
Nach Saint Denis verirren sich die Pariser und Pariserinnen höchst selten. Die Stadt vor den Toren der Metropole gilt als ein unsicheres Pflaster: Die Polizei ist bewaffnet und schießt schnell, in dunklen Ecken blüht der Drogenhandel und auf den Straßen wandeln tiefverschleierte Frauen, die Universität Paris 8 beherrschen linksradikale Studentengruppen, die die Hamas und den Terror vom 7. Oktober 2023 verherrlichen und wie einst Leo Trotzki von der permanenten Revolution träumen, heute vor allem in einem Palästina „vom Fluss bis zum Meer“. Solche Bilder haben sich in den Köpfen von Journalisten, Politikern und selbst einer prominenten Schriftstellerin bei ihren Streifzügen durch die „Bannmeilen“ eingegraben. Seit dem 15. März aber ist alles anders: Mit 50,77 Prozent wurde Bally Bagayoko im ersten Wahlgang zum Bürgermeister von Saint Denis-Pierrefitte gewählt – einem Gemeindeverbund, der mit rund 150 000 Einwohnern zum größten rund um Paris gehört – und mischt die Politik in den Pariser Banlieues auf.
Der 53jährige Bally Bagayoko ist nicht irgendein Politiker aus dieser einstigen kommunistischen Hochburg: Er eroberte für die Partei des linken Populisten Jean-Luc Mélenchon, die „Insoumis“ (Unbeugsamen), zum ersten Mal eine Stadt über 100 000 Einwohner. Und er ist schwarz und Muslim: Seine Eltern stammen aus Mali. Seinen Glauben erwähnt er so gut wie nie, Bilder seiner Familie, seiner Frau und seiner vier Kinder, existieren in der Öffentlichkeit nicht. Bilder von ihm hängen überall in der Stadt.

Vier Wochen nach der Wahl versammelten Mélenchon und Bagayoko tausende von Anhängern vor der mittelalterlichen Basilika, in der 40 Könige und 27 Königinnen in pompösen Särgen ruhen und unter einer schlichten Grabplatte die in der Revolution geköpfte Marie-Antoinette . Vor dieser Kulisse riefen die beiden Politiker Saint Denis zur „capitale“ des „neuen Frankreich“ aus, repräsentiert von den Kindern und Kindeskindern der Immigrierten, vor allem aus den einstigen französischen Kolonien, und Bally Bagayoko als „ihr Gesicht“: Das Bündnis mit dem ersten „maire noir“ einer größeren und geschichtsträchtigen Universitätsstadt soll den wortgewaltigen Populisten Mélenchon im kommenden April im vierten Anlauf in den Elysee-Palast tragen. Die gotische Basilika im Hintergrund, an der zur Zeit der zerstörte zweite Turm aufwändig rekonstruiert wird, und die Leitfiguren der „Insoumis“ davor: Welch eine Symbolik!
Sie trägt in den ersten Monaten seiner Amtszeit diesen baumlangen, sportlichen Bürgermeister, der kein Bild, kein Selfie auslässt und zur beherrschenden Figur der „Plaine Commune“ wird, einem Verbund von acht Städten mit rund 500 000 Einwohnern im Norden von Paris. In diesem Verbund, in dem vom Müll bis zur Wohnungsplanung, von der Mobilität bis zur Wasserversorgung die eigentlichen kommunalpolitischen Entscheidungen im Großraum der Metropole fallen, setzte Bally Bagayoko im April seinen Wahltriumph fort: Mit 46 von 80 Stimmen wurde er zum Präsidenten gewählt, gegen seinen politischen Rivalen aus der Nachbarstadt Saint Ouen, den Sozialisten Karim Bouamrane (32 Stimmen), der in seiner Partei im Vorfeld der Präsidentenwahlen kräftig mitmischt und offen gegen ein wie auch immer gestaltetes Bündnis mit den Mélenchonisten ist. Die Kluft zwischen den beiden ist tief. Mit seinem doppelten Wahlsieg aber setzte Bagayoko ein politisches Signal, dass die Insoumis in einem beinharten Wahlkampf um den Elysee Palast allein auf ein Duell mit der rechtsextremen Marine Le Pen setzen. Und er selbst eine gewichtige Rolle einzunehmen gedenkt: Le Pens Parteivorsitzender Jordan Bardella ist auch ein Kind aus Saint Denis.

