Auf Wunder ist nicht zu hoffen

Ohne seine “dynamic systems” hätten Grenzen des Wachstums nicht prognostiziert werden können. Jay Wright Forrester begann in den 1950er-Jahren am legendären Massachussetts Institute of Technology (MIT) seine Karriere als Entwickler komplexer Computermodelle. | Foto: MIT Archives

Appelle erreichen die Einverstandenen. Bei allen anderen, so wird jeder Psychologe bestätigen, helfen sie nicht. Der Appell spricht nur die an, die kommunikativ eh über die passend sensiblen Synapsen verfügen, denn er ähnelt nun mal der Predigt. Die Rhetorik der Predigt hat ihre Berechtigung vor gefestigten Gemeinden mit anschließender kollektiver Buße oder gerechtigkeits-erregter Steinigung eines Ungläubigen. Sozialgeschichtlich müsste die Predigt als Kommunikationsform erledigt sein. Sie ist den Verwicklungen heutigen sozialen Geschehens nicht gewachsen: Auch die Alarmglocken, die sie läuten lässt, und der Nachhaltigkeits-Weihrauch, den sie verstreut, retten die politische Predigt nicht. Zunächst ein historisches Ratespiel.

Bitte lesen Sie aufmerksam folgende Passage:
Die Ursachen für die tiefgreifende Veränderung der Lebensverhältnisse auf unserem Planeten […] sind vielfältig: in erster Linie die immer rascher sich vollziehende Bevölkerungszunahme, der weltweite Umsturz alter politischer und sozialer Strukturen und die sich überstürzende technische Entwicklung. Alle, die wachen Auges die Gegenwart erleben, sehen, erschreckt und ratlos, ständig neue Probleme vor sich aus der Erde schießen: Hunger und Unterernährung, Verfall der Städte, Verunreinigung der Luft, der Gewässer und der Meere, unkontrollierter Bevölkerungszuwachs, […] technologisches und wirtschaftliches Ungleichgewicht, Polarisierung militärischer Macht und unzählige andere Probleme von ähnlicher Bedeutung.“

Wann stand das auf welcher lobenswerten Agenda?
Die Pointe lässt sich grob erahnen. Die Passage ist dem Vorwort des Buches „Der teuflische Regelkreis – Das Globalmodell der Menschheitskrise“ des MIT-Professors und Club-of-Rome-Mitglieds Jay Wright Forrester entnommen. Es erschien 1971 in Deutschland. Das war vor 49 Jahren. Das Buch war erfolgreich. Es rüttelte die Menschen auf. Nun ja, manche Menschen. Es steht – deutlich vergilbt, weil auf wenig nachhaltigem Papier gedruckt – immer noch in meiner Bibliothek.

Professor Forrester wurde 98 Jahre alt. Er starb 2016. Er konnte also 45 Jahre lang beobachten, ob überhaupt, wenn ja von wem und wo welche Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen gezogen wurden. Immerhin lieferten seine Forschungen die Basis für die Analysen des Club of Rome unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“, das 1972 auf Deutsch erschien. Forrester war Computertechniker. Er konstruierte die Vorstufe des flüchtigen Arbeitsspeichers. Er bastelte die erste Computeranimation, die einen springenden Ball zeigt. Er war also ein echtes technikverliebtes MIT-Gewächs. Aber vor allem entwickelte er eine computergestützte Methode der Analyse komplexer Systeme. Er nannte sie „System Dynamics“.

Die Perspektive war neu und widersprach dem Hausgebrauch

Damit wurden zum ersten Mal die verwickelten (also „komplexen“) Beziehungen zwischen sozialen Systemen sowie zwischen sozialen und natürlichen Systemen wie Bevölkerungsentwicklung, Nahrungsmittelproduktion, Energieerzeugung, wirtschaftlichem Wachstum und Veränderungen bei Umweltparametern per Hochleistungsrechner modellierbar. Man konnte als Forscher anhand plausibler dynamischer Modelle nachvollziehen, dass irgendwie alles zusammenhängt, und man konnte die gegenseitigen Beeinflussungen sich in die Zukunft verlängern lassen, um Prognosen für kommende Systemzustände zu liefern.

Die Perspektive war neu. Aber Systemdenken widerspricht dem Hausgebrauch, weil zu viel bedacht werden muss; es überfordert das Alltagshandeln bis heute. Es gab Betroffene angesichts der bedrohlichen Prognosen, aber überwiegend kritische Stimmen. Darunter sogar die Klügeren unter den Meinungsbildenden: „Weltuntergangs-Vision aus dem Computer“ titelte der SPIEGEL, „ein hohles und irreführendes Werk“ lautete die Bewertung der New York Times Book Review, eine „Hochwassermarke altmodischen Unsinns“ lästerte The Economist. Nobelpreisträger wie Paul A. Samuelson verrissen den Report. Linke trauten dem Zirkel „alter, weißer Männer“ nicht, die sich im Club of Rome unter der Ägide eines Industriellen, Aurelio Peccei (1946 Mitbegründer des Luftfahrtunternehmens Alitalia), gefunden hatten. Und Entwicklungsländer warnten, dass sie sich von solchen Prognosen nicht ihre Chance auf Wohlstand durch Wachstum nehmen lassen würden. Nochmals: Das alles sind mediale Szenen, die sich vor 49 Jahren abspielten.

Der öffentliche Streit verhalf dem Buch des Club of Rome zum Erfolg. Es wurde in 30 Sprachen übersetzt und über 30 Millionen Mal verkauft. Die Prognosen des Weltbestsellers sind bekannt. Einige der Prognosen haben sich bewahrheitet, andere nicht, sonst könnte ich heute nicht an einem Rechner sitzen, der etwa eine Milliarde Mal leistungsfähiger ist als sein Vorgänger von 1970.

