„Schafft die Kirche ab“. Jedenfalls diese

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Da gibt es nichts mehr zu retten. Die Kirche dieses Klerus ist tot, verdörrt wie der Feigenbaum, den Jesus verfluchte, bevor er den Tempel von Händlern und Käufern reinigte (Markus Evangelium, Kapitel 11, Vers 12 bis 20).
Das Münchner Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westphal Spilker Wastl ist mehr als ein Blick in den Abgrund. Es ist die Bestätigung, dass die vermeintlichen Würdenträger bis hinauf zu dem emeritierten Papst Benedikt einzig und allein im Sinn haben, sich und die Institution zu retten, statt den Opfern des institutionell vertuschten Missbrauchs zu helfen.

Eine seelenlose, menschenverachtende, auf Machterhalt fixierte religiöse Schickeria. Ein Ex-Papst, der in seiner Stellungnahme für die Gutachter sophistisch interpretiert, dass ein Priester, der jungen Mädchen exhibitionistisch seine Geschlechtsteile zeigte, ja kein Sexualtäter im Sinne des kirchlichen Rechts sei – und das im Übrigen in seiner Freizeit und nicht im Dienst getan habe. Geht mehr Verlogenheit?

Die Liste der Opfer wird immer länger. Dabei ist die erschreckende Zahl von 497 sexuell geschundenen Kindern und Jugendlichen, die das Gutachten von 1945 bis 2018 ausgemacht hat, vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer des Grauens dürfte viel höher liegen, wie die Rechtsanwälte befürchten.

Gleichzeitig wird auch die Liste der Vertuscher immer beängstigender. Sie zieht sich, wie das Gutachten zu belegen scheint, von Benedikt, damals Josef Ratzinger, über seine Münchner Nachfolger als Erzbischöfe – also von Friedrich Wetter bis Reinhard Marx. Zuvor schon waren durch Gutachter in Aachen und Köln Bischöfe wie Rainer Maria Woelki, dessen Vorgänger Joachim Meissner und Josef Höffner als Verdränger und Vertuscher enttarnt worden.

Begrüßung von Papst Benedikt XVI. durch Bundespräsident Christian Wulff vor dem Schloss Bellevue im September 2011 in Berlin (Foto: WDKrause auf wikimedia commons)

Welch eine Blasphemie

Die Benedikts und Woelkis sind so trunken von ihrer angeblichen Gottverliebtheit, dass in ihren Herzen kein Platz ist für die Liebe zu Menschen, die von ihrer Institution geschunden wurden. Ihnen ist es wichtiger, die Macht der „ecclesia sancta“, in Wahrheit längst eine „ecclesia insancta“, zu sichern, als ihre Schuld beim Vertuschen von krimineller Gewalt gegen Schutzbefohlene zuzugeben. Sie bedauern immer zutiefst, was den Missbrauchsopfern angetan wurde, räumen Fehler ein – von anderen, nicht die eigenen – aber erst dann, wenn diese Fälle nicht mehr zu vertuschen sind. Und dann beten sie für die Opfer, schieben Gott die Verantwortung zu, die sie selbst nicht übernehmen wollen. Welch eine Blasphemie.

Ein Kartell der Heuchler, das sich darauf verlassen kann, dass sie der Vatikan nicht fallen lässt. Wie auch, wenn selbst Papst Benedikt laut Gutachten, „wenig glaubwürdig“ alle Schuld von sich gewiesen hat. Die Logik der römischen Kurie scheint klar: Wenn einer fällt, könnte daraus ein Dominoeffekt werden, der das System zum Einsturz brächte. Stattdessen nimmt man in Kauf, dass das System implodiert.

So lehnte Papst Franzikus das Rücktrittsgesuch des Münchner Kardinals Marx vor einem Jahr ab, als der Verantwortung übernehmen wollte für die eigenen Fehler beim Missbrauchsskandal. „Mach weiter Bruder“, antwortete der Papst, dankte für das „mea culpa“ und wahrte die vatikanische Ruhe. Wenn er Mut hat, müsste sich Marx spätestens jetzt dem widersetzen und ein Zeichen setzen, dass es nicht mehr um die Selbstgerechtigkeit des kirchlichen Apparats, sondern um die Glaubwürdigkeit gegenüber den Gläubigen, vor allem um ein ernsthaftes Zeichen gegenüber den Opfern geht.

