Jeder Wahnsinn hat seine Methode: Zur Anziehungskraft des faschistischen Codes

Zwischen uns und anderen zu unterscheiden, ist ein evolutionär tief verankertes soziales Muster. Dass weitrechte Politik mit der binären Unterscheidung „wir gegen die anderen“ operiert und agitiert, gehört zum Allgemeinwissen. Es lohnt sich, bei diesen beiden Feststellungen nicht stehen zu bleiben und etwas genauer hinzuschauen. Die Methode, sich Wirklichkeit mit Hilfe einer standardisierten zweiwertigen Differenz zu erschließen, erfreut sich größerer Beliebtheit. Andere, ganz verschiedenartige Beispiele sind Arbeit und Kapital, Mann und Frau, System und Umwelt, Stadt und Land, Gläubige und Ungläubige. Worin liegt das dämonische Potential von „wir gegen die anderen“, das im Faschismus1, wenn ihm zu wenig Widerstand geleistet wird, die Hölle zum Alltag macht? Und weshalb bekommt das weitrechte „Wir-gegen-die-anderen“ so viel Zulauf?

Je einfacher der Baustein, desto imposanter das Werk – oder auch desto schrecklicher, doch dazu später. Die digitale Rechenmaschine zum Beispiel, die inzwischen für Milliarden Menschen ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand geworden ist, operiert mit einem Binärcode. Aus Nullen und Einsen lässt sie einen Urwald aus Texten, Tönen und Bildern wachsen. Schon vor dem Triumphzug des Computers hatte sich auf den großen gesellschaftlichen Leistungsfeldern wie Wirtschaft und Wissenschaft, Medienöffentlichkeit und Medizin, Unterhaltung und Sport der moderne Entwicklungsboom entfaltet, der alles Neue spätestens übermorgen zu etwas Gestrigem macht. Tausende Jahre war die gesellschaftliche Evolution als Fußgängerin unterwegs , erst in der Neuzeit entfaltet sich eine nie gekannte Dynamik – weil die einzelnen Leistungsfelder, befreit von religiöser Vormundschaft und adliger Herrschaft, sich an einem je eigenen binären Code ausrichten.

Steigerung als einziges Ziel

Die Wissenschaft erforscht, was wahr und was nicht wahr ist, egal welches Zerstörungspotential dabei freigesetzt und technisch eingesetzt wird. Die Justiz fragt, was Recht und was Unrecht ist, und blendet, wenn sie sich nicht korrumpieren lässt, alles andere aus. Politik pendelt zwischen Regieren und Opponieren, Macht haben oder keine Macht haben. Der Leistungssport sucht Sieger; nur am Rande interessiert, wie oft Verlierer von Ambulanzen und Rettungshubschraubern abtransportiert werden. In der Wirtschaft wird gezahlt oder nicht gezahlt und wo sie kapitalistisch funktioniert, wird nur dann etwas ausgegeben, wenn mutmaßlich anschließend mehr eingenommen wird: Gewinn oder Verlust, das ist die kapitalistische Frage aller Fragen. Sich freimachen zu dürfen von der Rücksichtnahme auf alles andere und sich nur an den jeweiligen beiden Möglichkeiten orientieren zu können, ist ein wesentliches Kennzeichen des modernen Freiheitsverständnisses. Nahrungsmittelkonzerne zum Beispiel konzentrieren sich auf Gewinnchancen und Verlustrisiken; ob Millionen Erwachsene an Fettleibigkeit erkranken und täglich viele tausend Kinder wegen Mangelernährung sterben, so what.

Der entscheidende Punkt, um den es hier geht: Auf den Leistungsfeldern gehören immer beide Seiten des Codes vollwertig dazu, immer sind im Prinzip beide Möglichkeiten anerkannt. Diese Zweiwertigkeit, dieses Entweder-Oder birgt ein Fanatismuspotential, aber die auffällige Folgeerscheinung ist eine andere: In den Wechselwirkungen beider Seiten öffnen sich weite Spielräume, können Kombinationen immer höher, weiter, variantenreicher wachsen – ohne dass ein Ziel definierbar wäre. Erst wenn alles, wirklich alles käuflich, alles rechtlich geregelt, alles wissenschaftlich erforscht, alles politischer Macht unterworfen wäre, könnten professionelle Ökonomen, Juristen, Wissenschaftler, Politiker „zufrieden“ sein.

