
„Postmodern links – Ein Appell an Systematik und Selbstreflexion“ ist der Titel eines Vortrags von Ilse Bindseil für disput, das Dresdner „Forum für kritische Gesellschaftstheorie und Bildung“. Dass „links“ wie alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen dem Zeitgeist unterworfen ist, zeigt sie in einer Art Retrospektive, auch einer persönlichen Aufarbeitung. Zugleich verdeutlicht sie, dass „links“ sich an einem Gesamtbegriff von Gesellschaft bewähren muss. „Zur Frage, wie es heute mit ‚links‘ steht, könnten sich andere ungleich kompetenter äußern. Ich verstehe die Frage an mich, die ich keine ausgewiesene, eher eine aus den kritisch-theoretischen 68ern übriggebliebene Linke bin, so: Was kann ich beitragen zu einer Bestimmung von links?“ Als „genuin links“ bleibt für Ilse Bindseil dabei „eigentlich nur die Haltung rigoroser Selbstkritik und, auf der affirmativen Seite, das Vertrauen in ‚links‘ als ein dem Kantischen ‚Geschichtszeichen‚ analoges „Begriffszeichen“ übrig, das mich auf dem rechten Weg hält.“ Bruchstücke dokumentiert den Vortrag ungekürzt. [at]
1 Links habe ich mir eingangs, und um überhaupt anzufangen, als eine Option definiert, vom gesellschaftlichen Rand her das Ganze zu erfassen. Als „Lage“ im Sinne von Engels vereinigt links materielle Depravation mit der Fähigkeit zur Solidarität, einem Altruismus, der auf Gleichheit nicht als Soll, sondern als Ist beruht und nicht politisch, sondern materialistisch begründet ist. Kommt eine Lust am Dissens hinzu, die sichtbar wird, wenn die Zahl derer, die die Einsicht zu Linken macht, die Bedeutung jener anderen, die von den Verhältnissen zu Linken gemacht werden, übersteigt. Hier muss ich an den 1965 von Studierenden erstellten Literaturkanon im besetzten „Germanischen Seminar“ der FU Berlin denken, auf dem an erster Stelle das liberale Junge Deutschland mit seinem Schlachtruf „Partei, Partei!“ figurierte. Der revolutionäre Vormärz kam später.
So wie ich links aus dem Stegreif definiert habe, existiert es nicht mehr. In dem Maß, in dem das „Problem des Zugangs zu bezahlter Tätigkeit (sich) vor die Problematik der Ausbeutung in Arbeitsverhältnissen (geschoben hat), hat, so H.-J. Arlt in seinem Buch über den „Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken“ und die „kooperative Dimension“ der „kapitalistischen Organisation von Arbeitsleistungen“ die Oberhand über die antagonistische bekommen hat, hat ein nicht hintergehbares Bündnis den Klassengegensatz von ehedem als gesellschaftliche Grundkategorie abgelöst. Dem Gegensatz ist nurmehr ein Ausweg gelassen, in den dürren Zahlen der „Arbeiterstimme“ (Nr. 230) vom Winter 2025 ausgedrückt: das Votum von Gewerkschaftsmitgliedern für rechts hat das Votum für links abgelöst.
Die von Arlt auf dem Backcover seines Buches programmatisch festgehaltene „moderne(n) Triade aus Ungewissheiten, Unsicherheiten und Unzufriedenheiten“, verstärkt noch durch die unabsehbare Pluralität der einzelnen Befindlichkeiten, hat sich zu einem Gestus der Souveränität, einer Art Ermächtigung verdichtet. Werden die auf dem Tableau der Begrifflichkeiten horizontal angeordneten Adjektive wechselweise zur Causa für die andern, dann sprengt das den vertikalen, den rationalen Bezug. An seine Stelle tritt ein irrationales Movens, genannt Trieb. In Umkehrung von Willy Brandts Interpretation der Wiedervereinigung, „Es wächst zusammen, was zusammengehört“, könnte man sagen: Es wächst zusammen, was nicht miteinander zu tun hat. Das Ergebnis ist ein Ausdruck des Hiats, der falschen Verknüpfung, und entsprechend sprengkräftig. Auch eine linke Partei, wie sie heute vermisst wird, hat unter solchen Auspizien keine Chance; sie wäre rechts.
Die Gleichheit des Einzelnen ist offenbar ein Projekt,
die Gleichheit aller war eine Voraussetzung.
Unter den Bedingungen einer globalen Kenntnisnahme ist zwar das Mitgefühl explodiert, aber Solidarität als politisches Potential hat abgebaut, nicht weniger Altruismus als geistiges Vermögen. Hier ist nun gleich zu Anfang ein Exkurs vonnöten. „Alle Menschen sind gleich!“ Dem entschlossenen Ist ist das Axiomatische abhandengekommen, von dem die Parole getragen wurde, als mehrheitliche Teile der Menschheit, Frauen, Kinder, Sklaven und wer weiß wer noch alles, gar nicht dazugezählt wurden. Alle war alle. Das war apodiktisch, wenn im empirischen Ergebnis auch nicht repräsentiert.
