Ein Bauer im Senegal

Ein junger Bauer aus dem Senegal sah sich gezwungen, nach Europa zu gehen, um Geld zu verdienen. Dieses Land ist für Naturgefahren wie Küstenerosion, Dürren, Überschwemmungen und Heuschreckeninvasionen besonders anfällig. Der Klimawandel verschärft diese Risiken insbesondere für Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU). Ihre Anpassungsfähigkeit an die Risiken des Klimawandels scheint jedoch gering. Mehrere Ministerien und Behörden des Senegals unterstützten zwar ihre Entwicklung, aber es fehlt immer noch ein klarer Business Case, um die Maßnahmen zu beschleunigen.2

Die Unterstützer:innen in Deutschland machten sich Sorgen, dass er in einem Burnout landen könnte, und dass er alles Geld nur in das Projekt steckte und nichts für sich und sein Familie übrig hätte. Er bat sie stattdessen, ihm zu helfen, ein Haus zu bauen. „Sie sammelten 6.000 Euro, das Haus wuchs, doch als im Juni die Regenzeit begann, fehlte das Dach und das Geld war alle. Der Regen könnte alles wegspülen, was sie bisher gebaut haben, fürchteten sie. In drei Tagen haben sie noch einmal 3.000 Euro gesammelt. Für viele aus dem Helferkreis sei das aber ein Schock gewesen (…), das Gefühl, im Hauruck Geld schicken zu müssen.“

Zwei engagierte Frauen

Bild: Sanjay Rao auf wikimedia commons

Also war eine der beiden Frauen in den Senegal gefahren, weil der Helferkreis Angst hatte, dass ihr Schützling pleite war. Sie fragten sich, ob er, der nie eine Schule besucht hatte, mit der Planung des Projektes überfordert war. Als die Frau in dem neuen Haus saß, war ihr klar, dass die Angst der anderen Unterstützer:innen, er könne sich einen Palast hingesetzt haben, unbegründet war.

Ein großer Teil der Zielsetzungen des Welt-Hunger-Indexes findet sich in der Schilderung dieses Einzelfalls eines jungen Bauern aus dem Senegal in nuce versammelt1. Sein Beispiel steht im Kontext des Beitrages “Die Agenda 2030 braucht radikale Politik und echte Kompromisse für Übergänge”. Wir werden sehen, dass selbst dort, wo es an Idealen, Ideen, Geld und gutem Willen nicht mangelt, die Umsetzung des Projektes komplizierte Fragen aufwirft. Zwischen privaten Projektgebern und Projektnehmern entstehen Dissense, die echte Kompromisse erfordern. Dissense zwischen Kooperationspartnern entstehen nicht allein durch Unterschiede in den Arbeitsweisen, Charakterunterschiede und die Verletzung des Stolzes. Parteien, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen wie wirtschaftlichen Interessengruppen besetzen Entwicklungsprojekte mit einer jeweils eigenen Agenda und überbetonen bestimmte Aspekte der Problemlösung.

Kontrolle und Stolz

Aber der Bauer eröffnete ihr, dass das bisherige Restaurant zu klein war und zeigte ihr ein großes Gebäude im Zentrum, in dem er das neue Restaurant eröffnen wollte. Sie sagte ihm, dass seine Träume schnell wechselten. Schließlich zerstreuten die Gespräche mit einem Pfarrer des Ortes, anderen Bewohnern und einem Finanzfachmann ihren Zweifel. Dieser wollte die Kostenkalkulation der Projekte prüfen. Und obwohl es keine Abrechnung über die laufenden Kosten und Einnahmen gab, versicherte er ihr, dass er an die Projekte des Geförderten glaube und dass er die Investments für sinnvoll hielt. Diese Einschätzung ersetzte der Kontrolleurin die Zahlen der Bilanz und ihr Schützling erhielt eine Anschubfinanzierung für das neue Restaurant.

Öffentliche Institutionen und private Organisationen, die Projekte fördern, wollen irgendwann wissen, was eine Projektnehmer:in mit ihrem Geld machen. Wenn sie oder er die Pläne zu sehr und zu häufig wechselt, schlägt Vertrauen in Skepsis oder Misstrauen um. Dann bedarf es subtiler Formen der Kontrolle, die mit dem Stolz der Unterstützten rechnen muss. Im dargestellten Fall half das Urteil eines Experten ohne Abrechnung.

