Ausgerechnet der Tango

Die Nacht und die Helle: “Es ist Samstagabend und es gibt Fußball im Fernsehen. Während sich andere Männer das Länderspiel anschauen, bereitet sich Claudio Alvarez darauf vor, zum Tango zu gehen...” (Foto: Tangodanza)

Das Videospiel hat Bildschirme schon in Schauplätze des Kampfes um die Weltherrschaft verwandelt, da machten Videokonferenzen gerade erste Gehversuche. Aber der digitalisierte Arbeitsplatz holt auf gegenüber dem „digitalen Sandkasten“. Nicht nur Gamern, auch Workern bieten sich neue Möglichkeiten, aus der Ferne zu handeln, „jenseits des Wirkungsbereichs des menschlichen Körpers“ (Paul Virilio). Wir sollten den Begriff handeln kursiv schreiben. Denn inzwischen wird darüber nachgedacht, wie Hotelzimmer in Oslo von maids in Manila gereinigt werden könnten, die zuhause in ihrer Küche sitzen. Sie könnten von den Philippinen aus Reinigungsroboter in Oslo steuern. Und ebenso könnten Roboter Wachleute in Einkaufszentren in den USA ersetzen, die ein Wachmann von Peru aus dirigiert. Oder ein humaner Wachmann in einer shopping mall könnte bei seiner Arbeit von Dutzenden Robotern unterstützt werden.

Die Beispiele stammen aus einem Buch des Ökonomieprofessors Richard Baldwin[1], der den Zusammenhang zwischen den revolutionären IT-Entwicklungen und der Globalisierung der Produktion untersucht hat. Er hat beschrieben, wie viele Design-, Engeneering- und Managementaufgaben in der Industrie computerisiert wurden. Wenn der Entwurf eines Produkts vorliegt, können Fachleute den Produktionsprozess mithilfe computergestützter Prozessplanungssysteme beschreiben und mit Entwurfsprogrammen Anweisungen für numerisch gesteuerte Maschinen erstellen. Baldwin geht davon aus, dass „die Welt“ – also zumindest die G7-Staaten – rasche Fortschritte bei der Computerisierung und Automatisierung der Fertigung erzielen wird.

Das Handeln aus der Ferne basiert auf der Entflechtung der Produktion. Dies bedeutet, dass die Produktion fraktioniert oder in feinere Stufen aufgeteilt wird, um sie danach international zu streuen. Im Fachjargon ist von dispersion of stages  und offshoring die Rede. Dies wird den Beschäftigten in einer Nation erlauben, Dienstleistungsaufgaben in einer anderen Nation zu übernehmen. Wenn eine Ingenieurin in Athen einen 3D-Drucker in Antwerpen mit Daten füttert und die Enter-Taste drückt, müssen die nach dem Vorbild der griechischen Antike designten Knöpfe nicht zweieinhalbtausend Kilometer über die Straße oder durch die Luft transportiert werden. Es werden nur noch Daten übermittelt. Im Grunde hilft die Ingenieurin der Maschine, die Ideen einer Designerin herzustellen. Arbeiter:innen werden dabei nicht mehr gebraucht. Wie lange werden die Ideen der Designerin noch gebraucht?

Tango per Video

In einer modellierten Form sind auch Videokonferenzen Produktionsprozesse oder Statusveränderungen. Kommunikation und bewegte Bilder erzeugen eine Situation, die die Wahrnehmungen und das Verhalten der Teilnehmenden verändern. Der Hörbarkeit und Sichtbarkeit einer Situation wird alles, was produktionsrelevant ist, anvertraut.

Es mag wie Ironie klingen, wenn wir den Tangounterricht als Beispiel für diese Art der Produktion wählen. Ausgerechnet den Tango! Schließlich ist dieser Tanz mit den Mythen der Nähe und der Sinnlichkeit verwoben. Nichts erscheint unwahrscheinlicher, als dass dieser Tanz auf Hautnähe verzichten könnte und über große Entfernung erlernbar sein soll. Dennoch ist es so.

