AfD statt Honecker: Rückwärts immer, vorwärts nimmer

Back on the Bock . Das Simson-Werk in Suhl war zu DDR-Zeiten der größte Arbeitgeber der Region.
(Screenshot: Website AfD Sachsen-Anhalt)

Vergangenheitsbeschwörung, wahlweise um Ängste oder Hoffnungen zu schüren, fehlt in keinem Werkzeugkasten politischer Kommunikation. Dahinter steht, ob bei Erich Honecker, bei Donald Trump oder bei der AfD, eine Flucht aus der Gegenwart. Im Fall der DDR war es offenkundig. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ — das berüchtigte Credo Erich Honeckers, einst Staatsratsvorsitzender der DDR, geäußert am 7. Oktober 1989 anlässlich des 40. Jahrestages der DDR, hatte eine extrem kurze Halbwertszeit. Nur fünf Wochen später fiel die Berliner Mauer, und die deutsche Variante des Sozialismus sowjetischer Prägung war Geschichte. Natürlich war dieser Slogan reine Realitätsverweigerung. Denn das staatssozialistische Regime stand unter starkem Druck, endlich weitreichende Reformen einzuleiten, um die anhaltenden Schwächen und Probleme des bestehenden Wirtschafts- und Politiksystems zumindest zu mildern.

Bereits im Oktober 1989 zeichnete sich ab, dass die staatssozialistischen Regimes generell in Bedrängnis geraten und sogar untergehen könnten. Insofern waren Honeckers Manöver und die seiner Partei ein klassischer Versuch, sich auf die Vergangenheit zu berufen, um die Gegenwart zu verteidigen. Zur Erinnerung: In diesem speziellen Fall bezog sich die Beschwörung der Vergangenheit auf Nazi-Deutschland, das vor-staatssozialistische Regime. Jedoch reichte nicht einmal die Drohung mit einer möglichen Rückkehr in diese Vergangenheit aus, um die damalige Gegenwart zu retten. Die Menschen hatten nicht genug Angst, um sich davon beeindrucken zu lassen; die Hoffnung auf eine (noch unbekannte) bessere Zukunft war stärker als die Furcht vor einer Rückkehr in dunkle Zeiten.

Das berüchtigte Project 2025

Der heutige Umgang mit der Vergangenheit ist zwangsläufig anders. In Zeiten ständiger wirtschaftlicher und technologischer Umbrüche ist die Verklärung eines vergangenen goldenen Zeitalters das Gebot der Stunde für jene politischen Kräfte, die aus unterschiedlichen Gründen ein beschönigendes Narrativ der Vergangenheit entwerfen, um damit die Gegenwart in ihrem Sinne zu verändern. Die Strategie ist denkbar einfach. Sie erfinden eine fiktive Vergangenheit, die wiederbelebt werden könnte — man müsste nur die vielen Übertreibungen, Fehlentwicklungen und Mängel des gegenwärtigen Systems überwinden. Diese Beobachtung gilt insbesondere für nationalistisch-rechtspopulistische Parteien, die eine Zeit vor der wirtschaftlichen Globalisierung, mit geringer weltweiter Migration, ohne „Wokeismus“ und mit klar definierten (vermeintlich christlichen) Familienwerten verherrlichen. Diese rückwärtsgewandte politische Vision wirkt auf Wähler attraktiv in Zeiten, in denen sich alles, was in Stein gemeißelt schien, als veraltet, bröselig und dysfunktional erweist. Die Vergangenheit soll zur Zukunft werden.

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Das prominenteste Beispiel für eine solche Nostalgie-Strategie ist das berüchtigte Project 2025 in den USA. Bei ihm handelt es sich nicht bloß um den Versuch, die USA nach rechts zu rücken; auch wenn genau das in diesen Monaten geschieht. Es geht aber auch wesentlich um eine Rückkehr zu den Prinzipien und Regeln einer vergangenen Ära. Russell Vought, der in Trumps zweiter Amtszeit („Trump 2.0“) das Office of Management and Budget leitet und maßgeblich an der Ausarbeitung von Project 2025 beteiligt war, sprach von einem aufkommenden „radikalen Konstitutionalismus“ und einem autoritären Präsidenten, der darauf abzielen müsse, den Staat des „New Deal“ zu demontieren, um die Nation in den Status quo ante des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Präsident Trump selbst nutzt jede Gelegenheit, seine Politik mit der von Andrew Jackson (7. Präsident, 1829 bis 1837) zu verknüpfen, oder er preist William McKinley (25. Präsident, 1897 bis 1901) als einen Mann, der Amerika groß gemacht habe; der erste führte, wie Trump heute, einen Kampf für den einfachen Arbeiter gegen ein angeblich korruptes politisches Establishment, der zweite schätzte, wie Trump, eine aggressive Schutzzoll- und nationalistische Außenpolitik. In Trumps Interpretation von Project 2025 wird der Rückgriff auf diese Vergangenheit durch Vorteilsnahme und Korruption, beides in beispiellosen Ausmaß, sowie durch eine distanzlose Nähe zu unregulierten Technologien wie KI und Blockchain-basierten Kryptowährungen ergänzt.

