Illusionen von Ort- und Zeitlosigkeit

Bild: Engelbert Niehaus, GFDL CC-by-4.0/ wikimedia commons

Videokonferenzen sind zu einer wichtigen Verbindung zur Außenwelt geworden, sie versammeln Menschen über große Entfernungen hinweg. Die Technologie war schon länger vorhanden, war aber nicht konsequent genutzt worden. Viele Führungskräfte wollten ihre Mitarbeiter:innen um (und unter) sich haben.  Erst seit der Corona-Pandemie finden digitale Alternativen zur Kooperation mit „physisch präsenten“ Menschen breite Anwendung. Inzwischen hat die Bundesregierung die Unternehmen aufgefordert, ihren Beschäftigten die Möglichkeit des Homeoffice und der Kommunikation durch Videokonferenzen einzuräumen.
Vor 50 Jahren wurde die dreieinhalbstündige Reise von Paris nach New York im Überschall-Passagierflugzeug Concorde damit beworben, dass sie „den Atlantik verschwinden“ lasse. Was lassen Videokonferenzen verschwinden?

Ist wegen Homeoffice und Videokonferenz schon ein neuer „Kulturwandel der Arbeit“ ausgerufen worden? Aber ja, die Consulting-Branche gründet ihre Geschäfte mit Vorliebe auf Wandel, es darf auch Kulturwandel sein. Festzuhalten ist, dass viele Menschen die Entwicklung nicht eindeutig als Fortschritt wahrzunehmen scheinen. Sie schätzen einerseits die Einsparung der Zeit für ihren Weg zur Arbeit als Gewinn, andererseits ist es die gewonnene Zeit, die wie ein schweres Gewicht auf den Heimarbeiter:innen lastet, weil ihnen die sozialen Kontakte mit anderen Menschen fehlen.

Video- bzw. Webkonferenzen gehören jetzt zur Alltagskommunikation.
Klaus West nähert sich ihnen auf bruchstücke in drei Essays,
beginnend mit “Illusionen von Ort- und Zeitlosigkeit”.
Teil 2 ist unter dem Titel “Vom Faszinosum zur Routine oder Wie realisierte Phantasien ihren Zauber verlieren” publiziert,
Teil 3 wird mit der Überschrift “Ausgerechnet der Tango” erscheinen.

Telepräsens

.Der französische Kulturtheoretiker Paul Virilio[1] hatte das Problem räumlicher Distanz noch als Bestreben der Menschen dargestellt, die Weite einzuschränken.

“Virilio ist der Denker der Geschwindigkeit par excellence, der Schöpfer der Dromologie, unter der man die Lehre vom Wesen der Geschwindigkeit, ihren Entstehungsbedingungen, Wandlungen und Auswirkungen zu verstehen hat. […] Die ständige Steigerung der Beschleunigung, so seine These,  laufe auf nichts anderes hinaus als auf die ‚Liquidierung der Welt’ […], die ‚Niederlage der Welt als Boden, Entfernung und Materie“.

Stefan Breuer, Die Gesellschaft des Verschwindens, Junius Verlag, 1992, S. 131f

 Der Airbus verkleinerte Frankreich „zu einem Viereck“, das man in eineinhalb Stunden hinter sich gelassen hat. Wenn das schnelle Fliegen den geophysikalischen Raum unterschlägt, gehen die Telekommunikationsmittel einen Schritt weiter. Sie suchen jede Verzögerung bei der Übertragung von Nachrichten und Bildern auszuschalten. Wer andere Menschen hören, sprechen und sehen will, muss nicht mehr reisen. Virilio sprach von den „der Bewegungslosigkeit hingegebenen interaktiven Wesen“, die ihre natürliche Bewegungs- und Fortbewegungsfähigkeit an Sonden und Detektoren übertragen.