Das Wachstums-Warn-Buch hatte 2002, nach 30 Jahren, ein grundlegendes Update bekommen. Es verkaufte sich wieder gut, wenn auch nicht sehr gut. Die Modelle waren nun deutlich besser. Die Prognosen präziser in ihrer Bedrohlichkeit. Der Untertitel des Bandes lautete „Signal zum Kurswechsel“. Wieder ein dringender Appell an die Welt, eine unmissverständliche Warnung an alle, die Verantwortung tragen. 2012 kam nach der Logik des Dekaden-Marketings das nächste Update-Buch. „Simulierter Untergang“ titelte die ZEIT. Und beschwor „Die Zeichen stehen auf Krise. Nach Jahren des Booms stagniert die Wirtschaft. Die Rohstoffpreise steigen in schwindelerregende Höhen. Die Eckpfeiler der Finanzwirtschaft geraten ins Wanken.“

Acht Jahre sind vergangen. Verlage werden sich bereits um die Rechte für den kommenden, kommerziell vielversprechenden Jubiläumsband balgen. 2022 kann schließlich der 50. Geburtstag der globalen Grenzweisung gefeiert werden. 2018 konnte bereits der Club of Rome seinen Fünfzigsten feiern. Das Fest war eher unauffällig. Die Öffentlichkeitswirkung der alt gewordenen NGO ist merklich gesunken. Folge des Erfolgs, denn ganzheitliches Denken bei der Rettung der Menschheit vor sich selbst hat sich in den wichtigsten öffentlichen Diskursen durchgesetzt. Was könnte da der Club of Rome noch machen? Sich zeitgeistig renovieren. So forderte zum 50. ein deutscher Wissenschaftler im Deutschlandfunk: „Also zuerst mal braucht es mehr Frauen drin, mehr Hautfarben unterschiedlicher Art, mehr kulturelle Umgänge. Weil der Club of Rome wird eigentlich heute viel mehr gebraucht als je zuvor.“ Also die immer gleichen Appelle, nurmehr zeitgeistgerecht unterfüttert durch Genderkonformität und Multikulturalität? Aber manche unterentwickelten afrikanischen Staaten pflegen noch immer die Klitorisverstümmelung und wollen zugleich wirtschaftlich zum Westen aufholen. Wie soll denn da umwelt- und humanitätsgerecht agiert werden, da alles Diskriminieren der soziokulturell irgendwie Differenten ja verwerflich ist?

Nun liegt mir ein sehr frischer Text auf bruchstuecke.info vor. In „Die Corona-Pandemie und die Agenda 2030“ geht es Thomas Weber und Nana Karlstetter um das große Ganze. Plus Corona, was aber mittlerweile zum großen Ganzen dazugehört. Vor allem, wenn geklärt zu sein scheint, dass Corona auch zu den selbst verschuldeten Krisenphänomenen gehört, deren Verbreitung wir durch unsere Unsitten begünstigen. Die Autor beziehen sich auf die UN-Agenda 2030. Dort sind 17 (!) Ziele versammelt, die in der Summe, sofern verwirklicht, zu absolut wünschenswerten Verhältnissen auf dem Globus führen. Ich nenne nur einige: Keine Armut, Null Hunger, saubere und billige Energie, nachhaltiges Stadtleben, natürlich Frieden und Gerechtigkeit für alle. Die Erde wäre wahrhaft ein Paradies – nur ganz natürlich gestorben würde noch.

“Das Lebewesen, das im Kampf gegen seine Umwelt siegt, zerstört sich selbst.” (Gregory Bateson)
Foto: Guillaume de Germain auf Unsplash

Die UN-Ziele wurden in langen Verhandlungen beschlossen, das Ziele-Paket trat am 1. Januar 2016 in Kraft. Die Laufzeit beträgt 15 Jahre. Danach wird bewertet. Im Sommer 2016 machte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie zur Bereitschaft von Staaten, Maßnahmen zum Erreichen der Ziele durchzuführen. Wie zu erwarten: „Nicht alle Länder sind den Zielen gewachsen und kein einziges Land schneidet bei allen Zielen sehr gut ab.“ Wie wiederum zu erwarten war: Wirtschaftlich starken Nationen gelingt die Umsetzung am besten. Und das sind vor allem neben Deutschland weitere mitteleuropäische Nationen.

Aber immerhin: Es passiert etwas. Aber es reicht nicht. Von den EU-Staaten (510 Mio. vor dem Brexit, nun nurmehr 445 Mio. Einwohner) liegt nur ein kleiner Teil im Sollbereich des Programms. Bei den USA (335 Mio.), Russland (150 Mio.), Südamerika (440 Mio.) und vor allem China und Indien (zusammen knapp 2,8 Milliarden Menschen) sieht es ganz anders und sehr unterschiedlich schlecht aus. Details müssen wir uns hier sparen. Entscheidend ist: UN-Entscheidungen entscheiden nichts. Sondern sind freiwillige Selbstverpflichtungsprogramme mit Appellcharakter.

Ich kehre zum Thesenpapier der bruchstuecke-Autoren zurück. Es betont – zurecht –, dass alle Krisen (Klima, Hunger, Armut, Ungleichheit) miteinander vernetzt sind (siehe oben, das alte Modell der „System Dynamics“). Da sie sich gegenseitig verstärken (richtig), müssten sie gleichzeitig angegangen werden (nicht zwingend; ein Systemtheoretiker könnte auch Modelle entwickeln, bei denen Schlüsselstellen zuerst angegangen werden).

Dass Papier stellt aber fest, „dass die Industrieländer bisher nicht das in der Agenda 2030 für notwendig Erkannte umsetzen“. Konstatiert wird ein „globales Nachhaltigkeitsversagen“. Dem werden fast alle Beobachter des globalen Geschehens intuitiv zustimmen. Man muss dennoch fragen, was mit der Feststellung gewonnen ist. Einem Kind Schulversagen zu attestieren, mag als Befund stimmen, zeigt aber keine Wege zur Lösung auf. Und der Appell, sich doch nun endlich mal hinzusetzen und zu lernen, fruchtet meist auch nicht.