Was wir damit in den USA erleben, ist eine Mischung aus Ganz-Alt und Ganz-Neu innerhalb des politischen Rahmens eines potenziell autoritären Nationalstaats; zudem stark geprägt von den Entscheidungen eines hochgradig ideologisch beeinflussten Obersten Gerichtshofs (Supreme Court). Dieses Nebeneinander von rechtlichem „Originalismus“ und High-Tech-Euphorie mündet in ein einzigartiges politisch-ökonomisches Regime, das die Demokratie schleichend zerstört.

Zurechtgeschneiderte Narrative

Die USA sind heute nicht das einzige Beispiel für den Rückgriff auf eine verklärte Vergangenheit, um einerseits für die eigene Politik fundamentaler Veränderungen zu mobilisieren und andererseits diese zu rechtfertigen. Untersuchungen von Stefan Müller, Dublin, und Sven-Oliver Proksch, Köln, — 2024 veröffentlichten sie die einflussreiche Studie „Nostalgia in European Party Politics: A Text-Based Measurement Approach“ — zeigen beispielsweise, dass insbesondere rechtspopulistische Parteien weltweit dieses Spiel beherrschen. So bezieht sich die Alternative für Deutschland (AfD) in ihrem Grundsatzprogramm von 2016 ausdrücklich auf die Ära des sogenannten Wirtschaftswunders — jener Zeit von den frühen 1950er bis zu den späten 1960er Jahren, die von starkem Wirtschaftswachstum, steigenden Löhnen und niedriger Inflation geprägt war. Die Partei verwendet dabei ein stark verzerrtes Bild jener Epoche. Keine Überraschung, denn letztlich will sie ja keine Geschichte schreiben. Der eigentliche Zweck ihres Narrativs liegt in der Botschaft, und die lautet: in der Zeit vor der Hyperglobalisierung und vor der Masseneinwanderung gab es in Deutschland eine Ära, in der Wirtschaft und Gesellschaft blühten und stabil waren. Die Vorstellung, in diese Geschichte zurückzukehren, damit die Erfolge der Vergangenheit heute zu wiederholen, ist für zig Millionen WählerInnen attraktiv.

Dies gilt umso mehr, da sich heute die Nachrichten überschlagen, wie chinesische Unternehmen deutsche Firmen aus den Märkten verdrängen. Warum nicht zu einer Zeit zurückkehren, in der es noch keine chinesischen oder sonstigen ausländischen Unternehmen gab? Warum nicht — wie in den 1950er Jahren — nichtchristliche Migranten aus dem Land fernhalten? Warum nicht zur D-Mark zurückkehren, die von der Deutschen Bundesbank kontrolliert und verwaltet wurde? Warum nicht am binären Geschlechterkonzept festhalten? Und so weiter und so fort.

Natürlich unterschied sich die Realität der 1950er- und 1960er-Jahre in vielen Einzelheiten von diesem zurechtgeschneiderten Narrativ. Aber richtig daran ist: dass sich Deutschland damals – wie andere Volkswirtschaften auch – auf einem wirtschaftlichen Pfad befand, der zu Recht als Goldenes Zeitalter des Kapitalismus beschrieben werden kann. Damals wuchs die Wirtschaft, angetrieben von hohen Gewinnen und umfangreichen Inlandsinvestitionen, begleitet von einem sich öffnenden internationalen Handelssystem. Zudem: Das internationale Währungssystem war von festen Wechselkursen und Kapitalverkehrskontrollen geprägt, der US-Dollar fungierte als absolut dominierende internationale Währung. Das alles änderte sich erst, als die internationalen Finanzmärkte deregulierte wurden, und erste Schritte hin zu einer Hyperglobalisierung, die sich mit dem Zusammenbruch des Sowjetregimes noch einmal beschleunigte. Von diesem Zeitpunkt an nahm die Entwicklung sprunghaft an Fahrt auf.

