Antisemitismus in linkem Gewand

Es ist ein schmales schmuckloses, weißes Bändchen, das seit Mitte Januar in den Buchhandlungen liegt. In roten Buchstaben leuchten Autor und Titel: Jean Améry, Der neue Antisemitismus. In sieben ausgewählten Essays aus den Jahren 1969 bis 1977 setzt sich dieser wachsame, aber von dunklen Ahnungen getriebene Schriftsteller mit der Auschwitzer KZ-Nummer 172364 mit den linken Studentenbewegungen auseinander: Die einstige Unterstützung in der deutschen Linken für die jüdischen Überlebenden und eine neue sozialistische Gesellschaft im 1948 ausgerufenen Staat Israel kippt 1969 zugunsten der (bewaffneten) palästinensischen Befreiungsbewegungen und begründet einen militanten Antizionismus. Für den linken Intellektuellen Jean Améry ist es ein Antisemitismus in neuem Gewand.

Sein scharfer Blick erhellt, was sich im Jahr 1969 verschoben hat: Er sieht den Bruch der internationalen sozialistischen Linken mit dem Staat der Juden und analysiert schonungslos, was das für ihn (als Juden in der Diaspora) bedeutet. Die Ursachen für diesen Bruch streift Améry nur. Auf Beides ist einzugehen, um die verhärteten politischen wie intellektuellen Auseinandersetzungen ein halbes Jahrhundert danach zu begreifen: Das gilt für den heute wieder neu genannten Antisemitismus, den postkolonialen Furor, den Terrorismus der Hamas, den Linke wie der Franzose Jean-Luc Mélenchon von den Unbeugsamen legitimen Widerstandkampf nennen, und die „Israelkritik“ (an Universitäten und jüngst auf der Berlinale 2024), eine Wortkombination mit Alleinstellungsmerkmal, da es nicht einmal eine „Nordkoreakritik“ gibt.

Und es geht darum, die Bedeutung dieses kleinen Bandes zu würdigen, den Irene Heidelberger-Leonard, die 80jährige Betreuerin der neunbändigen Werkausgabe Amérys, nach dem 7. Oktober schnell ohne Fußnoten oder Quellenangaben zusammengestellt hat.

Jutta Roitsch war als Redakteurin der „Frankfurter Rundschau“ vor ihrem Wechsel in die Innen- und Bildungspolitik (1971 bis 2002) von 1968 bis 1971 in der Nachrichtenredaktion für Nahost zuständig.

Der Ton, den Jean Améry in dem wichtigsten Text des Bandes, „Die Linke und der ‚Zionismus‘“ aus dem Jahr 1969, anschlägt, schwankt zwischen Enttäuschung und verzweifeltem Werben um Einsicht. Die Neue Linke, so begründet er die Anführungszeichen im Wort Zionismus, habe es verstanden, „den Begriff Zionismus zu ent-definieren“. Diese Linke verstehe darunter „ungefähr das, was man so vor rund dreißig Jahren in Deutschland das ,Weltjudentum‘ genannt hat“. Linker Purismus und linker Eifer sähen Israel „als den Aggressor und Oppressor, als den Waffenträger westlicher, beziehungsweise amerikanischer imperialistischer Unterdrückung“.

Das Israel-Bild dieser neuen Linken, die „etwa zwischen achtzehn und achtundzwanzig sind“, sei gekennzeichnet „durch die häßlichen Züge militaristischer, so nicht faschistischer Gewalttätigkeit“. Ihre Sympathien wendeten sich den „verschiedenen arabischen Freikorps zu, vor allem dem El Fatah, der für sie, die Linke, das zugleich eherne und verklärte Antlitz des Widerstandskämpfers trägt“. Wie konnte es dahin kommen, fragt sich Améry in diesem Essay, der in der „Tribüne“ (32/69) erschienen ist, der Zeitschrift zum Verständnis des Judentums (1962 bis 2012).

Eine Antwort findet Améry in „der Tragödie der israelischen Aggressionen. Sie abzuleugnen ist barer Unsinn“. Zwei Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg, nach dem Israel das ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina (Gaza, Sinai und Cisjordanien) praktisch besetzte und massiv mit der Besiedlung begann, spiele das Land „die Rolle des Besatzers mit allen Implikationen dieses Begriffs“. Doch sei die Frage nicht unerlaubt, ob Israel anderes hätte tun können, schreibt Améry und fügt hinzu: „Darum freilich kümmert sich die Neue Linke nicht.“ Ein für allemal gelte „in erschreckender Vereinfachung“: Hier die israelischen Unterdrücker, da der arabische Freiheitskämpfer. Der nationalrevolutionäre Aufstand von Algerien über Kuba bis zu Ho Chi Mins Vietnam gehöre „zum eisernen Bestand junglinken Denkens oder Nichtdenkens“.