Die Verfasser des Thesenpapiers zeigen genau besehen auch keine Wege zur Lösung auf. Sie schreiben nur in einem Schluss-Appell: „Alle nationalen und internationalen Einrichtungen sind konsequent und schnell an den globalen Nachhaltigkeitszielen auszurichten und die Fehlstellungen in den Wirtschafts-, Gesellschafts- und Rechtsordnungen sind zu korrigieren. Diese Ausrichtung muss von allen Ländern der Welt jetzt in Angriff genommen werden.

Ein Soll, das zum Ziel passt, weil es mit diesem identisch ist. Sauber. Aber wo ist der Weg? (Oder wo sind die Wege? – denn es ist ja alles komplexer, als das eine Route schon zum Ziel führen könnte.) Reicht es aus, Herrn Bolsonaro seine Regenwald-Massaker medial unter die Nase zu reiben? Es reicht nicht. Er macht weiter und verbittet sich jegliche Einmischung unter Berufung auf seine nationale Souveränität. (Und selbst wenn Herr Bolsonaro abgewählt oder zwangsabgesetzt wird, müssen für 200 Millionen Brasilianer Wege gefunden werden, damit der Rest-Regenwald als schnell erreichbares Profit-Center aus dem Blick gerät. Armut kümmert sich nicht um Umwelt, selbst wenn sie mit Katastrophen droht.)

Verwechselt die Verfasser aber vielleicht Ziele mit Wegen? Das ist zu mutmaßen. Sie begingen damit einen durchaus systematisch auftauchenden Denkfehler unter heutigen, vielfach überfordernden Verhältnissen.

Da bleibt mir nur das Wort eines geschätzten sehr aktuellen Denkers (das ich nun zum wiederholten Mal in einem Text dieses Blogs liefern darf, weil ich immer wieder die gleiche Denkfalle in den kritischen Appellen von Gutwilligen zu allerlei Problemen entdecke.)

Das Problem ist, dass wir nur noch Ziele haben. Ziele formulieren kann jeder. Ich habe kürzlich einen Vortrag vor den versammelten deutschsprachigen Klimaforschern gehalten, 400 Leute, die sagten, dass sie den Politikern immer erklärten: Ihr müsst den CO -Ausstoß um soundsoviel Prozent senken oder auf diese oder jene Technologie setzen. Und die unterschreiben dann Klimaschutzziele, teilweise mit bestem Wissen und Gewissen – aber es gelingt schon deshalb nicht, weil man das Ziel bereits für den Weg hält. Wer ein genaues Ziel vorgibt, scheitert womöglich daran, dass das Ziel schon wie die Lösung aussieht. Dabei ist es der Weg dorthin, um den es geht.“

Armin Nassehi, Soziologe, in: taz, 19.06.2019

Nun lässt sich glücklicherweise sagen: Es wird über Wege nachgedacht, es werden sogar etliche beschritten. Die deutsche Energiewende hat ihre Probleme (Datteln!), aber sie geht voran, manchmal zäh, manchmal ein wenig rückwärts, aber da ist Richtung. Geht es schnell genug? Garantiert nicht für den, der auf Ziele fixiert ist und die Stolpersteine des Weges nicht sehen mag. Aber auch hier hat Herr Nassehi systemisch weisen Rat:

Die Gesellschaft erlebt an sich selbst, dass ihre eigene Struktur sie geradezu daran hindert, gewollte Ziele zu erreichen. Zur Grunderfahrung der Moderne gehört, dass die bloße Aufklärung über Missverhältnisse oder die bloße Erkenntnis über das, was zu tun sei, sich nicht einfach in Handlungen umsetzen lässt. Das ist eine demütigende Erfahrung.“

Armin Nassehi, Das große Nein, Über die Eigendynamik gesellschaftlicher Praxis, in Kursbuch 200, Hamburg 2019, S. 61
Foto: Markus Spiske auf Unsplash

Es bleibt also nur das zähe Ringen. Und dass dies sogar Wirkung hat, sei zuguterletzt vorgeführt. Bevor die Vereinten Nationen 2016 ihre Agenda 2030 verabschiedeten, gab es bereits die Millenniums-Entwicklungsziele (unter Insidern MDG = Millennium Development Goals genannt). Die wurden im Jahr 2000 verabschiedet. Es ging um die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, Primarschulbildung für alle, Senkung der Kindersterblichkeit, Impfungen und natürlich ökologische Nachhaltigkeit bei Trinkwasserversorgung und der Reduzierung von Slum-Strukturen. Hat das etwas gebracht? Ja. (Alle Details gibt es in einer Broschüre hier zum Download)

Die Zahl weltweit in extremer Armut lebenden Menschen wurde zwischen 1990 und 2015 von knapp zwei Milliarden auf 830 Millionen reduziert. Die globale Neugeborenensterblichkeit wurde von 90 auf 43 Sterbefälle auf 1000 Geburten mehr als halbiert. Ähnliche Verbesserungen gab es bei allen Zielen. Natürlich wurde kein Problem vollständig gelöst. Und Kritiker können immer noch beklagen, dass trotz einer immensen Verbesserung der Versorgung etwa neun Prozent der Weltbevölkerung, also 700 Millionen, immer noch kein sauberes Wasser zur Verfügung haben.

