General Corona kommt, aber Micha hat den Farbfilm vergessen

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Das Militär macht, dazu ist es da, was ihm befohlen wird, und zwar zackzack. Zwischenrufer, Bedenkenträger, Neinsager, alle nicht zu gebrauchen. Wird der Abschiedswunsch einer Bundeskanzlerin zum Befehl, spielt die Militärkapelle auch Lieder der anarchistisch angehauchten „Godmother of Punk“ Nina Hagen. Wird der Einstiegswunsch der neuen Regierung zum Befehl, das Impfchaos endlich in den Griff zu bekommen, tritt ein General an.

Ein General ist für das Generelle verantwortlich. Er kann, glaubt man der Geschichte, im terrestrischen Normalfall nur ein Mann sein, er steht ganz oben, überblickt alles und sagt denen unten, was zu tun und zu lassen ist. Von Generälen träumt eine Gesellschaft, sobald es drunter und drüber geht, alle anderen nicht mehr ein noch aus wissen, wenn, Großbritannien lässt grüßen, die Versorgung zusammenbricht, in allen Poren des Alltags Zweifel nisten und die Verzweifelten den Ton angeben. Krise braucht Führung, der Krisenstab am besten einen General.

Von der militärischen Mischung aus uniformierter Ordnung und bewaffneter Gewaltbereitschaft geht eine große Faszination aus. Zufall ist es nicht, dass der berühmt-berüchtigte Staatsrechtler Carl Schmitt, der am 1. Mai 1933 in die NSDAP eintrat und sie bis zum katastrophalen Ende nicht verließ, Politik und Militär verwechselt hat. Es sind die Militärs, die ihre Funktionslogik aus der Unterscheidung von Freund und Feind gewinnen, nicht die Politiker; höchstens die primitiven unter ihnen.

Der Feind kann viele Gesichter haben, ob er im Osten, im Westen oder im Inneren steht, ob er ein Virus, ein Hochwasser oder ein Erdbeben ist. Oder, da der General auch als Metapher zur Verfügung steht, auch der Staub, dem die Hausfrau im Kampf für Sauberkeit und Hochglanz zu unterliegen droht. Das Grundproblem ist, das Militär darf sich nicht selbständig machen. Es muss verhindert werden, dass es selbst darüber entscheidet, wer Freund und wer Feind ist, wann es seine Funktionsfähigkeit zur Verteidigung gegen oder zum Angriff auf den Feind unter Beweis stellt.

Halten wir fest: Auch zivilisierte, bis an die Zähne technisierte, politisch demokratisierte, ökonomisch kraftstrotzende, wissenschaftlich hoch entwickelte, freiheitsliebende Länder greifen gerne darauf zurück: Ein paar Tausend oder Hunderttausend kasernierte Menschen, die nichts zu sagen, nur zu gehorchen haben, „Gewehr bei Fuß“ einsatzbereit zu halten, um sie im Krisenfall als ultima ratio ins Feld schicken zu können, und das kann auch ein Erdbeer- oder Spargelfeld sein. In der VUCA-Welt des Schwankenden, Unsicheren, Komplexen und Mehrdeutigen scheint ein Hort der Eindeutigkeit, Einfachheit, Sicherheit und Stabilität, sozusagen eine CSSS-Welt (clear, simple, secure, stable) unverzichtbarer als je zuvor. Und die Bundeswehr-Helme haben beim Großen Zapfenstreich für Angela Merkel sooo schön geglänzt, wahrscheinlich generalgereinigt.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt (at) arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: „Mustererkennung in der Coronakrise“ sowie „Arbeit und Krise. Erzählungen und Realitäten der Moderne“.

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