
Sie backen Brot, schmücken das Haus, versorgen die Kinder: Auf TikTok, Instagram und YouTube inszenieren sich junge Frauen in der traditionellen Rolle der sorgenden Ehefrau – und verkaufen diesen Lebensstil als bewusste und erfüllende Entscheidung. #tradwife wird millionenfach aufgerufen; Medien sprechen international von einer Rückkehr traditioneller Geschlechterrollen. Solche Deutungen sind eingängig, weil sie komplexe gesellschaftliche Entwicklungen auf einprägsame Bilder reduzieren. Aber ist der Trend mehr als ein aktuelles OnlinePhänomen? Lena Hipp, Carolin Deuflhard und Marcel Knobloch gingen der Frage nach.
Für Deutschland blicken empirische Untersuchungen zu „Tradwives“ bislang ausschließlich auf die Einstellungen von Frauen. Sie zeigen: Sehr traditionelle Einstellungen existieren nur bei einer Minderheit der Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Daten des familiendemografischen Panels FReDA zufolge vertreten fast zwei Drittel der jungen Frauen in Deutschland egalitäre Einstellungen, dem Tradwife-Ideal fühlt sich weniger als ein Fünftel nahe. Befunde für Großbritannien weisen in eine ähnliche Richtung.
Was aber ist mit den jungen Männern? Nach ihnen wurde bisher wenig gefragt. Wenn der Tradwife-Trend mehr ist als eine mediale Inszenierung, müsste sich das in den Einstellungen der Männer ebenfalls spiegeln. Schließlich geht es nicht nur um weibliche Lebensentwürfe – das Tradwife-Ideal transportiert auch spezifische Bilder von Männlichkeit. Dem Mann wird Autorität, aber auch die finanzielle Verantwortung für die Versorgung der Familie zugesprochen. Wer den rückwärtsgewandten Trend wirklich verstehen will, darf also nicht nur fragen, was junge Frauen wollen, sondern auch, welche Geschlechterordnung junge Männer unterstützen.
Lena Hipp leitet die Forschungsprofessur Arbeit, Familie und soziale Ungleichheit am WZB. An der Universität Potsdam ist sie Professorin für Soziale Ungleichheit und Sozialpolitik.
Carolin Deuflhard ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsprofessur Arbeit, Familie und soziale Ungleichheit. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich historisch und vergleichend mit der Organisation von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit aus Geschlechter- und sozialer Ungleichheitsperspektive.
Marcel Knobloch ist Mitarbeiter der Forschungsprofessur Arbeit, Familie und soziale Ungleichheit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeitsmarktdiskriminierung und soziale Ungleichheit.
Genau dieser Frage sind wir auf den Grund gegangen, indem wir Daten des International Social Survey Programme (ISSP) ausgewertet haben. Damit konnten wir untersuchen, wie sich die Rollenbilder junger Männer und Frauen entwickelt haben (die Altersspanne lag bei 18 bis 34 Jahren). Wir haben uns auf 30 Länder konzentriert, die sich zwischen 1988 und 2022 an mindestens zwei Erhebungswellen beteiligt haben.
Die Zahlen zeigen das Gegenteil
Es zeigt sich: Es gibt große Unterschiede zwischen Ländern in den Zustimmungswerten zu einer traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung – ebenso wie beachtliche Veränderungen über die Zeit. Jedoch ist in nahezu allen Ländern der Anteil der Männer, die eher oder vollumfänglich der Meinung sind, dass Frauen ihre Erfüllung primär im häuslichen Bereich finden und dass eine traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen angemessen ist, höher als der Anteil der Frauen. Wenn es derzeit also Hinweise auf traditionelle Geschlechterbilder gibt, dann sind diese eher bei jungen Männern als bei jungen Frauen zu finden. Die Rollenbilder wurden übrigens über die Zustimmung zu drei Aussagen ermittelt:
(1) „Einen Beruf zu haben ist ja ganz schön, aber was die meisten Frauen wirklich wollen, sind ein Heim und Kinder.“ (2) „Hausfrau zu sein ist genauso erfüllend wie gegen Bezahlung zu arbeiten.“ (3) „Die Aufgabe des Mannes ist es, Geld zu verdienen, die der Frau, sich um Haushalt und Familie zu kümmern.“
Besonders hohe Zustimmungswerte zur traditionellen Rollenverteilung finden sich in Indien, den Philippinen, Taiwan und Ungarn, während niedrige Werte vor allem in Skandinavien (zum Beispiel Schweden, Dänemark, Norwegen) sowie zunehmend in Westeuropa (zum Beispiel Frankreich, Deutschland, Niederlande) zu beobachten sind. Die Geschlechterunterschiede sind in einigen Ländern zudem deutlich stärker als in anderen: In Russland etwa sind sie aktuell besonders groß, weil junge Frauen sich im Gegensatz zu jungen Männern seit 2012 deutlich von traditionellen Rollenvorstellungen entfernt haben. Auch in Taiwan wurde der Liberalisierungsprozess stärker von jungen Frauen als von jungen Männern getragen. In den meisten anderen untersuchten Ländern sind die Geschlechterunterschiede hingegen klein oder unterscheiden sich kaum – Beispiele hierfür sind Norwegen oder Neuseeland.
