Schienenbrücke aus der Ukraine  

Flüchtlingshilfe am Berliner Hauptbahnhof, 5. März 2022 (Zwei Fotos: Leonhard Lenz auf wikimedia commons)

Wenn die Nato aus guten Gründen keine Flugverbotszone errichten will, um die Ukrainer vor dem russischen Terrorbombardement zu schützen, sollten wenigstens Kinder, Frauen und Alte gesichert aus dem Land geholt werden. Jeder wird sich an die Bilder erinnern: Als die Taliban vor einem halben Jahr Afghanistan zurück eroberten und die USA, die Nato und auch die Bundeswehr die Menschen Hals über Kopf nach 20 Jahren Krieg ihrem Schicksal überließen, retteten sie immerhin einige Tausend mit einer Luftbrücke aus Kabul.

Nun fleht der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskji die Nato und die Weltgemeinschaft an, die Menschen in seinem Land mit einer Flugverbotszone vor weiteren Bomben- und Raktenangriffen von Putins Armee zu bewahren. Die Nato lehnt das verständlicherweise ab, weil die Zone mit Kampfjets wie einst im Irak gesichert werden müsste, was eine direkte militärische Konfrontation mit Russland heraufbeschwören würde und eine Ausweitung des Krieges mit unabsehbaren Folgen.

Geschützter Exodus

Doch kann der Westen, abgesehen von der Lieferung von Verteidigungsmitteln und Abwehrwaffen, nur ohnmächtig zusehen, wie Putin das Nachbarland in Schutt und Asche bomben lässt und seine Soldaten die Menschen in ihren Städten belagern, während sich Millionen ungeschützt auf den gefährlichen langen Weg nach Westen machen? Und nicht wenige dabei ihr Leben verlieren… Müsste er nicht wenigstens versuchen, eine Vereinbarung mit dem Kriegsherren im Kreml über einen gesicherten Exodus in Freiheit und Sicherheit zu treffen wie mit den grausamen Taliban-Herrschern in Kabul?

Die Deutsche Bahn bringt bereits mit einer Schienenbrücke Lebensmittel, medizinische Ausrüstung und andere dringend benötigte Güter in die Ukraine. Und es bringen von dort immer noch völlig überfüllte ukrainische Züge jeden Tag Zehntausende nach Polen, Ungarn, in die Slowakei und die Republik Moldau. Allerdings ungeschützt möglichen russischen Angriffen ausgesetzt. So wie Putins Soldaten auch schon Flüchtlinge und Vertriebene angegriffen haben, die über Fluchtkorridore ihre umzingelten Städte und Orte verlassen wollten. Warum ist es nicht denkbar, dass UN-Blauhelme gekennzeichnete Züge schützen und die westliche Gemeinschaft das organisiert?

Notwendig wären dafür Absprachen mit der Führung in Moskau und ein Beschluss des UN-Sicherheitsrats. Würde Russland den mit einem Veto verhindern, wo doch Putin sich damit brüstet, Fluchtkorridore anzubieten – bevorzugt nach Russland – und er der ukrainischen Regierung vorwirft, deren Verwirklichung zu verhindern? Macron, Scholz und andere Regierungschefs sprechen ohnehin ständig mit ihm, um eine Waffenruhe zu erreichen. Bislang vergebens. Sie sollten mit ihm auch schleunigst über eine solche humanitäre Großaktion sprechen. Das würde auch den öffentlichen Druck mindern, bei einem Anhalten und Ausweiten des russischen Bombardements irgendwann doch eine Flugverbotszone durchzusetzen, wenn es womöglich zu spät ist.

Notfalls mit Bussen

Zugleich könnte es ein Vorbild sein für die Fluchtbewegungen über das Mittelmeer. Die UN-Flüchtlingskonvention sieht in ihrem Kern vor, Kriegsflüchtlinge und Vertriebene nicht Schleppern, ihrem eigenem Glück und einer lebensgefährlichen Boots- oder Landreise zu überlassen, sondern Bedrohte, Verletzte und Kranke aus dem Gefahrengebiet zu retten. Durch koordinierte Kontingentlösungen, so wie es Außenministerin Annelena Baerbock für 2500 Geflüchtete in Moldau zugesagt hat. Allerdings nicht direkt aus der Ukraine, und nur für eine geringe Zahl. Und so wie es Rupert Neudeck bereits in den 1970er Jahren für Boatpeople aus Vietnam auf eigene Faust mit der Cap Anamur organisierte. Es wurde ein Vorbild für lange Zeit.

Während des letzten großen Krieges in Europa und im Anschluss daran mussten Abermillionen Menschen in Europa unter schrecklichsten Umständen fliehen. Wenigstens das darf sich jetzt nicht wiederholen. Der gesamte Westen, auch Deutschland ist in der humanitären Pflicht, die Geflüchteten nicht nur mit offenen Armen aufzunehmen, bis sie irgendwann hoffentlich in ihre Heimat zurückkehren können wie die Flüchtlinge aus Bosnien nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Sondern ihnen einen gesicherten Korridor aus ihrem Land zu verschaffen, wenn Putins Krieg vorerst schon nicht gestoppt werden kann. Und da eine Flucht mit Flugzeugen nicht mehr geht, weil die russische Armee wichtige Flughäfen erobert, andere zerstört hat und Maschinen abschießen könnte (wie mutmaßlich 2014 den Malaysian-Airlines-Flug MH 17 über der Ostukraine), eben mit den Zügen der Deutschen Bahn, wenn sie zurückfahren, mit anderen Bahngesellschaften und notfalls mit Bussen.

Ludwig Greven
Ludwig Greven (lug) ist Journalist, Publizist, Kolumnist, Buchautor und Dozent für politischen und investigativen Journalismus. Er schreibt regelmäßig für die christliche Zeitschrift Publik Forum und Politik & Kultur, die Zeitung des Deutschen Kulturrats, Spiegel, Stern, Cicero u .a. Medien sowie NGOs wie das Zentrum für liberale Moderne.

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