Es braucht auch Streiks, damit Solidarität entsteht

Streik der Gorillas-Riders in Berlin im Juni 2021. Gorillas Operations Germany GmbH & Co KG ist ein 2020 in Berlin gegründeter Lieferdienst für Lebensmittel und andere Supermarktwaren in Großstädten. (Foto: FAU Berlin auf Wikimedia commons)

Als Dienstbotin uniformiert, wird selbst eine Staatsfeindin unsichtbar. In der Kleidung eines oder einer Lieferdienst-Kurierfahrer:in entkam Pussy-Riot Aktivistin Maria Aljochina Anfang Mai den Sicherheitskräften, die ihren Hausarrest in Moskau seit Monaten überwachen. Nun ist sie in Berlin. Eine jener Metropolen, wo die modernen Dienstbot:innen seit einiger Zeit ihre Unsichtbarkeit beenden. Die Arbeitskämpfe bei den Lebensmittel-und Mahlzeiten-Fahrdiensten – die Tierbezeichnungen als Unternehmensnamen besonders originell zu finden scheinen – sorgen für Unruhe. Im Management, weil das mit teuren Werbekampagnen gepflegte Unternehmensimage Schaden nimmt, Börsenkurse fallen und Investitionen, diese scheuen Rehe, anderswo getätigt werden.

Ein Konzern, der eben noch als »Einhorn« – Börsenwert über eine Milliarde – galt, wird so zur lahmen Ente. Schneller als jedes Lieferversprechen. Auf diese Weise verursachte Profitsenkung, traditionell direktes oder mindestens indirektes Ziel jeden Arbeitskampfes, offenbart einen der wunden Punkte des gegenwärtigen Kapitalismus. Mit ihnen beschäftigt sich die Journalistin und Aktivistin Nina Scholz in ihrem aktuellen Buch unter der Fragestellung »Was tun gegen die Macht der Konzerne« . Eine Macht, die sich wie jede moderne Herrschaft eben nicht ausschließlich mittels Terror und Gewalt durchsetzt, sondern auf das Einverständnis der Beherrschten stützen kann. Auch weil sie immer wieder Besserung gelobt und in Aussicht stellt. Dazu zählte unter anderem das Versprechen, mit dem Online-Kapitalismus sei die Phase der schlimmen, schmutzigen, schmerzhaften Ausbeutung durch Arbeit nun aber wirklich vorbei.

Bürgerliche Einzelfall-Moral

Ein Märchen, was sonst? Die App putzt nicht, die online bestellte Ware wird noch immer von Menschen hergestellt, verpackt und transportiert. Auch das auf dem Smartphone ausgewählte Abendessen hat jemand in einer heißen Küche gekocht und jemand anderes bringt es an die Wohnungstür – gehetzt und außer Atem. Darüber lässt sich hinwegsehen: Hatte wohl einen schlechten Tag, sich verfahren oder einen unfähigen Vorgesetzten. Derartige zeitgemäße bürgerliche Einzelfall-Moral funktioniert jedenfalls so lange, bis sich die Einzelfälle zusammentun und mit gemeinsamen Forderungen klar machen: Auch die moderne digital organisierte Dienstleistung beruht auf der schlechten alten Ausbeutung des Personals.

Die Ausgebeuteten fordern bessere Bezahlung, Arbeitsausrüstung, Schutz vor Unfällen und Absicherung im Krankheitsfall. Also die praktische Verwirklichung ihrer Menschenrechte, wie schon zu anderen Zeiten und an anderen Orten, wo sie auch der systemimmanenten Profitgier geopfert wurden und werden. Bedeutsam für den Aufstand der als »Rider« bezeichneten Fahrradlieferant:innen und dessen Wirkung ist auch der Zeitpunkt: Mitten in der Pandemie, als eine bisher nie gekannte Zahl der Lohnabhängigen allein im Homeoffice vor sich hinarbeitet. Während die aus vielerlei Gründen das Haus noch seltener verlassen als sonst, treffen sich die »Rider« weiterhin auf der Straße und an den Ausgabestellen, wo sie die Lieferungen abholen. Dort, und nicht etwa nur in ihren digitalen Chatgruppen, tauschen sie sich aus über fehlende Schutzkleidung, lebensgefährliche Fahrräder und viel zu schwere Rucksäcke.

