Eine Neue Linke in den USA, so pragmatisch wie grundsätzlich

Wer in den 60er Jahren groß wurde, durfte im Fernseher Bonanza erleben, Hoss, Adam und Little Joe, die Jungs von der Ponderosa-Ranch. Wer in den gegenwärtigen Vereinigten Staaten groß wird, der muss mit den Bonanza Billionaire leben, den drei Multimilliardären, denen die Hälfte des US-amerikanischen Privatvermögens zukommt. Im Fernsehen oder beim Nachfolger Netflix gäbe ein solches Schurkenstück vielleicht einen netten Plot ab, aber wer möchte in der Realität einer solch extremen Klassengesellschaft leben? Der von Hegel „geistiges Tierreich“ genannte Kapitalismus kennt in den USA besonders kapitale Exemplare. Das Gehege fehlt weitgehend, die Wildbahn ist frei. Doch das könne sich ändern, lautet die These des Buchs. Die Chance für eine Einhegung stünde gut; selbst ein demokratischer Sozialismus sei nicht mehr ausgeschlossen.

Ein demokratisch verfasster Sozialismus in einem Staat, den man vor kurzem noch als Kandidaten für einen Failed State, einen gescheiterten Staat, ansehen musste? Donald Trump und der Sturm aufs Kapitol sind keine zwei Jahre her. Trumps Präsidentschaft beschwor mit America first eine Zeit, die so lange her war, wie Bonanza im sonntäglichen Nachmittagsprogramm. Aus dem einstigen Hegemon ist lange schon ein gewesener Hegemon geworden. Es hätte nicht mehr der Bilder vom überstürzten Abzug aus Afghanistan bedurft, um dies zu bestätigen. Die USA taugen den aufstrebenden Champions im Mittel- und im Schwergewicht als Kontrastfolie. Die autoritären Staatsführer Russlands und Chinas rücken ihrer unterdrückten Bevölkerung ein Bild der Vereinigten Staaten vor Augen, das in vielen Zügen leider keiner Karikatur gleicht.

Lukas Hermsmeier: Uprising. Amerikas Neue Linke. Klett-Cotta, Stuttgart 2022, 319 Seiten, 22 Euro

Covid hat dort 180 000 Tote gefordert, und die Forderung der Seuche ist deshalb so hoch ausgefallen, weil die Budgets für das öffentliche Gesundheitswesen so knapp ausfallen. Ein Drittel der 332 Millionen US-Amerikaner hat finanziell zu kämpfen, häufig gedrückt von den selbst zu tragenden Krankheitskosten. 45 Millionen junger Amerikaner sind ihres Studiums wegen verschuldet. Die Lebenserwartung der Bevölkerung geht seit 2015 zurück. Synthetische Opiate wie Fentanyl sind der Renner; es ist die Droge der Unterschicht. Dass die Ära Obama die Pathologie des Rassismus zurückgedrängt hat, ist ein frommer Wunsch geblieben. Der Autor informiert seinen Leser an Hand offizieller Statistiken. Weiße Familien haben demnach im Schnitt acht Mal so viel Vermögen wie schwarze Familien. Ein Drittel der 2,2 Millionen Inhaftierten sind Afroamerikaner, während ihr Anteil an der Bevölkerung bei 12 Prozent liegt. Durch Polizeigewalt sterben jeden Tag drei Personen, macht 1000 im Jahr. Die Zahl der erschossenen Schwarzen ist doppelt so hoch wie die der Weißen.

Was macht dieses Movement aus?

Lukas Hermsmeier trägt die deprimierenden Zahlen nicht im Gestus des Antiamerikanismus vor. Dessen linke, mit der rechten leicht zu verwechselnde Version könnte man, ein Wort von August Bebel variierend, den Sozialismus der dummen Kerls nennen. Der Autor, als Journalist vor Ort lebend, beherzigt das im Grundseminar der Politikwissenschaft zu lernende Prinzip: Die Bevölkerung eines Landes ist mit seiner politischen Führung nicht identisch; das gilt auch für eine westliche Massendemokratie. Hermsmeier hat aber kein politikwissenschaftliches Buch geschrieben; eher kommt es als Manifest der Neuen Linken daher. Man muss alt sein, damit das Wort von der Neuen Linken Assoziationen auslöst. In den 60er Jahren hatte die westdeutsche Studentenbewegung von ihrem US-amerikanischen Pendant viel gelernt. Das könnte sich doch eigentlich wiederholen, so lautet die Schreibabsicht hinter dem Buch.

