foto: Laurent Burst

In den USA kann man als schlechter Schauspieler Präsident werden und als Präsident ein schlechter Schauspieler sein. Ronald Reagan hat 1981 in seiner präsidialen Antrittsrede den berühmten Satz gesagt, der im Nachhinein als eine Art Grundsteinlegung für den Neoliberalismus gelesen wird: „Die Regierung ist nicht die Lösung unseres Problems. Sie ist das Problem.“ In Krisen freilich werden von Regierungen Lösungen erwartet, während die herrschende Wirtschaftswissenschaft meist maulend und oft ratlos in Talkshows auftritt. Geht es auch anders? „Wie fünf Ökonominnen Wirtschaft und Politik neu verbinden“ ist der Titel eines informativen Essays von Antje Schrupp, der beim Deutschlandfunk zu hören und lesen ist. Die Journalistin und Politologin stellt fünf Wissenschaftlerinnen vor, die das volkswirtschaftliche Denken von alten Glaubenssätzen entrümpeln.

Der große alte Streit des Verhältnisses von Wirtschaft und Politik wird in Krisen regelmäßig neu entfacht. In der Corona-Krise verteilen auch Regierungen Geld, „die den Marktliberalismus besonders laut predigen“, heißt es in dem Essay: „Der US-Kongress machte zwei Billionen Dollar locker, Präsident Donald Trump ließ Schecks in Höhe von 1.200 Dollar an alle Steuerzahler ausgeben und stellte sicher, dass sein Name aufgedruckt war. In Brasilien gab es eine monatliche Corona-Nothilfe für arme Familien, die in vielen Fällen höher lag als ihr ansonsten übliches Einkommen, woraufhin die Umfragewerte des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro in die Höhe schnellten.“

Wer trägt zum Wohlstand einer Gesellschaft bei? Warum gelingt es nicht, die positiven Effekte der Globalisierung gerecht und sozialverträglich zu verteilen? Wie können wir es fertig bringen, uns von den Modellen der industriellen Massenproduktion zu verabschieden und neue Lebensstile zu entwickeln? Diese und andere wichtige Fragen verlangen danach, das Verhältnis von Wirtschaft und Politik neu zu durchdenken und Wechselwirkungen ernster zu nehmen. „Es sind vor allem Frauen, die dabei ‚out of the Box’ denken“, neue theoretische Zugänge anbieten und bessere Perspektiven eröffnen, sagt Antje Schupp und stellt fünf von ihnen mit ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten vor: Mariana Mazzucato (Italien/USA), Kate Raworth (Großbritannien), Esther Duflo (Frankreich/USA), Stephanie Kelton (USA) und Carlota Pérez (Venezuela). Bröckelt die Männerdomäne Wirtschaftstheorie? Schön wär’s.

“„Wie wäre es, wenn wir nicht die etablierten, althergebrachten Theorien an den Anfang der Ökonomie stellen, sondern stattdessen die langfristigen Ziele der Menschheit, und versuchten, ein ökonomisches Denken zu entwickeln, das uns in die Lage versetzt, diese Ziele zu erreichen? Ich machte mich daran, ein Bild dieser Ziele zu zeichnen, das schließlich, so verrückt es klingen mag, wie ein Donut aussah – ja, wie ein amerikanischer Donut mit einem Loch in der Mitte.“ Kate Raworth
Bild: The Belka auf Pixabay

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: „Mustererkennung in der Coronakrise“ sowie „Arbeit und Krise. Erzählungen und Realitäten der Moderne“.

1 Kommentar

  1. Die Fünf ist eine schöne Zahl, keine Frage. Aber Frau Schrupp hätte noch viele mehr nennen können, zum Beispiel die britische Hannah-Arendt-Preisträgerin Ann Pettifor, oder die US-amerikanische ehemalige Investment-Bankerin und Unternehmensberaterin Susan Webber, die unter dem Pseudonym Yves Smith das einflussreiche Blog “Naked Capitalism” betreibt. (Hier ist ein fünf Jahre alter Blogeintrag von Ann Pettifor über brilliante Ökonominnen, die zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, in dem auch Mariana Mazzucato und Yves Smith erwähnt werden.)

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