Im letzten Jahr wurde das Tangoleben rund um den Erdball durch die Corona-Pandemie zum Erliegen gebracht. Sämtliche Festivals und Milongas, so der Name der Tanzveranstaltungen, mussten abgesagt werden, weil die Regierungen Europas sie aus zwingendem Grund untersagt hatten. So hat der Covid-19-Virus den Berufsstand der professionellen Tangolehrer- und tänzer:innen arbeitslos gemacht. Er hat die Fragilität einer Existenzform aufgedeckt, dessen conditio sine qua non die Berührung und der Hautkontakt sind. Und viele Menschen der tango community befürchten, dass sie die Letzten der Letzten sein werden, „los últimos des los últimos“, die wieder zur Normalität zurück finden.

Weniger Angst

Die Not hat die Tangoprofessionals erfinderisch gemacht. Eines der innovativsten und spektakulärsten Paare, die in den USA lebenden Argentinier Gustavo Naveira und Giselle Anne, haben in einem Interview über die Effekte des Tangounterrichts via World Wide Web gesprochen. [2] Trotz ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen in der enseñanza, dem Unterrichten, mussten sie sich an die neue Situation des Online-Unterrichts anpassen. Manche Teilnehmer:innen schrieben ihnen, dass sie die Klassen per Video bevorzugten. Beide vermuten, dass es schon in den normalen Klassen immer Paare gegeben hat, die in den hintersten Ecken eines Raumes geübt hatten, um nicht den Blicken der anderen ausgesetzt zu sein. Vermutlich war es dieser Typ von Studierenden, der die Möglichkeit, den Bildschirm abzuschalten, nutzte, damit die profesores sie nicht sehen konnten. Ihnen scheint das Video den Unterricht angenehmer zu machen – zum einen wegen des Komforts, in der eigenen Wohnung bleiben zu können, zum anderen, weil sie angstfreier, sin miedo, partizipieren können.

Naveira und Anne sagen, dass sie selbst im Videounterricht andere und mehr Dinge erklären als im Präsenzunterricht. Ihre Erklärungen werden ausführlicher, weil sie keine spontanen gestischen und verbalen Rückkoppelungen erhalten und sicher gehen wollen, dass sie richtig verstanden werden. Die neue Intensität der Kommunikation kam für sie völlig überraschend. Dennoch halten beide „die Jahrtausende alte Kultur der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler“ für unersetzlich.

Videokonferenzen scheinen also nicht per se die Kommunikation zu verarmen, auch wenn das Charisma des maestros und der maestra fehlt. Ebenso wenig leidet der Lernprozess darunter, dass die Teilnehmer:innen miteinander nicht kommunizieren können. Schon im Präsenzunterricht spielte dieser Austausch keine große Rolle. Sämtliche Aufmerksamkeiten sind auf die profesores gerichtet. Sie stehen im Zentrum der Schüler-Satelliten.

19:00HS. Europa Time

Die argentinischen Stars Mariano „Chicho“ Frumboli und Juana Sepulveda unterrichten seit dem Herbst 2020 den Tango per Videokonferenz. Ihre alumnos, unter ihnen befinden sich nicht nur weit fortgeschrittene, sondern auch meisterhafte Tänzer:innen, sind über den ganzen Globus verteilt. In Europa sind sie aus Italien, Spanien, der Schweiz, Deutschland, Finnland, Russland etc. zugeschaltet. Einige folgen von Buenos Aires und New York vom Bildschirm aus dem Unterricht.

Ihr Unterricht ist „Produktion“ in einem spezifischen Sinne. Das Produkt ist besseres Tanzen. Das Meisterpaar initiiert einen Lernprozess und kreiert, was eine Kombination aus geistiger und körperlicher Tätigkeit ist. Es ist in diesen Prozess selbst involviert, indem es nach variierenden, besseren und klareren Erklärungen und Hinweisen sucht. Bislang gab es diese Interaktionen nur in Übungsräumen während mehrtägiger Tangofestivals, in Tangoschulen oder in privat organisierten Klassen. Die Lehrenden hatten vor etwa zehn oder fünfzehn Schülerpaaren gestanden, ab und zu direkt bei einem Paar eingegriffen und manchmal,  wenn das Problem nicht beschreibbar war, hatte ein Lehrer oder eine Lehrerin für einige Augenblicke die Rolle des Tanzpartners übernommen. So waren spontane Situationen entstanden, die dem Verlauf einer Unterrichtsstunde eine andere Richtung gaben.

