Die Welt ist voller toxischer, mächtiger Männer, Tendenz steigend

Foto:Geralt auf Pixabay

Die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen kennt sie aus ihrer Praxis für Psychoanalyse: Personen mit einer pathologischen Narzissmusstörung. Meistens suchen allerdings deren Opfer Hilfe bei ihr, weil Narzissten selten auf die Idee kommen, dass sie krank sein könnten. Die Autorin beginnt ihre Ausführungen nicht mit einem theoretischen Überbau, sondern führt den Leserinnen und Lesern zunächst das Paradebeispiel eines toxischen Narzissten vor. Der abgewählte ehemalige US-Präsident Donald Trump erfüllt aus Sicht der klinischen Diagnose alle Kriterien. Neun sind es an der Zahl, und die Autorin füllt jedes einzelne mit Beispielen aus Donald Trumps Verhalten.

So bewegt sich Trump zum Beispiel ständig „zwischen Emphase, Superlativ und Hyperbel. Wenn er seine Mitarbeiter vorstellt, benutzt er stets den Superlativ. Über den Chef von ExxonMobil, Rex Tillerson, den er im Februar 2017 zum Außenminister ernannte (und ein Jahr später feuerte), sagte er: ‚Er ist der größte, geschickteste Geschäftsmann der Erde, er ist unglaublich!‘“ (Kriterium 2: Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe).

Selbst diejenigen, die Trump für einen gesunden Menschen halten, werden nach der Analyse der Autorin ins Grübeln geraten. Sie hat ihn über Jahre sehr genau beobachtet und formuliert bereits im ersten Kapitel eine wichtige These des Sachbuchs. Narzissten wie Trump schaffen es an die Macht, weil die heutige Gesellschaft eine narzisstische ist. All die Trumps, Putins und Bolsonaros sind hausgemacht in einer Welt, in der derjenige erfolgreich ist, der sich am besten verkaufen kann. Ich schreibe bewusst derjenige und nicht diejenige, weil das Krankheitsbild vorwiegend bei Männern vorkommt. Denn:

„Männer tendieren eher als Frauen dazu, andere auszubeuten und auf gewisse Privilegien Anspruch zu erheben. Im Bereich des Führungsanspruchs zeigen Männer eine stärkere Selbstbehauptung und ein stärker ausgeprägtes Verlangen nach Macht als Frauen. Hingegen stellten die Wissenschaftler keinerlei geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Angeberei fest, woraus zu schließen ist, dass Eitelkeit und Selbstgefälligkeit kein Privileg der Männer ist. All diese Feststellungen können durch Stereotypen erklärt werden, die in der Kultur und der Erziehung verwurzelt sind.“

Weiter analysiert die Autorin drei unterschiedliche narzisstische Pathologien. Den grandiosen Narzissten (Trump), die verletzlichen Narzissten (potentielle Amokläufer), die narzisstischen Perversen oder Psychopathen (Putin).

Natürlich sollte jeder Mensch einen gewissen Grad an Narzissmus (kurz: Selbstliebe) besitzen, sonst ist er nicht überlebensfähig. Ein gesunder Narzissmus ist aber immer auch erfüllt von Schamgefühlen und der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Doch wo verläuft nun genau die Grenze zwischen einem akzeptablen und einem pathologischen Narzissmus? Da beginnt die Autorin ungenau zu werden, flüchtet sich in klinische Studien, die keine messbare Klarheit bringen. Eindrücklich nacherzählte Fallbeispiele sind es, die verdeutlichen, welche Verhaltensweisen krankhaft sind und welche nicht.

Die Psychoanalytikerin betont, dass narzisstische Krankheiten zunehmen und begründet dies mit der Verhärtung der Arbeitswelt. „Die in ihr tätigen Personen“ würden „immer weniger in ihrer Besonderheit geachtet“. Diese Annahme belegt sie durch Untersuchungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche. Differenziert beschreibt sie das aktuelle Verhalten der Narzissten in Unternehmen auf der Führungsebene, in der Wissenschaft oder Politik. Die Welt ist voller toxischer, mächtiger Männer, Tendenz steigend. Ihre Ausführungen sind nachvollziehbar und öffnen die Augen dafür, die Blender frühzeitig zu erkennen (gerade für PersonalerInnen im Unternehmen ist das hilfreich!). Denn sie sind oft gute Schauspieler, verkaufen sich smart, talentiert und empathisch – bis sie die Position erreicht haben, die sie erreichen möchten.