Heute heißt es: Jeder Einzelne ist gleich, und die dürftige Zuschreibung erweist sich als Füllhorn von Vorstellungen, Füllhorn von Differenzierungen, jeden Tag kommen neue dazu. Die Gleichheit des Einzelnen ist offenbar ein Projekt, die Gleichheit aller war eine Voraussetzung. Die konnte nicht errungen, ihrer konnte man nur gewahr werden. Solches Wissen war etwas anderes als das, was in der höheren Schule unter „Kennen und Verwenden“ gehandelt wird. Es war ein Bewusstsein. Hier hätte die richterliche Frage Sinn gemacht: „Waren Sie sich … bewusst?“ Die Gleichheit der Einzelnen setzte die Einzelnen, die Gleichheit aller Gleichheit voraus. Sie ruhte auf dem Fundament einer Ununterscheidbarkeit, die es unmöglich machte, nicht gleich zu sein. Exkurs Ende.
Wer links sein will, muss das latente Wissen, dass alle Menschen gleich sind, teilen, macht es Gesellschaft doch aus. Aus diesem Blickwinkel ist auch links nur eine Eigenschaft der Verhältnisse, derer man sich nicht bemächtigen kann, denen man sich vielmehr beugt. Wer links sein will, muss daher das Widersprüchliche der eigenen Position akzeptieren: dass man, um erkennbar links zu sein, sich partikularisieren, politisch am Rand situieren, auch auf (fast) alles verzichten muss, was die Gesellschaft einem umstandslos gewähren würde, wäre man nur nicht links.
Schließlich heißt es in der Positionsbeschreibung ausdrücklich „links“ und nicht „alles“.
Daraus ergibt sich die Forderung, nicht nur das Schicksalhafte, auch das Scheinhafte der eigenen Position im Auge zu behalten, will man sich der tiefgreifenden Entfremdung und Verstörung nicht beugen, die das Lebensgefühl verdirbt, ohne die gesellschaftliche Erkenntnis zu fördern. Im konkreten Alltag kann die tapfere Parteinahme für die ohnmächtigen Armen gegen die mächtigen Reichen ein Wegweiser, auch ein Stellvertreter für die Erkenntnis sein. Sekundiert von der elitären Parteinahme der wenigen Klugen für die sprachlosen Vielen, ist der Gewinn dahin.
Denkt man links dagegen jenseits von allen ideologischen Bestimmungen als einen im Grunde leeren Ausdruck für die Wirklichkeit, dann wird der Blick frei für den apodiktischen Charakter der Gleichheit oder vielmehr umgekehrt: der apodiktische Charakter der Gleichheit stellt den philosophischen Bezug zur Verfügung für das, was wir links nennen. An ihm können wir messen, was wir für links halten, von ihm uns inspirieren lassen. Denn ohne einen solchen Bezug ist auch links nur ein Blatt im Wind.
2 Ich wechsele in einen anderen Exkurs. Die Gleichheit der Einzelnen kann als das Projekt der Postmoderne bezeichnet werden. In seiner Unbedingtheit – „Seid ihr alle da?“ –, seinem Fokus nicht nur auf Einzelheit, auch auf Vollzähligkeit steckt ein Moment von Unmöglichkeit, das eine beständige Unruhe nährt. „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet“, hieß es im frommen Lied, als „alle“ noch Synonym eines unverletzlichen Allgemeinen war. Wenn man sich heute ans Aufzählen macht, schwant einem bereits: Immer fehlt was. „Ups, hab ich vergessen“, könnte ich sagen und mir keinen Kopf machen, zumal Unvollständigkeit zur produktiven Natur der Spezifikation gehört, die per Definition unvollständig ist. Dem Versäumnis wäre mit „usw.“ Rechnung getragen, existiert das Fehlende doch auch ohne mich.
Aber genau das scheint heute das Problem zu sein. Angst bestimmt das postmoderne Aufzählen: Habe ich alle genannt? Mich verhaspelt? Verzählt? Ob ich noch mal von vorn anfange? Wie stelle ich es an, dass auch die dabei sind, die ich nicht genannt habe, auf die es aber ankommt? Und wie stelle ich sie dar, anders gefragt, wie muss ich sie nennen? Wann sind sie so genannt, dass sie – existieren? Ich hasse die postmodernen Listen und Litaneien, die Aufzählungen und Abkürzungen, die mich an meine katholische Kindheit erinnern, an die Strategien gegen die Angst, an die intime Bekanntschaft mit der Schuld.