Es kommt also auf die Perspektive an. Unsere Mediensphäre ist auf Katastrophe, Niedergang und Angst fokussiert. Gute Nachrichten sind wie bekannt keine Nachrichten. Aber „wenn Nachrichtenmedien den Wandel in der Welt wahrheitsgemäß verkünden würden, hätten sie die Schlagzeile ‚Anzahl der Menschen in extremer Armut seit gestern um 137.000 gesunken‘ bringen können – und zwar an jedem Tag in den letzten 25 Jahren.“ (Steven Pinker: Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung, Frankfurt 2018, S. 119)

Gute Nachrichten entlasten. Das kann auch gefährlich sein. Denn wir lassen uns gerne und allzu schnell entlasten. Zu viel Pinker oder Hannes Rosling (mit seinem Bestseller „Factfulness“) können zum bequemen Zurücklehnen führen. Das ist entwicklungsstrategisch so schädlich wie das Gegenteil.

Corona wird einen Trainingseffekt haben

Zu fragen ist aber: Wann lassen wir uns auf Wege ein, die unsere globalen Probleme lösen helfen? Corona hat gezeigt, dass Menschen sich sehr schnell radikal in ihrem Verhalten ändern können, wenn Bedrohungen hautnah und nicht nur durch Medien vermittelt erfahren werden. Corona wird einen Trainingseffekt haben. Auch das ist ein Lernvorgang. Nicht alles muss bewusst und gewollt passieren. Das Denken kann auch ein zustimmendes Nach-Denken sein. Gewöhnung an reduzierten Konsum dürfte Konsumsitten verändern. Und die Wiederentdeckung der Ostseeküste das touristische Flugaufkommen reduzieren.

Sich aus erzieherischen Gründen weitere existenziell bedrohende Krisen zu wünschen, kann niemand ernsthaft in Betracht ziehen. Zumal es auch so etwas wie Katastrophen-Apathie oder Untergangs-Unterwerfung gibt. Auf einen konstruktiven Stil der wegweisenden Kritik kommt es an. Der kann Menschen animieren, motivieren, erfindungsreich machen.

Appelle, ich wiederhole mich, erreichen nur die Einverstanden. Im Appell feiert ein Weltverständnis seine partikulare Wiederauferstehung, das glaubt, durch guten Willen und damit unvermittelt verknüpfbare Taten die Dinge zum Guten wenden zu können. Appell und Predigt vertrauen – uneingestanden – auf das Wunder. Da unter modernen Bedingungen die meisten Prediger wissen, dass es mit der Wunder-Wahrscheinlichkeit nicht weit her ist, hat die vorweggenommene Enttäuschung auch stilistische Folgen: Wer nicht das gleiche konfessionelle Gelöbnis abgelegt hat, fühlt sich nicht angesprochen. Mit Minderheiten lässt sich das große Systemveränderungsprojekt aber nicht gewinnen.

Jo Wüllner
Jo Wüllner
Jo Wüllner, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie, arbeitete als freier Journalist und Chefredakteur (PRINZ), Umschulung zum Medienentwickler in Mailand und New York (Roger Black). Seit 1993 Umbau und Neukonzeption von gut 100 Zeitungen, Zeitschriften und Unternehmensmagazinen. Bücher zu Medientheorie und Sprachentwicklung.

3 Kommentare

  1. Wie antwortet man auf eine Karikatur? Der rhetorische Aufwand von Jo Wüllner zum Eingang seines Beitrages ist erheblich. Aussagen und Behauptungen mit folgenden Begriffen bilden Überschrift und Einleitung: „Wunder“ und „hoffen“, „Appelle“, „Einverstandenen“, „Psychologe bestätigen“, „Predigt“, „gefestigte Gemeinden“, „kollektiver Buße oder gerechtigkeits-erregter Steinigung“, „Ungläubigen“ „Alarmglocken“ , die sie läuten lässt, „Weihrauch“.

    Über so viel Rhetorik fängt man an, sich selbst zu vergessen.

    Mich erinnert das an die Wolkenkomödie des konservativen Aristophanes, in der Sokrates mit solchen Bildern karikiert wird. Nun ist weder Jo Wüllner ein Aristophanes, noch bin ich als im Text angesprochener Autor der Thesen „Die Corona-Pandemie und die Agenda 2030“ ein Sokrates.

    Trotzdem handelt es sich bei dem Text „Auf Wunder ist nicht zu hoffen“ von Jo Wüllner offensichtlich um eine Karikatur und damit um einen der „Appelle“, von denen Jo Wüllner spricht, die nur die „Einverstandenen“ erreichen. „Bei allen andern, so wird jeder Psychologe bestätigen, helfen sie nicht. Der Appell spricht nur die an, die kommunikativ eh über die passend sensiblen Synapsen verfügen, usw. usw ….“).

    Warum betreibt Jo Wüllner diese Rhetorik, die eher zur Sprache einer Gegenaufklärung gehört, als zur Sprache einer “konstruktiven Radikalität”?

    Offensichtlich stören ihn meine Thesen. Aber was stört ihn?

    Hält er sie für falsch? Wenn ja, in welchen Punkten? Enthalten sie Fehler, wenn ja, welche?
    Verfolgt er ein politisches Ziel? Und ist dieses ein anderes als das politische Ziel, das ich verfolge?

    Schließlich: Enthält der Text Wüllners ein Argument oder eine These, auf die man eingehen könnte? Wenn ja, würde ich das gerne tun.

    1. Welche Forderungen sind wünschenswert, welche sind realistisch?

      Die Liste der Forderungen, die sich an der UN-Agenda orientieren, ist unterstützenswert, weil die Ziele wünschenswert sind. (Ich schrieb das bereits in meinem ersten Text).

