„The Zone of Interest“: Verschobene Maßstäbe

Christian Friedel (Rudolf Höß) und Sandra Hüller (Hedwig Höß)
(Foto: Raph_PH auf wikimedia commons)

„Interessengebiet“, so hieß die Sperrzone der SS rings um das Konzentrationslager Auschwitz, heute die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. „The Zone of Interest“ heißt sprachdistanziert der Film, der, mit Preisen und cineastischem Lob überschüttet, zum intellektuellen Kultfilm über den Holocaust, die planvolle Vernichtung des europäischen Judentums, gemacht werden könnte und von Teilen der Filmkritik bereits gemacht wird. Vom Sound (ausgezeichnet mit einem Oscar) bis zur Bildästhetik der knallroten Dahlie aus dem Prachtgarten der Hedwig Höß an der KZ-Mauer reicht die Begeisterung: Sekundenlang verwandelt sich die Blume der „Königin von Auschwitz“ (so Kommandant Rudolf Höß über seine Gattin) und färbt die Leinwand blutrot. Die Millionen Toten, die Vergasten, die Verscharrten, die Ausgebeuteten bleiben unsichtbar und ungenannt: In den über anderthalb Stunden fällt das Wort „Jude“ ein einziges Mal bei einer Lagebesprechung in Oranienburg. Das Verbrechen gegen die Menschheit findet statt, hinter der Mauer, die Hedwig Höß mit Wein beranken möchte.

Die Verwalter und Organisatoren der Vernichtung plaudern am Küchentisch. Im spießigen Wohnzimmer erläutern die biederen Vertreter des Erfurter Familienunternehmens Topf & Söhne dem Kommandanten die neuesten Erfindungen zu effektiven Gas-und Verbrennungskammern. Rudolf Höß ist begeistert. Die Wörter „Gas“ oder Verbrennen fallen nicht. In seiner, filmisch ausgewalzten Freizeit paddelt er mit den Kindern auf der Weichsel und abends liest er deutsche Märchen vor. Pedantisch geht der Lagerkommandant dann von Zimmer zu Zimmer, löscht das Licht aus, macht die Türen zu. Ein vorbildlicher Hausvater. Und ein normaler SS-Mann (gespielt von Christian Friedel), der seine Karriere fest im Blick hat, dem Führer (wie es damals hieß) fünf Kinder schenkt, denen er im „Ostraum“ eine unbeschwerte Kindheit mit Planschbecken und Rutsche im Paradiesgarten beschert. Gedüngt werden die Pflanzen mit Asche, die im Film ein (künstlich erzeugter) Windhauch aufsteigen läßt, bevor sie auf die Rosen, die Dahlien niedersinkt. Eine Lagerinsassin vergewaltigt Höß kurz vor dem Zubettgehen, wäscht sich dann im Lagerkeller, von der Kamera dezent mit Abstand und von hinten beobachtet: Eine widerwärtige, filmische Diskretion.

Seine Frau Hedwig, kühl bis ans Herz hinan, weiß, wo sie lebt und von wem sie profitiert: Im Saum eines schicken Pelzmantels sucht sie nach Wertsachen, hüllt sich dann in den langen Mantel ein und kokettiert vor einem Spiegel. In einer anderen Szene wirft sie ihren Dienstmädchen feine Unterwäsche auf den Küchentisch: Sucht euch etwas aus, sagt sie, gespielt von der Schauspielerin Sandra Hüller. Die Regie geht mit Hedwig Höß nicht so nachsichtig-zurückhaltend um wie mit dem Kommandanten. Auch die fünf Kinder wecken kaum Zuneigung. Der älteste Sohn läuft (als einziger) mit Hakenkreuzbinde am Arm herum und sperrt seinen kleinen Bruder im Gewächshaus ein. Die jüngst geborene Tochter im Strampelanzug und Zwergenzipfelmützchen brüllt und schreit, übertönt die Schüsse, das Hundegebell und ab und an die Schreie von jenseits der stacheldrahtbewehrten Mauer.

Die Welt der Cineasten rühmt Jonathan Glazers hohe Filmkunst, beschwört nahezu ohne Ausnahme Hannah Arendt und ihre auf Adolf Eichmanns Jerusalem-Prozess bezogene Banalität des Bösen, fordert ohne Einschränkungen: Dieser Film über ein Täterpaar sollte zum Pflichtfilm in den Schulen werden. Geriete so der wichtigste Film über die Opfer in Vergessenheit? „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, dessen Vorführung auf den Filmfestspielen in Cannes der deutsche Botschafter 1956 erfolgreich verhinderte, weil er nicht der deutsch-französischen Verständigung diene.

Nuit et brouillard, Einstellung 35: Das Foto des Jungen aus dem Warschauer Ghetto (auf wikimedia commons)

Welcher Verständigung aber dient dieser Film mit seiner perfekten Technik, seiner intellektuellen Distanz und menschlichen Kälte? Ist er wirklich ein Beispiel für die „Banalität des Bösen“? Zugegeben, das Ehepaar Höß weckt keinen Funken von Sympathie. Es sind zwei eiskalte, sehr berechnende rassistische Systemtreue, die für sich herausholen, was sie herausholen können. Die Aufträge, die sie zu erledigen haben („Eichmann schickt ungarische Juden, erledigen Sie das“), erfüllen sie effizient: Wie effizient erfährt der Zuschauer, die Zuschauerin kurz vor Schluss des Films mit einem kurzen Blick in die heutige Gedenkstätte. Reinigungskräfte gehen mit einem Staubsauger an den Schaukästen mit den Bergen von Koffern und Schuhen vorbei, im ehemaligen Krematorium fegt ein Mann den Boden. Auch hier gilt: Banaler Alltag in Auschwitz, verfremdeter geht es kaum.

Ist das die filmische Vermittlung des Menschheitsverbrechens, die den Nachgeborenen unter die Haut geht oder zumindest Nachfragen auslöst? Vor allem bei jenen Frauen und Männern, die mit den hingeworfenen Namen von Eichmann bis Topf & Söhne wenig bis nichts anfangen können? Steht dieses weiße Bilderbuchehepaar des NS-Systems in diesem Film nicht vielmehr für jene (weißen) Kolonialisten, die ihre persönlichen Interessen gnadenlos und systemopportunistisch verfolgt haben und denen die „Kollateralschäden“ völlig egal waren? Hedwig Höß träumt schließlich vom „Ostraum“, den der Führer zur deutschen Besiedelung versprochen hatte. Kommt uns diese mögliche Sichtweise nicht irgendwie bekannt vor?

Je länger ich über diesen Film nachdenke, Szene für Szene vorbeiziehen lasse, desto mehr wächst das Unbehagen und der Unwille, dieses menschenkalte Werk wirklich für den neuen großen Film zum Holocaust zu halten. Er folgt vielmehr der im kulturell-intellektuellen Sektor verbreiteten Verschiebung der Maßstäbe, mit der die Vernichtung des europäischen Judentums zu einem Menschheitsverbrechen unter den vielen anderen kolonialen Völkermorden wird.

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Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik", des Blogs "Faust-Kultur".

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