Aber die Bewegungslosigkeit ist nur eine relative, sie bedeutet nicht Stillstand, denke ich einschränkend. Ich verbringe die Zeit während einer Videokonferenz auf einem federnden Hocker, der mich ständig daran erinnert, gerade zu sitzen. Wer ein Headset mit Bluetooth besitzt, kann beim Telefonieren in der Wohnung oder im Haus über drei Etagen umherlaufen. Ich selbst habe nur einen „In-Ear-Ohrenstöpsel“, der Nebengeräusche wie etwa das Tippen an der Computertastur nicht unterdrückt. Die luxuriösen Modelle sind hingegen mit fetten Hörmuscheln ausgestattet, die die Ohren umschließen. Außerdem hält mich die Kamera des Desktops immer in Trab. Während ich den anderen zuhöre und in ihren Gesichtern lese, versuche ich, gut im Bild zu bleiben und meine Gesten zu kontrollieren. Ich bewundere die entspannte Gleichförmigkeit des Sprechens und der Gesten der Nachrichtensprecher:innen.

Bild: Srishti Sethi auf wikimedia commons

Phantastische Wünsche

Aber was haben Videokonferenzen mit dem Menschheitstraum zu tun, sich über kosmische Entfernungen zu bewegen und über diese Entfernungen zu kommunizieren? In Stanley Kubriks Science Fiction Film „2001: Odyssee im Weltraumaus dem Jahr 1968 gibt es eine Szene, in der der Raumfahrtmanager Dr. Heywood Floyd mit seiner Tochter videotelefoniert. Er hatte auf dem Weg zur Mondstation Clavius etwas Zeit und führte das Gespräch von einer Raumfähre aus. Videotelefonie spielte auch später in diesem Film eine Rolle, als sich das Raumschiff Discovery One auf der Mission zum mehr als 700 Millionen Kilometer entfernten Jupiter befand. Die Entfernung zur Erde hatte so phantastische Ausmaße, dass die minutenlangen Zeitverschiebungen während der Kommunikation aus den Übertragungen herausgeschnitten werden mussten.

Vier Jahre später, am 2. März 1972, wurde die Fiktion Realität. Die Raumsonde Pioneer 10 war das erste vom Menschen geschaffene Objekt, das unser Sonnensystem verließ. Sie war „vor allem eine Art Prüfmaß der unterschiedlichen kosmischen Größen. Von ihrer jeweiligen Position in ungefähr 8 Milliarden Kilometer Entfernung von der Erde sendet die amerikanische Raumsonde täglich Signale, die sieben Stunden benötigen, um von den Antennen der NASA empfangen zu werden. Solange das Teleskop und die technischen Geräte der Raumsonde betriebsfähig sind, entspricht die ‘Echtzeit’ der von Pioneer übertragenen Botschaften in etwa dem Zeitunterschied zwischen Tokio und Paris.“[2]
Aber kommen wir auf die Videotelefonie Floyds mit seiner Tochter zurück:

Floyd’s Daughter : Hello?
Dr. Floyd : Hello!
Floyd’s Daughter: Hello.
Dr. Floyd: How’re you doing, squirt?
Floyd’s Daughter : All right.
Dr. Floyd:What are you doing?
Floyd’s Daughter : Playing.
Dr. Floyd : Where’s mommy?
Floyd’s Daughter : Gone to shopping.
Dr. Floyd : Well, who’s taking care of you?
Floyd’s Daughter : Rachel.
Dr. Floyd : May I speak to Rachel, please?
Floyd’s Daughter : She’s gone to the bathroom. (…)“

Die Situation handelt von unterschiedlichen emotionalen Wärmegraden. In der Raumfähre dominiert die Kühle der Einrichtung und die Sachlichkeit der Arbeitsbeziehungen, die Bilder von der Erde vermitteln die Gemütlichkeit der heimischen Wohnung und die Vertrautheit von Frau und Kind. Der Manager will sich mit seinem Anruf emotional auftanken, aber die Einsilbigkeit seiner Tochter und die Abwesenheit seiner Frau lassen kein Gespräch entstehen. Dr. Floyd wird enttäuscht. Es ist eine traurige Szene.