Das Beispiel endet damit, dass die Kontrolleurin den jungen Bauern auf ihrem Weg nach Dakar zum Finanzdirektor des katholischen Bistums Thiès mitnahm, der die Städtepartnerschaft zwischen Solingen und Thiès koordinierte. Er leitete den Austausch zwischen den Bistümern Bamberg und Thiès und arbeitete mit dem Freistaat Bayern bei der Ausbildung von Solartechnikern zusammen. Als der Banker sagte, dass man auch in Afrika schon Geld investieren muss, waren sich beide Parteien einig.3

Lokal geführte Initiativen stärken

Die Partnerschaft zwischen dem senegalesischen Akteur und der bayerischen Unterstützergruppe weist auf die stets prekäre Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle hin, die auch im großen Rahmen vorhanden sind. Die G7-Staaten haben unlängst entschieden, Energiewende-Partnerschaften (Just Energy Transition Partnerships) mit Schwellenländern auszubauen. Sie geht über die normale Entwicklungszusammenarbeit in Form von Beratung, Bildung, Hilfe bei Investitionsgütern und Nahrungsmitteln, Krediten und handelspolitischer Zusammenarbeit hinaus. Die G7 hoffen, dafür öffentliche und private Mittel für nachhaltige und klimaresiliente Infrastruktur zu mobilisieren. Geldgeber, UN-Behörden, NGOs und lokale Akteure sollen sektorübergreifende und langfristige Beziehungen aufbauen. Dafür müssen die Geldgeber mehrjährige Investitionen in Entwicklung und Friedensförderung tätigen. Die Finanzierung soll und wird einem flexiblen und variablen Ansatz folgen, der lokale Perspektiven, Bestrebungen und Bedenken widerspiegelt.

Gute Partnerschaft ist auch Thema im Senegal. Obwohl das Land nach Angaben der OECD über eine größere politische Stabilität und bessere Regierungsführung als andere Staaten der Region verfügt, sucht es nach einer good practice für eine Governance, die die Klimaresilienz stärkt. Die nationale Regierung ist bestrebt, Reformen zu initiieren, Gesetze durchzusetzen und den Haushalt umzusetzen. Allein der Führungswechsel („leadership turn-over“) in Ministerien und Behörden hat sich als schwierig erwiesen. Außerdem beteiligt der Nationale Ausschuss für Klimawandel (COMNACC), die KKMU, die er bei klimaresilienten Maßnahmen unterstützen könnte, nur begrenzt. Den regionalen Klimawandelausschüssen, die die Arbeit des COMNACC unterstützen sollen, fehlen Kapazitäts- und Finanzressourcen. Die Unternehmen des Privatsektors hatten sich zwar an der Entwicklung eines Umweltgesetzbuches und des nationalen Anpassungsplan Plans Sénégal Émergent (PSE) beteiligt, aber die Umsetzung der Politik lief an ihnen oft vorbei.

Dakar, Nationalversammlung des Senegal (Foto: Bernardbill5 auf wikimedia commons)

Wir sagten, dass effektive Entwicklungshilfe nicht mehr allein „Top-down“ für die Entwicklungsländer gemacht werden kann, sondern nur im Zusammenspiel mit einem „Bottom-up“-Ansatz mit ihnen. Dafür sollten Entwicklungsprojekte zum einen die Kriterien der Reparabilität und Fehlerfreundlichkeit für diejenigen, die es aufbauen, erfüllen. Solange es nicht um Großprojekte wie etwa den Bau von Staudämmen oder Straßen handelt, sollten die Projekte beispielsweise bei der Auf- und Abbaubarkeit oder einem Standortwechsel leicht reversibel sein. Die Vorhaben sollten, der Situation angepasst, leicht vollziehbar optimierbar sein, um die eingeschränkten Fähigkeiten seiner Nutzer zu berücksichtigten. In Ansehung dieser Kompetenzdefizite sollten die Nutzer ein Ziel nicht mit überhöhten Ansprüchen befrachten, aber trotzdem mit dem Erreichbaren zufrieden sein können.