      Ungeachtet, ob sie wünschenswert sind: Es gibt (allgemein) realistische, unrealistische, utopische und absurd-unsinnige Ziele. Ich halte einige der Agenda-Ziele für utopisch, einige für unrealistisch, einige für ideologisch in sich widersprüchlich, einige für unlogisch. Unlogisch: So lange die gegenwärtige Armuts-Definition gilt (unter 60 % des Durchschnittsverdienstes), wird es auch bei größtem Wohlstand Armut geben. Unrealistisch: Bezahlbare und saubere Energie ist nur durch einen immensen Einsatz von Wissenschaft, Forschung und Technik möglich. Dafür ist ein starkes Wirtschaftswachstum nötig, was wiederum mit anderen Zielen kollidiert. Das gleiche gilt für den Bereich des Gesundheitssystems, für den seit Corona noch deutlich mehr Geld investiert sein soll. Ideologisch in sich widersprüchlich: Wer bezahlbare und saubere Energie will, muss ideologiefrei forschen. Das ist bei tabuisierten Technologien (Kernfusion) nicht gegeben.
      Ziele selbst sagen nichts über ihre Umsetzbarkeit. Eine Liste von wünschenswerten Zielen für eine „globale Transformation“ sagt auch nichts über ihre Umsetzbarkeit.

      In der Summe wirkt die UN-Agenda idealistisch, da mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung gänzlich anders agiert. Staaten mit mindestens vier Milliarden Menschen setzen derzeit ganz klassisch auf Wirtschaftswachstum, um zu hoch entwickelten Industrienationen aufzuschließen. Corona befördert diesen Trend sogar, da nur höheres Wachstum die Kollateralschäden kompensieren kann. Es gibt weder eine Weltregierung noch eine transzendente Weltvernunft, die da eingreifen könnte.

      Alle weiteren globalen machtstrategischen Probleme und Widersprüche bleiben ungenannt. Bolsonaros, Assads, Lukaschenkas oder Putins kommen nicht vor. Wo so wenig Realpolitik erkennbar ist, kann die UN-Agenda als Symbolpolitik gelten.
      Politikstrategisch kann die Verabschiedung solcher Ziele durch die Vereinten Nationen dennoch sinnvoll sein. Man kann auf sie öffentlich als Maßstab verweisen und immer wieder Differenzen zwischen Ist-Zustand und Zielen beschreiben. Wie lange das bei welcher Wiederholungsrate noch Aufmerksamkeit findet, müsste untersucht werden.

      Kommt mit Corona der Untergang?

      Thomas Weber verknüpft die UN-Agenda systematisch mit der Corona-Krise.
      Kernargument: „Die durch die Corona-Pandemie verursachte Krise ist eine Teilkrise der umfassenden Nachhaltigkeitskrise.“

      Damit soll die Corona-Krise von Menschen verantwortet sein. Demnach wären wir auch für Pest, Pocken, Ebola oder Grippeviren verantwortlich, weil alle seit Jahrtausenden unter städtisch-dichten Umgebungen, gerne auf Märkten, besser gedeihen und mutieren.

      Ich kenne die Argumente, die diese Unterstellung stützen sollen. Ihre Demontage ist hier nicht zu leisten. Hier geht es auch nicht mehr um rationale Formen der Problembewältigung, sondern Strategien der Schuldzuweisung, bei denen rationale und magisch-mythische Elemente ineinandergreifen. Es berührt das Syndrom ökologisch getriebener Unterwerfungssehnsucht in westlichen Komfortgesellschaften wie vor allem der deutschen.

      Richtig ist: Pandemien lassen soziale Ungleichheit deutlicher hervortreten. Die wirtschaftlich stärksten Länder mit den ausgewogensten Demokratien und rationalsten medialen Strategien haben Corona am besten in den Griff bekommen. Das spricht für eine ausgeglichene wirtschaftliche Stärkung anderer Länder, damit die hohen Kosten von medizinischer, sozialer und wirtschaftlicher Maßnahmen bewältigbar sind. Die richtige Forderung sagt aber noch nichts über geeignete Maßnahmen und deren komplexe, widersprüchliche Folgen. (Viele ärmere asiatische Länder mit schlechtem Gesundheitssystem lebten vor Corona von westlichem Tourismus; müssen wir den also wieder fliegend durchstarten lassen?)

      Thomas Weber beschwört darüber hinaus „den Anfang des Kollapses unserer globalen zivilisatorischen Systeme“ herauf. Entweder startet die „Transformation“ sofort, oder der Untergang droht.

      Das ist eine Form der apokalyptischen Beschwörung, die sich seit Jahrtausenden in unterschiedlichsten Schriftkulturen und vor allem in religiösen Dokumenten finden lässt. Erkenntnistheoretisch sind solche Formulierungen unhaltbar; sie behaupten, strikte Voraussagen über die Zukunft treffen zu können. Rhetorisch kann man sie unter die Beschwörungsformeln zählen, die Angst mit Prognostik koppeln, um damit Handlungen zu erzwingen.

      Was solche Formeln an Wirkungen und Kollateralschäden produziert haben, kann hier auch nicht ausgeführt werden. Interessierten sei das Buch des Religions- und Sozialhistorikers George Minois („Geschichte der Zukunft – Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen“) empfohlen. Wer aber Beschwörungseffekte aus psychohygienischen Gründen braucht und nicht desillusioniert werden möchte (die Gruppe wächst vor allem in Deutschland), sollte sich davon fernhalten.
      Wo apokalyptische Visionen nötig sein sollen, um wirksame komplexe Strategien in Gang zu setzen, kann es mit der Rationalität der Strategien nicht weit her sein. Muss es mehr Druck geben, damit abgestimmte Maßnahmen umgesetzt werden? Vielleicht. Aber dann sollte es realer Erfahrungsdruck sein, der in konstruktives Handeln umgesetzt wird.

      Unruhen in den USA, in anderen Ländern, ansatzweise nun auch in Deutschland (Stuttgart) zeigen aber, dass Druck zu Ausbrüchen führen kann. Menschen in entwickelten Staaten sind zu lange daran gewöhnt, dass das „System“ alles zu richten hat. Sie revoltieren, wenn „die da oben“ versagen. Mit Appellen sind die nicht zu erreichen.