Der Antisemitismus bei den „Unbeugsamen“
Die Signale sind angekommen: Seit diesen Wahlen ist der Bürgermeister und Kommunalpräsident zu einer Figur im öffentlichen Raum geworden, gefragt in den Radio- und Fernsehstationen des rechten Medienzaren Vincent Bolloré, porträtiert im „Nouvel Observateur“ (Nr. 3215) oder „Le Monde“, beobachtet von links bis rechts, von „Charlie Hebdo“ bis zum „Figaro“. Mit spitzer Feder kommentierte der stramm laizistische „Charlie“ (am 19. August) den begeisterten Satz Bally Bagayokos zum geplanten Gottesdienst des Papstes im Stade de France von Saint Denis am 25. September: Welcher Bürgermeister hätte schon eine solche Gelegenheit, den spirituellen Chef von über einer Milliarde Katholiken zu empfangen. Die Bilder dazu hat der Maire der eigentlich kirchenkritischen „Unbeugsamen“ bereits im Kopf und „Charlie“ auch: „Bally Bagayoko beugt das Knie vor dem Papst“.
Aus den Medien, die kaum noch sozial zu nennen sind, schwappt seit Monaten ungebrochen eine Welle von Hass und blankem Rassismus über Bagayoko hinweg: Sie rollte bereits am Wahltag an, als ihm im Fernsehen ein Zitat untergeschoben wurde: Die „ville des rois“ würde nun zur „ville des noirs“, aus der Stadt der Könige würde nun die Stadt der Schwarzen. Das hat Bally Bagayoko nie gesagt, der Sender entschuldigte sich, aber der Satz bleibt im Netz hängen.
Andere Sätze des nun Vielgefragten werden ebenfalls hängen bleiben, zum Beispiel die zum Antisemitismus bei den „Unbeugsamen“. Bei Jean-Luc Mélenchon genügt inzwischen eine geballte Faust und ein gebrülltes „Palestine“, um die jeweilige Menge und seine jungen Anhänger der trotzkistischen „permanenten Revolution“ zum Kampf gegen die Zionisten, den Genozid in Gaza und die Imperialisten in Israel aufzurufen: Jüdische Künstler und Künstlerinnen werden boykottiert, nur weil sie Juden sind und vielleicht auch noch einen israelischen Pass haben.

Bally Bagayoko, zum Fall der Barbara Butch befragt, ist vorsichtiger: Die spätestens seit der schräg-schrillen Abendmahlszene bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris bekannte DJane, Lesbe, Aktivistin für dicke Menschen und engagierte Jüdin, deren Familie teilweise in Israel lebt , wurde jüngst bei einem von der Stadt Grenoble organisierten Festival auf der Bühne so beleidigt, beschimpft, mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen, dass sie ihren Auftritt nach 20 Minuten abbrechen musste. Mit einem die queere und jüdische Frau beleidigenden Flyer hatten die lokalen „Insoumis“ zum Boykott des Konzerts aufgerufen, unterstützt von Abgeordneten in der Nationalversammlung und dem Verständnis von Mélenchon. Barbara Butchs Klage gegen die „Insoumis“ ist eingereicht. „Als Bürgermeister hätte ich diese DJ nicht empfangen“, sagte Bagayoko am 24. Juli bei TF 1 info (bei youtube zu sehen). Und zu einem „Fest auf Kosten der Steuerzahler“ hätte er sie auch nicht eingeladen. Etwas Antisemitisches sieht er darin nicht. Auch in seiner Bewegung, der dieser ehemalige Angestellte des Öffentlichen Nahverkehrs von Paris (RATP) 2017 beigetreten ist, sieht er nichts dergleichen: „Nennen Sie mir einen Namen, der wegen Antisemitismus verurteilt worden ist“, gab er der Fernsehmoderatorin forsch zurück. Die Klage von Barbara Butch gegen die Insoumis von Grenoble wird es zeigen.
Umworbene „classe populaire“
Monate nach seiner Wahl tritt der „maire noir“, wie er immer betont, machtbewusst auf, organisiert immer wieder „Märsche gegen Rassismus“, auch bei brütender Hitze in Paris. Und verzettelt sich in einen bizarren Kleinkrieg mit seinem sozialistischen Kollegen in Saint Ouen: es geht um die Fastfoodkette „Master Poulet“, die zu unfassbar niedrigen Preisen Hähnchenteile anbietet und sich aggressiv, oft auch ohne Genehmigung, an Plätzen im Großraum Paris ausbreitet, so auch in Saint Ouen an einem Plätzchen mit viel kleiner Gastronomie ringsum: Was die Wirte, die Anwohner und der Bürgermeister nicht hinnehmen wollten. Doch als Hüter der „classe populaire“, der Menschen mit wenig Geld im Portemonnaie, schritt Bagayoko im Nachbarort ein, kaufte zig Portionen und verschenkte sie. In der Öffentlichkeit kam das nicht so an, wie er es sich vorgestellt hatte: 67 Prozent der Franzosen wollen diese Fastfood-Bratereien nicht in ihrer Straße haben, ergab eine schnelle IFOP-Befragung. Die Politik des Bürgermeisters Karim Bouamrane gegen diese Art von wenig gesunder Billigkost auf der Straße unterstützen selbst 75 Prozent der von den Insoumis umworbenen „classes populaires“ (Quelle: SO, le magazine de la ville, Nr.45, Mai 2026). Im Übrigen: In Saint Denis ist im Zentrum rund um den Platz Jean Jaurès kein „Master Poulet“ zu sehen. Genug Läden und ehemalige Cafés stehen leer.
