
Elon Musks unternehmerische Erfolge sind seit jeher eine Kombination von nicht eingehaltenen Versprechungen und erstaunlichen Erfolgen. Menschen sind bereit, seine Phantasien und Träume im wahrsten Sinne des Wortes für bare Münze zu nehmen. So verkauft Toyota zwar sechsmal mehr Autos als Tesla, doch an der Börse ist Tesla dreimal so viel wert wie der japanische Konkurrent. Mit dem Börsengang von SpaceX hat der demokratie- und menschenverachtende Multimilliardär allerdings endgültig den Boden der Realität verlassen. 2055 sollen eine Million Menschen auf dem Mars siedeln, und riesige Datenzentren sollen im Weltall entstehen. Das ist pure Science-Fiction. Der Börsenwert von fast 2 Billionen ist eine realitätsfreie Wette auf die Zukunft.
SpaceX müsste bis 2030 seinen KI-Umsatz von 3,2 auf 322 Milliarden steigern, der Gesamtumsatz müsste sich bis 2040 verhundertachtzigfachen, und statt 5 Milliarden Verlust müssten bis 2040 Gewinne von 2,7 Billionen erwirtschaftet werden, um ein marktübliches Verhältnis von Börsenwert, Umsatz und Gewinn zu erreichen. Dass zahlreiche Großbanken und Finanzanalysten so etwas angeblich für möglich halten, dürfte eher ihren Geschäftsinteressen als ihren Analysefähigkeiten geschuldet sein.
Musk hat eine globale Fangemeinde
Nun darf jeder jeden Unsinn verkaufen, solange er genug Deppen findet, die ihn kaufen. Im Prinzip beruht jede Aktienblase darauf, dass sich ein größerer Trottel findet, der überteuerte Aktien kauft. Solange alle an den immerwährenden Kursanstieg glauben, können alle verdienen und manche sogar sehr reich werden. Aber auch für den Aktienmarkt gelten die Gesetze der Schwerkraft. Irgendwann folgt auf Phantasiepreise eine harte Landung. Früher oder später kommt der Minsky-Moment. Die Börseneuphorie kollabiert, die Blase platzt.
Musk hat eine globale Fangemeinde, die ihm faktenfrei alles glaubt und alles abkauft. Der astronomische Preis von 135 US-Dollar pro Aktie war dann auch dreifach überzeichnet. Die von ihm durchgesetzte Governance-Struktur gibt ihm unbeschränkte Entscheidungsgewalt: Führerkult statt Shareholder Value. Aber auch hier gilt: Solange Menschen Musk – in der Hoffnung, er werde sie reicher machen – freiwillig ihr Geld anvertrauen, mag es einem dämlich erscheinen, aber es gibt keinen Grund, irgendjemanden daran hindern zu wollen, der eigenen Gier zu folgen und das Glück versuchen zu wollen.

Problematisch wird es allerdings, wenn Menschen unfreiwillig oder sogar gezwungenermaßen ihr Geld in Elon-Musks Phantasien anlegen müssen. Seit der Jahrtausendwende sind ETFs oder Indexfonds, also passive Investmentfonds, die Aktienindizes folgen, immer populärer geworden. Vor allem dem wenig sachkundigen Kleinanleger bieten solche Fonds eine vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit, am Aktienmarkt mitzuverdienen. Viele Pensionsfonds haben auf solche passiven Fonds umgestellt. Sie sind einfacher und kostengünstiger zu managen als teure aktive Fonds, die trotz hoher Kosten keine besseren Ergebnisse als Marktindizes erzielen. Die Standardprodukte bei dem von der Bundesregierung beschlossenen Gesetz zur privaten Altersvorsorge werden in der Regel solche Indexfonds sein.
Ein automatischer Nachfragemechanismus
Entscheidend für die Solidität eines Index ist dabei die Qualität der in den Index aufgenommenen Unternehmen. Der S&P 500 nimmt daher Unternehmen frühestens ein Jahr nach dem Börsengang und nur dann auf, wenn sie Gewinne machen. Musk konnte – weil möglichst viele an diesem gigantischen Börsengang mitverdienen möchten – allerdings durchsetzen, dass SpaceX schon wenige Tage nach dem Börsengang in Indizes wie dem Nasdaq 100 aufgenommen wird. Ist ein Unternehmen erst einmal in einem Index, müssen die entsprechenden Indexfonds automatisch diese Aktie zukaufen, um weiterhin alle im Index vertretenen Aktien entsprechend ihrer Kurse abbilden zu können. Indexfonds haben deshalb bereits für geschätzte 20 Milliarden SpaceX-Aktien kaufen müssen, und je mehr diese automatische Nachfrage den Kurs befeuert, desto mehr muss nachgekauft werden.
Bei der Gewichtung einzelner Unternehmen in Indizes wird nicht der Gesamtwert des Unternehmens, sondern nur der im Streubesitz befindliche, frei handelbare Aktienanteil berücksichtigt. Dieser Anteil liegt bei SpaceX im Moment nur bei 3–4% des Gesamtaktienvolumens. Daher ist das Gewicht im Index noch weniger als 1%. Je mehr institutionelle Aktienbesitzer allerdings beginnen, ihre Aktien zu verkaufen, desto größer wird der frei handelbare Aktienanteil, und desto mehr SpaceX-Aktien müssen automatisch von Indexfonds gekauft werden. Es gibt also quasi einen automatischen Nachfragemechanismus. Beim Börsengang am Freitag wurden ca. 25% der Aktien von Indexfonds gekauft. Sollte der frei handelbare Streubesitz in Zukunft beispielsweise auf 50% steigen, wären zusätzlich Aktien im Wert von ca. 500 Milliarden auf dem Markt. Indexfonds würden dann automatisch für ca. 100 Milliarden SpaceX-Aktien kaufen müssen. Insider können ihre astronomisch bewerteten Aktien zu Geld machen, während die Kleinanleger über ETFs und indexierte Pensionsfonds automatisch die teuren Aktien kaufen.
Viele ETF-Besitzer sind sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass ihre Ersparnisse bei Elon Musk landen. Nun muss niemand einen ETF kaufen, aber inzwischen sind in vielen Ländern auch die großen Pensionsfonds in erheblichem Maße in Indexfonds investiert. Viele Milliarden aus Pensionskassen fließen in die Taschen von Elon Musk und anderer Großaktionäre von SpaceX. Millionen Menschen werden durch ihre Altersvorsorge zu unfreiwilligen Financiers von Elons Reise zum Mars.
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