Lügen die Bilder, die Menschen oder beide

… ab 18. April in Amsterdam (Screenshot: Website World Press Photo)

Wir wechseln von der Angebotsseite der digitalen Kommunikation zurück auf die Nachfrageseite. Welche Folgen hat es für die Bürgerinnen und Bürger, wenn eine Kultur der Bilder die Kultur der Sprache und Schrift teilweise verdrängt? Zunächst ist festzuhalten: unser Bezug zur Welt ist technisch vermittelt. Wir leben in einer „Welt als Welt von Mitteln“ (Hegel), also auch in einer Welt von Bildern. Ein so vermittelter Realitätsbezug ist angewiesen auf seriöse Institutionen, wenn er nicht (be)trügerisch sein soll. Ich werde unterschiedliche Realitätsbezüge vorstellen: begründetes Misstrauen, Realitätsverlust und kontrollierten Weltbezug.

„Misstrauen Sie den gewählten Ausschnitten!“ Eine Fotojournalistin spricht über eines ihrer Bücher. Sie sagt: darin gibt es „ein Foto, das ich für das Beste meiner Laufbahn halte: es war ein vergrößerter Ausschnitt, und darauf war ein junger Neger zu sehen, nur der Oberkörper, ein T-Shirt mit einem Werbeslogan darauf, ein athletischer Körper und die Arme hatte er wie zum Zeichen des Sieges erhoben, allem Anschein nach läuft er gerade durchs Ziel, vielleicht bei einem Hundertmeterlauf.“ „Im zweiten Foto“,„dem vollständigen Foto. Links steht ein Polizist wie ein Marsmensch gekleidet, mit einem Helm aus Plexiglas, hohen Stiefeln, einem Gewehr im Arm und gewalttätigen Augen unter seinem gewalttätigen Visier. Er schießt auf den Neger. Und der Neger fliegt mit erhobenen Armen. Aber er ist bereits tot: eine Sekunde nachdem ich klick gemacht hatte. Er war bereits tot.“ Unter dem vergrößerten Ausschnitt gab es einen Satz, der lautete: „Méfiez-vous des morceaux choisis.“ 1

Wir sind also gut beraten, den gewählten Ausschnitten von Bildern zu misstrauen. Gerade in der Gegenwart, in der immer mehr KI-generierte Bilder in der Öffentlichkeit auftauchen, empfiehlt es sich, die Aufnahmen von Situationen und besonderen Momenten, also Bildern, Photos und Videos, zu hinterfragen und zu kontrollieren.

Misstrauen: Pressephoto des Jahres

Vor zehn Jahren, im Jahr 2015 hatte die Jury der niederländischen Stiftung World Press Photo bei der Wahl des Pressephotos des Jahres noch nie so viele Bilder wie zuvor disqualifiziert. Von den Einreichungen, die es in die vorletzte Runde schafften, konnte die Stiftung einem Fünftel nachträgliche Bildmanipulationen nachweisen. Damals hatte Lars Boering, der Direktor des Wettbewerbs, ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „sehr strenge Maßstäbe“ angelegt werden.

Zur Information: die niederländische Stiftung World Press Photo wählt im Rahmen des World Press Photo Awards das Pressephoto des Jahres. Es gilt als eine sehr angesehene und begehrte Auszeichnung für Fotojournalismus, wenn nicht als die angesehenste und begehrteste überhaupt. Den Hauptpreis erhält das Bild, das nicht nur die fotojournalistische Verkörperung des Jahres darstellt, sondern auch ein Thema, eine Situation oder ein Ereignis zeigt, das hohe journalistische Bedeutung hat. Es wird ein außergewöhnliches Maß an visuellem Wahrnehmungsvermögen und Kreativität einer Fotografin oder eines Fotografen prämiert. 2

Damals hatte der Wettbewerb um das beste Pressefoto des Jahres 2015 die Debatte über die Grenzen digitaler Fotobearbeitung neu entfacht. Die Jury hatte 20 Prozent der Fotos, die es bis in die vorletzte Runde geschafft hatten, aussortiert, weil die Bilder manipuliert waren. Dabei ging es nicht um kleinere Retuschen, sondern auch um Bildinhalte, die entfernt oder hinzugefügt worden waren. Im Jahr zuvor waren acht Prozent der Fotos disqualifiziert worden. Daraufhin hatte die Jury erstmals vorgeschrieben, dass alle Fotografen, die für das Finale infrage kommen, die unbearbeiteten Rohdaten ihrer Bilder mitliefern müssen, um Veränderungen sichtbar zu machen. Sie Jury brachte damit zum Ausdruck, dass ein Foto zwar immer eine Interpretation der Realität ist, aber dass Fotojournalismus seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren darf.