Restaurative und sentimentale Formen der Nostalgie

Das eben beschriebene Goldene Zeitalter konnte mit seinen Errungenschaften diesen sich beschleunigenden Prozessen der Öffnung, Deregulierung und Privatisierung kaum standhalten. Das heißt: Offensichtlich unterscheidet sich die wahre Geschichte des Goldenen Zeitalters erheblich vom Narrativ, das rechtspopulistische Parteien verbreiten. Das populistisch zurechtgebogene Narrativ einer angeblich glorreichen Vergangenheit ist für viele BürgerInnen deshalb so attraktiv, weil die Gegenwart von tiefgreifenden und komplexen Problemen geprägt ist. Viele WählerInnen sind überfordert und ahnen nach und nach: Ihre Regierungen sind es doch auch. Zudem klafft eine Lücke: Es gibt keine überzeugende und schlüssige Erzählung, die wenigstens halbwegs glaubwürdig eine wohlhabende und gerechte Zukunft skizzieren kann.

Dies mag auch der Grund dafür sein, dass die AfD in Thüringen in ihren früheren Online-Wahlkämpfen auffallend stark an die jüngere Geschichte des Kampfes ehemaliger DDR-Bürger gegen das SED-Regime anknüpfte. Denn die Geschichte der Friedlichen Revolution von 1989 dient potenziellen AfD-WählerInnen als Identifikationspunkt und zugleich als Bezugspunkt für ihre Kritik an den angeblich ungerechten Praktiken des Westens und der Alt-Parteien in der Zeit nach der Wiedervereinigung. Die Analyse einer solchen Online-Kampagne und der begleitenden Facebook-Kommentare zum gängigen AfD-Narrativ eines deutschen „Kernlandes“ — geprägt von deutscher Identität, geringer oder gar fehlender Zuwanderung, einer auf Familie und Heimat ausgerichteten Erziehung — zeigte, dass die AfD erfolgreich restaurative und sentimentale Formen der Nostalgie nutzte, um Wählerstimmen zu gewinnen. Nostalgie — als sentimentale Sehnsucht nach der Vergangenheit — ist das politische Instrument dieser Partei, mit dem sie das Bild einer perfekten Vergangenheit dem deprimierenden Bild der Gegenwart entgegenstellt. Zumal damals auch noch die äußeren Bedrohungen minimal waren und die nationale Politik alles kontrollieren konnte.

Diese idealisierte Vergangenheit ist ein Mythos. Und birgt für viele doch einen wahren Kern in sich; weshalb diese Erzählung auch so stark wirkt. Denn viele glauben, dass, so wie die Kontrolle — nicht nur wegen der Prozesse der Hyper-Globalisierung, sondern auch wegen des Versagens der nationalen Politik — verloren worden ist, sie auch wiedergewonnen werden kann. Die AfD verspricht diesen Wählerschichten mit dem Instrument der Nostalgie einen geraden Weg in das gelobte Land, in dem die Geschicke von Wirtschaft und Politik wieder im Inland und von heimischen Akteuren gesteuert werden; in dem letzten Fernsehduell zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war dieser Moment inhaltlich prägend für den Auftritt des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund.

Leider gibt es eine große Nachfrage nach diesem politischen Nostalgieprodukt. Zumal die etablierten Parteien in den letzten 20 Jahren zu oft Besserung und Besseres versprochen haben, ohne das überzeugend einzulösen. Die WählerInnen, so scheint es, haben genug vom immer Gleichen. Auch von den inzwischen sattsam bekannten Entschuldigungen, warum das und jenes eben nicht geht, warum im Zweifel ein anderer zuständig ist, und von den endlosen Koalitionsstreitereien um nicht selten unbedeutende Themen. So erscheint ihnen, anders als zu Honeckers Zeiten, die Rückkehr in eine (faktisch unerreichbare) glorreiche Vergangenheit attraktiver, als mit immerhin oft erfahrenen und kompetenten Alt-Parteien allem Ärger zum Trotz doch in der Gegenwart zu bleiben und von dort aus immer wieder auf eine bessere Zukunft zu drängen.


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Kurt Huebner
Kurt Hübner ist Professor für europäische Integration und internationale politische Ökonomie. Er war mehr als zwölf Jahre Direktor des Instituts für Europastudien an der Universität von British Columbia in Vancouver/Kanada. Nach Forschungstätigkeiten und (Gast-)Professuren in Mannheim, Berlin, Kassel und Wien verließ er seine Professur an der Berlin School of Economics und arbeitete zunächst am Centre for German and European Studies an der York University in Toronto, bevor er den Ruf als Full Professor an der University of British Columbia annahm. Dort hält er den Jean Monnet Chair for European Integration and Global Political Economy und den Chair for German and European Studies. Sie können seine Arbeiten verfolgen: kurthuebner.substaeck.com und auf seiner Webseite kurthuebner.com

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