Ich finde die Praktiken der postmodernen Achtsamkeit nicht nur absurd, sie sind mir ein Graus.
Dass solche Strategien Konjunktur haben, könnte man auf die fortschreitende Vergeistigung der Materie, deren Wesentliches jetzt eben in Wörtern stattfindet, müsste es gleichzeitig aber auch auf die fortschreitende Verdinglichung des Geistes beziehen, wodurch – es fällt schwer, dabei nicht ans Mittelalter zu denken − Nennen und Existieren seltsam zusammenfallen; der Zwischenraum fehlt, das, was sich zwischen ihnen ereignen könnte, Reflexion. Man könnte darin den Siegeszug des „allgemeinen Intellekts“ gewahren, seinen Auszug aus dem dunklen Schichten des Materialismus ins helle Licht der Technologie. Wo Ich war, ist Es geworden, so könnte man es ein wenig ironisch ausdrücken.
Jenem residualen Bereich, der in Kulturerörterungen als „immateriell“ apostrophiert und vor allem mit Sprache und Bild assoziiert wird, scheint neuerdings die Entscheidung über Sein und Nichtsein aufgebürdet, eine unheimliche Vorstellung, jedenfalls für ein konservatives Bewusstsein, das an der Vorstellung von „da sein“ als „fest sein“ hängt. Beschwörende Aufzählungen − auf Parteitagen auch: ehrwürdigen Anwesenheiten –, sind für die ehemals konfessionell geprägte Mehrheit, Leute wie mich, religiöse Praktiken. Vermutlich nicht nur für Katholiken transportieren sie den Schrecken einer angsterfüllten Kindheit. Für Kritische Theorie von altem Schrot und Korn sind sie eine Karikatur des Denkens, psychodiagnostisch Inszenierungen nutzloser Vorsorge, Zwangshandlungen.

Ich, wie gesagt, hänge da „voll mit drin“, nicht nur in der Religion, auch in der Kritischen Theorie, der Psychopathologie. Ich finde die Praktiken der postmodernen Achtsamkeit nicht nur absurd, sie sind mir ein Graus. Ich muss mich abwenden. Denk an was anderes, befehle ich mir streng, muss aber immer an den Hasen auf dem Cover meiner Kinderfabeln denken. Dabei hat er mit der religiösen Sache gar nichts zu tun. Aber für mich ist er Sinnbild einer nutzlosen Anstrengung, eines vergeblichen Entkommens. Gegenüber der Schildkröte hat er sich mit seiner Schnelligkeit gebrüstet und liegt jetzt „bis in alle Ewigkeit“ der Länge nach hingestreckt und seine Ohren streicheln den staubigen Boden.
Die Härte, mit der heute eine spezifizierte Anerkennung eingefordert wird durch einen Vorgang, den man gestern noch verächtlich als formalistisch und bürokratisch denunziert, in Zeiten, als der Handschlag galt, als „das Schriftliche“ bezeichnet hätte, eine Beglaubigung „auf dem Papier“, von dem jeder wusste, dass es geduldig ist, sie spiegelt nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Luft buchstäblich dünner geworden ist, auch ein grundlegendes Selbstmissverständnis, was die Rolle des Geistes in der modernisierten „Ordnung der Dinge“ betrifft. War Geist in der von Foucault beschriebenen Welt der Angelpunkt des Seins und der Materie verlässlich vorausgesetzt, so ist er heute das Milieu, in dem Sein unmittelbar stattfindet. Unter diesen Voraussetzungen gerät eine Theorie, zumal wenn sie den Elfenbeinturm verlässt und sich tapfer dem Zeitgeist stellt, allzu leicht auf Abwege. „Ach, das ist eine Alt-Lesbe“, hieß es schon damals – hunderte von Jahren scheint es mir heute her − von meiner Nachbarin im Seitenflügel, um zu erklären, warum man sie auf den Demonstrationen nicht traf und auch in keiner Arbeitsgruppe, in der über ihr Selbstverständnis diskutiert wurde. Zweiter Exkurs: Ende.
3 Wie immer, wenn etwas durch äußere Einwirkung – hier das Ende des Realsozialismus in den östlichen Ländern – zusammenbricht, arbeiten sich die inneren, auch für Westeuropa heißt das, die eigenen Gründe ans Licht. So kann der Niedergang des hiesigen sozialistischen Bewusstseins ebenso gut als Zusammenbruch von Selbsttäuschungen beschrieben und als vorderster Grund die von Marx sprichwörtlich so genannte „Kritik“ als „Kopf der Leidenschaft“ genannt werden, das heißt die Dominanz der Theorie über die Verhältnisse, des Subjekts über die Materie. In dieser Konstellation fällt das Verschwinden des Subjekts mit dem Erscheinen des Selbst als dessen manischer Form zusammen und fällt dank seiner nicht weiter auf. Dass das Letztere als Sieger auf dem Feld bleibt, hat, die Kritische Theorie hat es zeitgleich denunziert, mit der gesteigerten Bedeutung von Konsum und Werbung für die gesellschaftliche Reproduktion zu tun. Musil würde von einer gigantischen „Parallelaktion“ sprechen, die Kritische Theorie sprach bekanntlich von Verblendung.
