
Wenn ich meiner Lektüre nach-denke, wirft die Gedankenfreiheit, zu der das Buch einlädt, das entscheidende Licht auf „Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken. Strukturen, Erfahrungen, Erzählungen“. Ich bin ein Fan von Leserbriefen, die, mit Henri Bergson zu sprechen, als „Konterbande“ durch die Maschen der Zensur geschlüpft sind und durch ihre schiere Existenz auf eine andere Realität als die herrschende verweisen, eine Realität sans phrase, eine krude Realität, die häufig genug nur die gestrige oder restliche ist. Im Milieu einer zeitgemäßen Publizistik sind sie von einer quasi stofflichen Beschaffenheit und erinnern an Brocken eines nicht bewohnten, nicht belebten Gestirns, die auf die Erde geplumpst sind. Entsprechend unansehnlich nehmen sie sich aus, aber eben auch „einmalig wirklich“.
Da kritisiert in der Ausgabe 3/2026 der GEW-Zeitschrift E & W eine Briefschreiberin, es sei „nicht die Aufgabe einer Gewerkschaftszeitung, nur gegen eine Partei zu polemisieren, sondern sich für Arbeitnehmerrechte einzusetzen und Kritik an allen Parteien zu üben, die diese missachten.“ Ein klassischer Brief, denke ich, wie er sich in Variationen, häufig mit dem Fokus auf Feminismus und Gendergerechtigkeit, in Gewerkschaftsmedien findet und bei mir eine Art Aufregung auslöst, der ein Quäntchen Angst beigefügt ist, fühle ich in dem Moment doch wie die Schreiberin. Ich erinnere mich an einen anderen Leserbrief, der zu lange her ist, als dass ich ihn noch nachweisen könnte, aber für mich schwärmerische 68er Linke eine Belehrung enthielt, indem er darauf hinwies, dass Mitglied einer Gewerkschaft und links zu sein, nicht das gleiche ist, weil, führe ich für mich erklärend aus, „Arbeitnehmer“, mit Marx gesprochen, nun mal zum „Reich der Notwendigkeit“, links dagegen zum „Reich der Freiheit“ gehört.
Eine Lücke, ein Spalt, ein Abgrund
Da mag, die Anleihe beim Österreichischen sei mir verziehen, „einer“ noch so robust auftreten, eine Persönlichkeit sein, wenn er seine objektive Lage nicht an seine subjektive angleicht und – Unternehmer wird, wird immer eine Lücke sein zwischen ihm, der Arbeit nimmt und dem politischen Bürger, der seine Stimme „gibt“, eine Lücke oder vielmehr ein Spalt, um nicht gleich zu sagen, ein Abgrund. In den wird er unfehlbar hineingesogen, wenn er ihn ignoriert, anstatt ihn, je nach Gemütslage, zu konfrontieren oder zu ertragen.
Was hier so salopp ausgedrückt wird, ist, in aller Kürze, für mich die Botschaft von Hans-Jürgen Arlts Buch „Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken. Strukturen, Erfahrungen, Erzählungen“. Wobei ich, auf die Gefahr, den Autor, der sich emphatisch auf Niklas Luhmann beruft, zu mir, in der Wolle der Nachkriegszeit eingefärbter Existentialistin, „herüberzuinterpretieren“, die Unterzeile des Titels mit „Entscheidungen“ ergänzen würde. Denn so schlechte Karten hat das Aushalten heute, dass es dazu einer Entscheidung bedarf und eines Programms: Statt ignorieren entfalten.
Kaum habe ich übrigens zugegeben, dass ich in der Leserbriefschreiberin „etwas von mir“ wiedererkenne, da berichtet T. Lehning in der Tagesschau vom 29.3.2026: „Gewerkschaften würden Klimaideologien vertreten oder internationale Migrationsbewegungen, nicht aber ihre Arbeiterschaft, meint die arbeitspolitische Sprecherin der AfD Bundestagsfraktion, Gerrit Huy.“ Und im „Bericht aus Berlin“ vom 29.3.2026 sagt Tino Chrupalla mit Aplomb: Die Gewerkschaften sollten sich „für die Arbeitnehmer einsetzen, dann würden diejenigen auch wieder die SPD wählen“. Ein typischer rechtsradikaler Schachzug, also, sich auf ein vermeintlich ursprüngliches Aufgabenfeld der Gewerkschaften zu berufen, und ein typischer Reinfall meinerseits. Bin ich identifiziert? Habe ich, in wortwörtlicher Ausführung des hier besprochenen Titels, den Aufstieg zur Rechten vollzogen? Muss ich mich aufhängen?
