„Nach Auschwitz einen Film zu drehen, …“

Screenshot ZDF-Website

Endlösung, Endsieg, Entscheidung – die Nazi-Diktatur ist ein Beispiel für Endlichkeitsgeschichte. Wie weiterleben, wenn jede Menschlichkeit zerstört wird? Die Maschinerie des Endes ist so unvorstellbar, dass sich sogar die Hoffnung wieder in die Büchse der Pandora verkriecht. Ein neuer Geschichtsfilm im ZDF über die Wannseekonferenz gibt die Hoffnung nicht auf.
„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, kritisiert Theodor W. Adorno alle kommunikativen Versuche, der Schoah kunst- und kulturschaffend gerecht zu werden. Hannah Arendt drückt die sprachlose Fassungslosigkeit aus in dem Satz, “dies hätte nie geschehen dürfen”. Warum muss über das Ende weiter erzählt werden, auch wenn manche Details nicht stimmen?

Ein Vorwurf geschichtlicher Aufarbeitung gilt der Authentizität des Dargestellten. Doch welchen Rezeptionsvorteil hätte es, wenn der Heydrich-Darsteller originalgetreu mit Fistelstimme in hallischer Mundart sprechen würde? Schwerer wiegt ein anderer Vorwurf spielfilmhafter Darstellung. So wie archäologische Ausgrabung das Darunterliegende zu zerstören drohen, könnten bruchstückhafte Geschichtszeugnisse von fiktiven Bildern überdeckt und dadurch für die weitere Geschichtserzählung beeinträchtigt werden. Andererseits ist Wirklichkeit ohne Fiktion kaum zu haben. „Wo immer es um das Herstellen von Realitäten geht, sind Fiktionen im Spiel.“ (Wolfgang Iser1)

Das Böse kann schon deshalb nicht banal sein, weil es böse ist

Das historische Komplexität nicht einfach zu erzählen ist, leuchtet ein. Trotzdem ist das Erzählen eine Chance. „Verständnis allzu leicht gemacht“ befindet dagegen Jochen Schimmang in seiner Besprechung über die Erzählung „Die Tagesordnung“ des französischen Autors Éric Vuillard (FAZ 28.04.2018). Vuillards mit dem Prix Goncourt ausgezeichnetes Werk beginnt bei der Finanzierung des Endes, für die 24 deutsche Unternehmensführer neun Jahre vor der Wannseekonferenz mit Hitler konferieren. Vuillard verschweigt dabei nicht, dass das Investment sich für beide Seiten ausgezahlt hat. In Vuillards Tagesordnung spielen auch die mit, die in der traditionellen Geschichtsschreibung sonst wenig Berücksichtigung finden. Das Erzählerische lebt von Tätern und Opfern, von Schurken und ihren Verbrechen.

Ein anderes Problem der geschichtlichen Aufarbeitung ist die Sucht nach Kausalität. Die Frage „wie konnte es dazu kommen“ impliziert dabei automatisch einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Die Ursachen drohen dabei die Wirkungen zu entschuldigen. Die verkorkste Psyche der Täter kann aber ebenso wenig als Entschuldigung gelten, wie die bürokratischen Verwaltungsroutinen. Hannah Arendt ist Eichmanns Schauspiel vom banalen Befehlsempfänger im Gerichtssaal bekanntlich auf den Leim gegangen. Das Böse kann schon deshalb nicht banal sein, weil es böse ist.

Kunst und Kultur werden für ihre Schönheit geschätzt. Kunst und Kultur können aber noch besser faszinieren, verübeln und schockieren. Der Maler Paul Leistikow nervte Kaiser Wilhelm II. so sehr, dass dieser sich zu dem Kommentar hinreißen ließ: „Er [Leistikow] hat mir den ganzen Grunewald versaut“. Der historische Spielfilm verübelt weniger den Schauplatz als die dortige Handlung. Niklas Luhmann hat gefühlloses Verwaltungshandeln schmeichelhaft als „Taktlosigkeit von Routineprogrammen“ bezeichnet.