Foto: Sarahmirk auf wikimedia commons

Es vermeidet den Overkill an Theorie, der auf den Partys in Brooklyn, so erfährt man, zum Plauderton einer akademisierten, über die Spielarten des Marxismus philosophierenden Linken gehört, ein anscheinend raum- und zeitloses Phänomen. Dem Autor ist es um die Vielzahl der politischen Gruppierungen und lokalen Aktionsgruppen zu tun, die er kenntnisreich vorstellt, vorneweg Black Lives Matter. Was macht dieses Movement aus? Indem er die Lebensgeschichte einzelner Akteure erzählt, lernt man zu verstehen. Die Porträts sind in analytische Teile eingefügt. Ein paar Mythen des journalistischen Alltags müssen dabei dran glauben. Den Trump hat die weiße, männliche, auf dem Abstellgleis sich befindende Arbeiterschaft ins Weiße Haus gebracht, war rauf und runter zu lesen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte geht auf das Konto der Wohlhabenden in den weißen Vororten, der konservativen Hispanics, der religiösen Rechte und des traditionellen Kleinbürgertums.

Der Autor schreibt keine Apologie der Arbeiterklasse. Die Hard Hats, wie der Slang die Industriearbeiter nennt (der sie symbolisierenden Schutzhelme wegen), scheinen von allen guten, klassenbewussten Geistern verlassen. Wie kommt es sonst, dass ihnen mit dem Milliardär Trump der Messias erschienen war? Nun aber taucht plötzlich eine neue Arbeiterklasse auf, und deren Inkubationszeit führt der Autor auf Occupy Wall Street zurück. Occupy, war da mal was? Waren das nicht diese Jungspunte in Manhattans Zuccotti-Park, die mit Zeltlager und Dauerplenum das Finanzkapital herausforderten? Diese Camps gab es in allen großen Städten und auch in europäischen, wie erinnerlich ist. In Oakland schlossen sich den Occupy-Leuten die streikenden Hafenarbeiter an, die Lehrer protestierten gegen den gekürzten Bildungsetat, die Krankenpfleger gegen die Verwahrlosung der in öffentlicher Hand befindlichen Kliniken.

Erfolge der Organizer

Occupy Wall Street hat, so ist zu lesen, eine Generation geprägt und nicht nur die akademische Alterskohorte. Diese erlebt ihre prekäre Beschäftigung und diese Erfahrung verbindet sie mit der Masse der Köche, Bauarbeiter, Pflegerinnen und Reinigungskräften. Wer als Immigrant keine Papiere hat, wer jeden Moment abgeschoben werden kann, ist natürlich viel schlimmer dran als der Programmierer im Silicon Valley. Erstaunlich daher, wie gewerkschaftliche Bemühungen bei den unterschiedlichen Berufsgruppen neuerdings fruchten. Die Erfolge der Organizer haben es schon bis auf die Wirtschaftsseite der hiesigen Presse gebracht. Alle großen US-amerikanischen Zeitungen beschäftigen seit geraumer Zeit über Streiks und Gewerkschaftsgründungen berichtende Labor Reporters.

Hierzulande spürt man als Leser seiner Tageszeitung das Erstaunen, das dieses Phänomen beim deutschen Wirtschaftsjournalisten auslöst. Gewerkschaften, das sind doch die von vorgestern; was haben die bei Amazon, Apple, Google, Microsoft und Starbucks zu suchen? Die Antwort findet man in diesem Buch, und sie verweist auf ein körperliches Moment. Die sich in abhängiger Lohnarbeit durchbringen müssen, sind im hohen Grad erschöpft. Diese Erschöpfung und die Erfolge der Gewerkschaften (von einem niedrigen Level ausgehend) stehen in einem Entsprechungsverhältnis. Selbst im Deep South, wo man Gewerkschaften schon gar nicht mag, wo das Union Bashing mutmaßlich erfunden wurde, kommen die Organizer voran.

