Ist das Internet zur Facebook-Repräsentanz degeneriert?

Das Internet steht seit langem unter Beschuss von Kritikern. Es soll eine „Wüste“ (Clifford Stoll) geworden sein. Es soll von wenigen Konzernen beherrscht sein. Es soll seinen ursprünglichen Visionen untreu geworden sein.Das Internet scheint eher ein Dschungel als eine Wüste zu sein. Es wird in der Tat von wenigen Konzernen beherrscht. Und bei den Visionen ist die Frage, ob diese in der Frühphase des Web auf realistischen Optionen basierten.
Stefan Münz, Informatiker-Urgestein und Verfasser des ehedem wohl meistverbreiteten Leitfadens zum Basteln von Websites auf Basis von HTML, bezeichnete Facebook, Google & Co. als „Sargnägel für das Internet“. Im Spiegel-Interview klagt er, die Grundidee des Internets gehe verloren. Sind fatalistische Einschätzungen berechtigt?

Immer mehr große Seiten reißen die Nutzer an sich und die kleinen Plattformen sterben aus. (…) Es ist aber schade, dass einzelne Nutzer ihre Seele an der Garderobe von Facebook, Twitter oder Google abgeben. (…) Die ursprüngliche Idee des Internets war, dass jeder sein eigener Publisher ist. Diese Grundidee ist ein bisschen verloren gegangen. (…) Es ist eine Verarmung gegenüber der damaligen Zeit, wo jeder seine eigene Webseite hatte.“

Stefan Münz ist nur einer aus einer ganzen Reihe von ehemaligen Netzwerk-Enthusiasten, die sich jetzt teils als Warner oder gar als Niedergangs-Beschwörer betätigen. Jaron Lanier oder Ossi Urchs (2014 gestorben) sind hier prominente Figuren. Eine etwas jüngere Generation steht bereit, diese Rolle zu übernehmen. Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist hierzulande gegenwärtig der wohl Bekannteste.

Zahlen rund um die Blogosphäre

Wir haben einige Zahlen, Fakten und Schätzungen für den Kern des Self-Publishings, dem Aufsetzen und Betreiben eines Blogs zusammengetragen und Stefan Münz um seine Einschätzung gebeten.

  • Im Juni 2020 existieren weltweit knapp 500 Millionen Blogs auf der Plattform Tumblr. Innerhalb eines Monats bedeutet das eine Steigerung von 2,5 Millionen Blogs. In den acht Jahren seit 2012 hat sich die Zahl der Blogs weltweit verachtfacht. 3,5 Prozent bei Tumblr sollen deutschsprachig sein. Das wären etwa 17,5 Millionen Blogs.
  • Auf der WordPress-Plattform gibt es weltweit weitere 60 Millionen Blogs. 5,7 Prozent sollen von Deutschen betrieben sein. Das wären 3,4 Millionen Blogs.
  • Unterschiedliche Schätzungen besagen, dass nur etwa 5 bis 7 Prozent aller Blogs aktiv betrieben werden.
  • Monatlich besuchen gut 400 Millionen User weltweit über 20 Milliarden Blog-Seiten. Das sind 50 Seiten pro User.
  • Der durchschnittliche Blog-Post hat eine Länge von 1150 Wörtern oder knapp 8.000 Zeichen – also etwa fünf Buchseiten – eine Zunahme um 42 Prozent seit 2015.
  • In Deutschland existieren laut plausiblen Schätzungen mindestens 200.000 aktive Blogs, auf denen im Monat etwa 2,2 Millionen Blog-Posts oder 11 pro Blog platziert werden. Das entspricht pro Monat etwa 10 Millionen Buchseiten oder 50.000 Büchern mit 200 Seiten.
  • Die Schätzungen für privat betriebene deutschsprachige Blogs schwanken zwischen 50.000 und 300.000 Blogs. Eine neutrale Registrierungsbehörde gibt es nicht.

