Ein Triumphator, viele Versager

Auf der „Pista Stelvio“, einer berühmten Abfahrtsstrecke des Skiweltcups, wurde die erste Goldmedaille der Olympischen Winterspiele in Italien vergeben. „Die ‚Stelvio‘ ist Synonym für Geschwindigkeit und Nervenkitzel. Sieger auf dieser Strecke sichern sich einen Platz in der Geschichte“, informiert die ARD-Sportschau. Der Start liegt auf 2255 m Höhe, der Starthang hat eine Neigung von 63 Prozent, die Strecken ist drei Kilometer und 442 m lang, die Höchstgeschwindigkeit der Skirennläufer liegt bei rund 140 Stundenkilometern, Sprünge, 40 bis 50 m weit, sind normal. Jeder Teilnehmer riskiert Kopf und Kragen, Rettungshubschrauber stehen bereit, Kliniken sind in Alarmbereitschaft.
Der Erste, der Goldmedaillengewinner, fuhr die 3442 Meter in 1 min, 51 Sekunden, 6 Zehntelsekunden und einer Hundertstelsekunde. Er war 0,2 Sekunden schneller als der Zweite. Der Siebte, über den niemand mehr redet, fuhr 0,97 Sekunden langsamer. Der Liveticker von kicker.de berichtet zwischendurch euphorisch: „Mit ganzen sieben Zehnteln übernimmt Franjo von Allmen die Führung, lässt den Lauf von Topfavorit Odermatt komplett blass aussehen… und hat mit dieser phänomenalen Zeit schon fast beide Hände an der Goldmedaille.“
Wie kann man auf die Idee kommen, es wichtig zu nehmen, es für alles entscheidend zu halten, ob ein Einzeladam (unter Lebens-, jedenfalls höchster Verletzungsgefahr) eine rund 3,5 Kilometer lange, schneebedeckte Bergstrecke ein paar Zehntelsekunden schneller hinunterrast als ein anderer? Wie weiß ich nicht, aber wo, nämlich in einer Konkurrenzgesellschaft, die aus Unterschieden Siege und Niederlagen am Fließband produziert. Der Konkurrenz, gerne zum “Wettbewerb“ umgetauft, geht es um’s Verrecken um’s Gewinnen – das ohne Verlieren nicht zu bekommen ist. Um andere hinter sich zu lassen, wird im Konkurrenzkampf noch der minimalste, belangloseste Unterschied hochgejubelt. Ob Noten oder Notebooks, Autos oder Armbanduhren, Waschmittel oder Schmerztabletten, immer geht es um den Unterschied, der die einen erfolgreich und andere zu Losern macht. Einer muss gewinnen, koste es, was es wolle, und wenn faktisch alles gleich gut oder gleich schlecht ist, wird die Hundertstelsekunde erfunden, die aus Gleichen einen Triumphator und viele Versager macht.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt (at) arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: "Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken"; "Arbeit und Freiheit. Eine Paradoxie der Moderne"; "Spielen ist unwahrscheinlich. Eine Theorie der ludischen Aktion" (mit Fabian Arlt).

1 Kommentar

  1. Danke! der sportliche Irrsinn ist anschaulich beschrieben. Der Irrsinn des heutigen Sports hat aber noch viele Dimensionen. Es geht nur noch um Geld, auch für die Sportler:innen selbst, aber vor allem für die Vereine und Funktionäre. Und um die Verbindung zu Macht, wenn man sieht, wie z. B. Putin oder Trump sportliche Ereignisse instrumentalisieren, der eine z.B. um einen Krieg vorzubereiten, der andere um seine Machtstellung auszubauen. Manchmal glückt das nicht ganz, wie die geplante Pausenshow beim Superbowl zeigt.

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