Neue Runde im Pariser Kulturkampf

Screenshot: facebook

Der Kulturkampf in Paris zwischen dem Milliardär Vincent Bolloré, Eigentümer der wichtigsten Verlagsgruppe Hachette Group, und dem charismatischen ehemaligen Chef des Verlags Grasset, Olivier Nora, geht in eine neue Runde: Vier Monate nach seinem plötzlichen Rauswurf aus dem Verlag mit großen Namen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern kündigte der 66jährige Nora die Gründung eines eigenen, unabhängigen Verlags an: Olivier Nora Editions. Ab Januar will er pro Jahr dreißig bis fünfzig Bücher herausgeben. Welch ein ehrgeiziges Ziel hat er sich auf diesem umkämpften Markt gesteckt. Ob ihn die Empörungswelle aus dem April und die Ankündigung von über 200 Autorinnen und Autoren, nach dem Rauswurf Noras den Verlag Grasset, der zur Hachette Group gehört, zu verlassen, tragen wird? Verächtlich hatte Bolloré sie in seiner Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ als „kleine Kaste, die sich über alle und alles erhebt“ bezeichnet. Seit Monaten kämpfen Autorinnen und Autoren um ihre individuellen Rechte, fordern von der Regierung ein Gesetz zum Schutz ihrer Berufe: Bisher ohne sichtbaren Erfolg.

An Noras neu gegründeten Kapitalgesellschaft beteiligt sich mit einem minoritären Anteil der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky, dem unter anderem der Verlag Editis (mit der Filiale Plon) gehört (Le Monde vom 19. August). Mit großer Unterstützung von Plon sollen schon im Herbst zwei Bücher in Noras Editions erscheinen: Und auch das ein Signal der besonderen Art gegen den lautstarken Antisemitismus im Land, den Boykottaufrufen gegen jüdische Künstlerinnen und Künstler und den Verhinderungen von Konzerten, die teilweise durch propalästinensische Aktivisten und Gruppen der linksextremen La France Insoumis des Jean-Luc Mélenchon so ausarten, dass kürzlich die jüdische DJane und queere Aktivistin Barbara Butch ihren Auftritt nach 20 Minuten abbrechen musste.

Die beiden Bücher, mit denen Olivier Nora beginnt, stammen von Bernhard-Henri Lévy, antisemitische Zielscheibe in Bollorés rechten Medien wie „Le Journal du dimanche“, mit „Mémoires provisoires“ und mit „Sermons sous les décombres“ (Predigten unter Trümmern) von Delphine Horvilleur, der wohl bekanntesten und engagiertesten Rabbinerin Frankreichs, die sich in ihrem Newsletter „Tenoua“ immer wieder zu Wort meldet: Im Théâtre Èduard VII wird sie am 5. Oktober „mit Überraschungsgästen“ ihr Buch selbst öffentlich vorstellen, um eine Antwort auf die für sie fundamentale Frage zu finden: Wie kann man nach dem Terrorangriff der Hamas, dem Chaos, dem Antisemitismus und der Sprachlosigkeit wieder lernen, miteinander zu sprechen, um zu versuchen, „sich zu reparieren“ („Tenoua“ vom 7. September). Auf Deutsch erschien von Delphine Horvilleur im Hanser Verlag „Wie geht’s? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober“.

Mit den beiden prominenten jüdischen „Einmischern“ setzt Olivier Nora in finsteren Zeiten ein mutiges Zeichen. Welche Intellektuellen, welche Autorinnen und Autoren werden es aufgreifen? Und mit ihm einen Neuanfang wagen? Dass sie nicht gewillt sind, im Schweigen und Hinnehmen zu versinken, demonstrierte jetzt Anne Berest („Die Postkarte“) zusammen mit fünf weiteren namhaften Schriftstellerinnen (wie Virginie Despentes und Vanessa Springora). Am 10. September erschien im Verlag Buchet-Chastel ihr Sammelwerk „La Grande Évasion“ (Die große Flucht). 80 Autorinnen und Autoren, die meisten bisher „beheimatet“ im Grasset-Verlag, äußern sich, was dieser Verlag und sein gefeuerter Chef Olivier Nora ihnen bedeutet hat: Le Monde veröffentlichte am Tag des Erscheinens zehn Beiträge. Es ist ein Sammelwerk voller Trauer, gemischt mit dem Entsetzen über die seitenlangen Verträge, die (nach einer „Tradition“ aus den Zeiten eines Honoré Balzac) die Autorinnen und Autoren noch 70 Jahre über ihren Tod hinaus an Grasset binden. Gewidmet haben die sechs Frauen das Buch dem Verlags-Team und Olivier Nora. Es ist als eine Ermutigung zu verstehen: Für sich selbst und für den Verleger, der einen Neuanfang wagt.


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Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik".

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