Verlust des Realitätsbezuges

Welches Misstrauen über die Wiedergabe von Ereignissen ist berechtigt? Wie weit darf es gehen? Wir hatten zuvor schon gesehen, dass das pauschale kriterienlose Misstrauen der „Querdenker“ auf den Holzweg führt.3 Ihr Medienmisstrauen richtete sich nicht nur gegen Apps und Plattformen, sondern auch gegen Infrastrukturen der digitalen Vernetzung wie z.B. 5G-Mobilfunkstandards. Besonders die öffentlich-rechtlichen Medien scheinen bei Querdenker:innen unter dem ständigen Verdacht der Parteilichkeit, der Einseitigkeit oder der Unterwanderung zu stehen. Während der Pandemie schenkten sie hingegen „alternativen“ Medien Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Sie konnten allein wegen ihrer Andersartigkeit Authentizität beanspruchen. Maßgeblich war die größtmögliche Abgrenzung zum „Mainstream“.

Querdenker:innen haben ihr Verhältnis zur Realität verloren. Das Ergebnis lautet jedoch nicht „Emanzipation“, sondern stattdessen gewinnen autoritäre Tendenzen an Einfluss, und Bedenken in den Gruppen werden hinweggewischt. In dem wissenschaftlich dokumentierten Beispiel einer regionalen Gruppe dieser Bewegung konnte kein Einvernehmen über das Prüfen und Bewerten von Informationsquellen erzielt werden. Die Kontroversen darüber ließen sich nicht abschließen. Die Administrator:innen konnten störende Nachrichten ohne weitere Hinweise aus dem Chat-Verlauf löschen.

Wir greifen zu einer extremen Übertreibung, um den betrügenden Weltbezug zu verdeutlichen. Wie weit die Frage nach dem Wahrheitsgehalt nicht nur von Bildern, sondern des Lebens getrieben werden kann, hat Peter Weir im Jahr 1998 mit der US-amerikanischen Komödie „Die Truman Show“ vorgeführt. Der Versicherungsangestellte Truman Burbank war, ohne es zu wissen, der Hauptdarsteller einer Fernsehserie, in welcher seit seiner Geburt sein gesamtes Leben per Liveübertragung im Fernsehen präsentiert wurde. Seine Familie, sein Freundeskreis, die Lehrer, die Schüler, die Verkäuferinnen beim Bäcker: alle waren Schauspielerinnen und Schauspieler.

Der Produzent der Show hatte zu diesem Zweck Truman als Baby von seinem Unternehmen adoptieren lassen. Außerdem war eigens die von einer gigantischen Kuppel überdachte und von Wasser umgebene Küstenstadt Seahaven errichtet worden. Hier wuchs Truman auf, umgeben von Schauspielern und täglich beobachtet von über 5000 Kameras. Erst nach über 29 Jahren wurde Truman misstrauisch, als einer der Scheinwerfer, die an der Kuppel befestigt sind, um nachts die Sterne zu simulieren, herabfiel und direkt neben ihm auf dem Boden aufschlug. Weitere Missgeschicke verstärkten sein Misstrauen bis schließlich die gesamte Inszenierung offen gelegt wird. Der vollkommene Betrug an Truman Burbank erwies sich als nicht medial inszenierbar.