Schade ist, dass Hirigoyen ihr Versprechen, das im Untertitel des Buches angekündigt wird, nicht einlöst. Wie wir uns gegen Narzissten wehren geht in der Hoffnung unter, die 80er und 90er Generation möge ein Problembewusstsein entwickeln. Sie meint sogar, bei der heranwachsenden Jugend ein verändertes Konsumverhalten (!) zu erkennen, eine Art Rebellion gegen unser neoliberales Wirtschaftssystem, der Wurzel allen Übels. Das ist eine sehr optimistische Sichtweise und ein enttäuschendes Schlusskapitel für dieses ansonsten erhellende und klug verfasste Sachbuch.

Marie-France Hirigoyen
Die toxische Macht der Narzissten und wie wir uns dagegen wehren
Klappenbroschur, 253 Seiten, 16, 95 Euro
ISBN: 978-3-406-75007-6, Verlag C.H.Beck, München 2020

Marie-France Hirigoyen studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. Ihr Buch ›Die Masken der Niedertracht‹ löste in Frankreich anhaltende öffentliche Diskussionen aus und ist ein internationaler Bestseller.

Siehe auf bruchstücke auch den Podcast https://bruchstuecke.info/2021/02/14/n8-der-gekraenkte-verlierer-trump-so-gefaehrlich-sind-narzissten-in-der-politik/

Unter dem Titel “Spiegel einer Gesellschaft” erschien die Buchbesprechung zuerst auf www. faust-kultur.de

Riccarda Gleichauf
Riccarda Gleichauf
Riccarda Gleichauf studierte nach einer Buchhändlerinnenlehre Philosophie und Germanistik in Frankfurt am Main und schloss das Studium 2011 (Magistra Artium) ab. Sie arbeitet als freie Lektorin, in der Erwachsenenbildung (Deutsch als Fremdsprache) und bloggt u. a. zum Thema Feministische Literatur auf ihrem Onlineportal riggaros.de. Riccarda Gleichauf ist Mitglied der Faust-Redaktion.

2 Kommentare

  1. Danke für diese Rezension, die mich auf ein offensichtlich lesenswertes Buch aufmerksam macht.
    Vielleicht führt diese Rezension hier oder anderswo zu einem Gespräch, in dem die folgenden Unterscheidungen abgewogen werden. Wenn die Analyse von Marie-France Hirigoyen stimmt, dann ist Donald Trump ein toxischer beziehungsweise grandioser Narzisst, damit krank , also ein hilfs- und behandlungsbedürftiger Patient.
    Dazu zwei Gegenstimmen: In einem Interviewband mit dem Psychoanalytiker Otto Kernberg, der Trump, etwas zurückhaltender als die Buchautorin hier, eine “narzisstische Störung” unterstellt, sagt wiederum Manfred Lütz, Psychiater und Psychotherapeut, über Trump: “Aber ich halte Donald Trump ohnehin nicht für narzisstisch, sondern für zutiefst unmoralisch, rücksichtslos und hemmungslos geltungsbedürftig.” Und der Historiker Wolfram Siemann interpretiert in einem FAZ-Beitrag die Ereignisse rund um das Capitol ebenfalls nicht als einen Ausrutscher oder als wirres Aufstacheln Dritter durch einen Gestörten, sondern ganz im Sinne von Lütz als Tat eines berechnend handelnden Gewaltpolitikers: „Donald Trump hatte ein klares Kalkül, als er die Massen zum Sturm des Capitols anstiftete: Er wollte die Gewalt schüren, um dann den Notstand ausrufen und an der Macht bleiben zu können.“
    Die spannende Frage: Inwieweit erhellt die psychoanalytische Diagnose (mindestens in diesem Fall) das politische Geschehen, inwieweit verstellt, verdunkelt oder gar verharmlost sie es?

