Atomkraftwerk Saporischschja (Teil 1): Wissenschaftler für sofortige Abschaltung

Screenshot: Website Energoatom, das ukrainisches Staatsunternehmen, das mit dem Betreiben aller ukrainischen Kernkraftwerke betraut ist

Einen anhaltenden Beschuss des Atomkraftwerk Saporischschja melden die Nachrichtenagenturen. Wie konkret die Gefahr eines Atomunfalls inzwischen ist, lässt sich daran ablesen, dass die ukrainischen Behörden der Region damit begonnen haben, vorsorglich Jod-Tabletten an die Bevölkerung zu verteilen. Die EU-Kommission hat angekündigt, dass ihre Mitgliedsstaaten der Ukraine fünf Millionen Kaliumjodtabletten spenden werden. Am 1. September traf eine 14-köpfige Delegation der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) unter der Leitung von Generaldirektor Rafael Grossi vor Ort ein.

Die Wiener Nuklearexperten reisten auf einer mit der ukrainischen Regierung vereinbarten Route in das russisch besetzte Enerhodar, den Standort des Atomkraftwerks, das international als ZNPP bezeichnet wird (Zaporizhzhia Nuclear Power Plant). Sie wollen sich an Ort und Stelle ein Bild von der Gefahrenlage machen und die — nach wie vor — ukrainische Betreiber-Belegschaft des Kraftwerks bei ihrer Arbeit unterstützen. Die Mission ist gefährlich; Grossi erhielt zwar Sicherheitsgarantien von beiden Seiten, aber einen Waffenstillstand gibt es nicht.

Für die militärische Eskalation am ZNPP machen sich die beiden Kriegsparteien regelmäßig gegenseitig verantwortlich (siehe Teil 2). Sie beschäftigt inzwischen auch die Vereinten Nationen. Diplomatische Vorschläge liegen auf dem Tisch: Sie sehen die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone rund um das ZNPP und perspektivisch um alle Atomkraftwerke weltweit vor. Auch könnten Angriffe auf Nuklearanlagen zu Kriegsverbrechen erklärt werden. Diese Initiativen werden von der Ukraine unterstützt, von Russland jedoch mit der Behauptung zurückgewiesen, seine Truppen würden die Anlage vor Sabotage schützen. Vor dem Hintergrund vieler ungeklärter Zwischenfälle in den Augusttagen ist dieses Argument nicht völlig unbegründet. Es ignoriert jedoch die Tatsache, dass es die Russen waren, die das nominell größte Atomkraftwerk Europas zum militärischen Konfliktherd gemacht haben, als sie es am 4. März gewaltsam besetzten.

Screenshot; Website IAEA, International Atomic Energy Agency

Was wäre in dieser Situation noch möglich, um einen großen Knall am ZNPP abzuwenden, der rasch näherrückt, während eine erfolgreiche Diplomatie erfahrungsgemäß viel Zeit benötigt? Erstaunlicherweise warnen sowohl Kiew als auch Moskau vor einer dramatischen Entwicklung, aber eine vollständige Abschaltung von ZNPP – mindestens für den Zeitraum andauernder Kämpfe in der Umgebung – veranlassen sie nicht. Dabei gibt es darüber eine Expertendiskussion, die in der Ukraine begonnen und ein internationales Echo gefunden hat. Eine bedeutende Rolle spielt darin ein Veteran von Tschernobyl.

Nur Abschalten mindert Gefahr eines GAU

Nikolai Steinberg, Nuklearingenieur aus Kiew, der in Tschernobyl Dekontaminierungsarbeiten nach dem Supergau 1986 leitete und ein viel beachtetes Buch darüber schrieb, gab dem internationalen Technikverband IEEE ein Interview, in dem er den anhaltenden Betrieb des ZNPP als “Verbrechen” bezeichnete. Das Kraftwerk müsse heruntergefahren werden, um eine Kernschmelze zu vermeiden und Zeit zu gewinnen, falls es zu einem station blackout kommt. Mit diesem Begriff wird eine Trennung der Anlage von allen Überlandleitungen und damit ein kompletter Ausfall externer Stromquellen beschrieben. ZNPP wäre dann auf eine Notstromversorgung durch Dieselgeneratoren angewiesen, die sich nur wenige Tage aufrechterhalten liesse.