Zum anderen sollte eine Projektgestaltung dieser auf vielen Schultern ruhen und von vielen tragbar und weiter transportierbar sein. Bei dieser hohen Diversität werden Erleichterungen, Kompensationen, Partizipation und Hilfeleistung etc. allererst realisierbar. Dies ist eine Antwort auf eines der Hauptprobleme von Entwicklungshilfe: wie westliches Knowhow die Akzeptabilität – also nicht die Akzeptanz, sondern die Möglichkeit der Zustimmung auf Grundlage von guten Argumenten und Verfahren – der zukünftigen Nutzer:innen erhalten kann. Dies wird in den meisten Fällen nur mit echten Kompromissen möglich sein.

Latente Konflikte blockieren die Handlungsfähigkeit

Die Nicht-Beteiligung von senegalesischen KKMU an der Durchführung klimaresilienter Projekte erzeugt hingegen Legitimationsdefizite. So sind die öffentlichen finanziellen Förderprogramme für KKMU mit der PSE aufgeblüht und auch die Finanzprodukte der meisten Geschäftsbanken; und die Banque Agricole hat in ihrem Geschäftsmodell die Klimaresilienz berücksichtigt und eine Landwirtschaftsversicherung zur Pflicht gemacht. Aber dies ist kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Die Landwirte und Fischer sind zurückhaltend und die Unterstützung durch die Behörden ist gering.4

Dies ist aber keineswegs für ein Spezifikum von Staaten mit einem vergleichsweise geringen wirtschaftlich-technischen Entwicklungsstand. Auch hierzulande hat die quantitative und qualitative Nicht-Beteilung nachteilige Folgen für die Qualität der Projekte und die Unterstützung durch die Bevölkerung. Dafür steht nicht nur das emblematische Stuttgart 21, sondern auch der langsame Ausbau von Stromtrassen in Folge des Ausstiegs aus der Atom- und Kohlekraft. Einige Landesregierungen halten sich zurück und Bürgerinitiativen leisten Widerstand. Tragfähige Lösungen erfordern eine qualifizierte Beteiligung von Bürger:innen.5 Schließlich ist damit zu rechnen, dass kommunikativen Defizite und Versäumnisse und daraus resultierende Konflikte der Vergangenheit von den Menschen nicht vergessen werden, sondern latent bleiben. Dies sollten die entwicklungspolitischen Akteure nicht übersehen.

Der Bauer hatte in Bayern Asyl und eine hilfsbereite Bürgerbewegung gefunden, die ihm half, in seine Heimat zurückzukehren und dort ein Landwirtschaftsprojekt auf die Beine zu stellen. Zwei engagierte Frauen sammelten Spenden in Höhe von 8.000 Euro bei den Rotariern, den Kirchen und Bekannten, und der deutsche Staat steuerte 2.000 Euro bei. Eine der Frauen besuchte ihn im Senegal, um sich über den Stand des Projektes zu informieren. Der junge Mann hatte damit begonnen, auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern Erdnüsse und Hirse anzubauen, aber das Land brauchte teuren Dünger. Und weil die Felder nicht umzäunt waren, lohnte es sich nicht, sie zu bewässern und ganzjährig Gemüse anzubauen, weil in der Trockenzeit die Ziegen und Esel alles aufgefressen hätten. Seine Familie schien jedoch nicht an sein Projekt zu glauben. Später hatte er ein kleines Restaurant als zweites Standbein neben der Landwirtschaft eröffnet.

