Die Wiederauferstehung des FJ Strauß in der FAZ

Als die FAZ den Artikel “Persönlichkeitsstörungen: So erkennt man Psychopathen” veröffentlichte, dachte sie bestimmt nicht an ihren (Mit-)Herausgeber Berthold Kohler. Der räumt (drei Tage danach) in seinem Leitartikel “Braucht auch Deutschland die Bombe?” zwar ein, dass man leicht für verrückt erklärt werden könne, wenn man Vorschläge wie die seinigen unterbreite. Er macht es trotzdem: Kohler hat erneut – und in bisher ungekannter Deutlichkeit – eine deutsche Atombombe gefordert. Also keine Teilhabe an einer europäischen, sondern eine ausdrücklich deutsche Nuklearstreitmacht, die auch wesentlich umfangreicher sein müsse als die force de frappe oder das britische Pendant. Denn sie müsse alle Varianten der Abschreckung bedienen können, gerade heute im Ukrainekrieg. Er argumentiert ganz im Sinne von FJ Strauß und beruft sich auch auf ihn.
Eine schnelle Reaktion verfasste der Energie-Fachmann Udo Leuschner in seiner Energiechronik. Auf Bruckstuecke wurde schon im Juni unter dem Titel “Atomare Propaganda” darauf hingewiesen, wie begehrlich die FAZ “das Undenkbare” denkt und dass man damit den Atomwaffensperrvertrag brechen würde. Eben das findet Kohler nun durchaus machbar; der Vertrag enthalte ja eine Austrittsoption. Auch zum 2+4 Vertrag äußert er sich “vieldeutig-unklar”, wie Leuschner feststellt. Kohler erklärt die Nachkriegsordnung von 1945f. komplett für obsolet und möchte sie durch eine Vorkriegsordnung ersetzen, in der Deutschland seinen berüchtigten „Sonderweg“ einschlägt. Der unvermeidlich folgenden Konfrontation mit Frankreich und Großbritannien ist er sich bewusst: Wer eine Formulierung „diesseits der Maginot-Linie“ wählt – statt diesseits des Rheins – befindet sich gedanklich in der Welt der deutschen Bestie, wie man es früher nannte. Oder er hat etwas zu sich genommen, was ihm nicht bekommen ist.

Detlef zum Winkel
Detlef zum Winkel, ursprünglich Physiker. Lebt in Frankfurt am Main und schreibt vornehmlich für die Berliner Wochenzeitung Jungle World. Betreut dort u.a. die Themen Atomenergie und Proliferation, aber leider auch Faschismus, weil es immer noch ein Thema ist.

1 Kommentar

  1. Die FAZ war schon im zurück liegenden Jahrhundert dafür bekannt, politische Trends und Gedankenspiele der deutschen politischen Rechten recht unverblümt und in frühem Stadium zu erörtern. Bei manch einem Ministerwechsel (damals waren das zumeist ja Minister und nicht Minister*innen), und auch Regierungswechsel, war es die FAZ, die das vom Dache pfiff. Auch hier dürfte die FAZ die innere Befindlichkeit und strategische Gedankenwelt der politischen Elite im Land ziemlich vorauseilend und frühzeitig “auf den Punkt” bringen. Es scheint an der Zeit, wenn man Köhler folgen mag, lange gehegte innerste und geheime Gedanken nun nach dem Scheitern Strauß’, neu in die Diskussion zu bringen. Die lange gepflegte und jetzt im Zusammenhang mit dem Ukraine Krieg Russlands lautstark verkündete Behauptung, “uns”, also den deutschen Eliten, sei “imperiales Denken Machtdenken und streben” fremd geworden und obsolet, karikiert sich vornehm selbst. “Imperialisten” das sind stets “die anderen”. Wer würde sich als Protagonist für dieses Märchen nicht besser eignen, als Putin.

    P.S.:
    Vergessen wird dabei, dass es die USA waren, die 2x Atombombern zur Massenvernichtung einsetzten, dass es diese Nation war, die im Laufe der Zeit wenigstens 30 mal anderen Völkern mit der nuklearen Vernichtung drohten und vergessen bleibt, dass das Festhalten an dem Irrsinn der ABC-Waffen bei geringstem Anlass zur tödlichen Aufrüstung aller gegen alle genutzt werden wird. Die Menschheit nähert sich unzweifelhaft in Riesenschritten dem Abgrund.

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