
Die Ostdeutsche Allgemeine, Wochenzeitung, wurde von dem ostdeutschen reichen Medienkäufer (Berliner Zeitung) Holger Friedrich jüngst gegründet, um die von ihm sehr bedroht gesehene Meinungsfreiheit in Deutschland zu weiten. Friedrich, dem Kreml nicht ungewogen, sieht vor allem den Stamm der Ostdeutschen unterdrückt, zuvörderst wenn es um die Themen Impfen, Epidemien, Russlandfreundschaft und AfD-Wahlliebe geht. Wenige Anmerkungen zu den jüngsten Entwicklungen.
1 Auf den ersten Blick gibt der in Fraktur gesetzte Titel einen Hinweis, wohin diese ost-deutsche-allgemeine Welt sich dreht — eine streng-deutsch mystische Anmutung, hohe Leserunfreundlichkeit inkaufnehmend, nationale bis völkische Gesinnung signalisierend. Die Schriftart Fraktur, aus dem Mittelalter stammend und bis ins 20. Jahrhundert eine bedeutende Druckschrift, steht heute für charmantes Retro, wird gerne auch für Biermarken, rustikal-holzgetäfelte Bierkrug-Lokale oder als Abgrenzungs-Typografie gegenüber modernen westlichen Produkten eingesetzt, die sich der liberalen Demokratie verpflichtet fühlen.

Übrigens: In ihrem Weheklage-Text über die vielen bösen Kritiker, siehe Link unten, merken Redaktion und Verlag Ostdeutsche Allgemeine an, alle störten sich an der Fraktur-Typographie und das sei doch Banane, da auch die NZZ, FAZ und der Hanauer Anzeiger diese Typografie für ihre Titel verwendeten. Und da störe sich niemand daran. Richtig. Dazu erst einmal Gratulation an die Recherche-Abteilung, dass sie den Hanauer Anzeiger entdeckt haben. Und die Anmerkung: Der Hanauer Anzeiger wurde nicht vor 100 Tagen gegründet. Sondern 1725.
2 Auf Seite 2 gibt ein unter das Impressum gestellter gefettet hervorgehobener Text Auskunft über das Ziel der Arbeit der Redaktion, fast ohne eines der gängigen journalistischen Arbeitsprinzipien zu nennen, die da sind: Trennung von Nachricht und Kommentar, über Bedeutendes Vorgänge zuverlässig, vollständig und perspektivenreich und verständlich berichten, dazu Kontexte und Orientierung liefern — vor allem damit sich die Bürgerschaft auf dieser Basis fundiert in die Belange dieser Demokratie einmischen kann. Vielmehr lautet dieser eigenkreiierte Text:
„Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung ist strikt unabhängig. Unsere Berichterstattung folgt keiner vorgefertigten Erzählung, sondern offenen Fragen. Unterschiedliche Perspektiven sind für uns Voraussetzung für Erkenntnis. Wir lehnen ideologische Verkürzungen, Extremismus und jede Form von Entmenschlichung ab. Kritik richtet sich bei uns gegen ineffiziente Strukturen, Machtmissbrauch und Verantwortungslosigkeit — nicht gegen Herkunft, Zugehörigkeit oder Lebensweise. Unsere Waffe ist das Wort. Es kann, wenn nötig, geschliffen werden.“
3 Ebenfalls auf dieser Seite ist dann zu lesen, von wem die Redaktion „strikt unabhängig“ ist. Über die Eigentumsverhältnisse steht zu lesen: „Einzige Gesellschafterin der Ostdeutscher Verlag GmbH ist die OMH Ostdeutsche Medienholding GmbH, Berlin. Einzige Gesellschafterin der OMH Ostdeutsche Medienholding GmbH ist die CCG Commercial Coordination Germany GmbH, Berlin.“ Eine fast drollig-kleine westkapitalistische Verschachtelung als Gefäß für bedrohte Fraktur-Inhalte. Wer wissen will, von wem die Ostdeutsche Allgemeine „strikt unabhängig“ ist, der muss erst noch tüchtig recherchieren.