In unserem Beispiel besaß der senegalische Flüchtling und Bauer einen Vertrauensvorschuss von seinen Unterstützer:innen in Deutschland. Vermutlich hatten sie ihn nicht nach den Fehlern und Versäumnissen in seinem Land gefragt, sondern förderten seine Rückkehr in seine Heimat und den Beginn seines Projekts. Wir erfuhren zwar von Vorbehalten in seiner Familie gegenüber seinen Ideen und erhielten Einblicke über lückenhafte oder unsystematische Schritte der Operationalisierung, aber nichts über die Kooperation mit Stakeholdern und über Probleme und Widerstände von Seiten der städtischen Administration oder von Konkurrenten. Möglicherweise hat der junge Sengalese Themen wie konkurrierende Stammeszugehörigkeiten tabuisiert, ausgeklammert oder ohne hinreichende Transparenz verhandelt. Später werden verdrängte Themen dieser Art oft zum Anlass für Strategien der Dramatisierung.6 Deshalb muss nachhaltige Entwicklung nicht nur Neues entwickeln, sondern auch Fehler und Versäumnisse aufarbeiten.

Herausforderungen guter Governance

Es scheint, dass die Entwicklungsländer mit ihren stolzen Regionen eine verbindliche staatliche Governance oder Koordination brauchen, die bereit ist, die grundlegende Infrastruktur, die die wirtschaftliche Anpassung und das Wachstum unterstützt, zu benennen und echte Fortschritte zu erzielen. Sie müssen die Konnektivität verbessern, aus ihren eigenen führenden Forschungs- und Lerninstitutionen aufbauen, den Projektnehmern und Arbeitnehmern helfen, sich an Veränderungen anzupassen, ihre geschichtsträchtige Geschichte und Kultur zu nutzen und die Nachhaltigkeitsrevolution zum wirtschaftlichen Nutzen anzunehmen.

Allerdings ist bei der Governance mit widersprüchlichen Interessen und Dissensen zu rechnen.7 So kommt das umfangreiche Klimaschutz-Sofortprogramm der Bundesregierung für Deutschland, das eine Einsparung bei den CO2-Emissionen gegenüber 1990 von 65 Prozent vorsieht, gegenwärtig nicht voran. Schon auf höchster Ebene erschweren widersprüchliche Interessen zwischen Ministerien bei einem Thema wie der Kaufprämie für Elektroautos eine Einigung. Der Finanzminister hatte dafür geworben, die Kaufprämien komplett zu streichen, der Wirtschaftsminister hingegen wollte nur die Kaufprämien für sogenannte Plug-in-Hybride streichen. Immerhin hielten beide Seiten einen Kompromiss für möglich, weil die Prämien sinken werden. Es war nur unklar wie viel und wann.

Eine Untersuchung der Interessensgegensätze und Dissense innerhalb von Regierungen würde vermutlich eine lange Liste ergeben und eine über Dissense zwischen nationalen und regionalen Interessen wäre vermutlich nicht kürzer. Nationale und regionale Interessensgegensätze scheinen in Spanien stärker ausgeprägt zu sein als in Deutschland. Dort ist das Ziel für „Wasser in ausreichender Menge“ zu sorgen schwer zu realisieren, weil der große Wasserverbrauch nur schwer zu reduzieren und zu kontrollieren ist.8 Eine weitere Konfliktlinie beschreibt den Gegensatz zwischen ökonomischen und bürokratischen Interessen. Aktuelle empirische Untersuchungen zeigen, dass die Unternehmen in strukturschwachen Regionen Deutschlands häufig kein Interesse an Fördermitteln haben. Sie beklagen den hohen bürokratischen Aufwand bei der Beantragung. Und auch einen erheblichen Teil der Förderangebote der EU nehmen viele Unternehmen nicht oder nur eingeschränkt wahr.9

MEP Susuna Solís © Bernal Revert/ BR&U. Photo licensed under Creative Commons BY-NC-ND 4.0

Dieses Problem ist schein ein europaweites zu sein. Die europäische Hilfe muss die von der Krise so hart getroffenen Selbstständigen, die Familienunternehmen und die kleinen und mittleren Unternehmen erreichen, sagte die Europaabgeordnete Susana Solís der liberalen Partei Ciudadanos. Sie war besorgt, dass die in Brüssel erlassenen Gesetze nicht die Engpässe sehen, mit denen die öffentlichen Verwaltungen der Mitgliedsstaaten konfrontiert sind. Die Arbeitsweise der Generaldirektion für die europäischen Fonds sieht acht Verfahren vor, die jede der eröffneten Hilfelinien durchlaufen muss. Selbstständige im Hotel- und Gaststättengewerbe, die einen Zuschuss von 2.000 Euro beantragen, müssen aufgrund dieses vielstufigen Verwaltungs- und Kontrollverfahren viel bürokratischen Aufwand betreiben und lange auf die Zahlungen warten. Die Politikerin forderte das Modell für die Mittelvergabe zu ändern. Auch sie ist für eine strenge Kontrolle der Verwendung öffentlicher Gelder, aber sie muss intelligent sein, damit die Unternehmen nicht vor den europäischen Geldern fliehen, weil der Prozess so schwierig ist.10

