Führer abwesend

Imam Khamenei mit seinem Sohn, Ayatollah Sayyid Mojtaba Khamenei
(Foto, vor 2026: khamenei.ir auf wikimedia commons)

Zu den Trauerfeiern für den am 28. Februar bei einem israelischen Angriff getöteten Ali Khamenei, 37 Jahre lang sogenannter oberster Führer des Iran, ließen die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) ihren Anhang in Reih‘ und Glied antreten. Westliche Korrespondenten staunten über die Menschenmengen, die sich an fünf Tagen in Teheran, Ghom, Maschhad sowie in den irakischen Städten Nadschaf und Kerbela auf den Prozessionen einfanden. Ist das Mullah-Regime doch nicht so isoliert wie gedacht?

Viele vertreten nun die Ansicht, das Regime gehe vorerst als Gewinner aus dem Krieg hervor. Es habe die US-amerikanischen und israelischen Angriffe überstanden, unterdrücke erfolgreich die innenpolitische Opposition, könne Millionen Anhänger auf die Straße bringen und besitze mit der Sperrung der Meerenge von Hormus ein wirksames Instrument, um die US-Regierung zu erpressen. Man müsse sich auf einen lang andauernden Kriegszustand gefasst machen, für die USA eine ziemlich missliche Lage. Ebendas hatte Donald Trump nämlich seinen Vorgängern im Weißen Haus immer wieder vorgeworfen. Man erinnert sich an seine Behauptungen, er werde Kriege beenden, statt neue zu beginnen und müsse dafür mit einem Friedensnobelpreis belohnt werden.

Von zehntausenden Sicherheitskräften orchestriert

Doch die Einschätzungen der Kräfteverhältnisse sind oft oberflächlich und vorschnell. Beobachter der Trauerzeremonien haben einige interessante Details mitgeteilt; ein Teil davon ist sicher subjektiv beeinflusst, andere Ereignisse sind nachprüfbar. Sie deuten auf Machtkämpfe und Feindseligkeiten innerhalb des Regimes hin. So habe es anders als nach dem Tod des Republikgründers Khomeini oder des IRGC-Generals Soleimani keine emotionalen, teils hysterischen Ausbrüche unter den Massen gegeben, dafür aber auch keine Opfer, die seinerzeit totgedrückt oder -getrampelt wurden, wenn die Menge zu den Särgen vorzudringen versuchte. Alles sei von zehntausenden Sicherheitskräften orchestriert und kontrolliert worden. Zu berücksichtigen ist ferner, dass die Mitglieder der Revolutionsgarden und ihrer Basidsch-Milizen nach Millionen zählen und sicher auch alle Staatbediensteten und Beschäftigten von IRGC-eigenen Unternehmen zur Teilnahme verpflichtet wurden. Da kommt eben einiges zusammen, und das ist es bekanntermaßen, was einen Regimewechsel im Iran so schwer macht.

Prominente Politiker, die der alten Garde um Ali Khamenei angehörten und nach seinem Tod über noch mehr Macht verfügen, hatten ihre Auftritte, etwa Ahmad Vahidi, der vom Innenminster zum IRGC-Chef aufgestiegen ist, Ali Akbar Velayati, in den neunziger Jahren langjähriger Außenminister und zuletzt Khameneis Chefberater in internationalen Angelegenheiten, Esmail Ghaani, Nachfolger von Soleimani an der Spitze der Al Quds-Brigaden, Mohsen Rezai, ein früherer Chef der Revolutionsgarden, jetzt Berater des neuen Staatsoberhaupts, Gholam-Hossein Mohseni-Eje’i, gefürchteter Justizchef, Mohammad Bagher Ghalibaf, Parlamentschef und Delegationsleiter bei den Verhandlungen mit den USA. Prediger, die für ihre Fähigkeiten bekannt sind, eine Menschenmenge aufzupeitschen, übernahmen den religiösen Part der Feierlichkeiten.

Regierungsmitglieder wie Präsident Massud Peseschkian und Außenminister Abbas Araghchi erschienen ebenfalls auf den Kundgebungen, wurden allerdings von radikalen Revolutionsgardisten, die ihnen zu große Nachgiebigkeit gegenüber den USA vorwerfen, ausgebuht und sogar physisch angegriffen. Die ehemaligen Präsidenten Hassan Ruhani und Mohammed Khatami blieben den Feierlichkeiten fern, ebenso Ex-Außenminister Mohammed-Dschawad Sarif. Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad wurde angeblich mit gesenktem Kopf in der Menge gesichtet, umgeben von Aufpassern. Wenn das zutrifft, wurde es wie der Auftritt eines reuigen Sünders inszeniert.

Religiöse Lücken bei den Totenehrungen

Screenshot: Website des Büros Seiner Eminenz, der Obersten Religiösen Autorität, Sayyid Ali al-Sistani
 

Mindestens ebenso bedeutsam war die demonstrative Abwesenheit der ranghöchsten Geistlichen, etwa aus der Pilgerstadt Ghom. Hierin drückt sich der Protest der alten religiösen Elite gegen die Nominierung des Khamenei-Sohns Modschtaba als Nachfolger aus, was sie als Erbfolge ablehnen. Ein oberster Führer dürfe nicht aus einer Dynastie kommen, sondern müsse sich durch religiöse Qualifikationen auszeichnen. Das ist bei Modschtaba Khamenei nicht der Fall – und war es bei seinem Vater übrigens auch nicht. Dass der Khomeini-Enkel Hassan die Feierlichkeiten vorzeitig verließ, weil er sich durch Parolen von Hardlinern beleidigt fühlte, ist ein weiteres Beispiel. Auch in den schiitischen Hochburgen des Iraks lief nicht alles reibungslos. Der angesehene Großayatollah Ali al-Husayni al-Sistani lehnte es ab, in Nadschaf das Totengebet für den Verstorbenen zu sprechen, ein Affront!

Das alles war ein bisschen mehr als die in Diktaturen üblichen Eifersüchteleien und Konkurrenzkämpfe um einen vorderen Platz in der Hierarchie. Das neue Teheraner Personal versuchte daher, die religiösen Lücken bei den Totenehrungen mit politischem Fanatismus zu überspielen. Der Ruf nach Rache dominierte die Kundgebungen, und Parolen nach Vergeltung an Trump und Netanyahu verbreiteten sich in den Massen. Allen voran forderte Modschtaba Khamenei in einem offiziellen Statement, den Tod seines Vaters zu rächen, und das werde auch geschehen, wie er selbstbewusst verkündete.

Aber der Khamenei-Sohn und neue oberste Führer blieb den Zeremonien fern und ließ sich durch drei Brüder vertreten. Das war das größte Problem bei der Selbstdarstellung des Regimes. Der Führer erscheint nicht und lässt stattdessen einen Text verlesen. Der Sohn versäumt die Beerdigung des Vaters. Modschtaba kann auf Mitleid hoffen, weil er bei dem Luftschlag gegen seinen Vater verletzt wurde und seitdem als Kriegsversehrter gilt. Doch Diktaturen sind grausam: Mitleid und Führung vertragen sich nicht.


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Detlef zum Winkel
Detlef zum Winkel, ursprünglich Physiker. Lebt in Frankfurt am Main und schreibt vornehmlich für die Berliner Wochenzeitung Jungle World. Betreut dort u.a. die Themen Atomenergie und Proliferation, aber leider auch Faschismus, weil es immer noch ein Thema ist.

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