„Auferstanden aus Ruinen“, die erste Zeile der DDR-Hymne, habe eine ganz neue Bedeutung bekommen, sagt Berthold Vogel, Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI). „Erst musste der DDR-Sozialismus eine Gesellschaft in den wirtschaftlichen und moralischen Ruin führen, bevor eine DDR 2.0 ihre Auferstehung feiern konnte.“ Diese DDR sei eine Erfindung der Nachwendezeit. In der Transformationsphase sei in Ostdeutschland ein DDR-Bild entstanden und habe sich als ein Sozialmodell im kollektiven Gedächtnis verfestigt, „das von Vielen gegen den Westen, seine Arroganz und Selbstgewissheit in Stellung gebracht wird“, erläutert Vogel im Interview mit Jutta Roitsch. Ihn verwundere nicht, dass auf AfD-Parteitagen die alte DDR-Hymne gesungen werde.
In seiner Forschungsarbeit über gesellschaftlichen Zusammenhalt stieß Vogel im thüringischen Porbstzella auch auf „ein Produkt der sozialen Demokratie der 1920er Jahre“, das „Haus des Volkes“, „das 1989 – wie Vieles in der DDR – in einem maroden bis katastrophalen Zustand“ war.

Jutta Roitsch: Berthold Vogel, Sie sind mit Ihren Forschungen über den gesellschaftlichen Zusammenhalt tief in die ländlichen Regionen, vor allem in Thüringen, eingetaucht. Aus den Dörfern und Kleinstädten hörten Sie im vergangenen Jahr ein alle Demokraten beunruhigendes „antidemokratisches Basisrauschen“. Aber dann stießen Sie in der thüringischen Grenzstadt Probstzella auf eine völlig andere Geschichte. Ihre Spur führte zu einem prächtigen „Haus des Volkes“. Eine vergessene DDR-Geschichte?
Berthold Vogel: Das „Haus des Volkes“ ist eine vergessene Geschichte der Weimarer Republik! Es klingt nach DDR, ist aber keine DDR. Das „Haus des Volkes“ ist ein Produkt der sozialen Demokratie der 1920er Jahre. Es war ein Begegnungsort, ein kulturelles Zentrum, ein Hotel, das aus dem Geist der reformfreudigen ersten deutschen Demokratie entstanden ist. Wir sehen ja in den 1920er Jahren immer nur die Vorphase des Nationalsozialismus. Aber diese Zeit war auch eine Epoche des Aufbruchs, in der sich der Sozialstaat entwickelte, das Arbeitsrecht etablierte und eben auch zahlreiche reformorientierte Bauvorhaben entstanden. Das Besondere an diesem Bau war seinerzeit ja nicht nur Idee und Standort, sondern auch die Architektur. Das Haus des Volkes ist ganz und gar ein Bauhaus-Ensemble, abgelegen im Thüringer Schiefergebirge. Im Kern ist es ein Sozialer Ort avant la lettre!
Was ist aus dem „roten Unternehmer“ nach 1945 geworden? Hat sich die DDR mit diesem sozialdemokratischen und im Nationalsozialismus verfolgten Vorzeige-Unternehmer geschmückt?

Berthold Vogel: Nichts dergleichen, der Unternehmer Franz Itting, seines Zeichens Sozialdemokrat und daher in den 1920er Jahren auch der „rote Itting“ genannt, war in den Augen der Nationalsozialisten ein verachtenswerter Kommunist, in den Augen der Realsozialisten der DDR ein verachtenswerter Kapitalist. Er wurde buchstäblich zwischen den beiden großen Totalitarismen des 20.Jahrhunderts zerrieben. Er saß im NS-Konzentrationslager und musste dann schließlich die DDR verlassen, da er ein „Ausbeuter“ war. Das DDR-Regime hat ihn gedemütigt, seine humanistische Grundorientierung, sein Eintreten für Demokratie und Freiheit, war der Diktatur des Proletariats ein Dorn im Auge. Eine tragische Geschichte einer starken Persönlichkeit, die daran glaubte, dass der Einzelne etwas verändern kann, wenn er in das Gemeinsame investiert. Itting war ein Protagonist öffentlicher Güter.
Welches Schicksal war dem „Haus des Volkes“ beschieden, als die Rufe „Wir sind das Volk“ auf den Straßen und Plätzen der DDR laut wurden?
Berthold Vogel: Das „Haus des Volkes“ war 1989 – wie Vieles in der DDR – in einem maroden bis katastrophalen Zustand. Hier hausten die DDR-Grenztruppen und keiner hatte Sinn und Verstand für dieses besondere Ensemble. Die Wende hat es gerettet, aber vor allen Dingen wurde es von dem kulturgeschichtlich gebildeten Unternehmerehepaar Antje und Dieter Nagel neu belebt. Nagel kommt selbst aus Probstzella, seine Frau aus Thüringen, und beide kannten die Geschichte des Hauses. Auf bewundernswerte Weise haben sich die Nagels die Rettung dieses einmaligen Objekts zur Lebensaufgabe gemacht. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Haus des Volkes auch die Nachwendezeit nicht nur überstanden hat, sondern nun in neuem Glanz erstrahlen konnte. Und das Tolle an der Geschichte ist ja, dass es wieder ein Unternehmer mit einem Gutteil seines privaten Vermögens ist, der das Haus des Volkes neu gründet und ein öffentliches Gut ersten Ranges erhält.

