Kapitalismus ohne Konsum ist wie Musik ohne Ton

Als Erfinderin des Massenkonsums und als Quelle breiten Wohlstands wird die kapitalistische Wirtschaftsweise von ihren Anhängern gelobt. Von ihren Kritikern wird ihr seit Karl Marx vorgeworfen, sie mache aus dem Menschen „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“, das wenig mehr zu verlieren habe als seine Ketten. Freiheiten, Fortschritte  und optionsreiche Lebensqualitäten sehen die einen, die anderen nehmen vor allem soziale Krisen und ökologische Katastrophen wahr. Werner Plumpe beschreibt Vergangenheit und Zukunft des Kapitalismus als „die Geschichte einer andauernden Revolution“ und seine Analyse gibt klugen Anhängern gegenüber simplen Anklägern recht, aber auch realitätstüchtiger Kritik gegenüber einseitiger Rechtfertigung.

Über sein Buch „Das kalte Herz“ sagt der in Frankfurt lehrende Historiker, es stelle das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus dar. „In gewisser Hinsicht war der Kapitalismus der Grund, weshalb ich als seinerzeit überaus linker Student das Studium der Wirtschaftsgeschichte ins Zentrum gestellt habe, ist doch zumindest die moderne Wirtschaftsgeschichte immer auch die Geschichte des Kapitalismus, den aufzuklären sie daher vorzüglich geeignet schien.“ (S. 799)

Lesarten eines beachtlichen Werkes
Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution. Berlin: Rowohlt, 2019. 800 Seiten, 34 Euro. (Bundeszentrale für politische Bildung: 7 Euro)
In zwei bruchstücke-Beiträgen beschreiben Klaus West („Eine Wirtschaft des Phantasierens, Ausprobierens und Abenteurertums“) und Hans-Jürgen Arlt („Kapitalismus ohne Konsum ist wie Musik ohne Ton“) Anregendes und Aufschlussreiches, das sie aus der Lektüre mitgenommen haben.

Die historische Aufklärung, die Plumpe leistet, verdichtet sich in der Botschaft, der Kapitalismus könne nicht, schon gar nicht alleine, von der Produktionsseite her begriffen werden: Ohne Massenmarkt keine Massenproduktion. „Der Kern und die Bedingung der kapitalistischen Massenproduktion ist die Nachfrage der nichtvermögenden Menschen, deren Anzahl sich seit dem 17. Jahrhundert in Europa dank sukzessiver Fortschritte in der landwirtschaftlichen Güterversorgung fast explosionsartig vermehrte.“ (S. 20f)

Massenkonsum als kapitalistischer Kern

Unter Sozialhistorikern werde inzwischen, wenn auch nicht unumstritten, der Befund ernst genommen, dass es in England bereits im 18. Jahrhundert eine Art Konsumgesellschaft gegeben habe. „Der Massenkonsum gewerblicher Güter durch fast alle Teile der englischen Gesellschaft, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß“, sei das eigentlich Neue des 18. Jahrhunderts gewesen. Einen Wegbereiter der britischen Maschinenbauindustrie, Matthew Boulton (1728-1809), der „mit den Ersparnissen seines Vaters und der Mitgift seiner Frau“ die später weltbekannten Soho-Werke in Birmingham gründete, in denen die Watt’schen Dampfmaschinen gebaut wurden, zitiert Plumpe mit den Worten ‚Wir halten es für weitaus wichtiger, das Volk zu versorgen als nur den Adel.’“ (S. 129) Bolton war es, schreibt Plumpe, der „bewusst den Massenmarkt adressierte, und indem er diesen Massenmarkt – zum Vorteil der breiten Bevölkerung – bediente und nutzte, suchte er ebenso seinen eigenen Vorteil. Beides zusammen bildet seither den Kern dessen, was wir Kapitalismus nennen“ (S. 137).

Foto: MabelAmber auf Pixabay

Pionier des Massenmarktes unter den Produkten war in England, „ganz ähnlich im Übrigen wie in Holland, die Bierbrauerei“ (S. 137). Schon Anfang des 18. Jahrhunderts habe „die dauernd hohe Nachfrage allein des Londoner Biermarktes (in der Großstadt war die Hausbrauerei längst aus der Mode)“ für kapitalintensive Großproduktion gesorgt. „Die Industrialisierung der Brauerei hatte überdies komplexe Wirkungen; regelrechte Zulieferindustrien entstanden, da etwa der handwerkliche Fassbau nicht mehr hinreichend war“ (S. 138). Porzellan, Keramik und Töpferwaren, Stichwort Wedgwood, bildeten einen anderen Zweig der aufstrebenden „neuen Industrien“.