Ein Austausch unter Leidensgenoss:innen. Er hatte, wie Nina Scholz anmerkt, auch schon maßgeblich zum überhaupt ersten Arbeitskampf der bis dahin als unorganisierbar geltenden Gig-Arbeiter:innen beigetragen, dem Streik der Deliveroo-Fahrer:innen in London 2016. Für derartige Gespräche, in denen klar wird, dass die eigene Erfahrung kein Einzelfall ist, lassen die herrschenden Bedingungen kaum Zeit oder Raum. Bei der Arbeit nicht, wo so individuelle wie verinnerlichte subtile Kontrolle, aber auch kontinuierliche »Verschlankung der Personalstrukturen« gemeinsame Pausen oder Arbeitswege haben selten werden lassen. Selbst Kolleg:innen, die am gleichen Projekt arbeiten, tun das noch lange nicht gemeinsam. Ganz zu schweigen von denen, die in anderen Abteilungen an anderen Orten und Stellen der Lieferkette für weniger Geld unter den gleichen Bedingungen zu leiden haben.

Auch im Rest des Lebens hinterlässt permanente Arbeitsüberlastung ihre unterschiedlichen Spuren. Bereits vor Digitalisierung, Flexibilisierung und Homeoffice, aber seitdem umso deutlicher. Eine im Mai beantwortete Kleine Anfrage der Linken im Bundestag ergab: Selbst von den global gesehen privilegierten abhängig Beschäftigen in der BRD schafft es beinahe jede und jeder fünfte nicht mehr, die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einzuhalten. Besonders gravierend ist es in den sozialen Bereichen wie der Pflege und Kinderbetreuung, wo die zuständige Gewerkschaft Verdi folgerichtig und durchaus erfolgreich Arbeitskämpfe um Entlastung führt.

Zeit und Raum, sich füreinander zu interessieren

Kein Zufall auch, dass die für mehr Zeit Streikenden häufig jene sind, die irgendwie, irgendwann noch eine zweite, unbezahlte Schicht im Haushalt wuppen müssen. Frauen – weiterhin, überwiegend und zunehmend jede für sich allein. Nur angesichts derartig umfassender individualisierter Überlastung konnte das Versprechen, Großstädter:innen den Lebensmittel-Einkauf abzunehmen oder warm gehaltenes mittelmäßiges Restaurant-Essen an die Haustür zu liefern, überhaupt ein Geschäftsmodell werden. Stattdessen könnte sich im Homeoffice-Haus, auf Station oder in der Firma auch umschichtig eine oder besser noch einer krankschreiben lassen und für die anderen kochen. Altgediente Gewerkschafter:innen und Filme über frühere Arbeitskämpfe – wie die langen Streiks der Kohle-Kumpel an der Ruhr oder in Nordengland und Wales – erinnern auch daran.

Gemeinschaftlich organisierte gegenseitige Fürsorglichkeit statt vergeblichen Einzelkämpfertums. Eine Erfahrung, die überhaupt nur möglich scheint, wenn wir aufhören, das zu tun, was unter den herrschenden Verhältnissen erwartet wird. Dann erst entsteht Zeit und Raum, sich füreinander zu interessieren, Erlebnisse zu teilen, gemeinsame Ziele zu entwickeln. Jeder Streik braucht Solidarität. Aber mittlerweile gilt auch: Es braucht Streiks, damit Solidarität überhaupt entstehen kann.

Unter der Überschrift “Zeit der Befreiung ” erschien der Beitrag zuerst in der Juni-Ausgabe von OXI zum Thema Streik.

Sigrun Matthiesen
Sigrun Matthiesen ist freie Journalistin in Berlin und beschäftigt sich häufig mit gesellschaftspolitischen Themen. Sie arbeitet unter anderem als Redakteurin für die Monatszeitung „OXI – Wirtschaft anders denken“ und betreibt die Textagentur "Worte und Geschichten”.

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