Rochieren mit Ideen

Solche situationsbezogene Kreativität, die durch physische Nähe erzeugt wird, fehlt beim Tangounterricht per Videokonferenz. Dies macht den Produktionsprozess sehr voraussetzungsreich. Der Tango lässt sich auf unterschiedliche Art und Weise tanzen: in enger Umarmung, mit etwas Abstand und mit größerem. Für Chicho und Juana stellen die Abstände jedoch keine unterschiedlichen Stile dar, sondern sie kreieren mit ihnen räumliche Konstellationen, die sie innerhalb ein- und desselben Tangos variieren. Die beiden Stars wechseln ständig die Abstände zu einander.

Die außerordentliche Präzision ihrer Demonstrationen ist ein Indiz für ihren professionellen Blick. Offenkundig haben wir es mit einem Meisterpaar von Weltrang zu tun.[3] Hinzu kommen außerordentliche Qualitäten Frumbolis. Es gibt keine Fragen zu diesem Tanz, die er nicht mit methodischer Klarheit zu beantworten weiß: sei es die Technik (Achse, Dissoziation), die Struktur der Bewegungen, den Rhythmus und die Struktur der Musik oder die Intentionalität und die Betonung der Schritte. Nicht zuletzt das Zentralthema der Führung, das mit Impulsen und der Vorstellung von Räumen und Zylindern arbeitet, statt die Tänzerin zu schieben und an ihr zu zerren.

Foto: shine Demirci/ Unsplash

Methodisch versierte Menschen wie er konstituieren auf diese Weise zwischen dem Führenden und der Folgenden Möglichkeitsräume für neue Kombinationen von Bewegungen. Dieses topische Erfinden ist mit einem kombinatorischen Finden verknüpft.[4] Jean Paul Richter hat in der Vorschule der Ästhetik von 1813 geschrieben, dass bei der Entwicklung und Freilegung eines Neuen ein Rochieren mit Ideen stattfinden muss. So wurden für Naveira, Salas und Frumboli die Körperachsen der Tanzenden zu ständigen Bezugspunkten, wenn sie die Grundschritte aus cruz adelante, apertura, cruz atrás, übersetzt Vorwärtskreuz, Seitschritt und Rückwärtskreuz, kombinieren. Dies erinnert an die französischen Aufklärer D´Alembert und Denis Diderot, die das Erfinden als arranger et combiner en mille manières, das Zurechtlegen und Zusammenstellen in tausendfältiger Weise, charakterisiert haben.

Eine Utopie

Zu Beginn dieses Jahres änderten sich die Lebensumstände Chichos und Juanas. Sie lebten nun in zwei unterschiedlichen Städten, das Mittelmeer zwischen ihnen. Sie mussten nun abwechselnd ein Flugzeug benutzen, um gemeinsam die Klasse leiten zu können. Aber es ergab sich, dass kein Flug zur Verfügung stand. Auch in diesem Fall musste der Unterricht nicht ausfallen.

Denn im Laufe der Zeit war der harte Kern der Schüler:innen immer besser geworden. Dies hatte Mariano eines Tages dazu bewogen, mit einem der Grundsätze des Tangounterrichts zu brechen: dass die Unterrichtenden den zu Unterrichtenden vorführen, was sie zu machen haben. Er stresste ihr Vorstellungsvermögen und sagte ihnen, was sie üben sollten, um ihnen danach mit Juana korrigierend und mit Rat zur Seite zu stehen. Es stellte sich heraus, dass diese Idee gut funktionierte.