Das Kamerauge von HAL 9000, dem Computer des Raumschiffs Discovery
(Bild: MorningLemon CC BY 3.0,wikimedia commonns)

Aus heutiger Sicht mag Kubricks Film technisch-visionär erscheinen. Er hat die Technik unserer Tage vor 50 Jahren antizipiert. Auf ihrem Weg zum Jupiter arbeiten die zwei Astronauten an ihren Tablet-Computern. Die Lippenlese-Technologie: die beiden Astronauten wollten den Bordcomputer HAL 9000 überlisten, rechneten aber nicht damit, dass dieser Lippen lesen konnte und alles mitbekam. 2016 beherrschte die von Google DeepMind und der University of Oxford entwickelte künstliche Intelligenz das Lippenlesen fast perfekt. Im Film ist die Super-KI HAL 9000 verantwortlich für die Raumfähre Discovery1, spielte aber auch gelegentlich mit den Astronauten Schach. Und eben die Videotelefonie: Skype, Facetime etc. sind für viele von uns schon fast selbstverständlich.

Zu einigen Folgen des Gewinns an technischen Möglichkeiten

Im Prinzip ist die „unglaubliche Überwindung von Raum und Zeit, die uns von unserer eigenen Leiblichkeit wie von einem Fremdkörper entfernt“, durchaus ein Fortschritt. Aber sie verändert den Begriff der „physischen Nähe“ grundlegend, und dies tun auch Videokonferenzen. Ihre Wirkung dürfte letztlich nur im Konzert mit dem technischen Klassiker „TV“, dem Surfen im Internet und den digitalen Spielen zu fassen sein. Einige Spezifika können wir dennoch beschreiben.

Meines Wissens hat es bislang keine Proteste gegen Videokonferenzen gegeben. Man hört von Unmut, die eigene Wohnung nicht verlassen zu können, aber von keinem Aufschrei derjenigen Beschäftigten, deren Arbeit in normalen Zeiten zu einem Großteil aus Geschäftsreisen besteht. Außerdem gibt es Empfehlungen, die Arbeit an Bildschirmen zu dosieren. Ergonomische und arbeitsmedizinische Untersuchungen raten den Beschäftigten, nicht den ganzen Tag vor einem PC oder Notebook zu verbringen, sondern die Tätigkeiten zu mischen und sich ausreichend zu bewegen.

Virilio hat jedoch die grundsätzliche Veränderung des Weltbezugs der Menschen in den Blick genommen. Was geht durch die technischen Medien verloren und wie wird es ersetzt? Schon in vergangenen Zeiten ging es um Erfahrungsverluste und ihren Ersatz. Manche Unternehmer, die ihre Firma selbst aufgebaut und großen Reichtum erlangt hatten, ließen ihre Nachkommen und zukünftigen Erben alle Arbeiten im Unternehmen von der Pike auf lernen (das sprichwörtliche „Fegen des Hofes“), um ihnen eine Vorstellung von der Arbeit und ihrer Verantwortung zu vermitteln. In der Gegenwart sind Institutionen wie ein „freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr“ und „Reisen und Arbeiten“ geschaffen worden, um jungen Menschen die Bedeutung des Gemeinwesens und die Bedeutung des Geldes zu verdeutlichen. Status, Vermögen und Geld sind selbstreferenziell[3] und scheinbar selbstverständlich verfügbar. Man sieht ihnen ihre Voraussetzungen, Kapital und Arbeit, nicht an. Sie produzieren das Vergessen und deshalb muss an ihre Entstehungsbedinungen und an die Produktionsvoraussetzungen der Lebensweise erinnert werden.

Ich denke, dass es Parallelen zur Digitalisierung gibt. In einer Konferenz per Video sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleichzeitig hier und andernorts. Sie sind telepräsent. Auch ihre scheinbare Emanzipation von Raum und Zeit verlangt die Erinnerung daran, wie mühselig es war und ist, beide Dimensionen zu überwinden. „Ich muss Räume durchstreifen können, sonst kann ich mich selber nicht als ein räumliches Wesen wahrnehmen.“ (Klaus Heinrich) Von welcher Form der Selbstaufklärung ist die Rede?