Eine derart absurde Vorstellung, die vermutlich selbst für „Querdenker“ zu viel wäre, könnte auch auf das „Duell“ zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz am 9. Februar 2025 im ARD angewendet werden. So könnte in Zweifel gezogen werden, dass dieser Meinungsstreit tatsächlich stattgefunden hat. Stattdessen könnte die 90-minütige Übertragung eine KI-produzierte Inszenierung gewesen sein, einem realen politischen Schlagabtausch täuschend ähnlich. Gibt es Grenzen für absurde Vorstellungen? Wir können uns nicht sicher sein. Immerhin gab und gibt es Menschen in den USA (und anderswo), die auch die Mondlandung der Apollo 11 mit den Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins 20. Juli 1969 für eine reine mediale Inszenierung halten. Die Astronauten seien nicht auf dem Mond, sondern irgendwo in einem versteckten geheimen Filmstudios herumgetappt …

Wenn wir nicht an der Realität, also dem, was schlicht gegeben ist, verzweifeln wollen, wenn unsere Zweifel uns nicht wahn-sinnig werden lassen sollen, sind wir auf den Wahrheitsgehalt von Bildern und die Seriosität der Bildproduktion in Sendeanstalten mit ausgewiesen Qualitätskriterien angewiesen.

Wie viele Demonstrantinnen und Demonstranten waren es?

Was gibt uns Sicherheit und Vertrauen? Wir können dies an den Photos und Videos von Demonstrationen verdeutlichen, die gegen die kalkulierende Inkaufnahme der CDU und CSU des Mit-Ihnen-Stimmens der AfD Anfang Februar 2025 gerichtet waren. Waren die Aufnahmen wirklichkeitsgetreu oder mit KI erzeugt? Es muss seriöse prüfende Instanzen und Organisationen geben, die ein KI-Fake ausschließen, und sie gibt es.

Manchmal klaffen die Zahlen bei großen Demonstrationen weit auseinander. Bei der genannten Demonstration vor dem Brandenburger Tor hatten laut Polizei rund 160.000 Demonstrierende teilgenommen, den Veranstaltern zufolge waren es etwa 250.000 Teilnehmende gewesen. Dafür werden seriöse Zähl- oder Schätzmechanismen verwendet.

Menschenmengen zu schätzen ist mit vielen Unsicherheiten behaftet. Für den Protestforscher Sebastian Haunss von der Universität Bremen sind generell die Zahlen der Organisatoren systematisch zu hoch und die der Polizei systematisch zu niedrig. „In der Regel wird die Größe von Protesten von der Polizei unterschätzt und von den Veranstalterinnen und Veranstalter meistens überschätzt“, sagt er. Die Forschung nimmt daher in der Regel den Mittelwert zwischen beiden Zahlen.

Im Unterschied zu den Veranstaltern will die Polizei eine Demonstration über die geschätzten Zahlen nicht als erfolgreich oder erfolglos bewerten. Sie berechnet im Vorfeld ihren Kräfteeinsatz aus der Erfahrung der Vergangenheit und aus den Veranstalterangaben, damit sie gegebenenfalls Einsatzkräfte umstrukturieren oder nachordern und Erfahrung für künftige Kundgebungen sammeln kann. In Berlin kann sie aufgrund der vielen Kundgebungen auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Die Beamten wissen in etwa, wie viele Menschen auf den Platz um die Siegessäule passen. Bei großen Veranstaltungen wendet die Polizei die sogenannte „Cluster-Methode“ an: sie zählt die Teilnehmenden auf einer bestimmten Fläche und multipliziert diese Zahl mit der Gesamtfläche der Demonstration.

TV-Bilder und ihre Quellen

Bei TV-Bildern über das Kriegsgeschehen in der Ukraine oder im Nahen Osten erhalten wir regelmäßig Hinweise z.B. in der Tagesschau oder bei ZDFheute, dass die Bilder nicht aus unabhängigen Quellen stammen und vom Sender nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können.

Beispielsweise greift die Tagesschau auf Nachrichtenagenturen wie der Deutschen Presseagentur (dpa) und Reuters auf Quellen zurück. Sie verfügt zudem über ein deutschland- und weltweites Netz an ARD-Korrespondentinnen und Korrespondenten. Reporterinnen und Reporter recherchieren im In- und Ausland, führen Interviews, machen Drehs mit eigenen Kamerateams oder verwenden das Material der örtlichen Nachrichtenmedien – Fernsehen, Radio, Online-Medien und Social Media. Einheimische Mitarbeitende spielen insbesondere in Zeiten von Krisen und Konflikten eine wichtige Rolle. Sie helfen, Kontakt zu Gesprächspartnern aufzubauen und den Kontext von Situationen und Aussagen zu verstehen oder verlässliche Informationen zu bekommen, wenn die Korrespondentinnen und Korrespondenten nicht unmittelbar selbst in Konfliktgebiete reisen können.