„Weiß nicht“, die Antwort, für die man früher durchgefallen wäre, jetzt weist sie den klugen Menschen,
womöglich den Fachmann aus.
Systemtheorien, die die gesellschaftlichen Einrichtungen phänomenologisch, in ihrer Funktion abbilden, haben vor der kritischen Theorie den Vorzug stupender Vollständigkeit; da sie nicht urteilen, müssen sie auch nicht aussortieren. Hier ist ein dritter Exkurs fällig: Will die kritische Theorie den Bezug zur Wirklichkeit nicht verlieren, muss sie sich von ihrer Lieblingsvorstellung verabschieden, von dem Gedanken, wie wir es früher ausgedrückt hätten, „das einzige Tier im Stall“ zu sein, denn auch anderswo wird „in Geist gemacht“ und manche, eher oberflächlich wirkende Betrachtung trifft die Sache besser. Wie es scheint, hat der „allgemeine Intellekt“, ehemals verborgen wie Gott, den Schauplatz seines Handelns in den Vordergrund verlegt. Diese nicht eben philosophische Zuschreibung scheint an der vorläufig letzten Etappe seiner Karriere das Wesentliche zu fassen.

„Der flache Franz“, der Titel des Buches von Jeff Brown und Tomi Ungerer aus dem Jahr 1980, fasst es für mich in ein Bild. Dabei erinnere ich mich sehr gut, dass ich es selbst „flach“ fand, damals, und nicht bereit war, mich darauf einzulassen. Die technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte musste nachhelfen. Dass der Gebrauch des Displays ein anderes Vorgehen impliziert als Stift und Papier, ein ganz anderes Bewusstsein von der Zerlegbarkeit des Gedankens und der „Korrektibilität“ der Formulierung, erfährt heute jeder, der mit dem Schriftlichen zu tun hat. Es geht um die Horizontalität, das systematisch Flache, das in sich Flächige eines Geschehens, das früher als vertikal erlebt wurde, als das berühmte Vordringen in die spekulative Tiefe, und jetzt die Erfahrung der Verschiebbarkeit produziert, die es ermöglicht, den Gedanken „in seine Einzelteile zu zerlegen“, dabei nicht nur der schlüssigen Wahrheit, auch der zufälligen Verknüpfung Raum zu geben, das, was man schafft, nicht mehr zu schätzen, als das, worauf man stößt und was sich ergibt und diese gemeinschaftlich aus gedanklicher Anstrengung und technischem Zufall gebildete Wahrheit als ein Zeugnis ursprünglicher Gesellschaftlichkeit zu akzeptieren.
Charakteristisch ist das Verschwinden des metaphysischen Anteils am geistigen Vorgang. Ehemals Repräsentant eines unbekannten Ganzen, wird er zum Inbegriff alltäglicher Kontingenz: „Weiß nicht“, die Antwort, für die man früher durchgefallen wäre, jetzt weist sie den klugen Menschen, womöglich den Fachmann aus. Nur Dumme glauben, wie die Rechner laufen, hänge von ihrem Wissen ab. Wenn der Gedanke nicht länger Anspruch auf ein spekulatives Moment erhebt, kann die Materie ihren Anteil umso lauter reklamieren, Stichwort Seltene Erden. Eine „Brandmauer“ sind sie gegen die Vergeistigung, dabei selbst ein urgeistiges Erzeugnis, Gebrauchswert und Fetisch in eins. Dritter Exkurs: Ende.
4 Als um 2018 ein ominöser Satz – „lieber rechts als kein Israel“ (Thomas Maul) − in die Welt kam, dessen beide Bestandteile in ein Verhältnis gebracht waren, das von keinem logischen, keinem grammatischen Bezug getragen wurde, war das nicht bloß etwas Neues, sondern etwas Umstürzendes, ein Abschied der Linken zumindest von der westdeutschen Spielart des Linksseins. (In Frankreich schon 2024, siehe ein Artikel von Marc Zitzmann in der FAZ vom 21. Februar 2026, der an das Votum des „in Ehren ergrauten Nazi-Jägers“ Serge Klarsfeld erinnerte, im Fall einer „Stichwahl würde er ohne Wenn und Aber“ für den Rassemblement national stimmen.) Dem Satz sah man Umstürzen noch an: Da hatte jemand den Sprung gewagt. Er hatte „das Geistige“ mit all seinen Verpflichtungen und Attitüden durchschaut und sich losgesagt. Bis dahin war die ebenso bewunderte wie bespöttelte Theorielastigkeit der Linken ein wesentlicher Teil ihrer Identität gewesen. Sie reichte bis in ihre Alltagspraxis hinein, die eben nicht nur aus Steinewerfen, Lohnverhandlungen, Streiks und Demonstrationen, sondern auch aus einer Form des Nachdenkens, dem berüchtigten Theoretisieren, bestand, das von Alltag und Umwelt, nicht zuletzt von den Mitmenschen entfremdete.