Steinberg hatte schon kurz nach Kriegsausbruch die IAEA scharf angegriffen. In einem Offenen Brief an Grossi kritisierte er, dass sich die Wiener Agentur weigere, den russischen Angriff beim Namen zu nennen und es versäume, entschiedene Maßnahmen gegen die nukleare Gefahr zu ergreifen. Während ein Schutz von Kernkraftwerken vor dem Einschlag moderner Waffen “prinzipiell unmöglich” sei, fahre Grossi damit fort, der ganzen Welt zu verkünden, dass die ukrainischen Anlagen sicher betrieben würden. (Das war in der Tat der Tenor der damaligen Mitteilungen der IAEA, die allerdings wiedergaben, was die ukrainische Atomaufsicht gemeldet hatte). Stattdessen verlangte Steinberg von der IAEA, “sofort und ständig über alle möglichen Kanäle zu fordern, den Krieg zu beenden. Die Welt steht am Rande einer Nuklearkatastrophe. Für den Generaldirektor der IAEO und seinen gesamten Apparat ist dies heute die einzige Aufgabe.” Steinberg ist alles andere als ein Putinversteher: “Der Aggressor hat alle denkbaren Grenzen überschritten.”

Innerhalb der ukrainischen nuklearen Aufsichtsbehörde (SNRIU) und den ihr angeschlossenen Expertengremien gibt es eine Debatte über Steinbergs Position. Mindestens ein Vorstandsmitglied der SNRIU, Viktor Shenderovych, befürwortete ein Herunterfahren aller sechs Blöcke von ZNPP. Georgiy Balakan, ehemaliger Chefberater des Energieunternehmens Energoatom, machte den gleichen Vorschlag. Petro Kotin jedoch, Vorstandsvorsitzender von Energoatom (einem ukrainischen Staatsunternehmen, das mit dem Betreiben aller ukrainischen Kernkraftwerke betraut ist) , wies die Idee zurück, weil sie Russland in die Hände spiele. Kotin ist allerdings in seiner Branche umstritten. Olga Kosharna, ehemals SNRIU, machte ihm vor einem Jahr heftige Vorwürfe. Das derzeitige Management von Energoatom sei weder in der Lage, Reaktoren standardgemäß zu betreiben noch Wartungspläne zu erstellen oder effizient zu handeln. Stattdessen betreibe es eine undurchsichtige Strompreispolitik, das sei “toxisch für das ganze Team von Präsident Selenskyj”.

In der internationalen Wissenschaftsgemeinde verleiht das Bulletin of the Atomic Scientists der Forderung nach Abschaltung von ZNPP Gehör. Dort erklärte Oleh Savitskyi, Vorstandsmitglied der ukrainischen NGO Ecoaction, warum er “eindeutig” dafür eintrete, die Anlage zu stoppen. Ihr seit einem halben Jahr überlastetes Personal sei nicht mehr in der Lage, seine Aufgaben nach den geltenden Normen zu erfüllen. Und es gebe auch niemanden mehr, der die erschöpften Mitarbeiter ersetzen könnte. ZNPP sei aktuell nicht unverzichtbar für die Stromproduktion, denn die Nachfrage habe seit der Zerstörung großer Industriebetriebe in Mariupol deutlich abgenommenen. Bis zum Winter habe man noch Zeit, um ein Übereinkommen zu erzielen, das einen Betrieb von ZNPP unter der Kontrolle der Vereinten Nationen ermöglichen könnte. Ecoaction setze sich für eine Sanierung des ukrainischen Energiesystems ein. “Aber es gab große Korruptionsprobleme, die die Entwicklung erneuerbarer Energien und alternativer Wege blockierten. Energoatom war immer in Korruption verstrickt.”

Im Blog der Union of Concerned Scientists, The Equation, gab Ed Lyman, eine Autorität für Nuklearsicherheit, einen Überblick über mögliche Sofortmaßnahmen, um die Gefahrenlage im ZNPP etwas zu entschärfen. Auch er stellt fest, dass sich bei abgeschalteten Reaktoren das verfügbare Zeitfenster verlängere, um Notmaßnahmen zur Kühlung des Brennstoffs zu ergreifen. IEEE gegenüber wird Lyman noch deutlicher: „Das Gesamtrisiko würde abnehmen“, ein proaktives Abschalten sei sinnvoll, in den USA halte man Atomkraftwerke an, wenn Hurrikane auf sie zustürmen.

Das war eigentlich auch für ZNPP vorgesehen. Die IAEA hatte bereits im Januar ein Online-Seminar mit der Kraftwerksleitung durchgeführt, bei dem Szenarien schwerer Unfälle und ein Notfall-Management erörtert wurden. Anschließend teilte Petro Kotin mit, die ukrainischen Atomkraftwerke seien auf den Fall des Eintretens einer “sehr speziellen Periode” vorbereitet. Man werde sie bei einem Bombenangriff herunterfahren und entladen, bis die Bedrohung vorüber sei. Worauf wartet er noch?

Detlef zum Winkel
Detlef zum Winkel, ursprünglich Physiker. Lebt in Frankfurt am Main und schreibt vornehmlich für die Berliner Wochenzeitung Jungle World. Betreut dort u.a. die Themen Atomenergie und Proliferation, aber leider auch Faschismus, weil es immer noch ein Thema ist.

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