Eine Wirtschaft des Phantasierens, Ausprobierens und Abenteurertums

Der Historiker Werner Plumpe hat vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht, das uns hilft, die Gegenwart und ihre Potenziale besser zu verstehen. Das kalte Herz“ stellt die  immense Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems dar. Dessen Aufstieg fand in den Niederlanden und in England seit dem 17. Jahrhundert statt. Insbesondere in den Niederlanden funktionierte die evolutionäre Schrittfolge „Variation“, „Selektion“ und „Restabilisierung“ bereits nach eigenen Regeln. Es entwickelt sich eine Wirtschaft des Ausprobierens, Versuchens und gelegentlich des Abenteurertums.

Es ist die Zeit des überseeischen Handels, der Stadtentwicklungen und der Finanzmärkte, aber auch der britisch-niederländischen Handelskriege. Die Institution des Privateigentums setzte sich immer mehr durch. Folglich richtete sich das ökonomische Alltagshandeln vornehmlich nach dem jeweiligen Kalkül der Eigentümer von potenziellen Produktionsmitteln. Das Privateigentum zwang unter Berücksichtigung von Nutzenkalkülen zum Wirtschaften auf eigene Rechnung und brachte ein genaues Abwägen von Handlungschancen und Risiken mit sich.
Auf den Märkten der großen englischen und niederländischen Städte konkurrierten zahlreiche Anbieter um die Kunden. Vorwiegend war es der Markterfolg, der über das Los der jeweils gewählten ökonomischen Handlungsweise entschied. Für diese Selektion war allein der materielle Erfolg ausschlaggebend und der Nutzen, der sich in der Höhe des Preises und der entsprechenden Nachfrage artikulierte.

Lesarten eines beachtlichen Werkes
Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution. Berlin: Rowohlt, 2019. 800 Seiten, 34 Euro. (Bundeszentrale für politische Bildung: 7 Euro)
In zwei bruchstücke-Beiträgen beschreiben Klaus West („Eine Wirtschaft des Phantasierens, Ausprobierens und Abenteurertums“) und Hans-Jürgen Arlt („Kapitalismus ohne Konsum ist wie Musik ohne Ton“) Anregendes und Aufschlussreiches, das sie aus der Lektüre mitgenommen haben.

Plumpe hebt die evolutionären Mechanismen von „Variation“, „Selektion“ und „Restabilisierung“ hervor. [1] Variation beschreibt die vielfältigen Möglichkeiten, die sich aus dem Privateigentum ergaben. Selektion bedeutete, dass von den vielen Versuchen des ökonomischen Handelns sich diejenigen als erfolgreich erwiesen, die sich auf Märkten bewährten. Restabilisierung (geläufiger ist der Begriff der Institutionalisierung) meint die Praktiken, die sich in der Selektion als erfolgreich erwiesen und in ihrer Wiederholung dann institutionell begünstigt wurden.
Diese Prozesse folgten keinem großen Plan, sondern das Zusammenspiel dieser Mechanismen war kontingent, also weder unmöglich noch notwendig, und löste einen bis dato unbekannten Entwicklungsschub aus.

Kontinuität im Wandel

Diese evolutionären Mechanismen eröffnen auch einen interessanten Blick auf den institutionellen Rahmen der „sozialen Marktwirtschaft“ oder des „Rheinischen Kapitalismus“. [2] Das deutsche soziale Produktionssystem ist mit den meisten seiner Komponenten schon vor mehr als 100 Jahren entstanden und hat seitdem evolutionären „Herausforderungen“ getrotzt, die auf seine grundlegende Veränderung abzielten. Solche Komponenten sind:

  • das soziale System der Produktion mit den Elementen Verbandskoordination, Universalbankensystem, Mitbestimmung und der dualen Berufsausbildung;
  • weiterhin die Wettbewerbsordnung, die Corporate Governance (Aktienrecht), bürgerliches Recht , Handelsrecht und die Vertragsfreiheit unter sozialem Vorbehalt (Sozialstaatspostulat);
  • schließlich das System sozialer Sicherheit mit den Elementen Krankenversicherung, Unfallversicherung, Altersversicherung, Arbeitslosenversicherung und Pflegeversicherung.

Nach 1945 unternahmen die Besatzungsmächte große Anstrengungen, Teile des deutschen Produktionsregimes, wie zum Beispiel das Universalbankensystem, die starke Stellung der Wirtschaftsverbände oder die tradierten Formen brancheninterner Kooperation der Unternehmen, durch politisch weniger belastete zu ersetzen. Dies führte zu Kontinuitätsbrüchen, die freilich mit nur wenigen Ausnahmen (Kartelle) im Konsens der deutschen Beteiligten während der frühen 1950er Jahre wieder rückgängig gemacht wurden, als Fragen der wirtschaftlichen Effizienz auch für die USA wieder Vorrang gewannen. Vor diesem Hintergrund konnte die deutsche Wirtschaft die meisten Eingriffe erfolgreich abwehren und das „Wirtschaftswunder“ der langen 50er Jahre mit einem sozialen Produktionssystem inszenieren, das im Wesentlichen in der Kontinuität des späten 19. Jahrhunderts stand.