Eine Expedition

In Arno Schmidts Erzählung „Enthymesis“[4] leitet Philostratos, ein Schüler des antiken Geographen Eratosthenes von Kyrene (etwa 276 – 194 v. Chr.) eine Expedition zur Vermessung des unbekannten Südens von der Mittelmeerküste in die Sahara. Er wird u.a. vom Römer Aemilianus begleitet, dem Karawanenführer Mabsut, dem Märchenerzähler Tarfan und dem Jüngling Deinokrates. Philostratos notiert in seinem Tagebuch, dass er die These seines Lehrers von der Kugelgestalt der Erde nicht akzeptieren kann. Dem Tagebuchschreiber leuchtet trotz seiner ausgezeichneten wissenschaftlichen und landmesserischen Kenntnisse eine endlose flache Erde mehr ein als deren damals schon erwiesene Kugelform.

Schmidt stellt den Fußmarsch durch die Wüste eindringlich dar:

„Wir haben heut alle mehr Schritte gebraucht; der Wind kam zu heftig und kalt. Außerdem wurde gegen Mittag der Sand tiefer; und ich ließ deshalb ein paarmal von Mabsut das Stadion vor uns auslegen; natürlich hat sich der Schritt noch mehr verkürzt (…) Und schon am zweiten Tag mußten wir einen Umweg von nahezu einer halben Stunde machen, weil eine lange Felsrippe, zu steil zu überklimmen, unseren Pfad kreuzte (…) Heute früh haben wir die letzte Wolke gesehen (…) in 1 oder 2 Tagen werden auch die letzten Büsche verschwinden (…) Das ganze Land hier unten im Süden ist ja noch so gut wie unbekannt; außer ein paar gelegentlichen Vorstößen in die Wüste, von denen aber kaum Berichte vorliegen, weiß man nichts davon (…) Außerdem wird der Sand immer feiner und ist ziemlich tief; da wird man schnell müde. (…) daß wir zwar noch für 8 Tage Wasser hätten, aber – Pause. Dann begann er betont, daß man also Gefahr höchstens noch 1 bis 2 Tage weiter nach Süden könne (höflich fügte er hinzu: wenn wir natürlich noch Wasser fänden …)“

Arno Schmidt, Radierung von Jens Rusch (wikimedia commons)

In diesem fiktiven Tagebuch treten auch die Charaktere und Interessen der Reisegefährten hervor. Aemilianus, nach dem Muster eines preußischen Landvermesser-Offiziers des 19. Jahrhunderts gezeichnet, spioniert für „Rom“ während der Punischen Kriege den noch freien Diadochenstaat Ägypten aus. Der Karawanenführer und Dolmetscher Mabsut mischt sich nicht ein, er ist nur ein dienender ‚Eingeborener‘. Der Märchenerzähler Tarfan, der abends die Teilnehmer unterhält, beobachtet, schweigt und sammelt Stoffe für künftige Geschichten. Und der Jüngling Deinokrates ist voller studentischer Wissbegierde und Beobachtungslust.

Langeweile und Strapazen

Zur Erfahrung der zeitlichen und räumlichen Distanzen gehören, wie die Erzählung zeigt, Ungewissheit, Orientierungsverlust, wachsendes Misstrauen, zunehmende Ermüdung, Todesangst. Sie machten die Selbstaufklärung der Menschen aus. Das heutige Reisen trägt dazu kaum bei. Es ist heutzutage so technisch-organisatorisch perfektioniert und kostengünstig, dass sämtliche Erfahrung bildenden Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Erst so konnte es zu einem Massenphänomen werden. Darüber sind die Mühsale des Reisens in Vergessenheit geraten. Hans Magnus Enzensberger schien daran erinnern zu wollen, als er 1994 einen Band mit dem Titel „Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt“ herausgab und Reiseberichte dokumentierte, welche zum Teil endlose Langeweile und großen Strapazen die Reisenden in Kauf nahmen.

Selbstaufklärung steht in terminologischer Nähe zur Selbsterfahrung. Aber es geht nicht darum, dass die Reisenden gefährliche Wüstenaufenthalte suchen sollten, um sich einen „Kick“ zu holen, „sich selbst zu erfahren“ oder „die Natur abseits der Zivilisation“ zu erleben. Vielmehr ist es sinnvoll, dass Menschen eine Vorstellung von Entfernungen gewinnen, für die ihr Körper der Maßstab ist.