Was wird aus der linkslastigen Theorie, der theorielastigen Linken, wenn der Bezug von links und theoretisch
nicht mehr existiert?
Die seltsame Formel „lieber rechts als kein Israel“ beendete solche Form des Nachdenkens. Sie war wie eine Kriegserklärung. Die Frage hätte sich anschließen müssen: Was wird aus der linkslastigen Theorie, der theorielastigen Linken – im bundesdeutschen Milieu gleichermaßen idealisiert und verteufelt –, wenn der Bezug von links und theoretisch nicht mehr existiert? Wenn er sich in Luft aufgelöst hat, was wird dann aus links? Wenn er sich in Luft auflösen konnte, wie stand es dann vorher mit der Verbindung?
Die als rechts apostrophierte Kehrtwendung vom Formalen zum Fundamentalen wurde in der Folge mit der gewohnten Hartnäckigkeit begründet, so als ginge es im Kern doch wieder nur um Theorie, oder als wäre die immer schon praktisch, logische Richtigkeit und praktische Parteinahme immer schon das gleiche. Das aber war eine Sünde wider den konventionellen Geist des Gedankens und man hätte darüber stolpern, man hätte sich dabei aufhalten, damit beschäftigen müssen. Sprachlich eine Fehlleistung oder aber mit Aplomb falsch, verriet das berüchtigte Statement gleichwohl ein Bewusstsein seiner selbst: es pointierte den Paradigmenwechsel. Es bestritt die Behauptung der Linken, aufgrund ihres gleichsam angeborenen, mit ihrem Entstehungsgrund tief verbundenen Antifaschismus bzw. umgekehrt aufgrund ihres mit dem Antifaschismus tief verbundenen Linksseins sei Israel bei ihnen besser aufgehoben als bei allen anderen; nicht, zum Beispiel, beim Axel-Springer-Verlag, dem ewigen Konkurrenten.
Als 2022 auf der Documenta Kassel das koloniale Schicksal der Dritten Welt in einen Gegensatz zum Mord an den Juden geriet, da offenbarte die peinliche Lage der Veranstalter eine andere Selbsttäuschung der Linken, für die das Nationalbewusstsein entrechteter Völker stets in verlässlichem Gegensatz zum völkischen Bewusstsein gestanden hatte und daher auch für die Hiesigen eine Perspektive verkörperte. „Ab nach Kassel“, der Spruch von 1881, der Napoleon III gegolten hatte, lieferte gleichsam den satirischen Hintergrund für die Übersprungshandlung, die Indonesien an einen Ort beförderte, an dem ihm nichts Gutes blühen konnte. Ich hätte mich darüber amüsieren mögen. In der unerbittlichen Feindseligkeit der sich anschließenden Auseinandersetzung wurde das Komische freilich ertränkt, wobei die eigentümliche Bodenlosigkeit des Skandals als Treibmittel für den Ernst fungierte.
5 Mit dem Kolonialismus, der als Grundlage des heutigen linken Diskurses fungiert, verbindet mich kaum mehr als eine familiäre Anekdote, hatte mein Vater, der sich, niedergedrückt vom Schuldgefühl seiner Generation, der politischen Äußerungen gewöhnlich enthielt, sich doch einmal − mir kommt es vor wie ein einziges Mal − Luft gemacht: Wenigstens darin habe Deutschland Glück gehabt, raunte er mir zu, dass es heute ohne Kolonien dastehe, so dass ausnahmsweise einmal andere gehasst würden. Das muss in den Jahren gewesen sein, in denen das kleine Belgien eine finstere Rolle spielte und Kinshasa so vertraut war wie, denke ich wütend, heute − Kassel. Gehasst zu werden war etwas Unerhörtes für meinen Vater, etwas schlechterdings nicht Verträgliches. Zu erleben, wie andere gehasst wurden, erlaubte ihm, selbst zu hassen, wiewohl er, so empfand er es, als Deutscher genau dieses Recht ein für alle Mal verspielt hatte.
