
Im Rückblick, wenn man den Fall zusammen mit den Reaktionen vor Augen hat, ist manchmal alles noch viel schlimmer. Vor rund vier Wochen, am 8. August, hat Michael Martens, Balkankorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Flaggschiffs des konservativen Qualitätsjournalismus in Deutschland, bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und Volodymyr Zelenskyj die Frage gestellt: „„Können Sie uns Europäern sagen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten – mehr russische Soldaten natürlich“. Es sind keine Fake-News, die von Putin nahen Online-Plattformen verbreitet und hochgespielt wurden, es ist ein dokumentiertes Faktum.1
Mit der Frage wird unverhohlen die Tötung möglichst vieler Russen, von Martens noch schnell auf „russische Soldaten“ eingegrenzt, als Kriegsziel dargestellt, das die Europäer unterstützen sollen (von dem selbstüberheblichen „wir“ ganz zu schweigen). Nicht allgemein um den Druck auf Russland geht es, um das Regime an den Verhandlungstisch zu bringen; auch die Abwehr der Zerstörung von Gebäuden und der Tötung von Menschen in der Ukraine durch Russland soll nicht Zweck europäischer Hilfe sein, sondern zielgerichtet die Tötung von Menschen. Aus meiner Sicht sind mehrere Aspekte um diese Fragestellung in journalistischem Gewand und die Art der Reaktion darauf bedenklich bis skandalös.
FAZ distanziert sich nicht klar
Martens selbst hat seine Aussage nie zurückgenommen oder relativiert, bis auf das „wir“ in seiner Frage, dass er später „aktivistisch“ nennt. Er rechtfertigt – ausführlich im serbischen Magazin „Vreme“ vom 9. August2, seine Frage im Rückgriff auf Winston Churchill, der den Teil der jugoslawischen Widerstandsbewegung unterstützen wollte, der die meisten Deutschen tötet und noch mehr Deutsche töten können soll. Martens arbeitet nach eigenen Aussagen an einem Essay „Russen töten“ mit dem Untertitel „Was Europa tun muss“3. Im Zusammenhang damit fordert er, dass verantwortliche Politiker darüber nachdenken sollen, „about how we (wiederum!) can kill so many Russians – Russian Soldiers – that Putin is left without soldiers“. Das ist kein Journalismus, sondern brutale, menschenfeindliche Kriegshetze. Martens stellt seine Position ausdrücklich in einen Gegensatz zu der Aussage von Olaf Scholz, der zu Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 gesagt hatte, dass die Ukraine den Krieg nicht verlieren, Russland ihn nicht gewinnen dürfe. Es ist für mich unverständlich, spätestens nach dieser Einordnung, wie die wenig sich die FAZ und einer der Herausgeber, Berthold Kohler, von Martens distanzieren.
Denn das ist die zweite skandalöse Ebene: Die FAZ distanziert sich nicht klar von Martens und seiner Frage, sondern spricht in einer ersten Stellungnahme am 10. August 2026 davon, Martens habe „missverständlich formuliert“, was bedauert werde, da es darum gegangen sei, die russische Armee „in personelle Schwierigkeiten“ zu bringen, um Russland zu Friedensverhandlungen zu bringen. Das genau hat Martens nicht gefragt! Auch in der späteren Presseerklärung geht die FAZ nicht weiter, sondern fokussiert sich schon völlig auf die Fahndung und den Haftbefehl Russlands gegen Martens als Einschüchterungsversuch – den die FAZ zurecht zurückweist. Am 26. August heißt es in der FAZ: „Die F.A.Z. erklärte daraufhin, die Frage sei missverständlich formuliert gewesen. ‚Wir haben dies klargestellt und die Formulierung bedauert‘, hieß es in der Erklärung. Es sei nicht die redaktionelle Linie der Zeitung, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten. Nach russischem Recht drohen Martens bis zu sechs Jahre Haft.“
Aber – und das ist die dritte fragwürdige Ebene, die in diesem Zusammenhang zu Tage tritt: Die wichtigen deutschen Printmedien berichten erst aufgrund der russischen juristischen Ermittlungen und des russischen Haftbefehls über den Vorfall, die öffentlichen rechtlichen Medien gehen über eine kurze Erwähnung in den Nachrichten nicht hinaus. Und die Journalistenverbände selbst nehmen nur auf die russische Strafverfolgung Bezug, die sie verurteilen, zu Martens Verhalten kein kritisches Wort.6
Für mich ist der Abwehrkrieg der Ukraine und seine Unterstützung durch die Europäer (und im abnehmenden Maße noch durch die USA) eben so legitim wie notwendig. Die Fragestellung von Martens, die auf die Vernichtung der russischen Armee zielt und letztlich die Russlands impliziert, ist als journalistisches Verhalten und als politische Strategie gleichermaßen verurteilenswert. Ich wehre mich immer gegen das Gerede vom uniformen „Mainstream-Journalismus“. Aber tritt er hier nicht doch zu Tage?
1 https://www.youtube.com/watch?v=LtevwfGTM-M
2 https://vreme.com/de/vesti/mihael-martens-zelenski-ubijati-ruse-novinar-konferencija/
3 „Killing the Russians“ with the subtitle „What Europe must do.“ (ebda)
4 „In Germany, at the beginning of the war, we heard from Olaf Scholz the lukewarm words that Ukraine must not lose and Russia must not win. I think politicians should talk like Churchill,“ says Martens.
5 In Deutland haben die Nachdenkseiten kritisch berichtet www.nachdenkseiten.de besonders 11. 08., 19.08.
Die Schweizer Online-Zeitung Infosperber schreibt am 31. 08.: „Die Debatte um den FAZ-Korrespondenten Michael Martens offenbart eine erschreckende Abstumpfung.“
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