  2. DER TITEL HÄLT NICHT, WAS ER VERSPRICHT?
    Die Rezensentin vermisst das Rezept gegen Narzissmus. Das müsste man am Buch eigentlich loben. Rezept-Kultur (auch als „Widerstands-Rezept“) ist eindimensional. Kultur komplex. Aber es ist einfacher: Das französische Original heißt: „Les Narcisses – Ils ont pris le pouvoir“. Sie sollen also die Macht übernommen haben. (Was auch nicht stimmt.) Das Rezeptversprechen fehlt im Titel. Muss also im Content nicht erfüllt werden. Es ist also den Beck’schen Vermarktern zu danken. Das wiederum scheint mir sehr deutsch. Solche Titelei buckelt vor der Rezept-Gier deutscher Leidender und Betroffener aller Art und Geschlechter. So lässt sich hier halt mehr verkaufen.
    Und noch eins drauf: Auch „toxisch“ ist sehr deutsch, kommt im Buch nicht vor und wäre nebenbei sehr unfranzösisch; da waltet mehrheitlich – selbst bei Aggro-Koketten wie Houellebecq – noch stilistische Rest-Eleganz aus älteren Zeiten. Je weniger bei „Kritik“ gedacht, je mehr gefühlt wird, desto dicker muss aber der Hammer sein. Unter „toxisch“ geht da – wiederum insbesondere in Deutschland – nichts.

    TRUMP UND NOCHMAL TRUMP
    Grob sind 25 Prozent des Buches dem Ex-Präsidenten gewidmet. Das ist berechtigt, weil Trump ein eminentes Beispiel für machttrunkene Selbstgefälligkeit ist. Leider ist all das, was da zu lesen ist, in den letzten Jahren auf Tausenden Seiten und in Tausenden Diskussionsrunden durchgekaut worden. Nichts wirklich Neues ist da zu lesen. Das Buch macht es sich da zu leicht.
    Interessanter wäre die Frage: Warum und wann reussiert gerade in der Politik Narzissmus? Vielleicht durch die Selektion der Medien und deren Zwang zur „personal performance“? In welchen Ländern gelingt das leichter? Warum fast gar nicht in asiatischen (und zugleich sehr wohl hochkapitalistischen) Ländern? Die Mächtigen der Wirtschaft wiederum sind weltweit zurückhaltender – Weil sie nicht gewählt werden müssen, jedenfalls nicht vom Normalwähler?)

    METHODISCHER VERDACHT
    Es passt alles zu gut. Der Kapitalismus, der Konsum, die Leistung, die Probleme mit der Rollenfindung, Selbstwertkränkung, Selbstwertübersteigerung – das ganze Identitäts-Gerümpel, mit dem sich Menschen aber leider schon länger herumärgern. Hier aber wird (unter der Hand) gesagt: Der Narzissmus ist aus der Gegenwart des zugespitzten Kapitalismus zu begreifen. Ist er nicht. Um das darzulegen, ist hier nicht der Platz.
    Nur knapp angedeutet: Der sesshafte, siedelnde Mensch hat sehr verschiedene Identitäts-Konzepte gelebt (weil sie zu Zeit und dessen Geist passten): Religiöse Zwangsbewirtschaftung des Ich im Mittelalter (und sehr eitle, weil sich erwählt wähnende Kirchenväter), expansive Innenleitung in den italienischen Stadtstaaten der Renaissance (Männer als sehr eitle Welt- und Markt-Eroberer), dann der konservative Innengeleitete des Bürgertums (sehr selbstgefällige Kolonialherren; siehe David Riesman: Die einsame Masse, 1958), der „modernere“ Außengeleitete (wiederum bei Riesman; sehr selbstgefällige Stars seit den 1940ern). Und schließlich der verunsicherte Postmoderne. (Siehe Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft) Der Typus schielt zugleich nach Außen, weil er Bestätigung braucht. (Aber wodurch bekommt er sie noch?) Und schielt zugleich nach Innen, weil ihm seit den 1970er Jahren durch diverse mentale Erweckungswellen eingebläut wurde, er/sie müsse sein/ihr wahres, authentisches, unverfälschtes, auch: kapital- und mehrwertfernes Ich erkennen. (Dass es natürlich wie kultürlich nicht gibt und geben kann – außer als Nebenfolgen zu massiv ausgeübten Drogen- oder Meditationsmissbrauchs)
    Da ist Trump vielleicht einer, der diesen gordischen Psycho-Knoten durchschlägt. Ein radikal Instinktgeleiteter. Unreflektiert, aber bauernschlau, mit vormodernen Kampfimpulsen, monoman-imperial. Daher die Bewunderung aller, die von Komplexität überfordert sind. Einer, der erschrecken lässt. Aber er ist nur die andere Seite der Münze. Daher der Befund: Es fehlt dem Band eine sozial-evolutionäre, historisch-soziologische Perspektive. Und bei der wäre Freud ein Markstein, aber kein Maßstab.

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