Den palästinensischen Untergrundkämpfern, damals „Fedayin“ genannt, spricht Améry nicht die Legitimität ab. Sie kämpften für ihre territorialen Rechte. Den Israelis aber gehe es in ihrem nationalen Freiheitskampf „ums bare Überleben“ und „darüber hinaus um die Erhaltung eines Schutzbunkers für Juden außerhalb Israels, die in den fortgeschrittenen Ländern gerade eben noch toleriert werden und in den arabischen Staaten schon längst auf dramatische Weise untergegangen wären, hätten sie sich nicht nach Israel retten können“. Améry spielt mit diesem Hinweis auf die rund 850 000 Juden von Marokko bis Bagdad an, die nach 1948 ausgewiesen oder zur Flucht nach Israel gezwungen wurden: Es sind die sephardischen (arabisch-orientalischen) Juden, unter den überwiegend osteuropäischen Aschkenazim in Israels Gründungszeiten lange eine wenig gelittene Minderheit. Heute bilden die „Mizrachim“ die Mehrheit in der israelischen Gesellschaft.

Vor einem halben Jahrhundert aber bittet Jean Améry die jungen Neulinken „nicht durch undurchdachten Anti-Israelismus Öl ins Feuer zu gießen“ und um ein Minimum an gutem Willen und Gerechtigkeitssinn im politischen Urteil. Eine Warnung allerdings fügt er hinzu: „Der gefährliche Boden, auf dem die Junglinke sich in ihrem antizionistischen Furor bewegt, enthält die Keime eines jahrhundertealten, noch keineswegs ,bewältigten‘ Antisemitismus.“ So verlangt er ein „Quentchen gesunden Menschenverstand“.

Dieses Quentchen aber vermisst Jean Améry in den späteren Essays „Juden, Linke – linke Juden“ aus dem Jahr 1973 (ebenfalls in der „Tribüne“, 46/73) oder „Der neue Antisemitismus“, den er zwei Jahre vor seinem Freitod im Jahr 1978 schrieb. Immer wieder kreist dieser 1912 in Wien geborene, von einer christlichen Mutter katholisch erzogene Intellektuelle um sein Judesein, den alten (rechten) Antisemitismus und den linken Antizionismus. Sein Ton in den Essays nach 1969 wird schärfer. So stellt er sieben Jahre später fest: „Man darf rufen: ,Schlagt die Zionisten tot, macht den Nahen Osten rot‘ – und kann verschweigen oder sogar empört die Insinuation zurückweisen, daß in diesem Kampfruf ein anderer, nur allzu bekannter mitschwinge: das ganz eindeutige ‚Jude verrecke‘ der Nazis“( in: „Der neue Antisemitimus“, 1976). Der Kampfruf stammte von linksextremen Studenten der Universität Kiel, die 1933 eine Hochburg des Nationalsozialistischen Studentenbundes war und in der die ersten Professoren von ihren Lehrstühlen gestoßen wurden.

Warum aber suchte Améry 1969 die Auseinandersetzung mit der studentischen Linken, die damals noch nicht völlig zerfallen war in kommunistische Bünde der Leninisten, Maoisten, Altstalinisten, Trotzkisten? Und warum ist das Wiederlesen seiner Texte gerade jetzt dringlich? Für heutige Leserinnen und Leser rührte Jean Améry in seinem ersten Essay an ein immer noch wenig erhelltes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der Bundesrepublik wie in der damaligen DDR: 1969 entlässt sich die seit fünf Jahren bestehende Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) aus der „Vormundschaft“ des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, dessen Armee den Sechs-Tage-Krieg verloren hatte, und organisiert sich unter der Führung von Jassir Arafat, damals Abu Amar genannt, neu als eigenständige Befreiungsorganisation gegen Israel: das Vorbild ist der algerische Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht Frankreich, der 1962 mit der Unabhängigkeit und der Vertreibung der Algerienfranzosen („pieds noir“) endete.

Am 4. Februar 1969 wird Arafat zum neuen Vorsitzenden der PLO und des Palästinensischen Nationalrats nebst Zentralkomitee gewählt. Seine finanzstarke Al Fatah ist damals die größte Organisation der Palästinenser. In der jordanischen Hauptstadt Amman baut sie auf einem der Hügel und neben einem Flüchtlingslager das militante „Oberkommando für den bewaffneten Kampf“ auf, in dem Arafat im Tarnanzug mit eigenwillig geschlungenem Kopftuch (später als Palästinensertuch in Mode gekommen) und umgeben von schwer bewaffneten Bodyguards aus- und einzugehen beginnt: Es entsteht ein Staat im Staat, zeitweilig gelitten vom jordanischen König, misstrauisch beobachtet und immer wieder blutig bekämpft von dessen Armee und dem Geheimdienst.