Dazu kann man ein kleines Experiment durchführen. Wie weit ist Lissabon von Düsseldorf entfernt? Für diejenigen, die einen Direktflug gebucht haben, beträgt die Distanz drei Stunden. Wer die Strecke einmal mit dem Bus gefahren ist, mag an eine Reisezeit von 28,5 Stunden zurückdenken. Die Flugreisenden haben gerade genügend Zeit, einen Drink und ein Mittagessen zu sich zu nehmen und vielleicht noch etwas die Augen zu schließen. Die im Bus Reisenden müssen sich überlegen, wie sie in der Nacht ein paar Stunden Schlaf finden können. Sie werden sich nach jeder Pause sehnen, in der sie sich die Beine vertreten können. Aber sie bekommen eine andere, bessere Vorstellung von den 2223 Kilometern zwischen den Hauptbahnhöfen beider Städte.

Eine ähnliche Erfahrung mit räumlicher Entfernung macht, wer ein- und dieselbe Strecke mit dem PKW, dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegt. Unterschiede betreffen nicht nur die Dauer, sondern auch die Genauigkeit der Wahrnehmung der Landschaft: wer beispielsweise im schottischen Hochland zu Fuß unterwegs ist, wird die Formung der Berge, die Abstufungen des Grüns, die Abzäunungen der Wiesen oder die Windungen der Straße genauer wahrnehmen als der Autorfahrer, dem vielleicht nur prägnante Orte wie ein herrschaftliches Anwesen oder der Pub auf der Strecke bleiben.

Ambivalenz der Befreiung

Die Verschiedenheit dieser Wahrnehmungen zeigt: physische Fortbewegung hat für die Wahrnehmung der Extension des natürlichen Raums eine Bedeutung für das Begreifen der Leiblich- oder Körperlichkeit der menschlichen Existenz. Diese ist Resultat von evolutionären Entwicklungen. Mathias Greffrath hat in einem Beitrag für die Bruchstücke kürzlich an André Leroi-Gourhan erinnert, der in der Gattungsgeschichte vom Australoanthropus bis zur Mechanisierung den wachsenden Reichtums des operativen Verhaltens der Individuen beschrieben hat. Mit der als „Exterritorisierung“ bezeichneten Steigerung und Verlagerung tendenziell aller menschlichen Organe und Fähigkeiten in Maschinen, Maschinensysteme und Computer und Algorithmen gelangte diese Entwicklung jedoch an einen Wendepunkt. Nun stellt diese Entwicklung den Reichtum in Frage. [5] Der Anthropologe stellt fest, dass der homo sapiens in vielfältiger Hinsicht eine Befreiung erlebt hat: von seinen Werkzeugen, von der Phantasie, an deren Stelle die Perfektion des Films getreten ist, auch von dem Unbekannten der Gebirge und Meere. Diese Arten der Befreiung bedeuten Realitätsverluste.

Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich im Nachlass des Philosophen Hans Blumenberg. Die Entstehung „Dynastien von Pfarrern, von Professoren, Juristen“ stellt für ihn eine Verlagerung der Arbeitskraft in den Bereich der tertiären Leistungen dar. In diesen Clans

gedeiht die Überschätzung der Möglichkeit und Wirklichkeit intellektueller Handlungen. Solche Handlungen haben nicht nur die Gestalt von Theorien, von Erziehungsinhalten, von geschriebenen Büchern, von erstellten Gutachten und Beratungspapieren, sondern auch und vorzugsweise die der „Beschlüsse“ und „Entschließungen“ jeder Art und in allen Formen von Herbeiführung. Der Grenzwert dieser Überschätzung ist: Hier und heute, in diesem Gremium und durch diesen Akt, wird Geschichte gemacht, Veränderung bewirkt, Richtung gewiesen. Dem entsprechen die Erfolgserlebnisse, die daraus resultieren, Gelegenheiten zu finden oder zu schaffen, eine Gruppe von Menschen zu einer Resolution zu bewegen. (…) Das Erfolgserlebnis in seiner ganzen Künstlichkeit ist die einzige Realität; aber sie motiviert die Bereitschaft dazu, in Vereinen, Verbänden und Parteien tätig zu werden.“

