Wo leidet welche Kultur?

Privatkonzert: Alcaeus spielt Sappho vor. Mit Sicherheitsabstand. Bild von Lawrence Alma-Tadeus.
Kultur, wenn auch kitschige. (Wikimedia Commons)

Kann die „Kultur“ sich wieder dem Publikum öffnen? Augenscheinlich scheibchenweise. Ich habe bereits das Folkwang Museum besucht. Mit „Zeitfensterticket“ (einer der gut 1000 Neologismen der Corona-Ära), Kontaktformularabgabe, immerhin nur mit respirationsfreundlicher OP-Maske bewehrt. Dass die Kultur unter Corona leidet, höre, lese und sehe ich gefühlt dutzendfach an jedem Tag, langsam sich steigernd seit einem Jahr. Allein das müsste mich skeptisch machen.

Morgens, bei der Zeitungslektüre, später beim Kochen höre ich Deutschlandfunk Kultur und unterstelle, es ist Kultur. Ich schaue frühabendlich Kultur auf 3Sat, vagabundiere zwischendurch bei Arte. Dann das täglich Gedruckte. Essays, Reflexionen, Gedankenexperimente aller Art. Sodann die Bücher. Denen geht es insgesamt gut. (Nur den Autoren, die gern auf Lesereisen gehen, nicht.) Vor allem Kinder- und Jugendbücher haben 2020 deutlich an Umsatz zugelegt. Das digitale Leihsystem deutscher Stadtbibliotheken soll nebenbei hervorragend funktionieren. Und dann soll es kulturinteressierte Menschen geben, die bereits Bücher besitzen. Ich habe in den vergangenen Monaten gut ein Dutzend schwergewichtig-anspruchsvoller Bücher wiedergelesen. Da fanden sich meine 10, 15, 20 Jahre alten Bleistiftanmerkungen. So erschlossen nicht nur die Texte gänzlich neue Gedanken, weil der Mensch überraschenderweise nie er selbst bleibt; ich wurde auch von meinen älteren Gedanken immer wieder überrascht. Wenn das keine kulturelle Wertschöpfung ist …

So verschieben sich im Lockdown Zeit- und Aufmerksamkeitskontingente. Das ist doch erstmal nicht übler als ein beliebiger Kino-Theater-Museumsmix aus Vor-Coronazeiten. (Ich rede jetzt nicht auch noch über das Multimedia-Medium Internet, seine Medienspeicher, seine Channels, Blogs, Foren, Portale, mit all den diversen, exzentrischen, mal dämlichen, mal höchst anregenden Experimenten, für die dort schon lange ein Ort ist; bitte selbst ergänzen. Allein die Website archive.org ist für Kulturinteressierte ein Paradies der exotischen Früchte mit 20 Mio. Büchern und Texten, 4,5 Mio. Audiofiles, 4 Mio. Videos, 3 Mio. Bildern.)

KULTURNATION?

Womit wir beim Kern der Klagen sind: Es leidet immer noch die Kultur, die besucht sein will. Das Theater, das Konzert, das Kino, besagte Lesungskultur. Nur die Museen können aufatmen, haben aber ihre Wiederanlaufprobleme. All das ist schade, traurig, bedauerlich, ärgerlich vor allem für alle, die davon leben müssen oder wollen (meist beides).

Dass die „deutsche Kulturnation“ hierdurch bedroht sein soll, bestreite ich allerdings vehement. Denn es gibt keine „Kulturnation“. Es gibt in deutschen Landen eine sehr gemischte („diversifizierte“) Erlebnisgesellschaft, die mal Thrill, mal Unterhaltung (mehr oder minder klug), mal „Anspruchsvolles“ wünscht. Wobei die formulierten Ansprüche oftmals nicht sonderlich kompatibel zueinander sind; aber das verbuchen wir unter Pluralismus oder – je nach Theoriegeschmack – unter Multioptionen-Gesellschaft. Wer Genaueres über die Nicht-Existenz der Kulturnation wissen will, sollte sich unter dem Stichwort „Sinus-Milieus“ recherchierend, die ungeschönte Mixtur deutscher Kulturnuancen ansehen.

SUBKULTUREN

Bedenklich finde ich, dass in den Bedrohungsszenarios meist nicht zwischen den „Sub-Kulturen“ (Milieus, Szenen, Geschmackskulturen) unterschieden wird. Da scheinen Arthouse-Kinos auf einem Level mit Rundfunksymphonieorchestern und Berliner Clubs angesiedelt zu sein. Sie sind es nicht. Nur traut sich keiner, auf Unterschiede hinzuweisen. Kultur muss vorbehaltlos unterstützt werden, so die idealische These. Weil – siehe oben – alle Kultur zur „Kulturnation“ gehören soll. (Ich gebe nur ganz allgemein zu bedenken, mit wie wenig und wie gering differenzierter und nur für Minderheiten erreichbarer Kultur, 99 Prozent aller Kulturen während 99 Prozent der humanen Geschichte ausgekommen sind. Wenn all das wegen der quantitativen Minimalversorgung bereits unmenschliche Unkultur gewesen sein soll …)