Welche Reaktionen haben das unverhoffte Engagement des Ehepaares in der Stadt ausgelöst? Überwog das Misstrauen gegenüber derartigen Initiativen (aus dem Westen), so großzügig-uneigennützig und kulturell herausragend sie auch ausgefallen sind? Herrscht trotz alledem auch in Probstzella heute das „antidemokratische Basisrauschen“?
Berthold Vogel: Es war ja ein Ehepaar aus Thüringen und, wie gesagt, Herr Nagel ist aus Probstzella. Wenn ich böse wäre, dann würde ich sagen, dass es Vielen gar nicht aufgefallen ist, dass hier ein Kulturgut gerettet wurde, aber das wäre insgesamt kein faires Urteil. Denn es gab über das Engagement der Nagels schon sehr viel Freude vor Ort und weit darüber hinaus. Zu erwähnen ist hier sicher der Landrat von Saalfeld-Rudolstadt, Marco Wolfram, zuvor Bürgermeister von Probstzella, der all das Tun stets unterstützt hat. Und dennoch sehen wir – auch dieses Engagement für einen Leuchtturm lokaler Demokratie konnte nicht verhindern, dass die AfD heute vor Ort bei weit über 50% der Wählerstimmen liegt.
Wir im Osten ticken anders
Seit unserem letzten Gespräch scheint sich in Deutschland etwas grundlegend verschoben zu haben. Aus dem „Basisrauschen“ und dem Beschwören des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist etwas anderes entstanden: Es mehren sich die Stimmen, dass sich die „die Ostdeutschen“ aus der Demokratie verabschiedeten, weil sie die rechtsextreme Alternative für Deutschland wählten und in eigentlich allen gegenwärtigen Krisen- und Kriegsthemen anderer Meinung seien als die Mehrheit der Deutschen. „Die Ostdeutschen“ fühlten sich 35 Jahre nach der Vereinigung unverstanden, ungehört und nicht anerkannt. Gebündelt hat dieses angebliche Weltbild der Ostdeutschen Jana Hensel in ihrem im Frühjahr erschienenen Buch „Es war einmal ein Land“. Teilen Sie nach Ihren Forschungen und Begegnungen vor Ort dieses Urteil?
Berthold Vogel: Nein, in dieser Einfachheit und Pauschalität nicht. Dennoch stimmt es – so merkwürdig das nun klingt. Warum antworte ich so? Das gesellschaftliche Leben und die soziale Wirklichkeit in Ostdeutschland sind auf der einen Seite differenziert. Dort trifft man selbstverständlich auch sehr unterschiedliche Einschätzungen zu den Fragen der Zeit. Aber es hat sich dennoch eine gewisse Haltung im Osten verfestigt, die auch durch die Medien, durch populäre Werke aus der Wissenschaft und vor allem durch Parteien wie die AfD und die Linke ver- und bestärkt wurde: Wir im Osten ticken anders. Das sagen auch die, die erst weit nach der Wende geboren wurden. Und das sagen auch die, die mit der AfD oder mit der Linken überhaupt nichts am Hut haben. Gut, das sagen auch Nordfriesen und Bayern, dass sie anders ticken, aber dort wird es eher aus kulturellen Prägungen erklärt, aus Religion und Brauchtum, im Falle Ostdeutschlands wird es vor allen Dingen politisch, wirtschaftlich und sozial begründet.
Die DDR ist ja eine Erfindung der Nachwendezeit. Sie wurde aus der Transformationserfahrung geboren und hat sich nun als ein Sozialmodell im kollektiven Gedächtnis verfestigt, das von Vielen gegen den Westen, seine Arroganz und Selbstgewissheit in Stellung gebracht wird. Insofern ist vielleicht der Titel „Es war einmal ein Land“ ganz falsch und es müsste lauten: „Es ist ein Land erstanden“. Die ersten Zeilen der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Erst musste der DDR-Sozialismus eine Gesellschaft in den wirtschaftlichen und moralischen Ruin führen, die dann als DDR 2.0 ihre Auferstehung feiert. Wundert es uns, dass auf AfD-Parteitagen die alte DDR-Hymne gesungen wird? Mich nicht.
Junge Leute aus den „Baseball-Schläger-Jahren“