Eine andere Geschichte der Industrialisierung

Aus der Perspektive des Massenkonsums stellt sich auch „die Lage er arbeitenden Klasse in England“ anders dar. Von hier aus gesehen sind nicht (nur) die Schikanen des Kapitals für längere Arbeitszeiten und höhere Arbeitsintensität verantwortlich, sondern auch die erkennbar zunehmenden Konsumchancen. „Überall in Europa lassen sich Belege für die stimulierende Wirkung insbesondere der neuen Güter finden, die häufig Anlass zu moralischem Räsonnement vor allem seitens der Oberschichten und des gebildeten Bürgertums gaben, in deren Augen die Unterschichten sich einem Luxuskonsum hingaben, der sie finanziell überforderte und zugleich ihre Sitten ruinierte.“ (S. 140)

Plumpe erzählt die Geschichte der Industrialisierung anders herum:

„Die neuen Gewerbe und Industrien schufen kein Proletariat; sie waren vielmehr möglich, weil es eine breite, zumeist ländliche Unterbevölkerung gab. Die Industrie machte […] aus dieser Armut erst nach und nach eine Gruppe von Menschen, die die Bezeichnung ‚Industrieproletariat’ verdient. Diese Menschen waren auch nicht die Opfer einer skrupellosen Bauernlegerei, die sie zu doppelt freien Arbeitern (frei von Land, frei von Bindungen) machte. Die Industrie half vielmehr einer großen Zahl von Menschen, der strukturellen Unterbeschäftigung und Armut zu entkommen und als Industriearbeiterschaft zu überleben.“ (S. 149f)

Der Elefant im Raum

In ihrer wechselseitigen Wahrnehmung halten sich Anhänger und Kritiker des Kapitalismus jeweils für Ideologen, die die Wirklichkeit verleugnen oder gar nicht erst sehen wollen. Dabei ist schon öfter bemerkt worden, dass die hartnäckigsten Anwälte und die schärfsten Ankläger des Kapitals sich in der Beschreibung der Sache ziemlich einig sind, nur nicht in deren Bewertung. Wenn Milton Friedman, Berater Ronald Reagans und Margaret Thatchers, im New York Times Magazine schreibt “The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“, dann erwidert die Kapitalismuskritik “The Social Irresponsibility of Business is to Increase its Profits”.

Da nichts dafür spricht, dass Verteidiger und Ankläger tatsächlich die Ignoranten sind, als die sie sich wechselseitig darstellen, könnte sich die Frage lohnen, ob und wie Massenkonsum und Ausbeutung der Massen zusammenhängen.
In der Organisationsberatung wird gerne auf das alte Gleichnis der blinden Männer zurückgegriffen, die einen Elefanten beschreiben: Je nach dem, welchen Körperteil sie prüfend betasten, charakterisieren sie den Elefanten als Schlange (der Mann am Rüssel), als gefährliche Lanze (anhand des Stosszahns), als großen Fächer (anhand des Ohrs), als stabile Säule (anhand des Bein), als dicke Wand (anhand des Bauches), als Seil (anhand des Schwanzes). Kann zusätzlich zu der historischen Forschung ein systematischer Zugriff zum besseren Verständnis beitragen? 

Wenn man Arbeit nicht auf die Arbeitsleistung reduziert (deren Anstrengung, Dauer, Qualität, Kosten etc.), sondern den Zusammenhang berücksichtigt, indem sie erbracht wird, zeigt sich: Arbeiten ist nur notwendig und sinnvoll, sofern das Resultat der Leistung zur Befriedigung welchen Bedarfs auch immer gebraucht wird. Steckt schon in dem simplen Gedanken, dass Produktion ohne Konsum leer läuft, dass letztlich nur das zu Gebrauchende beziehungsweise das Verbrauchte dazu anregen (erneut) etwas zu leisten, etwas zu produzieren, eine Erklärung für helle und dunkle Seiten des Kapitalismus?

Gesättigte Märkte lassen Kapital verhungern

Die kapitalistische Grundidee ist es, Arbeitsleistungen nur zu verrichten bzw. verrichten zu lassen, sofern deren Kosten unter den Einnahmen liegen, die aus dem Verkauf der Erzeugnisse zurückfließen. Da die Ausgaben zeitlich vor den Einnahmen liegen, bleibt immer das berühmte Risiko, ob tatsächlich ein Gewinn herauskommt. Zweifelsfrei feststeht dabei, dass auch das billigste Produkt und die preisgünstigste Dienstleistung zu Verlusten führen, wenn sie von niemandem gebraucht werden und sich als unverkäuflich erweisen. Weshalb sonst wird die Öffentlichkeit mit Werbung überflutet. Kapitalismus ohne zahlungsfähige (oder wenigstens kreditwürdige) Kunden ist wie Musik ohne Ton. Verarmte oder gesättigte Märkte lassen Kapital verhungern.

Nur für eine sehr einseitige, auf die Arbeitsleistungen und das Schicksal der Arbeitskraft fixierte Wahrnehmung kann es eine Überraschung sein, dass der Aufstieg des Kapitalismus mit einer Ausbreitung des Massenkonsums einhergeht. Wer Arbeitsleistungen erbringen lässt, um anschließend mehr zurückzubekommen als ausgegeben wurde, braucht kaufwillige und -fähige Konsumenten, je mehr desto besser.

Nun ist allerdings die Zahlung, die Grundoperation moderner Wirtschaft, kein einfaches Ereignis, sondern ein zweifaches, nämlich Ausgabe und Einnahme zugleich. So sind die Ausgaben für Arbeitskräfte im Prinzip die Einnahmen, die Kunden auf dem Markt zahlungsfähig machen. Die große Rätselfrage des Kapitalismus lautet: Wie ist es möglich, billige Arbeitskräfte und zahlungskräftige Kunden gleichzeitig zu haben? Die ebenso phantasievollen wie brutalen, inzwischen globalen Versuche, dafür immer wieder Lösungen zu finden, machen gewiss nicht die ganze, aber einen wesentlichen Teil der Geschichte des Kapitalismus aus.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: „Mustererkennung in der Coronakrise“ sowie „Arbeit und Krise. Erzählungen und Realitäten der Moderne“.

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