Gedenkmünze Ludwig Erhard, Bundesarchiv, wikimedia commons

Es ist eine „Kontinuität im Wandel“, die inkrementelle Veränderungen einschloss. Solche Änderungen waren durchaus von wesentlicher Art, hielten aber – wie im Falle der Mitbestimmung (Betriebsverfassungsgesetz), der Wettbewerbsordnung (Kartellrecht) oder der Alterssicherung (Dynamisierung) – am herrschenden Organisationsprinzip fest. Auch die Wirtschaftspolitik Westdeutschlands war nach 1945 mit dem sozialen Produktionssystem in der Nachkriegszeit kompatibel, und ihre Praxis gehörte über wechselnde Regierungskoalitionen hinweg zum Grundkonsens der bundesrepublikanischen Gesellschaft. In der „sozialen Marktwirtschaft“ waren die evolutionären Mechanismen am Werk.

Dennoch fand seit den 90er Jahren im Verhältnis der „Kapitalismusmodelle“ in Europa, Japan und den USA eine fundamentale Gewichtsverlagerung statt. Der Druck auf Europäer und Japaner stieg, die amerikanische best practice zu adaptieren. Das liberale Modell der Marktwirtschaft schien sich unaufhaltsam als Standard durchzusetzen, während sich das Modell der kooperativen Marktwirtschaft zu einer abweichenden Version entwickelte.

Instabile Wertschöpfungsketten

In der Gegenwart ist das kapitalistische Wirtschaftssystem herausgefordert, Antworten auf das Zeitalter der Informationsrevolution zu finden. Die evolutionären Mechanismen von „Variation“, „Selektion“ und „Restabilisierung“ stellen ein Potenzial dar, Antworten zugunsten des Gemeinwohls und der kollektiven öffentlichen Güter zu geben.

Die Coronapandemie hat die Störungsanfälligkeit von globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten zu einem öffentlichen Thema gemacht. Sie hat eine strukturelle Schwäche bei dem öffentlichen Gut der Versorgung mit Medikamenten aufgedeckt. Die Liefer- und Wertschöpfungsketten, die die Pharmaindustrie mit China und Indien geschmiedet hatte, erwiesen sich als instabil. Zeitweilig schien die Versorgungssicherheit gefährdet.

Diese Instabilität wurde durch eine spezielle Variation, Selektion und Restabilisierung von Produktion und Konsumtion verursacht. Entstanden waren nämlich global vernetzte filigrane Lieferketten, aber die Corona-Krise entlarvte manche der in den letzten beiden Jahrzehnten propagierten Best Practices als Elemente von Schönwetterstrategien.[3] Viele Unternehmen hatten geglaubt, die Lieferketten mit den neuen Digitaltechnologien eng und quasi ohne kostenintensive Sicherheitspuffer steuern zu können. Das Just-in-time-Prinzip in Verbindung mit Single Sourcing war über Jahre hinweg als alternativloses Erfolgsprinzip angesehen worden. Die Pandemie hatte viele Unternehmen in Deutschland nach dem ungewöhnlich langen Aufschwung der letzten zehn Jahre unvorbereitet getroffen.

Eine neue „Selektion“ oder die Reform der Lieferketten würde bedeuten, dass die Unternehmen das Risiko externer Schocks ernster nehmen. Sie sollten sich der Bedeutung von Reserven bewusster werden und Effizienzgewinne nicht “verfrühstücken”.[4] Wertschöpfungsketten müssen eine robuste Architektur und ein besseres kybernetisches Monitoring mit Hilfe von KI und digitalem Risikomanagement erhalten. Relationale Resilienz schlug Effizienz. Vor diesem Hintergrund sind Just-in-Case, Dual Sourcing und höhere Vorräte mit der dadurch induzierten höheren Kapitalbindung neu zu bewerten.

Eine neue Selektion für die Systeme Bildung und Gesundheit

Die Pandemie hat der Öffentlichkeit zugleich vor Augen geführt, dass Schulen digital unzureichend ausgestattet sind und das Lehrpersonal nicht hinreichend für den Umgang mit digitalen Medien qualifiziert ist. Die Digitalisierung dauert trotz vorhandener monetärer Ressourcen viel zu lange. Als die Bildungsministerien der Länder und die Schulen dem erzwungenen Unterrichtsausfall mit Maßnahmen begegneten, die den Schüler:innen das Lernen außerhalb der Schulen ermöglichen sollten,  wurden die sozialen Unterschiede (nicht nur) der technischen Ausstattung in den Familien deutlich. Viele Schülerinnen und Schüler waren für die Schule nicht erreichbar, weil längst nicht alle Handys, Desktops oder Notebooks besaßen.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfahl die Hinwendung von einem primär gewinnorientierten Gesundheitssystem zu einem bedarfsgerechten, das sich am Patientenwohl orientiert und qualitätsgesichert arbeitet. Dazu gehörten eine adäquate personelle und technische Ausstattung und die Versorgung mit Schutzausrüstung, Medikamenten und Medizinprodukten. Das Personal sollte im Umgang mit dem Infektionsgeschehen kontinuierlich geschult werden.[5] Öffentlicher Gesundheitsdienst, ambulanter und stationärer Sektor sollten gut zusammenarbeiten, um einen schnellen Transfer von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis zu ermöglichen. Die Pandemie hatte jedoch auch weitere Mängel des deutschen Gesundheitssystems ins Licht gerückt. Sie hatten Jahr für Jahr tödliche Folgen für Tausende Bürgerinnen und Bürger. Eine faktenbasierte, lösungsorientierte Debatte erreichte nicht die breite Öffentlichkeit.

