
Wenn wir über Inklusion, Barrierefreiheit oder soziale Teilhabe sprechen, landen wir gern in Denkschablonen. Wir schauen in Gesetzesbücher, optimieren DIN-Normen für Rampen oder diskutieren über staatlich subventionierte Werkstätten. Das ist richtig und wichtig, doch gleichzeitig verläuft dieser Prozess oft zu stark institutionalisiert, zu bürokratisch und zu sehr von oben herab verwaltet. Der Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ zeigt, wie es auch anders gehen kann: radikaler, ungezähmter, kompromissloser. Die Geschichte führt in das thüringische Dorf Hartroda im Jahr 1979. Vier schwerbehinderte Jugendliche haben genug vom grauen, repressiven Heimalltag der DDR, der dem Prototyp einer foucaultschen Disziplinaranstalt gleicht – einem Ort, an dem Körper klassifiziert, reglementiert und überwacht werden. Die Held*innen des Romans gründen in einem alten Pfarrhaus eine autonome Kommune.
Sie tauschen die Strukturen im Heim gegen ungewisse Zeiten. Sie legen ihre knappen Einkünfte zusammen und finanzieren davon eigenständig ihre Pflege. Die Pflegenden kommen dabei nicht im mobilen Pflegedienstwagen vorgefahren, um Pflegearbeiten durchzuführen und dann wieder zu verschwinden. Die Pflegenden sind Teil der Wohngemeinschaft. Sie wohnen hier ebenso. Sie feiern hier ebenso. Sie sind hier auch mal mürrisch und stänkern rum. Sie sind integriert. Sie sind Teil des Ganzen.
Das Geld ist für alle knapp. Egal! Ein langes Leben wird den meisten von ihnen eh nicht prognostiziert. So stellt sich eher die Frage: worauf noch warten, wozu noch sparen? Feiern lieber jetzt und sofort! Laute Musik hören – jetzt und sofort! Lieben, vögeln, streiten, vertragen – jetzt und sofort! Der angrenzende Hof wird zum Hotspot für all jene, die im DDR-System ebenso keinen zufriedenstellenden Platz fanden: Punks, Unangepasste, Oppositionelle. Hier hocken sie also zusammen und „lassen die Sau raus“. Das ja. Sie diskutieren über Utopien, über ein anderes Leben. Das auch.
Mit dem Fall der Mauer und dem Einzug des Kapitalismus kollabiert diese thüringische Nischen-Utopie. Sie geht „den Bach runter“. Markt sticht Utopie.
Der Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ von Karsten Krampitz (in der 3. Auflage von 2026) wurde mit dem Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben ausgezeichnet. Eine filmische Dokumentation mit dem Titel „Schräg, fromm und frei: Die Kommunarden von Hartroda“ greift das gleiche Thema auf. Wer nicht lesen möchte, der schaue fern. Wer nicht fernsehen möchte, der lese (vor). Beides geht im Übrigen auch in Kombination.
Karsten Krampitz: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
Edition Nautilus 2025. 200 Seiten, 22 €
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