Die „classe populaire“ von Saint Denis hat andere Probleme, über 57 Prozent der Wahlberechtigten haben nicht gewählt, einer der höchsten Prozentsätze im Großraum Paris. Und an der Massenveranstaltung der Insoumis vor der Basilika nahmen sie auch kaum teil, auch nicht an dem Palästina-Solidaritätskonzert der jungen Trotzkisten mit der linksradikalen Europaabgeordneten Rima Hassan, zu dem die (meist weißen) Jungrevolutionäre und Insoumis Ende Juni mit GPS im Handy aus Paris anreisten. In der Stadt, in der Menschen aus 150 Nationen leben und an der Universität rund 26 000 junge Frauen und Männer studieren, geht es um Armut und Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit unter den Diplomierten der Universität Paris 8, die aus diesen Banlieues stammen und nicht Jean-Luc, Pierre oder Marie-France heißen. Es geht um die „Gentrifizierung“, die längst entlang des Seine-Ufers stattfindet, und die Zukunft des sozialen Wohnungsbaus, in dem 56 Prozent der Bevölkerung zu Hause sind.
Geblieben sind die Viertel der eingewanderten Menschen
Die „Stadt der toten Könige und des lebenden Volkes“: Das war ein Wahlspruch des politischen Bündnisses, das für Bally Bagayoko warb. Ergänzt um „Stadt der erloschenen Schlote“ beschriebe der Spruch in aller Kürze die lange Geschichte dieser Stadt an der Seine, die einmal das religiöse, dann das industrielle Herz der Region war. Die Basilika steht Gottesdiensten und Touristen offen; die Klöster der Benediktiner, der Karmeliter und der Ursulinen sind umgewidmet in ein elitäres Mädcheninternat für die Nachfahrinnen der Mitglieder der Ehrenlegion (Maison d’éducation) oder in das Museum „Paul Eluard“. Vor dem Abriss wurden diese Denkmäler bewahrt – von den einst berühmten Fabriken Pleyel (Klavierbau) oder Christofle (Silberleuchter), den hohen, runden Gasometern, den Stahl- und Chemie- Unternehmen, dem Eisenbahnbau am Ufer der Seine und am Seine-Kanal blieb nichts: Das Stade de France entstand auf den Fundamenten der Gasspeicher. Sonst ist es ein Name für eine Straße oder ein Viertel (Pleyel) oder die historische Erinnerung an den Salonwagen in Compiègne, in dem 1918 die Deutschen die Kapitulation unterschreiben mussten und 1940 die Deutschen die Franzosen dazu zwangen. Hitler ließ den in Saint Denis gebauten Wagen abtransportieren und im Berliner Lustgarten ausstellen, dann zerstören.
Geblieben sind die Viertel der eingewanderten Menschen. Auf der Suche nach Arbeit errichteten rund um dieses riesige Industriegebiet des 19. und 20. Jahrhunderts, das mit dem deutschen Ruhrgebiet konkurrierte, junge Männer und Kinder aus Spanien, dann Italien, dann Portugal, später Algerien Hütten, Häuschen ohne Wasser- und Stromanschluss oder Toiletten. Auch die mittelalterliche Innenstadt rund um die Basilika und die Markthalle verfiel und wurde unbewohnbar. Die menschenunwürdigen Elendsviertel sind in den letzten fünfzig, sechzig Jahren nahezu verschwunden. Aber die von den Kommunisten der Stadtregierung (sie herrschten von 1945 bis 2020) verwaltete kommunale Wohnungsbaugesellschaft (Plaine Commune Habitat) steht vor neuen Herausforderungen: Sie ist mit 20 000 Wohnungen die größte Vermieterin im Gemeindeverbund. Die vor einem halben Jahrhundert schnell hochgezogenen Hochhäuser sind renovierungsbedürftig, die Mieter und Mieterinnen wechseln schnell und die, die nachziehen, sind noch ärmer und kinderreicher, häufig alleinerziehende Mütter. Selbst im sozialen Wohnungsbau stimmt die soziale Mischung häufig nicht mehr.