Eine Aufbruchstimmung hat sich entwickelt, und dieser Aufbruch legt Barrieren nieder. Was hat Tariflohn mit sexueller Belästigung zu tun? Die bessere Bezahlung erstreitenden Frauen sind dieselben, die sich von vermeintlichen Gästen nicht begrapschen lassen wollen. Frauen aus der Gastronomie und der Hotelbranchen schließen sich mit einer Resolution dem von Hollywoods Schauspielerinnen initiierten Hashtag Me Too an. Man würde sich in den deutschen Landen eine solche Linke wünschen, bei der zwischen Latte Macchiato und Arbeiterfolklore nicht zu wählen wäre.

Antizipierte Emanzipation

Was die vom Autor vorgestellte amerikanische Neue Linke sympathisch macht, ist das offenbar fehlende Ticketdenken. Man reist politisch nicht nach dem Entweder-Oder-Prinzip. Sich um einen Protecting the Right to Organize-Act einen Kopf zu machen – ein Gesetz, das dem gewerkschaftlichen Koalitionsrecht dient und vom Senat verhindert wird -, ist genauso wichtig, wie sich hierarchiefrei zu begegnen, ohne den spitzen, für Bürokratien so typischen Ellbogen. Emanzipation in den Organisationen zu antizipieren, statt sie auf später zu vertagen, ist ein nicht abweisbares Bedürfnis. Ihm nicht Rechnung zu tragen, bedeutet, den Misserfolg zu organisieren.

Black Lives Matter-Display an der Washington National Cathedral, Abend des 10. Juni 2020 (Foto: Cosal auf wikimedia commons)

Der jungen amerikanischen Linken ist ein Existentialismus eigen, gespeist von der Unaufschiebbarkeit des Kampfes gegen die Erderwärmung. Das lässt diese Neue Linke so pragmatisch wie grundsätzlich vorgehen. Sie kann es sich gar nicht erlauben, die Partei der Demokraten links liegen zu lassen, schreibt Lukas Hermsmeier. Sie versucht im Gegenteil alles, um gegen das Parteiestablishment ihre Leute durchzubringen. Sie agiert dabei mit einer großen Professionalität, und dennoch scheint Raum zu bleiben, für das, was Herbert Marcuse einmal die neue Sensibilität genannt hat, eine Haltung, nicht zu verwechseln mit dem Achtsamkeits-Egozentrismus mittelständischer Herren und Damen. Die Democrats hier, Black Lives Matter und die Basisbewegungen dort: Man begehrt, auf zwei Beinen nach vorne zu kommen und dies scheint keineswegs aussichtslos.

Das vorgestellte Buch hat Schwächen, aber gegen seine Stärken fallen sie nicht allzu sehr ins Gewicht. In seinem Wunsch, es allen linken Gruppierungen recht zu machen, verlässt den Autor mitunter sein Kritikvermögen. Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn ihn Angela Davis einmal geäußert hat. Der Faschismus hat sich in den Institutionen der US-amerikanischen Gegenwart nicht eingenistet. Auch braucht die Phraseologie der dortigen Antifa keinen Verstärker. Die Polizei abzuschaffen und die bürgerliche Familie gleich mit, das klingt nach Anarchie und Bürgerschreck, aber wie viel anarchistische Revivals hat’s schon gegeben, seit die Sex Pistols die Charts stürmten? Die Black Panther Party, mit Reminiszenzen im Buch vertreten, hat im nachhinein keine Glorifizierung nötig (dafür ist Hollywood zuständig), sondern Kritik an ihrem Waffenfetischismus. Eins ist dem Autor wirklich übel zu nehmen: Der Vergleich der Indianerreservate mit den Konzentrationslagern der Nazis.

Unter dem Titel “Amerikas Linke hat einen Lauf” erschien die Rezension zuerst auf Glanz&Elend

Peter Kern
Peter Kern hat Philosophie, Politik und Theologie in Frankfurt am Main studiert, war kurzzeitig freier Journalist, dann langjähriger politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall und ist nun wieder freier Autor und Mitarbeiter der Schreibwerkstatt Kern (SWK).

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

bruchstücke
%d Bloggern gefällt das: