„Herr Lehrer, das ist Ihre Wahrheit, nicht unsere“

Verlag: ‎ Plon, erschienen
September 2022

Sie nennen es den Aufschrei eines Zeugen (témoin), eines Lehrers, der anonym bleiben will, um sich, sein großes Gymnasium in der Banlieue von Paris, seine Schülerinnen und Schüler und seine Kollegenschar zu schützen. „Die kleinen Verzichte, die töten“ heißt das Buch, für das die französische Fernsehjournalistin Carine Azzopardi die Verantwortung übernommen hat, in dem aber ein Gymnasiallehrer für Französisch, Philosophie- und Ethikunterricht auf über 200 Seiten seinen Alltag im Klassenzimmer beschreibt. Es ist ein ungewöhnlicher, bisher in dieser Genauigkeit einmaliger Schritt, zu dem sich dieser Pädagoge, der seit 30 Jahren im Schuldienst ist und sich zur sozialistischen Linken zählt, durchgerungen hat: Er berichtet über den radikalen Islamismus, den Schülerinnen und Schüler in die Schule und den Unterricht tragen. Er schildert die zunehmende Selbstzensur im 100köpfigen Kollegium, die Konfliktvermeidung der Schulleitung. Und das große Schweigen über diese Entwicklung in den überwiegend linken Lehrergewerkschaften.

Mit einem Alarm anderer Art begann zunächst das neue Jahr 2023 an zwanzig weiterführenden Schulen und Gymnasien von Lille bis Grenoble: Über ein Intranet für Lehrer, Eltern und Schüler erhielten die Schulleitungen eine nahezu gleichlautende Drohung: Um 10.43 Uhr sollten in den Schulen und an bestimmten Orten (vermutlich dem Lehrerzimmer) Bomben explodieren, um „décapiter tous les kouffars pour servir Allah le tout-puissant“ (Le Monde vom 6. Januar), um alle Ungläubigen im Namen Allahs des Allmächtigen zu köpfen. Die Mails erfüllten sich nicht, zum Glück, doch das Erziehungsministerium reagierte beunruhigt: „Eine solche Zahl an Drohungen ist eine Premiere“, ließ es gegenüber Le Monde verlauten.

Laurent Valogne, dieses Pseudonym wählte der Pädagoge für das Buch „Ces petits renoncements qui tuent“, dürfte dieser neue Schlag gegen die öffentlichen Schulen der Republik nicht überrascht haben. Für ihn reiht er sich ein in gezielte Versuche islamistischer Fanatiker über das Internet und so genannte soziale Medien, Lehrer und Erzieherinnen des laizistischen republikanischen Schulwesens in Frankreich einzuschüchtern und zu verunsichern.

Valogne wehrt sich jetzt öffentlich dagegen, nicht zuletzt auch gegen seine eigene Resignation. Der Gymnasiallehrer und die Koautorin Carine Azzopardi haben es sich nicht leicht gemacht. Sie haben seit vier Jahren immer wieder miteinander gesprochen und die Berichte aus den Klassenzimmern geprüft, überprüft. Ihren Entschluss, sich mit diesem Buch in die Debatte über die Werte der Republik und den Laizismus einzumischen, begründen sie mit zwei Ereignissen, die das Land fundamental erschüttert haben: Es sind der blindwütige Terrorangriff unter anderem im Pariser Konzertsaal Bataclan am 13. November 2015, bei dem auch Azzopardis Mann ermordet wurde, und die brutale Enthauptung des Lehrers Samuel Paty am 16. Oktober 2020 auf offener Straße in Conflans-Sainte-Honorine. Es ist eine Gratwanderung, auf die sich Azzopardi und ihr Zeuge eingelassen haben, aber mit keinem Satz, in keinem Kapitel rutschen sie ab in eine Betroffenheitsgeschichte, die die Rechtsextreme in Frankreich alarmistisch ausschlachten könnte.

Foto: Marc Baronnet auf wikimedia commons

Die Einsamkeit des Lehrers

Wie die meisten seiner Generation, die in den 1980er Jahren studiert und sich in den Neunzigern in den landesweiten concours für eine der ausgeschriebenen Lehrerstellen im Gymnasium beworben haben, tritt Laurent Valogne sofort nach seinem Bestehen und seiner Anstellung in eine der kommunistischen, sozialistischen, trotzkistischen Gewerkschaften ein. Er wählt die damals wie heute größte, die SNES-FSU, die fest verankert ist in der nationalen Erziehungshierarchie. Das erweist sich (immer noch) als nützlich bei der Verteilung auf eine der freien Stellen im höheren Schulwesen: Unter Kollegen schickt man sich nicht vom Süden in den platten Norden, nicht in eine Brennpunktschule in den Banlieues von Paris oder Marseille. Valogne ist ehrlich genug, sich zu einem gewissen Opportunismus zu bekennen, räumt aber ein, mit seinen damaligen anarchistischen Sympathien doch Gewerkschafter aus Überzeugung geworden zu sein.

Vom seinem Anarchismus ist in den letzten Jahrzehnten wenig geblieben, von der Zughörigkeit der Lehrerschaft insgesamt zu Gewerkschaften ebenfalls: Von den rund 860 000 Pädagogen seien noch 24 Prozent organisiert, schreiben die Autoren (S. 146). Zersplittert wie die französische Linke insgesamt, sei ihr politischer Einfluss begrenzt, dem radikalen Islamismus, der sich in die republikanische Schule eingeschlichen habe, stellten sie sich nicht: ein blinder Fleck, ein „angle mort“. Eine frühe Warnung schlugen sie, wie auch die Politik, in den Wind: Bereits 2004 hatte Jean-Pierre Obin, damaliger Generalinspektor für das französische Schulwesen, in einem damals nicht veröffentlichten 37seitigen Bericht vor den Angriffen der islamischen Fundamentalisten auf die öffentlichen Schulen gewarnt. Bis heute dringt der überzeugte linke Republikaner mit seinen Warnungen nicht nachhaltig durch.

„Pas des vagues“, das neue Mantra im Lehrerzimmer

Eine Antwort darauf sucht Laurent Valogne. Er hat sich nach der brutalen Ermordung Samuel Patys alle Erklärungen und Stellungnahmen der Lehrergewerkschaften angesehen und festgestellt, dass sie erschütternd einseitig ausgefallen sind: Die extreme Rechte sei schuld, der Rassismus des Staates, die „Islamophobie“ in der Gesellschaft, die Stigmatisierungen und Diskriminierungen der Muslime, deren Religion die Religion der neuen Klasse der Unterdrückten, der „Verdammten der Erde“, sei. Verurteilt wird von den Gewerkschaften lediglich der Fanatismus, ein Vorzeichen hat er nicht.

Foto: Chabe01 auf wikimedia commons

Im Gespräch unter Kollegen im Lehrerzimmer regt sich Valogne nach dem Mord über die Freudenrufe seiner Schülerinnen und Schüler im Internet auf. „Was regst du dich auf“, antwortet ihm ein Kollege der social media fixierten SUD-éducation, „das sind Jugendliche. Ehrlich, das ist nicht schlimm.“ Und fügt dann hinzu. „Dieser Mord wird einen antimuslimischen Rassismus provozieren.“ Also nur keine Erregungswellen in der Schule, „pas des vagues“, das neue Mantra im Lehrerzimmer, in den Gewerkschaften und in der Administration. So der Zeuge.

Er fühlt sich mit den konkreten Problemen im Klassenzimmer allein gelassen. Nicht erst seit dem Grauen im Bataclan, in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ und auf der Straße von Conflans, sondern seit über einem Jahrzehnt erlebt er, wie eine neue Generation von Schülerinnen und Schülern versucht, die Regeln der laizistischen Schulverfassung auszuhebeln. Wie vor allem Schülerinnen (mit massiver Unterstützung der Eltern) immer wieder versuchten, das Verbot des Kopftuchs in der Schule zu umgehen, Grenzen zu verschieben, Lehrerverhalten auszutesten. Nicht nur würden die Bänder im Haar immer breiter und kopftuchähnlicher, berichtet Valogne, zunehmend erschienen junge, muslimische Mädchen in „abayas“, jenen in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien üblichen langen schwarzen Mänteln, und mit langen schwarzen Handschuhen, die sie auch im Unterricht nicht ablegten. Verlangten Lehrer, wie auch Laurent Valogne, von ihren Schulleitungen oder gar übergeordneten Institutionen eine Entscheidung, ob diese Art der Kleidung unter das laizistische Verbot religiöser Bekenntnisse fiele, erlebten sie Ausflüchte: Nur keine öffentlichen Schlagzeilen.

Mit diesen Erfahrungen ist Laurent Vagogne nicht allein oder gar ein Einzelfall. Für die Soziologin Dominique Schnapper, Präsidentin des Rates der Weisen für die Laizität (2018), geht es im Kern darum, wie die Politik auf eine „organisierte Bewegung“ reagiert. In einem Interview mit Le Monde (11./12. Dezember 2022) unterstreicht sie die gesellschaftliche Bedeutung der laizistischen Schule. Ihr Fundament sei ein philosophisches und emanzipatorisches: Kinder durch Wissen und die Förderung des kritischem Denkens zu republikanischen und demokratischen Bürgern zu erziehen. Darum sei es 1905 bei der gesetzlichen Trennung von Staat und katholischer Kirche gegangen, heute, 2022, „le problème essentiel est celui de l’islamisme intégriste“, so benennt Schnapper den islamistischen Fundamentalismus. Die Auswirkungen im Klassenzimmer beschreibt Laurent Valogne. Das emanzipatorische Fundament greift in vielen Unterrichtsstunden nicht mehr.