Gastbeitrag des Informatiker-Urgesteins Stefan Münz

Stefan Münz:
Ich will die Vorteile der Plattformen mit der Freiheit des Netzes verheiraten“

Stefan Münz. Foto:privat

Zunächst einmal: Der Artikel auf Spiegel Online suggeriert durch die Überschrift eine Fokussierung, die bei mir im Kopf in dieser Form nicht existiert, bzw. die in Wirklichkeit differenzierter ist. Wie ich die Sache insgesamt sehe, wird aus meinem eigenen Artikel „Zusammenhänge schaffen – SELFHTML wird 25“, den ich im Zusammenhang mit dem 25. Geburtstag von SELFHTML im dortigen Blog geschrieben habe, hoffentlich eher ersichtlich.


Dort versuche ich deutlich zu machen, dass wir uns heute – insbesondere durch die Dominanz von Smartphones -, was das Web, seine Funktion und seine Wahrnehmung betrifft, in einer völlig anderen Situation befinden, als es vor 25 Jahren der Fall war. Am Smartphone wird das Web typischerweise anders erlebt (über Apps, nicht mehr so sehr über den Browser als Universalinstrument).
Zugleich wird die Wahrnehmung auch stärker eingeschränkt auf diejenigen Anbieter, die es eben als App gibt.

Die hier zusammengetragenen Zahlen zur Anzahl heutiger Blogs möchte ich gar nicht anzweifeln. Auch nicht die Nutzerzahlen. Wobei man allerdings bedenken muss, dass heute einfach zehn Mal mehr Menschen im Internet unterwegs sind als vor zwanzig Jahren. Und wenn du auf der Inhalte-Anbieter-Seite Tumblr-Blogs dazu zählst, könnte man schon wieder diskutieren. Tumblr* ist ganz klar eine Plattform, die vor allem die Vernetzung der eigenen Nutzer fördert.

Redaktioneller Hinweis: Tumblr, 2007 in den USA gegründet, ist die weltweit größte Blog-Plattform. Der Anteil deutscher Nutzer lag 2017 bei nur etwa 3,5 Prozent. Viele Nutzer beschränken sich auf das Posten von Fotos, das Rebloggen fremder Beitäge oder Mischungen daraus. Der große Anteil pornografischer Fotos hatte 2018 dazu geführt, dass Apple die App sperrte. 2019 wurden „adult topics“ seitens der Betreiber untersagt; Tumblr verlor daraufhin in kurzer Zeit ein Drittel seiner Nutzer.

Was ist relevant?

Doch es geht nicht nur um Zahlen. Es geht auch um Relevanz*. Wo passiert was? Möchte man nah am politisch-journalistischen Diskurs sein, kommt man beispielsweise um Twitter nicht herum. Dort werden die Statements veröffentlicht, die dann auch in der Tagesschau oder in großen Zeitungen wiedergegeben werden. Es ist sogar schon völlig normal, dass kaum mehr eine Tagesschau oder ein wichtiger Zeitungsartikel ohne zitierte Tweets auskommt – Twitter ist längst die einzig relevante Verlautbarungsplattform, inklusive halbwegs intellektueller Usermasse für süffisante Diskussionen – alles immer schön zitierfähig pointiert, weil die Zeichenbegrenzung gar keine ausführlichen Statements zulässt.

Redaktioneller Hinweis: Die 10 beliebtesten Themen bei deutschsprachigen privat betriebenen Blogs. Das Ranking ist aus unterschiedlichen Listen interpoliert und stellt eine grobe Rangliste dar, die bewusst nicht durchnummeriert ist.
– Mode + Lifestyle
– Sport & Fitness
– Kochen
– Computer
– Reise
– Wissenschaft
– Kultur
– Hobby/DIY
– Spiele
– Wirtschaft + Karriere

Und wer Videos veröffentlichen will, kann das natürlich gerne auch auf einer Homepage oder einem Blog tun, wird dabei aber wohl kaum die Chance haben, etwas Vergleichbares zu erleben wie mit einem erfolgreich betriebenen YouTube-Channel. Also gehen lieber alle Videomacher gleich zu YouTube. Bestenfalls – so handhaben es ja zum Beispiel viele Reiseblogger – werden auf YouTube die Videos veröffentlicht, und zugleich gibt es noch einen Blog mit Texten, Fotos usw. Der Unterschied ist einfach, dass die großen Plattformen Communities und eine Vernetzungsdichte schaffen, die ohne plattformtypische Instrumente wie Follower-Prinzip, Vorschlags-Algorithmen, Bewertungsmechanismen usw. einfach so nicht zustande kommen.