      Nichts Neues unter der Sonne

      Ich komme zur rhetorischen Form des Thesenkatalogs von Thomas Weber.
      Informationstheoretisch gesehen ist die Einbindung der UN-Ziele in einen Forderungskatalog in diesem Blog hoch redundant. Die Zielgruppe erfährt nichts Neues. Es gibt eine Nachhaltigkeitskrise, über die seit knapp 50 Jahren debattiert wird. Und wir müssen seit sehr langer Zeit sehr schnell sehr viel tun. (Es kann sein, dass sich die Zielgruppe genau solche beschwörenden Wiederholungen wünscht, was ein weiteres kommunikatives Problemfeld bedeutet.)

      Der Forderungskatalog ist also nicht neu. Was nichts Neues sagt, ist nicht informativ (im Sinne gängiger Kommunikationstheorie).

      Wenn eine Botschaft nicht informativ ist, aber augenscheinlich von Interessen des Absenders getragen wird, muss die Botschaft – wenn sie nicht sinnlos sein soll – eine andere Funktion haben.

      Nicht-informative Botschaften können nur auf emotional verstärkende Wirkungen zielen.

      Emotional verstärkende Botschaften können sein: Lob, Befehle, 10 Gebote, Appelle, Forderungen, Predigten.

      Angemessene Reaktionen auf solche Botschaften können sein: Zustimmung, Applaus, Sprechchor, bestätigende rituelle, also nicht-informative Antwort bei der Kommunikation zwischen Prediger und Gemeinde.

      Solcher Appell-Response ist für die Adressaten oft befriedigend. Das Nicht-Informative eines Appells kann also gewünscht sein, weil es rituelle Antworten ermöglicht. (Und dies kann auch an diesem Ort der Fall sein.)

      Die Systemtheorie würde sagen: Was wiederholt wird, ist nicht mehr informativ, der Sinn lässt sich aber besser, weil konsequenzlos, genießen.

      In Extremfällen führt die (nicht-informative) Antwort auf Appelle zu affirmativen Handlungen: Gläubige bestätigen sich vielleicht ihren Glauben durch die Steinigung von Nicht-Gläubigen. (Das Beispiel nannte ich in meinem ersten Text zwar beiläufig-zynisch, es gehört aber bis heute zur realen Geschichte von Ideologien aller Art.)

      Die an der UN-Agenda orientierte Forderungsliste hatte ich als „Predigt“ kategorisiert. Das war eine rhetorische Zuspitzung. Zwecks Versachlichung nenne ich sie jetzt „Appell“.

      Ein Appell ist entweder auf Handeln oder Nicht-Handeln ausgerichtet. Welche Handlungen die Adressaten (im aktuellen Kontext die LeserInnen des Blogs) ausführen sollen, ist unklar.

      Zitat: „Alle nationalen und internationalen Einrichtungen sind konsequent und schnell an den globalen Nachhaltigkeitszielen auszurichten und die Fehlstellungen in den Wirtschafts-, Gesellschafts- und Rechtsordnungen sind zu korrigieren. Diese Ausrichtung muss von allen Ländern der Welt jetzt in Angriff genommen werden.“

      Adressat sind also „nationale und internationale Einrichtungen“. Formuliert werden Anweisungen im Stil von militärstrategischen Orders („… sind auszurichten … ; … sind zu korrigieren …“). Es scheint also (wenn man die semantische Oberfläche des Textes akzeptiert) unterstellt zu werden, dass a) die Adressaten die Forderung lesen und b) die Adressaten den Aufforderungen unmittelbar nachkommen. Ersteres ist falsch, letzteres weltfremd.

      Dieser Blog wird von Individuen gelesen, die (mehrheitlich und im Groben) solche Forderungen kennen. Plausibel wäre hier vielleicht die Aufforderung zu einem offenen Brief an Staatsmänner, die die UN-Agenda nicht angemessen unterstützen. Ob Briefe an Trump, Lukaschenka oder Bolsonaro aber sinnvolle strategische Kommunikation bedeuteten, kann wiederum bezweifelt werden.

      Wer eine Forderung stellt, die die eigentlichen Adressaten nicht erreicht, der von den realen Adressaten (LeserInnen dieses Blogs) nicht entsprochen werden kann, kann nur erwarten, dass die Adressaten den Forderungen zustimmen. Die vom Appell erwartete Handlung ist also eine indirekte. Es geht um die Bestätigung der Richtigkeit des Geforderten.

      Wer Bestätigung einfordert, darf sich aber keinen kritischen Diskurs wünschen. Der Appell stellt sozusagen „geronnene“ Kritik dar. Wer nochmals mit Kritik anschließen will, ist abtrünnig (oder wie in meinem Fall „gegenaufklärerisch“ gesonnen).

      Der hier vorgelegte programmatisch-appellative Text hat einen Kontext, der unsichtbar bleiben muss, wenn der Appell als rhetorisches Modell funktionieren soll.

      Ich skizzierte in meinem ersten Text den Kontext durch zwei längere Zitate des Soziologen Armin Nassehi. Ich formuliere knapper:

      Gesellschaftskritik beschränkt sich zu oft auf die Formulierung von Zielen, ohne die Probleme der Wege zu beschreiben. Das Ziel scheint schon der Weg zu sein.

      Gesellschaftskritik darf nicht wahrhaben, dass die Aufklärung über das, was unter globalisierten Verhältnissen zu tun ist, sich nicht unmittelbar in politisch wirksames Handeln umsetzen lässt.

      Aufklärung führt also nicht direkt zu Aufgeklärtheit. Und selbst die führt nicht zu wirksamen Änderungen. Weil zwischen gutwillig aufgeklärten Subjekten und wirksamen Handlungen die globale wirtschaftliche und politische Sphäre liegt. Und die schwer kalkulierbaren Neigungen von knapp 7,8 Milliarden Menschen.