Der Social-Media-Trend der Tradwives könnte den Eindruck erwecken, dass traditionelle Geschlechterrollen starke Zustimmung bekommen. Die Zahlen zeigen aber das Gegenteil: In nahezu allen Ländern ist die Zustimmung rückläufig, und das sowohl bei jungen Frauen als auch bei jungen Männern. Besonders ausgeprägt ist dieser Rückgang in vielen europäischen Ländern, etwa in Deutschland, Frankreich, Spanien und Österreich. In Slowenien und Polen sind traditionelle Geschlechterrollen ebenfalls besonders stark aufgebrochen, wohingegen junge Menschen in anderen osteuropäischen Ländern, wie Bulgarien oder Ungarn, relativ traditionell geblieben sind. In den Philippinen und Indien bleiben die Zustimmungswerte zu traditionellen Geschlechterrollen ebenfalls hoch und relativ stabil – oder steigen sogar leicht an.
Die Entwicklung muss weiter beobachtet werden
Trotz der hohen Sichtbarkeit traditioneller Weiblichkeitsentwürfe auf Plattformen wie TikTok oder Instagram lässt sich also empirisch keine breite Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen nachweisen. Vielmehr deuten die Daten auf einen langfristigen Liberalisierungsprozess hin, auch unter jungen Männern. Selbst dort, wo Männer häufiger traditionelle Rollenbilder vertreten als Frauen, zeigt sich über die Zeit hinweg überwiegend ein langsamer Abbau dieser Bilder als eine Rückkehr zu traditionellen Idealen. Unsere empirischen Befunde gehen demnach in die gleiche Richtung wie qualitative und diskursanalytische Arbeiten zum Tradwife-Trend. Das Phänomen wird dort weniger als Ausdruck eines weit verbreiteten Einstellungswandels interpretiert. Die starke Präsenz entsprechender Inhalte gilt eher als Ausdruck von Dynamiken sozialer Medien und kultureller Polarisierung, als dass er als Hinweis auf dominante Lebensentwürfe junger Generationen gelesen wird.
Der Eindruck einer Rückkehr zum Hausfrauenideal sagt also möglicherweise weniger über Einstellungen junger Frauen aus als über gesellschaftliche Verunsicherungen. Symbolisch aufgeladene Bilder sollen in dieser Situation Halt geben. Die erhöhte Sichtbarkeit bedeutet noch nicht, dass der Trend tatsächlich sozial weit verbreitet ist. Er kann auch schlicht eine medial verstärkte Gegenbewegung zu etablierten Gleichstellungsnormen sein. Der Trend muss weiter beobachtet werden. Denn die Aufmerksamkeit, die dem Phänomen der Tradwives zukommt, verdeckt leicht, dass Fortschritte in der Gleichstellung maßgeblich davon abhängen, wie sich männliche Rollenbilder verändern – oder eben nicht.
Literatur
Beaufils, Constance/Chung, Heejung/Yuan, Shiyu: „Tradwife: Between Myths and Realities“. In: King‘s College London (Hg.): King’s Global Institute for Women’s Leadership Report, 2025. Online: www.kcl.ac.uk/giwl/assets/giwl-tradwifereport.pdf (Stand 24.02.2026).
Diabaté, Sabine/Kleinschrot, Leonie: „Tradwives – mehr Hype als Realität? Überzeugungen junger Frauen zur weiblichen Rolle“. In: BiB.Aktuell, 2025, Nr. 8. Online: https://www.bib.bund.de/ Publikation/2025/pdf/Tradwives-mehr-Hype-alsRealitaet.pdf?__blob=publicationFile&v=1
(Stand 24.02.2026).
Stolzer, Rebecca L.: „The (Anti)Feminism of Tradwives“. In: Terrorism and Political Violence, 2025. DOI: 10.1080/09546553.2025.2463588.
Unter dem Titel „Hashtag Tradwives. Was der Hausfrauen-Hype im Internet über Männer aussagt“ erschien der Beitrag zuerst in den WZB-Mitteilungen, Heft 191 „Männer“ | März 2026
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entstellender Fehler:
„tradewives“ hat nichts mit Tradition zu tun, „tradwives“ schon.
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