Auf eine intelligente Kontrolle kann nicht verzichtet werden. Denn wenn öffentliche Gelder im Spiel sind, ist Korruption ein strukturelles Problem, das die Effektivität des politischen Handelns reduziert. Nach den Zahlen von 2021 Transparency International lag der Senegal nach dem Corruption Perceptions Index auf Platz 73 von 180 Staaten weltweit.11 Dort glaubten 43 Prozent der Menschen, dass in den letzten 12 Monaten die Korruption zugenommen hat. 15 Prozent der Nutzer öffentlicher Dienstleistungen hatten Schmiergelder gezahlt. Deutschland lag hingegen auf Platz 10. Immerhin nahm jeder Vierte eine Zunahme der Korruption wahr, aber nur drei Prozent hatten als Nutzer öffentlicher Dienstleistungen Schmiergelder gezahlt. Spanien als weiteres europäisches Land lag auf Platz 43 weltweit. Ein Drittel der Spanier:innen glaubte an eine Zunahme der Korruption und nur zwei Prozent sagte, Schmiergeld bezahlt zu haben.

Das Thema der Korruption ist alt. Die republikanischen Tugenden des Bürgerhumanismus von der frühen europäischen Moderne an mussten sich am zyklischen Prozess von Korruption und Regeneration, von Erschöpfung und Erneuerung bewähren. Die grundlegende Polarität von virtue und commerce war kein Ausdruck von Degeneration und Dekadenz, sondern entfaltete sich im interessegeleiteten politischen Tageskampf. Die Parteien vertreten nicht fest definierte soziale Interessen, sondern entdecken Interessen und Themen im Zyklus von moralischer Erschöpfung und Erneuerung, Anpassung und Gestaltung. Dieses bürgerhumanistische Denken ist gegen Enttäuschungen resistent, weil es mit einem unaufhaltsamen, aber ungerichtetem Wandel rechnet.12

Das Beispiel des senegalesischen Bauerns zeigte, wie eine flexible, bedürfnisorientierte Projektkontrolle funktionieren kann. Die Rechenschaftspflicht wurde pragmatisch gelöst, weil kein formalisiertes und kontrollierbares „Projektmanagement“ in diesem Falle vorliegen konnte. Aber die Kontrolleurin verließ sich auf die Expertise eines Fachmannes, der den Bauern für seriös hielt und seine Pläne durchführbar.

Produktiver Stolz

Eine intelligente Kontrolle muss zwar streng und transparent sein, aber sie darf nicht pedantisch sein. Sie respektiert den Stolz der Projektnehmer:innen als eine wichtige Eigenschaft der Handlungsfähigkeit. Davon profitierte das Ruhrgebiet als dort Ende der 1960er Jahre der Ausstieg aus der Steinkohle begann. „Hier sind wir stolz auf unsere Industriegeschichte. Wir sind die harten Arbeiter, die die Wirtschaft unserer Nation nach dem Zweiten Weltkrieg vorangetrieben haben.”13 Diese Worte eines lokalen Managers eines Start-up- und Innovationszentrums hätten auch auf eine Stadt wie Flint oder Detroit in Michigan in den USA gepasst.

Der Stolz der Menschen einer Region oder einer Nation ist keine regionalistische oder nationalistische Borniertheit.