Ein Vernichtungsprogramm als dämonische Konsequenz

Was hat es nun mit dem weitrechten Code „Wir gegen die anderen“ und dessen dämonischem Potential auf sich? Er funktioniert ebenfalls binär – Wir: die Anderen. Was geschieht und was nicht geschieht, wird auf diese Differenz hin beobachtet und bewertet, aber mit dem folgenschweren Unterschied, dass eine Seite verherrlicht, die andere verdammt wird. Der Code, mit dem Rechtsaußen Wirklichkeit erzeugt, ist binär-konträr. Statt Möglichkeiten zu eröffnen, werden Unmöglichkeiten definiert und (mit Gewalt) durchgesetzt. Weitrechts sieht und sagt es so: Das Wir, sein Wohlergehen, seine Sicherheit, ja seine Existenz, wird von Anderen bedroht, die deshalb zurückgedrängt, bekämpft, am besten ausgeschaltet werden müssen. Auch für den binär-konträren Code trifft zu, dass jeder Schritt zum nächsten auffordert, dass kein Ziel unterhalb eines imaginierten Endziels Ankunft bedeutet, sondern stets Aufbruch zu höheren Zielen.
Wird die Grenze zwischen dem Wir und den anderen biologisch gezogen, resultiert daraus ein Vernichtungsprogramm, mindestens ein Vertreibungsprogramm, hierzulande Remigration genannt. Werden solche Programme aufgrund eines widerständigen Umfeldes (noch) nicht aktualisiert, sagt das nur etwas über die historischen Umstände aus, am Faschismus und seinem „Siegeswillen“ ändert es nichts. Ihren Sieg können sich Faschisten nur als „Endsieg“ vorstellen.

An der Macht erscheint weitrechtes Regieren als erratisch, scheinbar ständig auf Schlingerkurs, weil es keinen Sachkriterien folgt, sondern entlang der Frage entscheidet, was dünkt uns gerade besser für das Wir, was schlechter für die Anderen. Dass die binäre Sichtweise fanatismusgefährdet ist, haben wir schon festgehalten. Wenn sie im konträren Modus Entweder: kein Oder funktioniert und sich zur festen Überzeugung verdichtet, wird Fanatismus normal. Weitrechte Funktionäre können nur fanatisch auftreten (weitlinke auch, aber das ist ein anderes weites Feld).

»Da Ihr Land beschlossen hat, mir nicht den Friedensnobelpreis dafür zu verleihen, dass ich acht Kriege beendet habe, fühle ich mich nicht mehr verpflichtet, nur an den Frieden zu denken, auch wenn dieser immer im Vordergrund stehen wird, sondern ich kann jetzt darüber nachdenken, was gut und richtig für die Vereinigten Staaten von Amerika ist.«
Donald Trump in einem Brief an den norwegischen Ministerpräsidenten

Verschärfte Abwehrrhetorik und verschämte Anpassungspraxis

Warum erhält das weitrechte „Wir-gegen-die-anderen“ immer wieder Zulauf, obwohl es für sein dämonische Potential die schrecklichsten historischen Belege und, wie gezeigt, eine einfache logische Erklärung gibt? Wie eingangs betont, fußt der Rechtsaußen-Code auf dem sozialen Grundmuster der Unterscheidung zwischen uns und anderen. Darüber hinaus beinhaltet er automatisch auch die Perspektive „die anderen gegen uns“. Beide Sichtweisen brauchen nicht extra gelernt zu werden, sie kommen im Alltag häufig vor, gelten als normal in der Politik, im Sport, in vielen lebensweltlichen Kontakten. Seine gewalttätigen, letztlich barbarischen Konsequenzen kann der Faschismus hinter diesen Normalitäten verbergen, solange er aufgrund bestehender Machtverhältnisse ohnehin daran gehindert ist, seine Ziele praktisch zu verfolgen.

Insbesondere ist es die Variabilität des weitrechten Unterscheidungsschemas, aus der es seine hohe Resonanzfähigkeit bezieht. Es kann sowohl für eine Innen-Außen-, als auch für eine Oben-Unten-Perspektive angewendet werden. Auf der einen Seite ist das Wir, meistens völkisch-national verstanden, als Innen-Außen-Unterscheidung offen für jeden konkreten Fall. Es verträgt sich mit der First- bzw. Über-alles-Formel für jedes Land. „Österreich über alles“ funktioniert ebenso wie „Ungarn first“. An die neuzeitliche Tradition des Nationalismus kann dabei direkt angeschlossen werden. Nach außen lassen sich auf der anderen Seite konstante Feindbilder wie Antisemitismus und Antikommunismus mit aktuellen gesellschaftlichen Konfliktlagen verbinden, etwa mit Migrationsproblemen oder Terrorängsten.

Zugleich eignet sich der Wir-gegen-die-anderen-Code für die populistische Oben-Unten-Unterscheidung. In der Bewegungsphase, also solange eine weitrechte Machtergreifung nicht gelungen ist, wird er bevorzugt mit der Akzentuierung „die anderen gegen uns“ eingesetzt, mit der sich das Wir als Opfer dominierender Eliten und als „Stimme des Volkes“ profilieren lässt.