Vielleicht hat seine Bemerkung gewirkt, denn ich habe mich für den Kolonialismus nicht einmal dann interessiert, als der deutsche Anteil ans Licht kam. Da er seinerzeit keinen verlässlichen Unterschied zwischen der sich konstituierenden antiautoritären und der persistierenden Nazi-Generation verbürgte, war er kein Thema. Der NS war das Thema. In der an den NS-Staat angrenzenden Bundesrepublik, die sich vom Dritten Reich losgesagt hatte, ihn in ihrem Personal und ihren Einrichtungen zugleich fortsetzte, stand er für die Quadratur des Kreises, war gleichzeitig konstruktiv und destruktiv, immanent und transzendent und geeignet, durch die Entlarvung der bestehenden Strukturen und die Nennung der noch anwesenden Schuldigen den bundesrepublikanischen Frieden zu stören. Was daran Selbsttäuschung war, das wurde durch systematisches Nachdenken wettgemacht. Die Distanzierung von der Gesellschaft bekam dadurch etwas Verlässliches. Von Anfang an galt solches Denken ja als Beweis für eine linke „Einstellung“, wodurch der Umkehrschluss befördert wurde, jegliche geistige Anstrengung würde unausweichlich nach links führen. Ich muss gestehen, etwas in mir glaubt das immer noch. Eigentlich handelt es sich um eine magere Zuschreibung. Aber gerade in ihrem Anspruch auf Totalität erscheint sie mir immer noch wahr.
Jene andere Form des Kolonialismus, wobei,
statt dass wir ausschwärmen, fremde Reichtümer zu holen,
andere herkommen, um unsere Arbeit zu tun…
Für ein unbeeinträchtigtes Verständnis des Kolonialismus fehlt mir bis heute die räumliche Vorstellung. Zwischen der physischen Gestalt der Erde und mir klafft ein Loch. Da mein Kopf eine Kugel ist, denke ich, muss die Erde eine Scheibe sein. Patagonien suche ich der lautlichen Nähe zu Tasmanien wegen beharrlich in Australien, und was die westindischen Inseln betrifft, bin ich bei Kolumbus stehengeblieben. Jene andere Form des Kolonialismus, wobei, statt dass wir ausschwärmen, fremde Reichtümer zu holen, andere herkommen, um unsere Arbeit zu tun, ist dagegen wesentlicher Teil meiner Erinnerung. Zwar bin ich selbst ausweislich als “Heimatvertriebene“ kategorisiert, aber denken kann ich meine Jugend nicht ohne die „Gastarbeiter“. Den in dieses Wort gefassten Kolonialismus mit seinen Momenten spontaner, nicht problematisierter Apartheit kann ich noch heute „auf den Tod nicht leiden“, und fühle mich schnell als Kolonialherrin apostrophiert und werde feindselig, wenn jemand Anerkennung von mir einfordert, so als hätte ich sie zu vergeben. Dadurch, dass sie nicht erbettelt, sondern eingefordert wird, ist das „Onkel Toms Hütte“-Syndrom, was mich betrifft, ja nicht überwunden.
Außerdem wird Anerkennung nie und nimmer gewährt. Sie ist der Reflex eines gesellschaftlichen Sachverhalts, den die Ideologie nicht länger ignorieren kann. Im Tête-à-Tête der persönlichen Auseinandersetzung wird sie den kolonialen, den feudalen Stallgeruch nicht los. Auch emanzipiert kann man übrigens nicht werden. Die Grammatik lässt es nicht zu. Um die politisierte migrantische, insbesondere die feministische Community mache ich darum einen Bogen. Zuflucht suche ich bei Leuten, die ich vorfinde, mit denen ich leben kann, die eine eigene Sprache sprechen, der ich mich anschließen kann: „Ich geh Kotti.“
6 Damit aus dem Klassengegensatz ein Klassenkampf wurde, musste er, so lehrt es die linke Geschichte, erst einmal als solcher begriffen werden. „Doch Marx zu lesen war noch schlimmer als Kant“ (62), sagt in Ilona Jergers Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ (Berlin 2017) der Doktor, der sich als Hausarzt gleich um beide Heroen des 19. Jahrhunderts bemüht. „Die Texte in seinem Werk, die ihn als Ökonomen ausweisen“, erklärt er dem anderen Patienten, „sind so verzwickt und verschachtelt, dass ich sie nicht verstehe.“ Die Nähe, die die Marxsche Rede von der Entfremdung erzeugt, auch die vom Doktor gerühmte „bildgewaltige und klare [Sprache]“ der „agitatorischen Texte“, bereitet seinem theoretischen Verständnis offenbar nicht den Weg. Im Gegenteil, es scheint ein Moment von Täuschung, aber auf wessen Seite, im Spiel. Schwer zu sagen, wer der Getäuschte ist, jener, der sich an der Sprache begeistert hatte, oder die gesellschaftliche Objektivität, die zu ihrem Verständnis mehr verlangen könnte als bloß ein bisschen Begeisterung.