15 Teilnehmer, darunter neun Juristen, acht promoviert

Selten zeigten sich im Film Männer so von ihrer hässlichsten Seite, verstärkt durch ihre Uniformen und uniformen Anzüge in ihrer ganz und gar verabscheuungswürdigen Aura. Zu wenig wird das juristische Debakel deutlich; denn von den 15 Teilnehmern der Konferenz waren neun Juristen und davon sogar acht Promovierte. Wen wundert unter diesen Voraussetzungen der geringe Ehrgeiz der Justiz nach 1945.

Der Tötungsmaschinerie war während der Konferenz am Wannsee bereits im Gange und wurde am 20. Januar 1942 nur noch gemeinsam entschieden. Am Ende beauftragt der Vorsitzende, SS-Obergruppenführer und Polizeigeneral Reinhard Heydrich, Eichmann für die weitere Kommunikation:

„Sprachregelung wie gehabt. Kleiden Sie alles in dienstliche Worte. Wir wollen niemanden erschrecken. Aber es darf jeder nachlesen, woran er mitgewirkt hat. Nicht dass es nachher wieder heißt, dass keiner was wusste.“

Genau darum es geht in dem Kammerstück der Wannseekonferenz. (Verbrecher)Organisationen sorgen dafür, dass alle irgendwie beteiligt sind an Entscheidungen und nicht mehr zurück können in Recht und Ordnung. Im Räderwerk des Holocaust sind am Ende alle Menschen beteiligt an der Organisation und Exekution dessen, was nie hätte geschehen dürfen. Von den Statistiker*innen, die Menschen zählen, bis zu den Betreibern der Vernichtungslager sind unzählige Entscheidungen zu treffen und Handlungen zu verrichten. Auch diejenigen, die nichts tun, machen durch ihr Nichthandeln stillschweigend mit.

Erst die Nazi-Nachgeneration der 68er setzt dem großen Schweigen ihrer Eltern ein Ende. 1968, im Namensjahr der Generation, erscheint der Italowestern „Il grande silenzio“ (dt. Titel: Leichen pflastern seinen Weg) mit Klaus Kinski in der Hauptrolle eines rechtlich legitimierten Massenmörders. Der Film ist berüchtigt für sein Un-Happy-End. Am Ende siegt das Böse. Ebenso wie bei „Der Wannseekonferenz“ werden nicht einmal die Zuschauenden am Ende erlöst vom Bösen.


1  Iser, W. (1983). Das Fiktive im Horizont seiner Möglichkeiten, in: Henrich, D., Iser, W. (Hg.): Poetik und Hermeneutik  X. Funktionen des Fiktiven, München 1983, S. 547-557.

Jürgen Schulz
Prof. Dr. Jürgen Schulz lehrt und forscht im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin (UdK). Er arbeitet auch in der Redaktion von „Ästhetik & Kommunikation“.

4 Kommentare

  1. Da hat Herr Prof. Dr. Schulz Hannah Arendt aber gründlich missverstanden!
    Ich habe den Inhalt ihres Buches genau so verstanden wie m E. seine Meinung zum Thema „Banalität“, vermeintliches Nichtwissen und Schuldabwälzung ist
    (unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse der hinterlassenen Beweise natürlich).
    Claudia Metzdorf
    Dipl. Päd. (Körperbehindertenpädagogik)

  2. Bei diesem “Kammerspiel” habe ich mich gefragt, ob man das Geschehen – und sei es nur einen Ausschnitt daraus – so darstellen darf / soll, dass ausschließlich die Täter Gesicht und Stimme bekommen, die Opfer wie auch die Taten selbst vollständig ausgeblendet bleiben? Ebenso, ob nicht heutige Neonazis sich diesen Film feixend, schenkelklopfend reinziehen können und das Ganze einfach toll finden könnten? Oder nochmal anders – im Sinne Walter Benjamins -, dass “unsere” Darstellungen so formuliert bzw. gestaltet sein müssen, dass sie der “Feind” nicht missbrauchen kann?

    1. Wenn ich Wilhelm Busch nicht gründlich missverstanden habe, gibt er die Vorlage für Quentin Tarantino filmische Philosophie:
      „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt” und bekämpft!

      Inglourious Basterds – Filmkunst als bessere Wirklichkeit, die die scheußliche Realität ignoriert!

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