Es war einmal Würde… haarige Märchen in pandemischen Zeiten

Aus langen Haaren Aufmerksamkeit und Kapital schlagen: Die Rolling Stones der Augsburger Puppenkiste
(Foto: photovicky auf Pixabay)

„Mit Würde zu tun“, hat für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Öffnung von Friseursalons. Eine Frage der Würde ist die Frisur bereits im Struwwelpeter von 1844: „Kämmen ließ er nicht sein Haar. […] Pfui! ruft da ein jeder: Garst’ger Struwwelpeter“. Es war einmal vor langer Zeit…

… als den Jungs lange Haare noch übelgenommen wurden. Langhaarige waren rebellisch, arbeitsscheu, weiblich und im schlimmsten Fall schwul. Die Rolling Stones spielten mit diesem Vorurteil und verstanden es, aus langen Haaren viel Aufmerksamkeit und Kapital zu schlagen. Ich erinnere mich an eine Klassenkameradin in der Quarta mit anziehend wilder Haarpracht. Für unseren philisterhaften Klassenlehrer war die unzähmbare Mähne ein Hort für Ungeziefer. Die Rechnung des Mathelehrers ging auf. Er bildete aus Frisur und Leistung eine Differenzialgleichung. Das Mädchen verließ die Schule. 

Es war einmal eine Armee, die allen eingezogenen Wehrpflichtigen einen Kurzhaarschnitt verordnete. Wer nicht freiwillig wollte, wurde zum Friseur befohlen. Aber was ist von einer derart kastrierten Armee noch zu erwarten? Nach den Berichten des römischen Historikers und Senators Tacitus durften die barbarischen Germanen sich erst scheren, wenn sie einen Feind getötet hatten. Glaubt man dem alten Testament, wäre das ein Fall von Wehrkraftzersetzung. Im Buch der Richter wird vom auserwählten und unbesiegbaren Samson erzählt, dessen Geheimwaffe das ungeschorene Haar ist. Über Haarwuchsprobleme wird in der Bibel nichts erzählt. Aber Samson wurde leider von seiner Frau verraten, von den Philistern gefangen genommen, geblendet und geschoren.

Die Blendung Samsons. Rembrandt – Web Gallery of Art/ wikimedia commons

Mit oder ohne, mit kurzem, langem, gelocktem, gewelltem oder glattem Haar – Frisuren eignen sich hervorragend für überflüssige Aufregungen. Ganz und gar unpassend erscheinen sie in der politischen Kommunikation. 

Es waren einmal Regierungen, demokratisch gewählt, deren Entscheidungen man zwar befolgen musste. Aber man brauchte nicht mit ihnen überein zu stimmen und konnte mit den Regierenden trefflich streiten. Politiker:innen begegnete man taktvoll. Und diese Politiker:innen begegneten auch ihren Bürger:innen anständig. Offensichtlich wussten alle Beteiligten mit dem Wort Würde noch etwas anzufangen. Für kurze Zeit hatte ein Verteidigungsminister 1971 den Haarerlass der Bundeswehr aufgehoben. Der Name des Verteidigungsministers und späteren Bundeskanzlers war Helmut Schmidt. 

Entschuldigt bitte, liebe Friseurinnen und Friseure, aber unter diesen Bedingungen und vor diesen Hintergründen dürfen wir nicht kapitulieren und müssen Eure Salons meiden wie der Teufel das Weihwasser. Jedenfalls solange bis Theater, Konzerte, Restaurants etc. aufmachen – ganz zu schweigen von Kitas und Schulen. For united we stand. Divided we fall!

Jürgen Schulz
Prof. Dr. Jürgen Schulz lehrt und forscht im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin (UdK). Er arbeitet auch in der Redaktion von „Ästhetik & Kommunikation“.

3 Kommentare

  1. Wunderbares Essay ! Pasolini schrieb einst, so zwischen 68-72 vielleicht, weshalb langhaarige Menschen keinesfalls dadurch zu einer mehr progressiven Denkart tendieren könnten – dem sei nicht so. Andererseits, Apotheose der Kurzhaaridiotie war jedoch Pararella (Kapitän der 78er WM Mannschaft Argentiniens), als er als Chef der Seleccion 1998 lange Haare verbot. Master of Midfieldarts Redondo (damals bei Real Madrid) sagte daher ab und nur Batigol war es vergönnt, leicht ‚lang’ zu tragen: aus gegen Rumänien! – so ist das mit kurzen Haaren und siehe Mario Kempes…oder Ayala 1974

    1. “Rechts oder links, welch große Frage. Vor ihr stand Beckenbauer einst, als er von Rumenigge angespielt frug: wohin des Leders rund er Flanken sollte, nach links auf nummer schuß gewandten Fuß, nach rechts zwischen das Lockenhaupt Hoeneß der nach dem Ball sich reckt… ” Otto W. 1977, ein Jahr vor der Schande von Cordoba

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