„Die Sirenen heulen meist nur nachts“

Heute, Donnerstag, 17. März 2022, war ein ziemlich ruhiger Tag. Es gab kaum Luftalarm, zumindest bei uns hier. Die Sirenen heulen meist in der Nacht, dann kommen die russischen Raketen und Bombenflugzeuge. Als unser Präsident per Video zum Deutschen Bundestag sprechen wollte, musste das verschoben werden, weil es russische Raketenangriffe im Zentrum gab und wohl eine Leitung beschädigt wurde. Bei uns ging der Alltag halbwegs normal weiter. Wir mussten uns nicht in Sicherheit bringen. Mein Vater, der mit meiner Mutter im Norden lebt, rief trotzdem an, um zu hören, ob wir Drei noch leben.

Natalia lebt mit ihrer neunjährigen Tochter und ihrem Mann am Rand der ukrainischen Hauptstadt. In einem Skype-Gespräch mit Ludwig Greven schildert sie ihren Kriegsalltag in ihrer von Vernichtung bedrohten Heimat. Greven gibt Inhalte des Gesprächs hier wieder. „Ich werde am Wochenende wieder mit ihr skypen – wenn sie dann noch leben und es noch funktioniert.“

In unserem Viertel sind bislang zum Glück noch wenig Bomben und Raketen eingeschlagen, denn unsere Abwehr funktioniert gut. Unser Armee ist stark. Wir sind es auch.
Der Krieg ist für mich immer noch unwirklich. Wir hatten erwartet, dass Putin nach der Krim und Teilen des Donbass weitere Gebiete im Osten erobern wollte, aber nicht, dass er uns auch hier in Kiew und im Westen mit seinem Militär so brutal angreift. Bis dahin hatten wir ein schönes, gutes Leben. Die Ukraine hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, auch wirtschaftlich. Na klar, es ist nicht alles gut, es gab eine Menge Probleme. Aber es ging immer mehr aufwärts. Nun zerstört Putins Armee alles, was wir uns aufgebaut haben.

Kiew, Panoramabild (Katatonia auf Pixabay)

Ich arbeite für die Regierung in einen Ministerium, aber im Moment kann ich kaum arbeiten. Meine Behörde kümmert sich um lokale Sicherheit. Da sind wir jetzt sehr gefordert. Ich bin keine Soldatin und keine Ärztin. Aber auch ich werde meine Heimat verteidigen, auf meine Weise. Wir alle tun das.
Das Gehalt zahlt uns die Regierung weiter. Doch wer weiß, wie lange sie das noch kann. Der Krieg, den uns Putin aufgezwungen hat, kostet ungeheuer viel Geld. Und viele Leben. Anderes bleibt jetzt liegen. Oberste Priorität hat die Verteidigung unserer Freiheit.

Viele fliehen vor den Angriffen. Ich werde mit meiner Tochter bleiben. Das ist meine Heimat, unsere Stadt. Und ich werde meinen Mann nicht alleine lassen. Ich habe zwar einen Führerschein und war schon im Ausland. Ich könnte wie andere mit unserer Tochter in unser Auto steigen und nach Westen, nach Polen oder Deutschland fahren, wo meine Schwester mit ihrem Sohn und Mann lebt. Aber Kiew zu verlassen, wäre für mich Verrat, auch an meinem Mann.

Ich fürchte, dass unser Land geteilt wird, dass Russland am Ende des Kriegs den Osten und die Krim behält. Hier in Kiew stehen wir Ukrainer und Russen jetzt eng zusammen. Alle fühlen sich als Ukrainer, weil wir alle von Russland angegriffen werden. Wie verrückt!

Europa und der Westen müssten mehr tun, um uns beizustehen. Schließlich sind wir Europäer, wir haben dafür auf dem Maidan gekämpft. Wenn die Nato keine Kampfjets schicken will, um Putins Armee an weiteren Angriffen auf unsere Städte und Menschen zu hindern, soll sie wenigstens helfen, Frauen und Kinder und alte Menschen, die aus dem Land fliehen wollen oder müssen, sicher zu evakuieren.

Unsere Tochter kann seit Kriegsbeginn nicht mehr zur Schule. Deshalb sind wir jetzt den ganzen Tag über zusammen in unserer Wohnung. Raus zu gehen ist zu gefährlich, außer um einzukaufen. Ich möchte, dass das Alles schnell vorbei ist, damit wir wieder ein normales Leben führen und sie sich auf die Schule konzentrieren kann. Wann wird das sein?

Ludwig Greven
Ludwig Greven (lug) ist Journalist, Publizist, Kolumnist, Buchautor und Dozent für politischen und investigativen Journalismus. Er schreibt regelmäßig für die christliche Zeitschrift Publik Forum und Politik & Kultur, die Zeitung des Deutschen Kulturrats, Spiegel, Stern, Cicero u .a. Medien sowie NGOs wie das Zentrum für liberale Moderne.

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