Gleichzeitig entstehen neue, schicke Viertel an der Seine, und auch das ehemalige Olympische Dorf an der Stadtgrenze von Saint Denis und Saint Ouen wird Schritt für Schritt umgewandelt in ein Geschäftszentrum, in Hotels und Eigentumswohnungen: Heftig gestritten wird über den Anteil an Sozialwohnungen oder über „soziales Wohneigentum“ für die „classe populaire“. Zu ihr gehören längst nicht mehr die einstigen Proletarier der Industriearbeit, sondern die schlecht bezahlten Frauen und Männer aus dem Dienstleistungsgewerbe. In den neuen Vierteln liegen die Preise für ein Appartement von 60 Quadratmetern zwischen 170 000 und knapp 300 000 Euro. Der Streit um die Zukunft des sozialen Wohnungsbaus mit einer gesellschaftlichen Mischung von Arbeitern, kleinen und mittleren Angestellten, von Rentnern und jungen Familien, die Furcht vor der „Gentrifizierung“ durch betuchte Pariser beherrschten den Wahlkampf in Saint Denis.
Die Bürer:innen nehmen ihn jetzt beim Wort
Der erbitterte Streit entzündete sich mitten in der Stadt an „Îlot8“. Es sind die Baudenkmäler des „Brutalismus“ und eines sozialen Wohnungsbaus, die vor vierzig Jahren auf den Fundamenten der mittelalterlichen Stadt entstanden sind: Grobe Betonklötze, einen Steinwurf von der Basilika und dem Rathaus aus dem 19. Jahrhundert entfernt. Die meisten Gebäude wirken ungepflegt und strahlen eine gewisse Trostlosigkeit aus: Bauzäune versperren häufig die Sicht. Nur „Îlot8“ ist zu einem anderen Symbol geworden: Renée Gailhoustet (1929-2023) baute dieses Gebäude aus Beton wie eine kleine mittelalterliche Burg, mit verwinkelten Gässchen, Plätzen und Plätzchen, Türmchen und 184 Sozialwohnungen mit Terrassen und Balkons zum Bepflanzen und Gärtnern. Die Gebäude der Architektin, der ersten In Frankreich überhaupt, wurden für eine Generation von Stadtplanern und Studenten zu Pilgerstätten, Renée Gailhoustet selbst wurde zu einer Ikone des sozialen Wohnungsbaus und des Rechts auf Wohnen in Würde.

Aber seit Jahrzehnten häufen sich die Mängel und Schludrigkeiten am Bau: In die Wohnungen drang Wasser, auf den Plätzen zerbrachen die Fliesen, die Geschäfte im Erdgeschoss gaben nach und nach auf, in den dunklen Gassen blühten illegale Geschäfte, auch die Drogendealerei. Ein breites Bündnis aus Investoren, Geschäftsleuten, der Plaine Commune Habitat und privaten Wohnungsgesellschaften arbeitete seit Jahren an einem Konzept einer „Residentialisierung“, bei der die Hälfte der Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden sollte. Die Kosten der Renovierung wurden pro Wohnung auf 90 000 bis 150 000 Euro geschätzt (Le Monde vom 25.April). Der Prozess der Planungen lief an den Bewohnerinnen und Bewohnern vorbei.
Seit der Wahl Bally Bagayokos aber wächst der Widerstand der Mieter und Mieterinnen gegen einen rabiaten Umbau, die Furcht vor Enteignung statt Eigentum geht um und zieht Kreise: Nicht nur in Frankreich mobilisieren Architekten und Städteplaner mit einer Petition (change.org) gegen diesen Eingriff in eine einst wegweisende Architektur, auch Schweizer Architekten schließen sich an. Es gibt Bemühungen, den Bau der Renée Gailhoustet unter Denkmalschutz zu stellen. Im Wahlkampf hatte sich Bally Bagayoko festgelegt, den Umbau und die „Residentialisierung“ zu verhindern. Die Bürger und Bürgerinnen von Saint Denis nehmen ihn jetzt beim Wort und erwarten eine klare Entscheidung. Sie ist für sie wichtiger als Märsche gegen den Rassismus oder symbolträchtige Auftritte mit Jean-Luc Mélenchon oder die Befreiung Palästinas. Welchen Ausweg wird Bally Bagayoko finden, denn die Bauarbeiten haben längst begonnen? Die harte Realität von Saint Denis, der Stadt der toten Könige und des höchst lebendigen Volkes, wird ihn bald einholen.
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