Plattformen haben Vorteile
– bis auf die AGBs der Betreiber

Womit ich zum nächsten Thema komme. Ich kritisiere gar nicht die Vorteile der Plattformen. Ganz im Gegenteil – ich weiß wie die meisten anderen User sehr wohl die Vorteile zu schätzen, die große Plattformen bieten: Community-Bildung, Vernetzungsdichte, Feedback und solche Dinge wie “Viral-Effekte”. Ich bin sogar der Ansicht, dass das genau die Richtung ist, die das Web weiterbringt.

Was mich jedoch stört, ist, dass man sich zunehmend den AGBs einiger weniger (meist amerikanischer, demnächst vielleicht auch vermehrt chinesischer) Plattform-Anbieter unterwerfen muss, um noch sinnvoll am maßgeblichen Geschehen teilnehmen zu können. Ich möchte also gerne die Vorteile, die mir die Plattformen bieten, mit der Freiheit, das Netz möglichst selbstbestimmt nutzen zu können, verheiraten!

Zugegebenermaßen kein einfaches Unterfangen. Aber es gibt Lösungsansätze. Einer davon ist das leider noch sehr unbekannte Fediverse. Auch darauf weise ich in dem oben erwähnten Gastbeitrag für das SELFHTML-Blog hin. Allerdings auch auf die aktuellen Schwächen. Dennoch wäre das die ideale Richtung.

Redaktioneller Hinweis: Fediverse – ein Kofferwort aus „federation“ und „universe“ – bezeichnet ein Netzwerk föderierter, voneinander unabhängiger sozialer Netzwerke, Mikroblogging-Dienste und Webseiten für Online-Publikation oder Daten-Hosting. Das Konzept kam 2008 auf und verbreitete sich 2016 vermehrt mit dem Kurznachrichtendienst Mastodon und dem 2018 vom World Wide Web Consortium (W3C) definierten Kommunikationsprotokoll ActivityPub. Die Idee des Fediverse: Mit einem Benutzerkonto auf einer Fediverse-Plattform kann man sich mit Nutzern auf allen anderen Plattformen austauschen. Diese Praxis steht im Gegensatz zu den Gebräuchen der geschlossenen sozialen Netzwerke wie Twitter oder Facebook, bei denen Benutzer ein eigenes Benutzerkonto in jedem der Netzwerke benötigen. Das Fediverse verbindet die Vorteile von Plattformen (Vernetzung, Feedback, Follower, Stream abonnierter Inhalte usw.) mit denen des individuellen Publizierens im Web. Es fehlt jedoch noch an wirklich ausgereiften Anwendungen, aber auch an Akzeptanz für Vorteile solcher dezentraler Lösungen gegenüber den aktuellen Monopol-Anbietern (mit Wikipedia-Material).


Bücher zum Thema

  • Jeff Kosseff: Twenty-Six Words That Created the Internet, Ithaca/London 2019
  • Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, Hamburg 2018
  • Kathrin Passig / Sascha Lobo: Internet – Segen oder Fluch, Berlin 2012
  • Clifford Stoll: Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn. (Silicon Snake Oil), Frankfurt/Main, 1996

Quellen zu Zahlen und Statistik:

  • bloggerei.de/topliste.php
  • blogspione.wordpress.com/2018/01/27/wie-viele-blogs-gibt-es-in-deutschland/
  • conterest.de/wie-viele-blogs-gibt-es-zahlen-statistiken
  • de.statista.com/themen/248/blog
  • jobambition.de/infografik-zahlen-blogs-deutschland
  • optinmonster.com/blogging-statistics
  • wordpress.org/about/stats

Bruchstücke-Links

Eine eher sozialromantische Haltung ist im amerikanischen Milieu der älteren Netzaktivisten zu diagnostizieren. Ein Kommentar hierzu auf diesem Blog.

Jo Wüllner
Jo Wüllner
Jo Wüllner, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie, arbeitete als freier Journalist und Chefredakteur (PRINZ), Umschulung zum Medienentwickler in Mailand und New York (Roger Black). Seit 1993 Umbau und Neukonzeption von gut 100 Zeitungen, Zeitschriften und Unternehmensmagazinen. Bücher zu Medientheorie und Sprachentwicklung.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.