4 Eine nähere Betrachtung des Blattes — in dem es natürlich entgegen der Ankündigung kaum informativ-journalistische Berichte gibt, sondern eher (und wochenzeitungsgemäß) Meinungsbeiträge, durchaus immer wieder anregende, von rechts-konservativ bis rechtsoffen — zeigt, dass weniger das geschliffene Wort als Instrument differenzierter und fruchtbarer Debatten, sondern vor allem die prall gefüllte Kasse der Rechtsabteilung des Verlegers eine Rolle spielt. Warum? Es zeigt sich inzwischen, dass diejenigen, welche Texte, die der die Meinungsfreiheit weiten wollende Verleger finanziert, kritisieren, dass diese Kritiker, die ja wiederum auch die Meinungsfreiheit weiten, was ja im Sinne dieses Verlegers sein müsste, mindestens wohlhabend sein müssen. Denn Friedrich wehrt sich gegen Kritik mit teuren Rechtsanwälten. Nun muss das Publikum wissen: So drei, vier Rechtsanwalts-Schreiben hin und zurück, die kosten in dieser Branche schnell drei- bis fünftausend Euro — für kleine Verlage, journalistische Initiativen, freiarbeitende Journalisten zerstörerische Beträge; für Verleger Friedrich weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Die damit verbundene Gefahr: Kritik wird unterlassen, Meinungsfreiheit wird eingeschränkt.
5 Das Blog Volksverpetzer und der freie Journalist Matthias Meisner lassen sich dagegen von dem Rechts-Krieger Holger Friedrich, der als „Waffe“ — entgegen seiner Ankündigung — nicht das Wort, sondern den Geldschein wählt, (bisher) nicht unterkriegen; Matthias Meisner und Volksverpetzer analysieren ebenso hart-verdienstvoll wie systematisch den Werdegang der noch jungen Ostdeutsche Allgemeine und sehen sie inzwischen als Teil einer rechts-publizistischen Welt, deren Ziel es unter anderem ist, die AfD wenigstens in ostdeutschen Ländern an die Regierung zu bringen.
Der Stand der Dinge: Eine Münchner Anwaltskanzlei fordert im Auftrag der Fraktur-Wochenzeitung eine Unterlassungserklärung wegen eines offensichtlich die Interessen des Verlegers negativ berührenden Artikels über in weitestem Sinne rechts-esoterische Umtriebe. Erst ging es um beachtliche 13 Punkte, es bleiben bisher noch sechs über; alle betreffen übrigens nicht den Kern der Vorhaltungen, sondern inhaltliche Nebensächlichkeiten. Der Volksverpetzer, ein kleines rühriges und — Achtung: Holger Friedrich! — die Meinungs- und gar Informationsfreiheit stark weitendes Blog, und Matthias Meisner haben die Unterlassungserklärung (natürlich) nicht abgegeben. Nun haben die rührigen Fraktur-Anwälte „den dringenden Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung“ beim Landgericht Dresden gestellt. Zeitgleich unternimmt der Verlag von Friedrich vieles, um dem Medium Volksverpetzer wie dem freien Journalisten Meisner per böswilligen Rundschreiben bei ihren jeweiligen Geschäftspartnern maximal zu schaden.
6 Der Kommentar des Volksverpetzer: Friedrich habe nur das Ziel, „wir sollen Anwaltskosten produzieren, wir sollen Angst bekommen.“ Ein reicher Verleger, dem Kreml zugeneigt, von Anwaltskanzleien flankiert, will seine Kritiker aus dem Weg räumen für die ungestörte Freiheit seiner Meinung.
- Hier geht es weiter: https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/ostdeutsche-allgemeine-anwalt-anschwaerzen/
- Hier meldet sich die OAZ zu Wort:100 Tage OAZ: Was wir aus der Berichterstattung über uns gelernt haben
- Und hier die FAZ (hinter der paywall): Wie Holger Friedrichs Medienimperium mit Kritik umgeht
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