      Armin Nassehi nennt das „demütigend“, ich nenne es realistisch. Den (in meinem ersten Text allzu rhetorisch aufgeladenen) Hinweis darauf nennt Thomas Weber „antiaufklärerisch“ und damit nicht kompatibel zu einem Diskurs des „konstruktiven Radikalismus“, der sich programmatisch im Untertitel dieses Blogs findet.

      Damit wäre der Punkt des Konfliktes aus meiner Sicht hinreichend präzisiert. Zu lösen ist er nicht. Es müsste eine Entideologisierung und Dekonstruktion der Appell- und Pathosformeln gegenwärtiger Gesellschaftskritik stattfinden. Die Zeiten sind augenscheinlich nicht dazu geeignet.

  2. Jo Wüllner schreibt:

    „Thomas Weber verknüpft die UN-Agenda systematisch mit der Corona-Krise.
    Kernargument: „Die durch die Corona-Pandemie verursachte Krise ist eine Teilkrise der um-fassenden Nachhaltigkeitskrise.

    Dazu will ich feststellen: Nicht ich verknüpfe die Pandemie systemisch mit der Agenda. Diese Verknüpfung entspricht dem „Geist“ der die ganze Agenda durchzieht, und sich z.B. in folgenden Passagen zeigt:

    In der Präambel der Agenda heißt es: „Die Querverbindungen zwischen den Zielen für nachhaltige Entwicklung und deren integrierter Charakter sind für die Erfüllung von Ziel und Zweck der neuen Agenda von ausschlaggebender Bedeutung. Wenn wir unsere Ambitionen in allen Bereichen der Agenda verwirklichen können, wird sich das Leben aller Menschen grundlegend verbes-sern und eine Transformation der Welt zum Besseren stattfinden.“

    Im Punkt 14 der Einleitung der Erklärung der Agenda 2030 werden „weltweite Gesundheitsgefahren“ in der Aufzählung der Herausforderungen genannt:

    “14. Wir haben uns zu einem Zeitpunkt versammelt, in dem die nachhaltige Entwicklung vor immense Herausforderungen gestellt ist. Milliarden unserer Bürger leben nach wie vor in Armut, und ein Leben in Würde wird ihnen verwehrt. Die Ungleichheiten innerhalb der Länder und zwischen ihnen nehmen zu. Es bestehen enorme Unterschiede der Chancen, des Reichtums und der Macht. Geschlechterungleichheit stellt nach wie vor eine der größten Herausforderungen dar. Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit, ist ein erhebliches Problem. Weltweite Gesundheitsgefahren, häufiger auftretende und an Intensität
    zunehmende Naturkatastrophen, eskalierende Konflikte, gewalttätiger Extremismus, Terrorismus und damit zusammenhängende humanitäre Krisen und die Vertreibung von Menschen drohen einen Großteil der in den letzten Jahrzehnten erzielten Entwicklungsfortschritte zunichte zu machen. Die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und die nachteiligen Auswirkungen der Umweltzerstörung, darunter Wüstenbildung, Dürre, Landverödung,
    Süßwasserknappheit und Verlust der Biodiversität, haben eine immer länger werdende Liste sich verschärfender Menschheitsprobleme zur Folge. Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, und seine nachteiligen Auswirkungen untergraben die Fähigkeit aller Länder, eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Der globale Temperaturanstieg, der Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Ozeane und andere Auswirkungen des Klimawandels haben schwerwiegende Folgen für die Küstengebiete und tieflie-
    gende Küstenstaaten, darunter viele der am wenigsten entwickelten Länder und kleinen Inselentwicklungsländer. Das Überleben vieler Gesellschaften und der biologischen Unterstützungssysteme der Erde ist in Gefahr.“

    Und im Punkt 17 lautet:
    „17. …
    Der integrierte Ansatz, für den wir uns entschieden haben, kommt in der engen Verflechtung der neuen Ziele und Zielvorgaben und den vielen vorhandenen Querschnittselementen zum Ausdruck.“

    Am kommenden Mittwoch wird sich der Parlamentarische Beirat für Nachhaltige Entwicklung des Deutschen Bundestages zu dem Thema „Globaler Kontext der Corona-Pandemie und SDGs“ treffen und stellt hier auch eine Verknüpfung zwischen Pandemie und Corona her.

    Jo Wüllner führt weiter aus:

    „Damit soll die Corona-Krise von Menschen verantwortet sein. Demnach wären wir auch für-Pest, Pocken, Ebola oder Grippeviren verantwortlich, weil alle seit Jahrtausenden unter städ-tisch-dichten Umgebungen, gerne auf Märkten, besser gedeihen und mutieren.“

    Man ist da doch geneigt auszurufen: Was denn sonst? Die Menschen gefährden die Polis, das System Menschheit. Wer die Polis gefährdet, ist gegenüber der Polis verantwortlich.

    Besteht nicht ein Zusammenhang zwischen Menschheitswachstum, Verringerung nutzbarer Landflächen, Globaler Mobilität und globalem Massentourismus, globalem Güterverkehr etc.etc. also zwischen den Wirkungen menschlicher Aktivitäten, die die Menschen auch anders hätte entfalten können?

    Und wusste die Menschheit etwa nichts von der realen Gefahr einer Pandemie, zumal nachdem es Pest, Pocken, Tuberkulose, Ebola etc. etc. gab,?

    Gab und gibt es nicht die Szenarien. die genau eine solche Pandemie sdurchgespielt haben? Und gibt es nicht die Pläne der WHO und andere Katastrophenschutzeinrichtungen, auf die für den Fall einer Pandemie man hätte zurückgreifen können? Schließlich: Hätte eine Politik und eine Gesellschaft, die eine solche vorhergesagte Pandemie nicht verdrängt oder ignoriert hätte, sich nicht ganz anders vorbereiten können und müssen?