Wie ist die Anti-Corona-Politik der Bundesregierung zu bewerten? Ihr liegt das Prinzip der freiwilligen Befolgung zugrunde. Dieses Prinzip hat eine wichtige Erfahrung auf seiner Seite: „Institutionelle Regeln, die auf mehr oder weniger freiwilliger Befolgung setzen können, sind nicht nur erfolgreicher, was ihre faktischen Auswirkungen betrifft, sie sind letztlich auch sehr viel kostengünstiger, da der Aufwand für ihre Durchsetzung im Normalfall deutlich geringer ausfällt. Institutionen hingegen, die gegen den „herrschenden Geist ihrer Zeit“ durchgesetzt werden müssen, werden weniger befolgt und erzeugen deutlich höhere Transaktionskosten, sind also sehr viel weniger effizient.“[6]

Zuwachs an Lebensqualität statt an Quantitäten

Das evolutionäre Potenzial des kapitalistischen Wirtschaftens muss auf das Ziel eines Gemeinwohls gelenkt werden. Es kann durch die Reform der „sozialen Marktwirtschaft“ und durch qualitatives Wachstum begrenzt werden.

Die Reform der sozialen Marktwirtschaft muss sich die „Koordinationsform ökonomischen Handelns“ vornehmen. Dabei geht es um die Selektion einer von zahlreichen Möglichkeiten, Märkte zu organisieren. „Wie immer man ihn organisiert, die Regeln des Marktes schaffen Anreize für den Einzelnen. Im Idealfall motivieren sie die Leute zu Fleiß, Zusammenarbeit, Produktivität und Findigkeit (…) Die Regeln reflektieren darüber hinaus ihre moralischen Werte und Urteile darüber, was gut ist, was ehrenwert und was fair.“[7]

Andererseits kann das qualitative Wachstum[8] die Dynamik des Kapitalismus auf ein humanes Maß reduzieren. Das wachsende Können und in Innovationen umgesetzte Wissen der Weltbevölkerung muss in langlebige, gut gewartete, energiesparende Geräte und Anlagen transformiert werden. Das produzierende Gewerbe kann durch Qualitätsverbesserung die Wertschöpfung bei sinkenden Stoffumsätzen steigern. Ein weiterer Aspekt des qualitativen Wirtschaftswachstum ist: es muss an einen Zuwachs an Lebensqualität gekoppelt werden.

Für Lebensqualität hat die OECD die wesentlichen Indikatoren aufgezeigt: Gesundheit, Lernen und Ausbildung, Qualität des Arbeitslebens, Freizeit und Zeiteinteilung, wirtschaftliche Situation und Kaufkraft, physische Umwelt, persönliche Sicherheit und soziale Beteiligungschancen. Schließlich: Unternehmen müssen ein höheres Niveau an Leistungsqualität und Nachhaltigkeit erreichen. Voraussetzung dafür ist eine Weiterentwicklung von Führungsqualität, Arbeitsqualität und Prozessqualität im Unternehmen sowie ein qualitätsorientiertes Partnermanagement entlang der Wertschöpfungskette.

Zum Schluss: Wie können die Ziele des Allgemeinwohls und qualitativen Wachstums erreicht werden? Wie viel Eigenverantwortung ist realistisch gesehen möglich? Wie viel Regulierung ist notwendig, ohne dass Initiative und Freiheit der Individuen beschädigt werden? Damit wären wir im Bundestagswahlkampf angekommen.


[1] Vgl. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, S. 413-594 [2] Vgl. Werner Abelshauser, Kulturkampf, Kadmos Verlag 2003, S.19-22 [3] R. Fieten, Robustheit schlägt Effizienz, FAZ Nr. 126,  2.Juni 2020, S.18 [4] Utz Schäffer, Barbara E. Weißenberger, 2020, Der nächste Schock kommt bestimmt, FAZ 13. Juli 202 [5] Aus der Krise lernen. Leopoldina regt Reform des Gesundheitssystems an, FAZ 28. Mai 2020 [6] Plumpe (2019, 80) [7] Robert B. Reich, Rettet den Kapitalismus, Campus 2016, S.119 [8] Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft Drucksache des deutschen Bundestages, 2013

Klaus West
Dr. Klaus-W. West arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Berater. Gegenwärtig u.a. assoziierter Mitarbeiter der Stiftung Arbeit und Umwelt in Berlin. Zuvor kontrollierte Wechsel zwischen Wissenschaft (Universitäten Dortmund, Freiburg, Harvard) und Gewerkschaft (DGB-Bundesvorstand, IG BCE).

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