Screenshot: shop. die-linke

Macht man sich so viele kommunikative Anschlussfähigkeiten der Rechtsaußen- Politik klar, steht man nicht mehr ganz so staunend und um Begreifen ringend vor deren Aufstiegsmöglichkeiten. Kontinuität und Stabilität faschistischen Denkens, Redens und Handelns in modernen Ländern nicht wahrhaben zu wollen und seine Expansionschancen unter Krisenbedingungen zu unterschätzen, hat eine weit über hundertjährige Geschichte. Die Reaktionsweise der „Mitte“ ist in all der Zeit die gleiche geblieben: Erst ignorieren und verniedlichen, dann, wenn Zustimmung und Zulauf bedrohliche Ausmaße annehmen, es mit verschärfter Abwehrrhetorik und verschämter Anpassungspraxis versuchen. Von “Links“ bis „Linksaußen“ wird skandiert „nie wieder ist jetzt“, „Nazis raus“, „Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch“.

„Wohin sollen sie denn gehen, die Nazis? Was werden sie dort dann tun? Werden sie von selbst ‚geläutert‘ und anders denken?“, fragt Arist von Schlippe2 zurecht.

Hinter den Gittern des Sinn-Käfigs

Was nützt es, wenn die innere Logik weitrechten Denkens, Redens und Handelns mit dieser binär-konträren Codierung richtig begriffen sein sollte? Mindestens drei Schlussfolgerungen können gezogen werden.

  • Erstens ist es falsch, weitrechte Bewegungen und Regimes als etwas zu sehen und so zu behandeln, als ob sie mit dem Normalbetrieb unserer (modernen) Gesellschaft nichts zu tun hätten. Einen einzigen Unterschied zur Grundlage der Entscheidungen zu machen, ist eine gängige Methode. Sie wird auch von Weitrechts praktiziert, dabei freilich deformiert (von Weitlinks übrigens auch, aber, siehe oben).
  • Zweitens steckt in dieser Analyse ein Stück Klärung, das zur Selbstaufklärung werden kann für weitrechte Sympathisanten. Man kann ihnen zeigen, dass sie einem Pfad folgen, für den sich auf den ersten Metern durchaus aktuelle Anlässe und einleuchtende Gründe geltend machen lassen (es zu bestreiten, ist eine der typischen antifaschistischen und mittigen Dummheiten); dass aber, je weiter man fortschreitet, je länger man auf diesem Pfad bleibt, desto brutaler und fataler wird, was sich als scheinbare Notwendigkeiten aufdrängt. [Das gilt für alle Praktiken, die sich dauerhaft einer binären Logik unterwerfen, deutlich daran zu sehen, wie die moderne Arbeits- und Lebensweise die natürlichen Grundlagen des Planeten zerstört.]
  • Drittens wird noch klarer als es ohnehin schon ist, dass dem sich organisierenden und erst recht dem organisierten Faschismus mit Widerstand begegnet werden muss. Wer in der Logik weitrechten Denkens und Handelns gefangen ist, hält hinter den Gittern seines Sinn-Käfigs alle außerhalb für Affen, und marschiert voran, solange ihn nichts aufhält. Für Demokraten erwächst daraus das altbekannte Dilemma, dass sie in ihrem Selbstverständnis Dialog- und Kompromissbereitschaft eigentlich nicht aufgeben dürfen. Aber zu Dialogen und Kompromissen gehören zwei, alleine daran festhalten zu wollen, ist Realitätsflucht.

1  Die Bezeichnung Faschismus wird politisch so stark instrumentalisiert, dass sie angesichts der vielen verschiedenen, sofort anspringenden Warnlampen sowohl für den wissenschaftlichen wie auch für den umgangssprachlichen Gebrauch fast unbrauchbar geworden ist. Ich bevorzuge deshalb Bezeichnungen wie „Weitrechts“ oder „Rechtsaußen“, greife aber auch auf „Faschismus“ zurück, weil es mir eine unrealistische Vorstellung zu sein scheint, der politischen (Sprach-)Geschichte gänzlich ausweichen zu können.

2  Schlippe, Arist von (2021). Lachen über Covid-19? Psychologische Wege des Umgangs mit der Corona Krise. In M. Heidingsfelder, & M. Lehmann (Hrsg.), Corona. Weltgesellschaft im Ausnahmezustand (S. 337-350; hier S. 348). Velbrück Wissenschaft

Fragen an Freiheit und Demokratie
Unter dieser Überschrift steht eine (hier begonnene) Beitrags-Reihe des Bruchstückeblogs, die in loser Folge gesellschaftstheoretische Probebohrungen in herrschende kulturelle, wirtschaftliche und politische Zustände macht. Ausgangspunkt ist das (demnächst erscheinende) Buch „Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken – Strukturen, Erfahrungen, Erzählungen“. Daraus werden Argumentationsstränge aufgegriffen
und es wird mit den Beiträgen dieser Reihe weitergeschrieben.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt (at) arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: "Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken"; "Arbeit und Freiheit. Eine Paradoxie der Moderne"; "Spielen ist unwahrscheinlich. Eine Theorie der ludischen Aktion" (mit Fabian Arlt).

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