DIGITALISIERUNGS-KULTUR

Ich bin allerdings an Kultur gewöhnt und von Kultur verwöhnt. Ich habe während der letzten Monate zum Beispiel Museumsbesuche vermisst. Hätte gerne die Heinz-Mack-Retrospektive in Düsseldorf gesehen. (Seit dem 10.3. hat der Kunstpalast wieder geöffnet.) Vermisse aber, dass die Website des Kunstpalastes keine 3D-Führung durch die Ausstellung bietet. Andere Museen, vor allem amerikanische, bieten das. Und es nimmt zu. Gestern vom Sessel aus den weltberühmten Bruegel-Saal im Wiener Kunsthistorischen Museum in 3D durchwandert. (Daten vom Rechner auf den Fernseher geschickt.) Die Digitalisierung macht vor dem Kulturbetrieb nicht nur nicht halt. Sie fördert dessen mediale Verbreitung. (Und moderner Kunstbetrieb ist ohne unterstützenden Medienbetrieb eh nie denkbar gewesen. Wo Kirche und Adel als Auftraggeber ausfallen, werden Bürger zu Kunden, die erreicht werden müssen.)

Ich vermisse (noch) kein Theater. Dessen mögliche Öffnung ist ja erst bei günstigem Inzidenzverlauf in der dritten Zündstufe des Restart-Programms vorgesehen. Stattdessen entdeckte ich bei meinen Online-Streifzügen immer mehr Konserven auf Mediatheken und Internetportalen. Aufnahmen, die von Logenplätzen gemacht wurden. Auf unserem 60-Zoll-TV ist das beeindruckend, auch weil der Mehrkanalton anders als in vielen Theatersälen meist gut verständlich ist. Das Close-Up auf den sterbenden Helden wäre mir im realen Theater eh versagt, wenn ich nicht aufs Opernglas von Oma zurückgreifen will.

PRIVATKINO

Womit der Bogen zum Kino geschlagen ist, das ich am wenigsten vermisse. Wir sind Gewohnheitstiere und passen uns an manches an. Das zeigt eine internationale Studie des Streaming-Guides „Just Watch“. Die fragte im Februar nach den Neigungen von Menschen, wieder nach Corona ins Kino gehen zu wollen. Und da bekannte sich in Deutschland nur noch die Hälfte der ehedem regelmäßigen Kinogänger mit einem klaren „Ja“ zum Kinobesuch nach dem Lockdown. Woher der Trend? Die üblichen Verdächtigen sind Großbildfernseher, 4K-Auflösung, heimischer Surround-Sound und natürlich die passende Software, die von den boomenden Streamingdiensten geliefert und zunehmend selbst produziert wird. Der Trend mag leicht justiert werden. Aber aus Sicherheitsgründen ist der zugleich neue und sehr alte James Bond („Keine Zeit zu sterben“) auf den Oktober 2021 geschoben. Noch mehr Zeit zur Umgewöhnung. Bond sei nur schnöde Massenkultur, vermeine ich da zu hören? Nun, Niveausucher werden auch im Netz fündig. Ich empfehle mubi.com.

KLAGEKULTUR

Natürlich kann nun manches beklagt werden. Klagen haben aber noch nie an den sich wandelnden Geschmackspräferenzen der Menschen etwas geändert. Klagen kommen immer zu spät und helfen höchstens, an die richtige Adresse geschickt, Schadensersatz zu bekommen. Das passiert allerorten, natürlich zu knapp bemessen, zu spät gezahlt. Das überhaupt gezahlt wird, ist gut so, ganz gleich, wozu sich Menschen nach Corona wieder motivieren lassen. Denn es gehört zur Kultur einer wirtschaftlich hoch entwickelten Nation, dass sie Geld für Kultur ausgibt. Wie viel für was? Keine Ahnung. Wie immer zu wenig für die, die das Geschäft jeweils betreiben und davon zu leben suchen. Wie auch sonst.

Ansonsten gilt wie auch für andere Bereiche: Corona ist Beschleuniger, von Gutem wie Schlechtem. Was für die „Kultur“ (die es als solche nicht gibt) am Ende herausschaut, ist nicht abzusehen. Es wird sich einiges ändern. Das lässt sich auch als kulturelle Evolution bezeichnen. Da sind Anpassungsprozesse abzusehen. Die sind nicht berechenbar, weil Neigungen nicht vorhersehbar sind. Die sind auch nicht durch Appelle zu beeinflussen (jedenfalls nicht kausal). Und es ist abzusehen, dass bestehende Kultur sich als Kulturbestandsbewahrer sieht und entsprechend auftritt. Das könnte allerdings ein Fehler sein.

Jo Wüllner
Jo Wüllner, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie, arbeitete als freier Journalist und Chefredakteur (PRINZ), Umschulung zum Medienentwickler in Mailand und New York (Roger Black). Seit 1993 Umbau und Neukonzeption von gut 100 Zeitungen, Zeitschriften und Unternehmensmagazinen. Bücher zu Medientheorie und Sprachentwicklung.

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