Die Journalistin Manuela Müller hat in ihrem Buch „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“ zu ergründen versucht, wie es in den Dörfern und Kleinstädten zwischen Chemnitz, Plauen und Zwickau vor allem unter den Jugendlichen und sehr jungen Männern zu einer derartigen betont national-sozialistischen Radikalisierung kommen konnte: Deutschnational (Hitler-Gruß im Klassenzimmer und auf dem Schulhof) und gleichzeitig DDR-Nostalgie mit Hammer und Zirkel-Fahne über dem Kinderbett und der Pflege des legendären DDR-Mopeds Simson („Simme“). Manuela Müller hat mit ratlosen Eltern und sprachlosen Lehrerinnen gesprochen. Gibt es aus Ihren Forschungen Hinweise, wie es zu diesem Abrutschen von 13 bis 17jährigen Jungen ins Rechtsextreme kommen konnte?
Berthold Vogel: Nun ja, Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus schließen einander nicht aus. Daher sehe ich keinen Widerspruch darin, sich eine DDR-Fahne ins Jugendzimmer zu hängen und Hakenkreuze aufs Hausaufgabenheft zu malen. Könnte es nicht sein, dass es unter Jugendlichen einen radical chic gibt, die Eltern und die Lehrkräfte genau auf diese Weise zu provozieren?! Wenn das so wäre, macht das aber die Lage nicht besser, denn die jungen Jahre prägen gesellschaftliche und politische Haltungen. Nicht wenige junge Leute aus den „Baseball-Schläger-Jahren“ der Nachwendezeit sind heute etablierter Mittelstand und zugleich das personelle Rückgrat der AfD vor Ort.
Ich will damit sagen: Wer sich als Jugendlicher mit Hitlergruß und Hakenkreuz hervortut, wird auch in späteren Jahren nicht frei von solchen Haltungen sein. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und dieser Effekt verstärkt sich jetzt noch einmal. Wer schon als Jungwähler bei der AfD einsteigt, der oder die hat das Potential als Stammwähler die Partei in Zukunft zu tragen, entweder aktiv oder durch entsprechende Voten. Hier wächst der Nachwuchs heran und hier ist in der Jugendkultur (jenseits der Universitätsstädte) etwas ins Rutschen gekommen, das wohl nur schwer aufzuhalten ist. Ostdeutsch zu sein, das heißt für viele junge Leute nicht nur im Osten, aber dort eben besonders ausgeprägt, rechtsextrem zu sein. Wer gegen das Establishment ist, der oder die ist rechtsextrem; wer die Zukunft erobern will, der oder die ist rechtsextrem. Wir dürfen hier auch nicht den Fehler machen und glauben, die Präferenz für die AfD hätte etwas mit Konservatismus zu tun. Diejenigen, die AfD wählen, wählen aus ihrer Sicht den Fortschritt. Sie sind mehr und mehr überzeugt, dass nur die AfD etwas verändern kann und Aussicht auf eine bessere Zukunft bietet. Sie sehen sich als die Fortschrittlichen gegen die „Alt-Parteien“ und „Alt-Eliten“. Und diese Haltung wird von den Jungen getragen, insbesondere von jungen Männern (aber nicht nur!) auf dem Land und in der Kleinstadt.

Mit ruhiger Analyse im medialen Sturm überleben
In Sachsen-Anhalt will die AfD am 6. September die absolute Mehrheit erreichen und die Regierung stellen. Nach ihrem so genannten Regierungsprogramm wird dann das „antidemokratische Basisrauschen“ zu einer praktischen Politik. Welche Herausforderung wäre das für Ihre Forschungen und den gesamten Forschungsverbund „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“?
Berthold Vogel: Ja, viele Kolleginnen und Kollegen sind hier schon in Alarmstimmung. Doch erst mal ruhig Blut. Die Demokratie ist eine fragile und eine auch sich selbst immer wieder gefährdende Gesellschaftsordnung, aber dennoch stehen wir durch eine Wahl in Sachsen-Anhalt noch nicht vor dem neuen Faschismus. Das ist ohnehin ein leerer Begriff, dessen Erkenntniswert null ist – er hat nur einen Bekenntniswert. Ich verweise gerne auf die klugen Bemerkungen von Jan Philip Reemtsma zu diesem Thema in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-faschismus-faschisierung-begriffe-debatte-feuilleton-reemtsma-entwicklungen-beschreiben-100.html. Zurück zur Frage: Ich sehe ein solches Wahlergebnis als demokratische Herausforderung, vor Ort zu sein, zu sprechen, zu beobachten, zu analysieren – das Problem wird nur sein, dass in der medialen Erregung keiner mehr ein ruhiges Wort hören möchte, sondern möglichst viel Gebrüll von allen Seiten die Situation ab dem 6. September bestimmen wird. Eigentlich ist das die Herausforderung für einen Forschungsverbund. Mit ruhiger Analyse im medialen Sturm zu überleben. Social Media ist wie ein überdrehter und übersteuerter Lautsprecher. Die Stimme der Wissenschaft ist doch hier gar nicht mehr hörbar. Nur mit Besonnenheit und mit kritischer wissenschaftlicher Distanz werden wir als Forschungsverbund einen Beitrag zur Stabilität unserer Demokratie leisten können. Darauf zähle ich.
Entdecke mehr von bruchstücke
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.