„Nationalstolz ist für ein Land dasselbe wie Selbstachtung für den einzelnen: eine notwendige Bedingung der Selbstvervollkommnung. Zuviel Nationalstolz kann Aggressivität und Imperialismus erzeugen, genau wie übermäßiges Selbstgefühl zu Überheblichkeit führen kann. Doch zu wenig Selbstachtung kann den einzelnen daran hindern, moralischen Mut zu zeigen, und ebenso kann mangelnder Nationalstolz eine energische und wirkungsvolle Diskussion über die nationale Politik vereiteln. Eine Gefühlsbindung an das eigene Land – dass Abschnitte seiner Geschichte und die heutige Politik intensive Gefühle der Scham oder glühenden Stolz hervorrufen – ist notwendig, wenn das politische Denken phantasievoll und fruchtbar sein soll. Und dazu kommt es wohl nur, wenn der Stolz die Scham überwiegt.“14

Der wohl verstandene Stolz ermöglicht Bottom-up-Partizipation. Deshalb sollten entwicklungspolitische Akteure reflektieren, ob sie für die Adressaten zumutbar sind und welche Kontexte in einem Entwicklungsland zu bewahren sind, damit technisches Handeln die Zukunft nicht verstellt. 15 Dabei ist der Rückgriff auf die Vergangenheit der Menschen sinnvoll. Eine erfolgreiche Vergangenheit kann helfen, eine ungewisse Gegenwart in eine hoffnungsvollere wirtschaftliche Zukunft zu überbrücken. Die materialen, kognitiven und normativen Horizonte nachkommender Generationen dürfen nicht so eingeengt werden, dass sie aus Gründen der Selbsterhaltung nur noch sogenannte Sachzwänge nachvollziehen können.

Im Ruhrgebiet wurden die stolzen Menschen beim schmerzhaften Niedergang einst dominierender Sektoren von der Bundesregierung für den Übergang finanziell und mit Umschulungen unterstützt. Die Industriepolitik knüpfte an das historische und kulturelle Erbe an. Der Zollverein Coal Mine Industrial Complex in Essen, der an eine der legendären Kohle- und Stahlanlagen erinnert, die vor mehr als einem Jahrhundert diese Industrien revolutionierten, ist heute ein Start-up-Inkubator für Technologieunternehmen geworden und stellt für zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen neue Daten und Business-to-Business-Lösungen bereit. Mehrere neuere Fraunhofer-Institute wurden vor 25 Jahren in ehemaligen Industrieregionen gegründet, um neue Zentren für Talent-, F & E- und Innovationsförderung einzurichten. Ehemalige Bergbau- und Stahlgemeinden wollen als Prototyp für andere Innovationsstädte in Europa nachhaltiges Unternehmenswachstum, Technologieeinsatz und Aufbau einer Community mit hoher Lebensqualität und Ort kombinieren. 16

Produktiver Stolz spielte auch beim Treffen zwischen dem sengalesischen Bauern, der Unterstützerin vom Chiemsee und einem Banker in Thiès unweit von Dakar eine wichtige Rolle. Die Frau hatte lange gezögert, den Banker als Mittler zwischen dem stolzen Bauern und ihr einzusetzen. Doch dieser war froh, dass er mit dem Banker das Projekt in seiner Muttersprache besprechen konnte. Ihm erzählte er, dass er längst einen Plan in Auftrag gegeben hatte, wie sich seine Felder bewässern ließen. Bisher hatte er sich nicht getraut, davon zu erzählen, weil die Deutschen so viel Angst vor großen Summen hatten.

The Dakar Biennale of contemporary African art, May 2016 (Foto: Iolanda Pensa auf wikimedia commons)

Kooperationen bei unterschiedlichen Arbeitsweisen

Von einer Gruppe von Ethnopsychoanalytikern, die mit den Dogon in der Mali-Republik und den Agni im Regen-Urwald der Elfenbeinküste zusammengearbeitet hat, wissen wir, dass auch bei ihnen ihr Stolz, der in ihrer Vergangenheit wurzelt, eine starke Quelle ihrer Handlungsfähigkeit ist. Die Individuen, „die am tiefsten in ihrer hergebrachten Lebensform verwurzelt“ sind, können sich am besten den veränderten Verhältnissen eines Kulturwandels anpassen. „Diejenigen hingegen, die seit Generationen ihre traditionellen Lebensformen Stück für Stück verlassen haben und die ihre erworbene Persönlichkeitsstruktur allmählich aufgeben mussten, sind für die neuen Aufgaben weniger gut ausgestattet.“ 17