Frumboli radikalisierte diesen Gedanken in Folge des verpassten Flugs abermals. Der Unterricht wurde, als zweitbeste Möglichkeit, nicht aus einem Raum mit dem anwesenden Lehrerpaar übertragen, sondern von zwei Bildschirmen aus zwei getrennten Räumen aus. Wenn Sepulveda in einem Videofenster etwas erklärte, folgte Frumbolis Erklärung von einem anderen Fenster aus. Und wenn Chicho die Absicht hatte ihren Fuß zu berühren, zog Juana ihren virtuell berührten Fuß zur Seite.

Foto: hossein-gholami/ Unsplash

Diese Innovation für Ausnahmefälle war nicht ohne Risiko, denn sie hätte die Geduld der Schüler:innen überstrapazieren können. Sie erwies sich aber als durchführbar und erfolgreich, weil sich im Laufe der Zeit eine stabile Verständnis- und Vertrauensbasis zu ihnen entwickelt hatte. Niemand beklagte die missliche Situation, dass beide in einem realen Abstand von 250 Kilometern voneinander unterrichteten. Stattdessen fügten die alumnos die getrennten Bilder mit ihrer Imagination zusammen und stellten in ihren Köpfen die Telepräsenz der Meister her. Alle schienen das Gefühl zu haben, an einem großen Moment beteiligt zu sein. Denn mit Blick auf den Tango, dem physische Nähe und Berührung alles sind, war der Erfolg dieser improvisierten Unterrichtsstunde in einem guten Sinne utopisch: eine unwahrscheinliche Möglichkeit.

Wie es voraussichtlich weitergehen wird

Es ist absehbar, dass Chicho und Juana den Unterricht via Videokonferenz nicht unbegrenzt lange fortführen werden. Wenn die Impfungen die Corona-Pandemie beendet haben werden, führen sie ihre Arbeit von Festival zu Festival reisend fort. Ihre Studierenden werden wieder unterrichten und tanzen gehen. Einige werden dem Meisterpaar zu den Festivals folgen. Die Videokonferenzen aber werden ihre Wirkung nicht verfehlen: die Imagination für die Struktur und den Rhythmus des Tanzes wird bleiben.


Video- bzw. Webkonferenzen gehören jetzt zur Alltagskommunikation.
Klaus West hat sich ihnen auf bruchstücke in drei Essays genähert.
Teil 1 erschien unter dem Titel “Illusionen von Ort- und Zeitlosigkeit”,
Teil 2 mit der Überschrift “Vom Faszinosum zur Routine oder Wie realisierte Phantasien ihren Zauber verlieren“.

[1] Vgl. Richard Baldwin „The great convergence“, Information Technology and the New Globalization, The Belknap Press of Harvard University Press 2016, S. 287ff

[2] Es findet sich auf im Videoportal Youtube unter dem Titel „Sin miedo – 12 – Gustavo Naveira Giselle Anne“. Verwiesen sei auf die Passagen 0:20:49 ff, die die Veränderung des Unterrichts durch das Medium Video und des Verhaltens der Schüler:innen beschreiben. Den Hinweis verdanke ich Amira Campora.

[3] Unter „2019 Basel – Juana Sepulveda & Mariano Chicho Frumboli (1-5)“ auf Youtube kann man sich ein Bild des Beschriebenen machen.

[4] Ich verweise auf den sehr instruktiven Aufsatz zur topischen und kombinatorischen Heuristik von Christoph Hubig (2020): „Logische Geselligkeit.“ Kreativitätskonzepte zwischen Begrifflichkeit und Metaphorik, In: Andreas Großmann (Herausgeber), Kreativität denken, Tübingen Mohr Siebeck S. 11-28.

Klaus West
Dr. Klaus-W. West (kww) arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Berater. Gegenwärtig u.a. assoziierter Mitarbeiter der Stiftung Arbeit und Umwelt in Berlin. Zuvor kontrollierte Wechsel zwischen Wissenschaft (Universitäten Dortmund, Freiburg, Harvard) und Gewerkschaft (DGB-Bundesvorstand, IG BCE).

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