    Hätte man sich darauf vorbereitet, wäre die Mobilität anders gewesen, die Lieferketten wären anders organisiert worden, das Gesundheitssystem würde anders aussehen, usw. usw. so daß es zu keinem umfassenden Shutdown hätte kommen müssen.

    Natürlich sind die Ausmaße des Krisengeschehens von Menschen verursacht und müssen daher auch von Menschen verantwortet werden. Und das betrifft genauso die Folgen der Klimakrise, der Ungleichheitsprozesse, etc.

    Hier das unabwendbare Schicksal ins Spiel zu bringen, wirkt nicht sehr aufgeklärt.

    An anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen, wie in einer der ersten literarischen Auseinandersetzungen des Abendlandes zwischen Homer und Hesiod am Pandora-Mythos in seiner anfänglichen Überlieferung der Unterschied zwischen aufgeklärtem und unaufgeklärtem Denken dargestellt wirde.

    Dabei kann die Geschichte der Pandora, menschheitsgeschichtlich als Ursprungsmythos für Aufklärung und Fortschritt überhaupt gelesen und verstanden werden.

    Pandora: Priesterin des Fortschritts und der Aufklärung

    In diesem Zusammenhang interessiert das, was später sprichwörtlich – aber den Ursprungssinn zerstörend – die „Büchse« der Pandora genannt wurde. Aus den Ursprungstexten wird nämlich deutlich, dass es sich bei dieser „Büchse« nicht um eine Büchse, sondern um ein Vorratsfass, einen Pithos, gehandelt hat. In diesem Pithos waren die Übel versammelt und wurden dadurch freigesetzt, dass Pandora aus Neugier den Deckel des Fasses geöffnet hat.

    Indem nun Pandora den Deckel des Fasses angehoben und die Übel des Fasses freigelassen hat, hat sie die Bedingungen des Lebens der Menschheit verändert.

    Die Ausgangstexte: In Homers „Ilias« – Adressat der homerischen Dichtung dürften Adelshöfe sein bzw. ein Publikum, das einem Adelskontext nicht fremd ist – heißt es:

    „Denn es sind zwei Fässer (pithoi) aufgestellt an der Schwelle des Zeus,
    Voll das eine von Gaben des Wehs, das andre des Heiles.
    Wem nun vermischt austeilt der donnerfrohe Zeus,
    Solcher trifft abwechselnd ein böses Los, und ein gutes.
    Wem er allein des Wehs austeilt, den verstößt er in Schande;
    Und herznagende Not auf der heiligen Erde verfolgt ihn,
    Daß, weder von Göttern geehrt noch vom Sterblichen, bang’ er umherirrt.«
    (Homer Ilias 24, 527–533 nach der Übersetzung von Johann Heinrich Voss)

    Für Homer hängt das Befinden des Menschen von dem ab, was Zeus diesem zuteilt. Das Los des Menschen ist gottgegeben. Dem Menschen ist es nicht möglich, sich gegen Gottgegebenes zu wehren. Der Mensch hat sein Los zu akzeptieren.

    Hesiod antwortet – Adressat Hesiods ist ein landwirtschaftlich geprägtes Publikum – Homer in den „Werken und Tagen“ mit Pandoras Fass.

    „Aber die Frau, nahm mit den Händen vom Fass (pithos) den mächtigen Deckel weg,
    und verstreute und erwirkte den Menschen unheilvolle Sorgen.
    Allein die Hoffnung blieb in den unzerbrechlichen Räumen
    innen unter den Rändern des Fasses und flog nicht durch die Öffnung
    heraus, da sie zuvor den Deckel auf das Fass warf,
    [nach Zeus’ Willen dem Aigisträger, dem Wolkensammler.]
    Zahlloses anderes Unheil aber schwärmte umher bei den Menschen.
    Voll ist das Land von Übeln, voll auch das Meer.
    Krankheiten gehen unter den Menschen einher am Tag und in der Nacht
    von selbst (automatoi) den Sterblichen Übel bringend.“
    (Werke und Tage 94 –103 Übertragung TW)

    Bei Hesiod sind die Übel und die Krankheiten in der Welt und fallen die Menschen aus eigenem Antrieb (automatoi) an. Welchen Menschen welches Übel, welche Krankheit befällt, nachdem Pandora den Deckel des Fasses weggenommen hatte und die Übel das Fass verlassen haben, ist nicht mehr gottgegeben.

    Das bedeutet auch, dass der Widerstand der Menschen gegen den Befall von Übeln nicht mehr von vorneherein sinnlos ist. Im landwirtschaftlichen Kontext ist unmittelbar einleuchtend, dass Fatalismus und Gottgegebenheit, die Erfolg und Misserfolg, Ernte und Missernte der eigenen Zuständigkeit und Anstrengung entziehen, nicht hilfreich sind, weil sie von der notwendigen Arbeit abhalten.

    Die unausgesprochene Botschaft bei Hesiod, die Homer korrigiert, ist: Die Menschen können sich gegen Übel zur Wehr setzen, wenn sie aufmerksam sind und sich vorbereiten. Damit ist die religiös-geistige Voraussetzung gelegt, um sich von der Gottgegebenheit befreiend zur Naturbeobachtung, zu Wissenschaft, Fortschritt und Aufklärung hinzuwenden.

    Ebenso ist das Vertrauen auf eine Hoffnung – die im Fass bleibt – nicht hilfreich, weil sie zur Lähmung der Arbeitskraft und zu mangelnder Aufmerksamkeit führt. Aus diesem aus landwirtschaftlicher Erfahrung resultierenden Blick ist die Hoffnung ein Übel. Dass die Hoffnung im Fass bleibt, ist ein Reflex der Erfahrung, dass man sich gegen eine blinde lähmende Hoffnung nicht schützen kann. Denjenigen, den sie trifft, trifft sie gleichsam gottgegeben.

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