„Voltaire est islamophobe!“

Mit den französischen Denkern Voltaire und Montesquieu, die beide zu den Pflichtlektüren in den höheren Klassen des Gymnasiums gehören, scheitert Valogne auf ganzer Linie. „Herr Lehrer, das ist Ihre Wahrheit, nicht unsere“, hört er immer wieder, wenn er den vorgeschriebenen Kanon in den Fächern Philosophie oder Literatur zu erarbeiten versucht. So bietet er ein ironisches, gegen Thron und (katholischen) Altar gerichtetes Pamphlet Voltaires über die Gefährlichkeit des Lesens an. Er erklärt seinen Schülerinnen und Schülern die historischen Zusammenhänge, in denen dieser Text entstanden ist. Und löst einen frontalen Angriff und Tumulte in der Klasse aus: „Voltaire ist islamophobe!“, schreit ihn ein Schüler an und andere folgen ihm: „Nein, Monsieur, diesen Text will ich nicht lesen.“ Eine Schülerin versteigt sich zu einer Drohung: „Wenn ich das meinem Vater zu lesen gebe, dann wird er das inakzeptabel finden.“ In einer mündlichen Abiturprüfung, so erinnert sich Valogne, habe sich ein Schüler geweigert, sich mit diesem Text zu befassen: Er sei aufgestanden und gegangen.

Soll er, so fragt sich Laurent Valogne immer wieder in diesem Buch, seinen Unterricht anpassen, die „kleinen Verzichte“ üben, wie viele in seinem Kollegium, um bei den Schülerinnen und Schülern nicht anzustoßen, keine empörten Elternbesuche im Rektorat auszulösen? Er versucht es mit, wie er schreibt, leichteren Texten von Voltaire oder Diderot. Er will den Verstand und das Denken seiner Jugendlichen fördern, das eigenständige Denken vor allem. Er erreicht die Köpfe der 17jährigen nicht: „Monsieur, es ist nicht möglich, den Verstand an die oberste Stelle zu setzen, oben steht nur Gott“ (S. 84).

Dieser engagierte Pädagoge hält viel aus und doch schleicht sich auch bei ihm Schritt für Schritt, inzwischen, wie er bekennt, täglich, eine Art Selbstzensur ein: Das Thema Antisemitismus, die Vernichtung des europäischen Judentums und Frankreichs Rolle dabei gehören dazu. Aber auch viel banalere Entscheidungen werden ihm abverlangt. Soll er bei der Unterrichtseinheit „Roman“ vorschlagen, den Liebhaber von Marguerite Duras zu lesen? Ein leichter Text für diese heranwachsenden Jugendlichen, meint er, doch auf Seite 48 findet sich eine erste Liebesszene. Er fragt einen befreundeten Lehrer eines anderen Gymnasiums, der mit dem Roman im Klassenzimmer Erfahrungen gesammelt hat: Verweigerungen auch dort und Proteste bei der Schulleitung. Laurent Valogne verzichtet auf den Liebhaber.

Ein Hoffnungsschimmer

Dominique Schnapper (Foto: TMorlier, Fondapol auf wikimedia commons)

Doch welche Antworten sucht eine Gesellschaft, wenn Lehrerinnen und Lehrer die vier Wände ihrer Klassenzimmer verlassen und sie damit konfrontiert, dass ein Teil der jungen Generation sich von ihr distanziert, innerlich und äußerlich? „Mach nicht auf Französin“, „mach nicht auf Franzose“, hört Laurent Valogne, wenn Jugendliche doch im Unterricht über Voltaire nachdenken wollen. Dennoch scheint sich in der Öffentlichkeit etwas zu bewegen, nicht nur, weil Zeitungen wie Le Monde in die Schulen gehen und nachfragen, Soziologen und Soziologinnen wie Schnapper zu Wort kommen lassen und berichten, dass die Familie Samuel Patys das französische Innenministerium und das Erziehungsministerium „wegen unterlassener Hilfeleistungen“ verklagt hat. Der Hoffnungsschimmer, den Laurent Valogne sieht, bezieht sich auf eine Gruppe von Lehrern und Lehrerinnen, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um für ihre Kollegenschar, für die Schulleitungen und die Administration eine praktische Handreichung zum Thema Laizität zu erarbeiten. Sie sind, schreibt der Zeuge (S. 204), hundert. Nur. Aber sie werden unterstützt von Dominique Schnapper, von Jean-Pierre Obin, von Historikern, Juristen, Soziologen und Philosophen. Ein Anfang ist gemacht, ein mutiger und dringend notwendiger. Vielleicht nicht nur in und für Frankreich.

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Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik", des Blogs "Faust-Kultur".

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