Hans Blumenberg, Realität und Realismus, Hrg. Nicola Zambon, Suhrkamp 2020, S.199ff

Nicht alles, was gemacht werden kann und gemacht worden ist, entspricht den Absichten dessen, der es machen will und gemacht hat. Das gilt am meisten dort, wo nicht Dinge oder physische Prozesse gemacht werden, sondern die intendierte Wirklichkeit den Charakter der Situation, der Lebensform oder der Daseinsqualität der Menschen haben soll. Es ist ein Wesensmerkmal der gegenwärtigen Corona-Krise, dass beim Politikmachen nichts so wenig „realistisch“ ist wie die guten Absichten oder die Appelle an die Vernunft der Bürger:innen. Viel wichtiger ist die schnelle Rückmeldung über das, was die Maßnahmen tatsächlich bewirkt haben, und die darauf eingesetzte Rücksteuerung auf dieses Resultat.  Schnelle Einstellung auf partielle Resultate ist am ehesten Realismus.

Gegenbewegung durch Übersetzung

Kehren wir zum Raum und der Kommunikationstechnik zurück. Wenn die Menschen nicht darauf verzichten werden, ihr Leben selbst zu bestimmen, können sie sich der Arbeit der Übersetzungen nicht entziehen. Dazu gehört auch ein Sinn für Entfernungen, mit dem die Menschen aber nicht natürlich ausgestattet sind. Jede Generation muss die Übersetzungen erneut lernen. Klaus Heinrich hat für diesen Sinn einen „Übersetzungsbedarf“ konstatiert. Übersetzung ist notwendig, wenn ich mich durch den Raum bewege. Dann entsteht dieser Sinn.

Auch Videokonferenzen tragen mit den anderen technischen Medien dazu bei, die Selbsterfahrung von Entfernungen in Frage zu stellen. Mit der Digitalisierung fällt eine rasante Zunahme von Mobilität und Telekommunikation mit einem „Verlorengehen der leiblichen Präsenz“ zusammen. Sie erzeugt in Ermangelung von Erfahrung eine bloße Illusion von Ort- und Zeitlosigkeit. Wo es die Übersetzungsschwierigkeiten des Reisens wie zeitweilige Orientierungslosigkeit, Ermüdung, Langeweile und die „Hölle der anderen“ nicht mehr gibt, wo Raum und Zeit als Transporteure dieses Übersetzens mehr oder minder ausgeschaltet sind, tritt ein „Schwund an Übersetzungsbedarf“ ein. Diese Übersetzung ist dem Mühsal des Erlernens einer fremden Sprache vergleichbar.


[1] Paul Virilio (1999): Fluchtgeschwindigkeit, Fischer-Taschenbuch-Verlag, S. 19f

[2] Vgl. Virilio (1999, S. 63)

[3] Die Selbstreferentialität oder Selbstbezüglichkeit beschreibt, wie ein Symbol, eine Idee oder Aussage auf sich selbst Bezug nimmt. Symbol und Referent (Bezugsobjekt) sind identisch.

[4] Vgl. Arno Schmidt, Enthymesis oder W.I.E.H. (1949), in: ders., Das erzählerische Werk in 8 Bänden, Bd. 1, S. 7-31, Haffmanns Verlag, 1985

[5] Vgl. André Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Suhrkamp 1984, S.296ff

Klaus West
Dr. Klaus-W. West (kww) arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Berater. Gegenwärtig u.a. assoziierter Mitarbeiter der Stiftung Arbeit und Umwelt in Berlin. Zuvor kontrollierte Wechsel zwischen Wissenschaft (Universitäten Dortmund, Freiburg, Harvard) und Gewerkschaft (DGB-Bundesvorstand, IG BCE).

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