Die Dogon schienen eine bestimmte Einstellung zu den traditionellen Wertsystemen und die Teilnahme an bestimmten Aktivitäten als Grundlage ihrer eigenen Identität anzusehen. Sie waren gegen Andersartige tolerant. Einer von ihnen kann als starke unternehmerische Persönlichkeit gelten. Er war Leiter der Tanzgruppe von Sanga am Premier festival mondial de l´art négre in Dakar. Dieser Mann hatte die schwierige Aufgabe übernommen, das Dorf bei den „fremden“ Machthabern zu vertreten, mit der Macht und Würde sich den Stärkeren anzupassen und doch die Interessen seiner Mitbürger nicht zu verraten. Die Kraft dazu schöpfte er aus den Quellen der Tradition, im Einklang mit den Alten und den Vorfahren, und gestärkt vom Zauber der Maskentänze. Die Geschmeidigkeit, die für den Umgang mit den Fremden nötig ist, muss aus der Weltkenntnis und Anpassung des Chefs an die fremden Herren kommen.18

In Kooperationen treffen unterschiedliche Arbeitsweisen aufeinander und verursachen Dissense. Industriepolitische Projekte in Deutschland und den USA zeigen, dass die Deutschen Planer sind. Sie bemühen sich in Kooperationen zwar um Beteiligung und Inklusion der Gemeinschaft, aber der Habitus, der Prozesse von oben nach unten richtet, hält sich hartnäckig. Dies sollte jedoch nicht der einzige Zugang sein. Chancen liegen auch in dem scheinbar chaotischen, unternehmerischen und hyperkompetitiven Charakter der Innovationslandschaft in Amerika und im Mittleren Westen. Ein innovativer Funke wächst spontan aus ihrem Netzwerk aus öffentlich-privater Forschung und marktorientierten Technologieunternehmen. 19

Wenn es um die vermittelnde Rolle der G7 bei konkreten Problemlösungen geht, von der die Entwicklungsministerin Svenja Schulze unlängst sprach, kann eine intelligente Kombination aus Top-down und Bottom-up neue Kooperationspotenziale erschließen. So lassen sich lokale und regionale Lebensumstände angemessen berücksichtigen.

Die Agenda benötigt ein Dissensmanagement

Dissense zwischen Kooperationspartnern entstehen nicht allein durch Unterschiede in den Arbeitsweisen, Charakterunterschiede und die Verletzung des Stolzes. Parteien, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen wie wirtschaftlichen Interessengruppen besetzen Entwicklungsprojekte mit einer jeweils eigenen Agenda und überbetonen bestimmte Aspekte der Problemlösung. Das folgende Gedankenexperiment20 wird das Beispiel des Bauern aus dem Senegal weiterführen und soll mögliche Interessenlagen des Staates erläutern.

  • Zunächst sind unterschiedliche Beurteilungen der Problemlagen zu berücksichtigen. Die lokale Administration könnte argumentieren, dass die Förderung des jungen Bauern als Einzelfallhilfe zwar lobenswert ist, aber nicht in die Entwicklungspläne der Stadt passen. Die Behörden wollen keine neue Landwirtschaft am Ort, weil diese in eine fruchtbarere Region im Norden des Landes im größeren Stil entstehen soll. Stattdessen ist man in Verhandlungen mit einem Unternehmen zur Produktion von Zulieferteilen für Elektromobile. Außerdem soll dort, wo der Bauer sein neues Restaurant eröffnen will, ein Einkaufszentrum gebaut werden.
  • Daraus können Dissense über die Chancenträchtigkeit der Gegenwart entstehen. Die unkoordinierte Eigeninitiative Einzelner und der Aufbau lokaler Märkte haben aus Sicht der städtischen Planungsstelle keine Zukunft. Man ist mit anderen Unternehmen im Gespräch, um Netzwerke aufzubauen. Man arbeitet an Zugängen zu nationalen Wertschöpfungsketten im Senegal.
  • Schließlich ist mit Dissensen über die Rechtfertigbarkeit konfligierender Werthaltungen zu rechnen. Die städtische Administration hält generell nichts von „Alleingängen“ wie der des Bauern. Sie will regional Prozesse steuern. Individuelle Pläne sind selbstbezogen und für das Gemeinwohl kontraproduktiv.

