
Straßenfest in einem zentrumsnahen Viertel von Köln: Kurz vor der Party macht das Gerücht die Runde, der Fraktionsvorsitzende der AfD im Stadtrat sei in ein nicht weit entferntes Haus eingezogen. Als unmittelbare Anwohner die Vermutung bestätigen, reagiert das Organisationsteam. Großflächige Transparente mit der Aufschrift “Kein Veedel für Rassismus”, die in der Domstadt schon seit Jahren aus vielen Fernstern hängen, werden herbeigeschafft und an den Stangen der Festzelte befestigt. Den rechten Lokalpolitiker sieht man während der Feier zwar kurz aus der Ferne. Er traut sich aber offensichtlich nicht, Kontakt aufzunehmen, verschwindet schnell wieder, geredet wird mit ihm kaum. Wie soll man einen rechten Parteifunktionär auch überzeugen?
Hier ist demonstrative Ausgrenzung offenbar (noch) möglich. Denn es gibt nur ganz wenige Nachbarn, Verwandte, Kolleginnen, die mit AfD-nahen Sprüchen auffallen. Der Kontrast zu den sich häufenden Berichten aus ostdeutschen Landen könnte nicht größer sein. Berliner, die ins Brandenburger Umland ziehen oder Hamburger, die ihren Zweitwohnsitz vom aufmüpfigen Wendland ins nahe (und deutlich billigere) Sachsen-Anhalt verlegt haben, fühlen sich unwohl. Manche bereuen ihre Entscheidung: unberührte Natur, aber leider auch irritierende Nachbarn, oft AfD-Anhänger. Das drückt aufs Wohlbefinden.
Der städtische Westblick auf den Rechtsextremismus ist völlig anders als der ländliche Ostblick. Hier ist man nicht “aufeinander angewiesen”, wie Jana Glaese in ihrem Buch “Mit Rechten leben” die Stimmung in den Dörfern Mecklenburg-Vorpommerns, Thüringens oder Sachsens beschreibt. Zum einen liegt das an der Anonymität: In der Großstadt muss man nicht jeden grüßen, der zufällig um die Ecke wohnt, es gibt ja genügend Alternativen. Außerdem macht es einen großen Unterschied, ob über 40 Prozent der Menschen im direkten Umfeld AfD wählen – oder „nur“ neun Prozent – wie bei der Kommunalwahl in Köln im vergangenen Jahr. In dem Quartier mit dem Straßenfest waren es übrigens gerade mal fünf Prozent.
“Arsch huh, Zäng ussenander“
Die (damals überwiegend katholischen) Rheinländer waren nach der Nazizeit stolz darauf, nicht so ausgeprägt die NSDAP gewählt zu haben wie ihre evangelischen Landsleute im Osten. Dass Joseph Goebbels aus Rheydt, heute ein Ortsteil von Mönchengladbach, stammte oder Robert Ley, der Chef der Deutschen Arbeitsfront, aus Nümbrecht im Bergischen Land, wurde ignoriert. Umso größer war der Schock, als Ende der 1980er Jahre, noch vor der deutschen Vereinigung, die rechtspopulistischen “Republikaner” um den ehemaligen BR-Journalisten Franz Schönhuber in Köln fast zehn Prozent der Stimmen erreichten. Der Mythos vom angeblichen antifaschistischen Widerstandsnest drohte zu bröckeln.

Aber Köln stand auf. Um das zu erkennen muss man kein Lokalpatriot sein, der Autor dieses Textes ist zugewanderter Westfale. Nach den Anschlägen von Hoyerswerda, Mölln und Solingen demonstrierten 1993 über hunderttausend Menschen auf dem Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt. “Arsch huh, Zäng ussenander” (auf Hochdeutsch: Hintern hoch, Zähne auseinander, also Klappe aufmachen) heißt die Initiative von Künstlern, die den Kampf gegen rechts in der Domstadt seit nunmehr über 30 Jahren unterstützt, begleitet und wesentlich geprägt hat. Damals trat der beliebte Volkstheater-Schauspieler Willy Millowitsch auf, auf den folgenden Kundgebungen und Festivals redeten auch die parteilose, später von einem fremdenfeindlichen Messerstecher attackierte Ex-Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Politiker aller Couleur (außer der AfD). Das Festkomitee Kölner Karneval, vor Ort stets eine einflussreiche kulturelle Instanz, solidarisierte sich ebenso wie der Fußballclub 1. FC Köln. Als die AfD ihren Bundesparteitag in einem Hotel am Rheinufer abhalten wollte, gab es große Protestdemonstrationen. Kneipenwirte entwarfen Bierdeckel und Plakate mit dem Hinweis “Kein Kölsch für Nazis”, ein Song mit diesem Titel wurde zum Gassenhauer. Taxifahrer am Kölner Flughafen weigerten sich, rechte Gäste des AfD-Treffens vom belgischen “Vlaams Belang” oder der französischen “Front nationale” (heute “Rassemblement national”) zum Tagungsort zu befördern.
Klare Positionierung
Nicht nur die traditionell links eingestellte Kulturszene und gleichgesinnte zivilgesellschaftliche Organisationen wandten sich gegen den erstarkenden Rechtsextremismus. Die klare Positionierung, der auf zahlreichen Veranstaltungen gemeinsam hergestellte Konsens strahlte aus in die Mitte der Gesellschaft, bis weit hinein ins Kleinbürgertum, wo man inbrünstig Karneval feiert oder ins Stadion geht. Initiativen wie “Arsch huh” (etwas anders aufgestellte Gruppen gibt es selbstverständlich auch an vielen anderen Orten) können stolz sein auf das, was sie erreicht haben: Rechtspopulistische Einstellungen konnten zumindest in Teilen Westdeutschlands eingedämmt werden – obwohl das in Gelsenkirchen, Pforzheim oder Kaiserslautern weniger gut gelungen ist.
“Ganz Köln hasst die AfD!” lautet eine gern skandierte Parole auf den lokalen Demos. Der Spruch stimmt so nicht, in Trabantenstädten wie Chorweiler oder Porz-Finkenberg erreicht die Partei Werte, die denen in Ostdeutschland nicht viel nachstehen. Doch im Alltag der “linksgrünen” Viertel – so nennt sie der Wahlforscher Ansgar Hudde – stößt man in der Tat kaum auf Rechtsextreme. Die geben sich ja auch nicht sofort zu erkennen. Und wenn man mit ihnen zumindest indirekt konfrontiert wird, wie bei dem verhuschten Annäherungsversuch des AfD-Politikers auf dem Straßenfest, kann man das getrost ignorieren. Man geht dann einfach auf emotionale Distanz. Das Leben in dieser linksgrünliberal geprägten Blase ist ein sehr angenehmes Gefühl. Es verstellt aber den realistischen Blick auf die gefährliche Stimmung anderswo.
Der Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Ist Köln die antifaschistischste Stadt Deutschlands? Dieser Zwischenfall spricht dafür“ auf derFreitag
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