Am Gegeneinander das Nebeneinander erkennen
Von einer „konfusen Gemengelage“ spricht der Autor denn auch gleich zu Anfang seines Buches. Im Kontext gleichermaßen einer wissenschaftlichen Erörterung und einer polarisierenden gesellschaftlichen Debatte scheint der Begriff ein wenig nichtssagend, die Gesellschaft durch ihn merkwürdig unterbestimmt. Dabei fußt er auf der erwähnten Entscheidung, die alle fällen müssen, die sich der modernen Gesellschaft theoretisch – oder besser: als Moderne der Gesellschaft − nähern: Soll das Konfuse als Schein entlarvt, durch Reduktion aufgelöst, oder im Gegenteil ausgebreitet und ausgehalten werden? „Alle große politische Aktion besteht im Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit“, beschreibt Arlt, Lassalle zitierend, die gestrige Position, „alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.“ Arlt hält dagegen: Lassalles „so gerne zitiertes Diktum“ halte „die gute alte Vorstellung aufrecht, dass es möglich sein soll, gegen widerstreitende Sichtweisen eine beobachterunabhängige Realität als die Wahrheit aufzurufen.“ (S. 39)
Der Beobachter, den er in die Debatte einschmuggelt, kennzeichnet fraglos den modernen Diskurs, aber den Ansatz des Autors, scheint mir, nur bedingt. Bei ihm geht es, und das finde ich modern, weniger um den überzeitlichen hermeneutischen Vorbehalt, der eine korrekte Einstellung zum Wissen ausweist, als um das Prinzip der Verleugnung, das zur Herrschaft gelangt ist, um Verleugnung, wohlgemerkt, nicht als Lapsus, sondern als Wissensform: Wenn etwa „200 und mehr Jahre“ politischer Koexistenz von „rechts“ und „links“ nicht reichen, um am Gegeneinander das Nebeneinander zu erkennen (S. 39), wie der Autor mit einer gewissen Rage anmerkt, dann muss Verleugnung im Spiel sein.
Deren Folgen sind bizarr, der Versuch, sie zu explizieren, reibt sich an ihnen auf. Nicht zufällig ist ein analytisch gemeinter, aber mehr und mehr verleugnender Begriff wie „erratisch“ zum Schlüsselwort geworden. Erratisch ist im harmlosen Europa zum Beispiel der Dialog der öffentlich-rechtlichen Medien mit einem als unverbrüchlich rechtlich gesetzten Publikum über eine ins Off verbannte, als Wählerschaft dabei ebenfalls öffentlich-rechtliche …, ja, was eigentlich, eine Institution oder Population oder ein – Segment? Die philosophische Aura, die dem Umgang mit einem als Gegner verschwiegenen Problem anhaftet, ihn zugleich ein wenig rührend, auch verächtlich macht, sie fehlt gänzlich bei dem Drama im Weißen Haus, das den Übergang von der Verleugnung zur Abschaffung probt, mehr noch das Prinzip der Verleugnung abgeschafft hat, was nirgendwo so lebhaft wie in Europa empfunden wird.

Die „Kombi“ von Stoff, Theorie und Menge
Ein Lehrwerk mit systematischem Charakter, ist „Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken“ für mich gleichzeitig ein „Lernwerk“, ein Übungsbuch, nicht nur eine Forderung, auch ein Mittel, sich zu entpolarisieren. Was es mir als Leserin voraushat, ist die Stoffmenge, die es verdaut, und die implizite Anerkennung der besonderen Natur des Stoffes. Um das zu erklären, muss ich die Erinnerung an eine Bemerkung des „alten Schweppenhäuser“ preisgeben, die mir zugetragen wurde und mit mir gar nichts zu tun hatte, aber für mich eine neue Seite im Verständnis des intellektuellen Gegenstands aufschlug. Hermann Schweppenhäuser hatte nämlich über die Hegel-Arbeit einer Freundin (Iris Harnischmacher, „Der metaphysische Gehalt der Hegelschen Logik, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001) so etwas gesagt wie, die Autorin sei in der Lage erhebliche theoretische Stoffmengen sei’s zu bewältigen, sei’s eben zu verdauen.
Die „Kombi“ von Stoff, Theorie und Menge mag in der alltäglichen Auseinandersetzung mit akademischen Arbeiten zu allen möglichen Klagen Anlass geben. Für mich war sie revolutionär, auslösend für diese Einschätzung wohl die Betrachtung der Hegelschen Philosophie als „Stoffmenge“. Sie sprach der intellektuellen Vermittlung eine eigene Materialität und Dinghaftigkeit zu, und dies in einem hochgradig dialektischen Zusammenhang, so dass ich sie gern eine dialektische Dinghaftigkeit nennen würde. Aber dies ohne allen mystifizierenden Klamauk, als bloß ein Nebeneinander − in der Realität wohl eher ein Nacheinander −, eine Wahrnehmung einer neuen oder fremden Theorie vor dem Erfahrungshintergrund der alten, auch der eigenen.
Mag sie selbst auch mit Irrtümern in unüberschaubarer Menge behaftet sein, im erstarrten Bezugssystem von rechts und links kann die Vorstellung der „Welt des Intellekts“ als eine res extensa, ein Ding mit eigener Ausdehnung, wie ein Treibmittel wirken. Man wollte sich gar nicht entpolarisieren, aber es passiert.
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