In dieser Fiktion haben die Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Erfordernisse und Situationen und die Reparabilität und Fehlerfreundlichkeit von Entwicklungsprojekten aus Gründen des Autoritätserhalts keinen Platz.

Dieser Beitrag ergänzt und konkretisiert “Die Agenda 2030 braucht radikale Politik und echte Kompromisse für Übergänge”. Beide Texte stehen im Kontext der Reflexion über “Kompromiss und Radikalität“.


1  Vgl. Caspar Schwietering, Lernt Senegal vom Chiemsee?, in: Jan Grossarth (Hrsg.), Future Food. Die Zukunft der Welternährung, wgb Theiss, Darmstadt 2019, S. 103ff 2 Juan Casado Asensio, Takayoshi Kato and Heiwon Shin, Lessons on the engaging with the private sector to strengthen climate resilience in Guatemala, the Phillippines and Senegal, OECD 2021,46ff, https://doi.org/10.1787/09b46b3f-en 3 Vgl. Schwietering (2019, S.110f) 4Vgl. Asensio et. al. (2021) 5 Vgl. die VDI-Norm 7001 „Bürgerbeteiligung“ 2014; ferner Stiftung Bauwesen (Hrg.), Großprojekte in der Demokratie, Stuttgart o.J. und VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Infrastruktur für unsere Zukunft – Gesellschaftlich tragfähige Lösungen entwickeln, VDI-Zukunftskongress 2012, Düsseldorf o.J. 6 Von den TTIP-Verhandlungen über Themen wie „Plastik“ in Kosmetika bis zum Streit über Regelwerke wie REACH und der dämonisierten Nano-Problematik oder aktuell zum Fracking. 7 „Späterer Beschluss zu Klimaschutz“. Der Beschluss des Kabinetts zum Klimaschutz-Programm verzögert sich. (FAZ 12-07-2022) 8 Vgl. WWF, Esquías, el precio del dispilfarro del agua, www.wwf.es und Ministerio para la transición y el teto demográfico (E. 25-05-2022) 9 Stefanie Knoll, Förderprogramme zur Internationalisierung von Unternehmen: Erfahrungen kleiner und mittlerer Unternehmen, ifo Dresden berichtet, 03/2022, S. 8-12 10 Susana Solís, La burocracia asfixia las ayudas europeas (El País 14-12-2021)
11 www.transparency.org/en/countries (E: 15-08-2022) Der Index bietet eine jährliche Momentaufnahme des relativen Ausmaßes der Korruption. 12 Vgl. John Pocock, Die andere Bürgergesellschaft, Campus Verlag 1993, S.21f und Hermann Schwengel, Globalisierung mit europäischem Gesicht, Aufbauverlag Berlin 1999, S. 248 13 Vgl. John C. Austin A tale of two Rust Belts: German models for post-industrial prosperity provide lessons for the US, October 22, 2018, Brookings Institutions 14 Richard Rorty, Stolz auf unser Land. Die amerikanische Linke und der Patriotismus, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999, S.9 15 Vgl. Hubig (2007 141f) 16 Vgl. Austin (2018) 17 Paul Parin, Persönlichkeitszüge unter dem Druck des Kulturwandels, in ders., Der Widerspruch im Subjekt, Syndikat / EVA Frankfurt a.M. 1983, S.183 18 Vgl. Paul Parin, Aspekte des Gruppen-Ich, in: ders., Der Widerspruch im Subjekt, Syndikat / EVA Frankfurt a.M. 1983, S.172ff 19 Vgl. Austin (2018) 20 Vgl. Hubig (2007, 147f)

Klaus West
Dr. Klaus-W. West (kww) arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Berater, u.a. der Stiftung Arbeit und Umwelt in Berlin. Zuvor kontrollierte Wechsel zwischen Wissenschaft (Universitäten Dortmund, Freiburg, Harvard) und Gewerkschaft (DGB-Bundesvorstand, IG BCE).

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