Von Amann aus beginnt in diesem Jahr die palästinensische Außenpolitik der Fatah und der internationale Aktivismus (durch Flugzeugentführungen) der sozialrevolutionären Bewegungen „Volksfront“ unter George Habbasch und „Demokratische Volksfront“ unter Naef Hawatmeh. Um Anerkennung und weltweite Unterstützung wirbt der „Palästinensische Rote Halbmond“ und bekommt im Internationalen Roten Kreuz schnell einen Beobachterstatus. In Bonn erhält Abdallah Frangi, Medizin- und Politikstudent an der Frankfurter Universität und enger Weggefährte Arafats, eine erste diplomatische Anerkennung mit einem Büro bei der Arabischen Liga. Die DDR erhebt die PLO in den Botschaftsrang und rollt Arafat in Staatsempfängen den roten Teppich aus. An den westdeutschen Universitäten formieren sich „Palästina-Komitees“ und die Generalunion palästinensischer Studenten (GUPS), die nach dem Olympia-Attentat auf israelische Sportler in München verboten wurde.

Die Aktivitäten zahlen sich für die Palästinenser aus: in den Sommermonaten der Jahre 1969 und 1970 kommt es aus Europa zu einem regelrechten Revolutionstourismus in die Wüstencamps der „Volksfront“ und der Fatah: Mit der Kalaschnikow im Arm robben nicht nur Studentinnen und Studenten unter dem Stacheldrahtzaun und üben den Untergrundkampf. Der bekannteste Revolutionstourist heißt Horst Mahler, damals linker Anwalt aus West-Berlin.

Das „Oberkommando“ wie der Revolutionstourismus fanden 1970 im „Schwarzen September“ ein jähes und blutiges Ende. Die jordanische Armee vertrieb die Befreiungsbewegungen nach Beirut, Damaskus und Libyen, tötete Tausende von „Fedayin“ (zwischen 3000 und 5000).

An der internationalen Beachtung und Unterstützung der PLO mit Geld und Waffen änderte der „Schwarze September“ allerdings wenig. Im Gegenteil: Die europäische Linke und Linksextreme blieben unerschütterlich an der Seite der palästinensischen Kämpfer gegen die zionistisch-imperialistische Aggression. Die kommunistischen Blätter vom „Roten Morgen“ bis zum „Arbeiterkampf“, von der „Kommunistischen Volkszeitung“ bis zum „Neuen Deutschland“ pflegen in den 1970er Jahren den Revolutionsmythos „free palestine from the river to the sea“, mit dem der jüdische Staat Israel hinweggefegt wird.

In der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ veröffentlichte Henryk M. Broder 1976 seine zweijährige Recherche über die Israel- und Nahost-Berichterstattung der linken und linksextremen Presse in der Bundesrepublik. Und fand zum Beispiel in der „Roten Fahne“ diese Sätze: „Die Wirklichkeit des Klassenkampfs wird die reaktionäre Ideologie des Zionismus zerschlagen, nach der die jüdischen Menschen in aller Welt angeblich die Mission hätten, einen besonderen jüdischen Staat aufzubauen. Auf dem Gebiet von Palästina werden nach der Sturz des Zionismus Araber und Juden gemeinsam ein blühendes demokratisches Palästina errichten“ (1973). Es ist das Jahr, in dem Arafat im Kampfanzug vor der UN-Vollversammlung eine Rede gegen den imperialistischen und kolonialistischen Zionistenstaat hält und begeistert gefeiert wird (am 13. November 1974).

Jean Améry sind die Texte der westdeutschen Linken nicht verborgen geblieben, und er hat die Haltung, die aus ihnen spricht, ernst genommen. So erteilt er, der erklärte Diaspora-Jude, der mit seiner jüdischen Identität kämpft und sich von der europäischen Linken hoffnungslos verraten fühlt, den Juden in Israel einen Rat: „Erkennt, dass eure Freiheit nicht gegen den palästinensischen Vetter errungen werden kann, nur mit ihm – und möge dieser auch zur Stunde noch von Freiheit nichts wissen und euch in wildem Rachedurst an die Kehle wollen“ (in „Die Zeit“, 1977).

Ein halbes Jahrhundert später, nach weiteren Kriegen, vergeblichen Friedensbestrebungen, politischen Morden, aggressivem jüdischem Besiedeln des Westjordanlandes, fundamentalistischen Gotteskriegern auf allen Seiten und dem grausigen Terrorakt der Hamas am 7. Oktober, teilt der siebzigjährige David Grossman, der wohl bedeutendste Schriftsteller Israels, diesen Rat. Er kämpft seit Jahren für ein Ende der Besatzung und für einen israelischen und einen palästinensischen Staat, weil beide Völker keine „politische Einheit bilden können“, sagte er in diesen Tagen und fügte hinzu: „Tatsächlich vertraue ich den Aussagen der Hamas. Sie meinen, was sie sagen. Sie erklären offen, dass Israel ausgelöscht werden sollte. Sie haben am 7. Oktober damit begonnen. Deshalb müssen wir sie ernst nehmen. Wenn wir eine Zukunft haben wollen, ist es unvermeidlich, Vereinbarungen mit ihnen zu treffen“ (in „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 26. Januar).
Bislang verhallen die Ratschläge von damals und heute. In und vor deutschen Hörsälen oder Museumshallen und während Kulturevents gellen wieder Kampfrufe wie „Zionisten sind Faschisten“. Kapitel um Kapitel setzt sich die Tragödie im Nahen Osten fort.

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Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik", des Blogs "Faust-Kultur".

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