Ich empfinde wie der Arzt, wenn er versucht, Darwin zu verklickern, was es mit Marx auf sich hat. Als Grund habe ich bei mir einen schon neurotischen Widerstand gegen Fremdbestimmung ausgemacht, gegen „Überwältigung“, wie sie sich für mich auch in einer verselbständigten Abstraktheit ausdrückt, in der impliziten Forderung: Theorie gegen Leben. Der menschenfreundliche Mediziner, den sich die Autorin ausgedacht hat, ist durch seine Berufsauffassung in Gegensatz zu den herrschenden Verhältnissen geraten. Er hat erfahren, dass er, um in allen Ehren links zu sein, die Ökonomie nicht unbedingt braucht. Ihm reicht, dass es sie gibt. Unbefangen zerteilt er Marx in den Spezialisten und den Philosophen, auch den Agitator. Er fühlt sich nicht genötigt, das verzwickte Verhältnis von Ökonomischem und Politischem zu problematisieren, über das seltsam Ungeklärte, ja Unzusammenhängende daran gerät er mitnichten in Rage; muss er auch nicht, er so wenig wie die Autorin, ist er doch von der Berufsbeschreibung her ein Menschenfreund, und sie schreibt Romane. Andere müssten, aber wer genau?
Und wer will in eine Auseinandersetzung einsteigen, die in einer sonderbaren Konkurrenz zu ihrem Gegenstand steht, Stichwort Wert. So als ginge es bei der Erklärung darum, das zu Erklärende zu toppen, so als müsste sie ihre Richtigkeit durch – Kongenialität beweisen, durch einen Sprung, religionsphilosophisch ausgedrückt, aus den Gründen ins Gründende. Dabei ist Einfachheit, ob als mathematisches Prinzip, Richtschnur für die alltägliche Verständigung oder als moralisches Prinzip, ein ausgewiesenes, ich will nicht sagen das allein seligmachende Kriterium für Richtigkeit. Wie heißt es doch: Deine Rede sei ja ja oder …? In ungenierter Differenz zu dem, was „objektiv kompliziert“ ist, hält solche Rede das unendlich teilbare, aber nicht zerteilbare Eine, die Einheit, fest. Formuliert die politische Ökonomie – das trivial Zusammengesetzte des Begriffs legt es nahe − einen monopolistischen Anspruch auf den gesellschaftlichen Widerspruch, so das kritische Subjekt leider einen ebensolchen Anspruch auf das Denken. Der Abscheu, den die abendländische Subjektphilosophie vor dem Buddhismus empfand, das hegelsche „om, om“, ist nur ein Beispiel dafür, welche Angst das Subjekt vor der eigenen Abwesenheit empfindet, so als könnte, wenn nicht Subjekt ist, nur Leere sein. Wieder einmal im Kinderbuch-Modus, stelle ich mir eine Uhr mit altmodischen Zeigern vor, das Subjekt der große, das Denken der kleine Zeiger. Dreh doch mal den anderen Zeiger, sagte ich zu den Kindern, wenn wir gemeinsam an der selbstgebastelten Uhr lernten.
7 Antisemitismuskritik und Feminismus: Für mich sind sie die beiden Säulenheiligen der zeitgenössischen Moderne. Ausgerechnet ich, die noch nie mit Bildern zu tun hatte, geschweige denn in Bildern gedacht habe, noch weniger durch Bilder erschreckt wurde, sehe sie vor mir wie in einem Traum. Da stehen sie am Eingang der Halle, in der das große Palaver stattfindet, die gesellschaftliche Rede über sich. Hoch aufgerichtet stehen sie zu beiden Seiten der Tür und sagen: Wer nicht für uns ist, der kommt nicht rein. Heißt für mich, der darf nicht mitdenken. Ich war versucht, sie gleich als die Totengräber des Gedankens zu bezeichnen, da war es, als hätte mir jemand die Madeleine in die Teetasse getaucht. Ich sah mich als selbst ernannte Anwältin des Denkens in einer Reihe mit den Anwälten der Frauen, der kolonialisierten Völker, der Migranten, gebannt in eine Auseinandersetzung um Identitätsfindung, eine Auseinandersetzung, die auf Abspaltung beruht und durch Totalisierung geschürt wird. Links kam gar nicht vor. Bin ich, vom Zeitgeist imprägniert, mit der gleichen Blindheit geschlagen, die mich bei andern erzürnt? Das ist kein Gedanke, tröstete ich mich, nur ein Bedenken. Zwar ärgert mich das fehlende Bewusstsein des Denkens inmitten seines uferlosen Gebrauchs enorm, und was ich für seinen Missbrauch halte, erfüllt mich ganz unphilosophisch mit Wut. Aber Wut macht auch Schuldgefühl. Denk an was anderes, sagte ich mir.