Woelki ruft zur Buße auf – die Gemeinde

Denn das Vertrauen in die katholische Kirche befindet sich in Deutschland im freien Fall. Waren es im Jahr 2017 laut dem Meinungsforschungsinstitut Forsa noch 28 Prozent der Deutschen, die großes Vertrauen in die Institution hatten, so sind es aktuell gerade mal noch 12 Prozent. Eine Stabilisierung selbst auf diesem niedrigsten Niveau ist nicht in Sicht, wie die inflationäre Zahl von Kirchenaustritten ahnen lässt.

Mit welcher Ignoranz diesem Absturz so mancher Oberhirte trotzt, dafür steht das Beispiel des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki. Vom Papst wegen „großer Fehler“ bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt nicht entthront, sondern nur in eine monatelange Auszeit geschickt, kehrt er Anfang März in seine aufgewühlte Diözese zurück und lädt am Aschermittwoch zu seinem ersten Gottesdienst in den Hohen Dom zu Köln ein, um den Gläubigen das Aschenkreuz aufzutragen und sie zur Buße aufzurufen. „Bekehrt Euch und glaubt an das Evangelium“, heißt es dazu in der Liturgie. Dass ausgerechnet Woelki die Gemeinde zur Buße aufruft, beweist, dass er nicht verstanden hat, dass ihn große Teile der Gläubigen als ihren Hirten ablehnen.

Weiter so, immer weiter so. Bis das Vertrauen auf null gesunken ist, denn der einst blühende Feigenbaum Kirche ist ja ohnehin verdörrt.

Ein Zitat des renommierten römisch-katholischen Theologen und Philosophen Ivan Illich lautete in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts: „Schafft die Schulen ab“, weil er hinter Institutionen die Schaffung von Ungleichheit erkannte. Heute würde der kritische Denker von damals vielleicht formulieren: „Schafft die Kirche ab“. Jedenfalls diese!

Unter dem Titel “Ein Kartell der Heuchler. Schafft die Kirche ab” erschien der Beitrag zuerst auf dem Blog der Republik

Norbert Bicher
Norbert Bicher, Kölner Journalist, war u. a. Parlamentskorrespondent der Westfälischen Rundschau, wurde 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion unter deren Vorsitzendem Peter Struck, mit dem er als Sprecher 2002 ins Verteidigungsministerium wechselte und 2005 zur Fraktion zurückkehrte.

3 Kommentare

  1. Alles richtig und ziemlich bekannt. Aber nehmen wir einmal die Überschrift des Beitrags ernst: “Schafft die Kirche ab” – dann stellt sich die Frage: Was soll an die Stelle treten? Stellen wir uns einmal nur bildlich vor: Die Kirchen würden abgerissen, was hätte das für eine Auswirkung auf unsere Orte? Auch wenn das nicht passieren wird – was wird ethisch-psychologisch auf Dauer eine Gesellschaft zusammenhalten? Das Grundgesetz ist nur formaler Ausfluss eines Wertezusammenhangs – nicht seine Quelle – worauf auch von Verfassungsjuristen hingewiesen wird. – Dieser mein Zwischenruf ist kein Aufforderung zum “Weiter-So” der Kirche, sondern im Gegenteil: Zum kollektiven Nachdenken üder Alternativen!

  2. Ist die Geduld mit der Kirche vorbei? Anders gefragt: Braucht es die Kirche als Institution noch? Die katholische Kirche ist eine öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft. Dieser Status vermittelt eine besondere Seriösität und rechtsstaatlichkeit. Ein Gleichnis: Was würde mit einer klassischen Körperschaft öffentlichen Rechts passieren, bei der wie in der Kirche systematisch und strukturell Rechtsbruch begangen wird und Straftaten gefördert werden? Was würde in einer öffentlichen Schule passieren, wenn systematisch Kinder sexuell missbraucht würden und durch die Schulleitung, Schulbehörde und Kultusministerium vertuscht würde? Richtig: Rücktritte der Verantwortlichen, Hausdurchsuchungen, Strafverfahren, Untersuchungsausschüsse. Die Strukturen würden verändert und Vorkehrungen getroffen, um zukünftiges Fehlverhalten zu verhindern. So auch meine Erwartung an die Kirchen. Aber was passiert? So gut wie nichts. Bischöfe und Päpste leugnen und versuchen sich herauszuwinden, Verjährungsfristen helfen ihnen dabei. Ein eigentümliches Kirchenrecht und Machtstrukturen schützt die Täter und verhöhnt die Opfer: Patriarchat pur. Es ist an der Zeit das institutionelle Konstrukt Kirche und Papst zu überdenken. Ein erster Schritt wäre deren Rücktritte. Die Schäfchen rennen eh schon in Scharen davon.

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