Kontrolle: Prüfen von Quellen

Dennoch können Angaben von involvierten Konfliktparteien häufig nicht sofort unabhängig überprüft werden. Journalistinnen und Journalisten können dann lediglich unter Nennung der Quelle wiedergeben, welche Äußerungen kursieren, welche Angaben von welchen Akteuren verbreitet werden, und dass diese nicht überprüft werden können.

Um zu kontrollieren, ob eine Information richtig und zuverlässig ist, müssen mindestens zwei unabhängige Quellen zur Bestätigung herangezogen werden können. Dadurch soll vermieden werden, dass falsch, einseitig oder voreingenommen berichtet wird. Gerade in Kriegssituationen gibt es häufig keine zwei voneinander unabhängigen Quellen für eine Information. Im aktuellen Krieg in Nahost kann es so sein, weil eine Information nur von der Hamas oder vom israelischen Militär verbreitet wird. In diesen Fällen weist die Tagesschau auf die Nicht-Überprüfbarkeit von Informationen hin und nennt die Quelle.

Unabhängig von der Quellenlage liegt die Nachrichtenauswahl nicht in den Händen eines einzelnen Redakteurs oder einer Redakteurin. In Konferenzrunden werden Themen und Inhalte besprochen und oft auch kontrovers diskutiert. Bevor Nachrichten veröffentlicht werden, werden sie von mindestens einer weiteren Person geprüft.

Ob eine Information, ein Bild oder ein Video echt ist, wird auch überprüft. Vor allem bei Bildmaterial aus den sozialen Netzwerken ist Skepsis geboten. Gerade in Krisen werden oft Bilder und Videos verbreitet, die vorgeben, ein aktuelles Ereignis zu zeigen, obwohl dies nicht der Fall ist. Mithilfe von sogenannten Open Source Intelligence (OSINT) -Tools kann beispielsweise herausgefunden werden, ob ein Bild bereits vor einem Ereignis in einem anderen Zusammenhang schon einmal im World Wide Web hochgeladen wurde, also gar nicht mit aktuellen Ereignissen in Verbindung steht.


1  Antonio Tabucchi, Indisches Nachtstück, dtv München 1996 (1984), S.102ff
2  Vgl. „Direktor des „World Press Photo“-Wettbewerbs ist „geschockt“ über massenhafte Bildmanipulation“, Spiegel Online, 20. Februar 2015, abgerufen am 13. Februar 2025
3  Vgl. meinen Beitrag auf diesem Blog „Protest und Mobilisierung mit dem Smartphone als Nahkörper-Technologie

Ausblick und Rückblick

.. die nächste Beiträge werden sich der ursprünglichen und aktuellen Faszination der Bilder zuwenden …
… wir werden auch auf den Medusa-Effekt zu sprechen kommen…

In der Streifzüge-Serie sind bisher erschienen:
(1) Misstrauen, massenmedial potenziert;
(2) Protest und Mobilisierung mit dem Smartphone als Nahkörper-Technologie
(3) Social Media uniformiert und polarisiert
(4) Wenn Meister der Zensur über Zensur schimpfen
(5) Plattformen: Wüste Kommunikation in Echokammern
(6) Alter und neuer Glaube an große Männer
(7) Der Mythos der intelligenten Maschine
(8) Marc Zuckerberg und die sogenannte Zensur

Klaus West
Dr. Klaus-W. West (kww) arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Berater, u.a. der Stiftung Arbeit und Umwelt in Berlin. Zuvor kontrollierte Wechsel zwischen Wissenschaft (Universitäten Dortmund, Freiburg, Harvard) und Gewerkschaft (DGB-Bundesvorstand, IG BCE).

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