„Um mit dem Antisemitismus fertig zu werden, muss man im Prinzip aufhören, ihn zu bekämpfen. Man muss aufhören,
sich für ihn zu interessieren,
und sich stattdessen für die Gesellschaft interessieren.
Es muss, wieder einmal, um die documenta Kassel gewesen sein. Da hatte ich mir bereits vorgenommen, wenn ich einmal gut beieinander wäre, das von mir empfundene Dilemma eines jeglichen Begriffs zu beschreiben: dass er herstellt und verewigt, was er zerstören und beenden will. Ich wollte das mit Hilfe des freudschen Begriffs der Sachvorstellung, Inbegriff der verdinglichenden Arbeit des Unbewussten, zeigen. Beispiel sollte der Antisemitismus sein, ein Begriff, an dem im Übermaß gearbeitet worden ist und das Verzweifelte einer Kritik mit Begriffen gegen Begriffe wie unter dem berühmten Brennglas zeigt. Als ich so weit war, da las ich, wie gesagt „um Kassel herum“, in einem der zahllosen Statements, die den Eklat verarbeiteten, es gehe nach Jahren vergeblicher Überzeugungsarbeit nicht länger darum, Antisemiten etwas zu erklären, sondern sie zu bekämpfen. Damit war der gordische Knoten durchhauen, in einem Paradigmenwechsel das Problem nicht theoretisch gelöst, sondern als praktisches benannt, die Notwendigkeit einer Erklärung damit beseitigt.

So machte ich selbst einen praktischen Vorschlag, an eine Reihe Überlegungen anschließend, die ich, Swifts „bescheidenen Vorschlag“ im Kopf, unter der Überschrift „In meinem Staat“ im digitalen „Prinzessinnenreporter“ veröffentlicht hatte. Dieser hier erschien unter der Überschrift „Antisemitismus verbieten“ im Themenheft „Spalte und herrsche“ von Ästhetik & Kommunikation (H.190/191, S. 19-21). Gut möglich, übrigens, dass das Cover dieses Heftes – es handelt sich um eine Collage von Andreas Galling-Stieler −, mit dem ich mich seines marmornen Anblicks wegen schwertat, meinen „Traum“ von den Torwächtern, den Totengräbern, bewirkt hat. „Um mit dem Antisemitismus fertig zu werden“, hatte ich damals geschrieben, „muss man im Prinzip aufhören, ihn zu bekämpfen. Man muss aufhören, sich für ihn zu interessieren, und sich stattdessen für die Gesellschaft interessieren. Das ist leichter gesagt als getan, erscheint die Abwendung doch als Verrat an den Opfern, an der Geschichte ebenso wie am theoretischen Auftrag, sich mit welchem Gegenstand auch immer auseinanderzusetzen. Eine Herausforderung ist es für die Theorie wie für die Praxis. Was letztere betrifft, könnte man sich eine Reduktion des strafrechtlichen Kanons auf einen einheitlichen Tatbestand vorstellen, der sich auf den Verstoß gegen die gesellschaftlichen Regeln kapriziert. Was auf den Tabubruch, gar die Sünde zusteuert, hätte in diesem Kontext keine Chance. Selbst der Verstoß gegen die erhabenen Forderungen der Humanität würde an der Gleichgültigkeit gegenüber allem scheitern, was über die trivialen Erfordernisse hinausgeht. Antisemitismus, Gewalt gegen Frauen, Rassismus würden nicht entsprechend der ihnen innewohnenden Substanz, sondern entlang der Skala der Beleidigung, Belästigung, Beschädigung bewertet. Der Vielfalt des Unrechts würde mit der Einfalt der Gesellschaft, der Ausdrucksstärke des Affekts mit der Gleichgültigkeit der Paragrafen begegnet, dem Täter – nicht nur dem Opfer − die ausdrückliche Anerkennung verweigert.“
Aber sie rumort immer noch in mir, die Aufforderung, der freudschen Sachvorstellung einmal „richtig gerecht“ zu werden, scheint sie doch die fatale Eigenschaft der Begriffe zu beschreiben, nicht nur sich selbst für die Sache, sondern den Begriff auch für etwas Sächliches zu halten. Gegen solche Dummheit und Arroganz hilft bekanntlich nur – Ideologiekritik, die radikale Auflösung „falscher Vorstellungen“. Unter diesem Gesichtspunkt könnte ungeachtet seines Mangels an Zeitgeistigkeit und Solidarität das Denken heute als links bezeichnet werden. Oder vielmehr, ohne eine festgehaltene Vorstellung von (radikal) links käme es nicht zustande.
Entdecke mehr von bruchstücke
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.