„Ich will diesen Weg zu Ende geh’n und ich weiß, wir werden die Sonne seh’n“

Bild: pixel2013 auf pixabay

„Wir können uns darauf vorbereiten, dass wir auf eine schönere Zeit zusteuern,“ sagte RKI-Chef Lothar Wieler knapp zwei Wochen vor dem meteorologischen Frühlingsanfang in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Bundesgesundheitsminister. Was könnten uns diese Worte sagen? Ein Klärungsversuch.

Mit dem Schönen meint der Tierarzt aus Königwinter offenbar nicht den Frühling, auch nicht den kalendarischen, der so viel Hoffnung macht, weil das Dunkle und das Helle in ein Gleichgewicht kommen, und weil wir wissen, dass nach der Tagundnachtgleiche (dieses Jahr am 20. März) der Tag die Oberhand gewinnt. Ausschließen können wir auch, dass Lothar Wieler Aldous Huxleys dystopisches Szenario einer „schönen neuen Welt“ meinte. Die fiktive Gesellschaftsbeschreibung der Zukunft 2540 nach Christi Geburt erscheint aktuell auch eher wie eine Ideensammlung für Verschwörungsgeschichten.

Gedacht ist wohl eher an ein Ende, das den Beginn einer schöneren Zeit markiert. Für diese Denkfigur des Endes hat das Christentum seit langem vorgesorgt. Ein Beispiel ist die eschatologische Weltvernichtung und damit die Beschäftigung mit den letzten vier Dingen (altgriechisch ta eschata), nämlich Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Im ersten Brief des Apostel Paulus an die Korinther heißt es im 7. Kapitel Vers 31 dazu, dass „das Wesen dieser Welt vergeht.“ Einleitend wird sogar versprochen, dass die Zeit des Vergehens kurz sei. Bislang vergeblich. Wie wir inzwischen erfahren haben, lässt die Apokalypse schon enttäuschend lange auf sich warten. Sie diente der Sakramentalisierung und damit der Disziplinierung der Gläubigen. Das Sakrament ist ein Heilszeichen. Die römisch-katholische Kirche kennt deren – wie lautet die symbolisch stark aufgeladene Zahl zwischen sechs und acht? Nein, mit der sieben Tage Inzidenz hat es nichts zu tun.

Apokalypse – aus einem Lutherbibelexemplar in Schweden/ wikimedia commons

Eigentlich könnte man in dieser vergänglichen Diesseitswelt ja die Sau raus lassen. Und wenn der Bayer „sakra“ sagt oder säkularisiert auch „Sacklzement“, dann klingt davon etwas an. Aber spätestens im letzten Kapitel des neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes, wird davor eindrücklich gewarnt. Alle kommen nämlich vor das jüngste Gericht und diejenigen, die sich in der verwirkten Welt versündigt haben, gegebenenfalls in die Hölle.

Ein Extrembeispiel für Endspiele ist die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, für die die Eschatologie eine wesentliche Rolle spielt und die Endzeit bereits angebrochen ist. Aktuell könnte man sich so manchen Gesundheitsexperten beim Verteilen einer Variante der Apotheken Umschau mit den Worten „das Ende ist nah“ vor Opernhaus, Museum oder Fußballstadion vorstellen. Tatsächlich sind es nicht die Gesundheits-, sondern Umweltexperten, die so auftreten.

Zurück zur Frage, wie wir aus einer vermaledeiten Diesseitswelt zur Jenseitswelt einer schöneren Zeit finden können. Der derzeit naheliegende Weg geht über die Sakramentalisierung und damit über ein vorgegebenes Repertoire von Verhalten bzw. Handlungsvermeidungen, um sich nicht zu versündigen gegenüber sich selbst und an anderen. Entsprechend können weitere Äußerungen des RKI-Chefs in der Pressekonferenz gedeutet werden: „Jeder von uns muss jetzt das Steuer selbst in die Hand nehmen. Je mehr Menschen in dieselbe Richtung steuern, desto eher werde das Ziel erreicht.“

Eine viel modernere, aber nicht so schön einfache Option ist die wegweisende Richtung der konstruktivistischen Philosophie. „Die Realität ist unwahrscheinlich, und das ist das Problem“, bemerkt Elena Esposito in ihrem lesenswerten Essay über „die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“. Wem das alles zu kompliziert ist, der lausche Rio Reiser und seiner Band Ton Steine Scherben und lese dazu die Apokalypse des Johannes:

Wenn die Nacht am tiefsten…

Ich war oft am Ende, fertig und allein
Alles, was ich gehört hab, war: “Lass es sein”
So viel Kraft hast du nicht, so viel kannst du nicht geben
Geh den Weg, den alle geh’n, du hast nur ein Leben

 Doch ich will diesen Weg zu Ende geh’n
Und ich weiß, wir werden die Sonne seh’n
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten

Manchmal bin ich kalt und schwer wie ein Sack mit Steinen
Kann nicht lachen und auch nicht weinen
Seh’ keine Sonne, seh’ keine Sterne
Und das Land, das wir suchen, liegt in weiter Ferne

Doch ich will diesen Weg zu Ende geh’n
Und ich weiß, wir werden die Sonne seh’n
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten…

Jürgen Schulz
Prof. Dr. Jürgen Schulz lehrt und forscht im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin (UdK). Er arbeitet auch in der Redaktion von „Ästhetik & Kommunikation“.

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