Da passiert die ‚Mother of all Catastrophies‘ und diese Leute sitzen im Sonnenschein

Der Magnum-Fotograf Thomas Hoepker hat vom 11. September 2001 eine Aufnahme gemacht, die berühmt wurde. „Hoepkers Aufnahme wurde zu einem „taboo photo“ und in den USA monatelang kontrovers diskutiert“ schreibt das Monopol-Magazin. „Dies ist ein Foto aus New York, vom dem Tag 2001, als der Terror über New York kam“1, sagt Hoepker selbst. Nachdem der Fotograf von dem Ereignis erfuhr, hatte er Probleme, vom nördlichen ins südliche Manhattan zu gelangen. Die U-Bahn fuhr nicht mehr. Er musste mit dem Pkw fahrenn, aber die Straßen waren verstopft. Er nahm schließlich die Straße am East River entlang und erlebte die Katastrophe sozusagen aus dem Auto. Bei dieser Gelegenheit entstand auch dieses Foto. Hoepker beschrieb den Zufall. „Es war sozusagen ein Schnappschuss: Ich bin aus dem Auto ausgestiegen, habe die Szene gesehen, bin hingegangen, habe dreimal auf den Auslöser gedruckt und bin weitergefahren.“ Auf dem Bild ist zu sehen, dass junge Leute einem nachträglich hinzugekommenen Radfahrer erläutern, was sich auf der anderen Flussseite gerade vollzieht.

Thomas Hoepker (Foto: Monica Boirar auf wikimedia)

Der Fotograf machte die Aufnahmen „mit der Canon EOS und Fujichrome Dia-Film, vermutlich Zoom, Brennweite so gegen 80 cm, keine Ahnung von Belichtungszeit und Blende, das registriert man bei diesen halbautomatischen Kameras sowieso nie. Also es war noch vor der digitalen Zeit.“ Er bearbeitete das Foto nur technisch: „Ich mache alles, was ich früher auch in der Dunkelkammer gemacht habe, um einen guten Print zu bekommen, das geschieht in der scan-software oder in Photoshop. Was ich nicht mache, sind Fälschungen, also Personen austauschen, Kleidung ‘umfärben’, Elemente entfernen oder hinzufügen.“

Das Foto ist vieldeutig. „Das hat auch mit der wunderschönen Septemberwoche zu tun. Die Sonne schien. Es war blauer Himmel. Die Blumen blühten. Alles war idyllisch. Gerade das, finde ich, ist das Thema des Bildes: wie das Grauen in so eine Idylle einbrechen kann und für einen Moment mit Schönheit und Friedlichkeit koexistiert.“ Und es bezieht seine Wirkung nicht aus der Nähe, sondern aus der Distanz.

Legenden

Um die Terroranschläge vom 9/11 ranken sich viele Verschwörungslegenden: Vom Raketenbeschuss bis zum Werk von Geheimdiensten. Davon berichtet der Historiker Garrett Graff in seinem Buch mit Zeitzeugenberichten über den 11. September 2001.2 Auf seinen Lesereisen in den USA führte immer jemand aus dem Publikum die Legende des „inside jobs“ an. Das World Trade Center sei nicht angegriffen, sondern kontrolliert von innen gesprengt worden. Und obwohl es dafür keine Indizien gibt, hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass die damalige Regierung in die Anschläge verwickelt war.
Der Historiker führt dies auf die Mentalität seiner Landsleute zurück:

„Die USA sind wie kaum ein anderes Land traditionell anfällig für religiöse Eiferer. Bis zu den Gründungsvätern der Vereinigten Staaten sind diese fanatischen Züge zurückzuverfolgen, die häufig zu Verschwörungstheorien geführt haben.“

Das Adjektiv „fanatisch“ taucht seit dem 17. Jahrhundert auf. So haben Katholiken Protestanten kritisiert, später orthodoxe Protestanten das Schwärmertum und schließlich die Aufklärer jede Form von Offenbarungsglauben. Als fanatisch gelten in der westlichen Zivilisation Überzeugungen, die sich Argumenten und Fakten entziehen. Fanatische Bürgerinnen und Bürger ziehen „ihre Nummer durch“ und sind für das Für und Wider eigener und fremder Überlegungen nicht ansprechbar.

Spuren

Umso wichtiger ist es, das Zustandekommen des „Blicks von Williamsburg, Brooklyn“ zu beschreiben und seinen „Spuren“ (Carlo Ginzburg) nachzugehen. Mit diesen Indizien lässt sich die Wirklichkeit auch dann aufspüren, wenn sie für eine direkte Wahrnehmung zu komplex ist. Thomas Hoepker sagte Jahre später: „So etwas wie exakte Objektivität gibt es in der Fotografie nicht, weder im analogen, noch im voll digitalen Bereich. .Jedes Ergebnis ist eine Interpretation. Im Falle dieses Fotos ist die zufällig entstandene Situation. Aber eine exakte Objektivität gibt es in der Fotografie nicht. Ein weites Feld und eigentlich wird es erst jetzt in digitalen Zeiten thematisiert und als Problem gesehen.“

Für die Eiferer und Fanatiker ist die Nachverfolgung von Spuren bedeutungslos. Aber sie ist wichtig für all jene, die mit ihrer „Ersatzlebenserfahrung“3 zurechtkommen wollen und müssen. Sie sind auf sorgfältige Sprache und seriös produzierte Schrift und Bilder angewiesen. Wir können nahezu nichts aus eigener Erfahrung prüfen, sondern müssen uns auf die Sorgfaltspflicht professionalisierter Journalist:inen verlassen; und auf die Seriosität und Vertrauensbasis der Bilder. Diese Journalisten korrigieren und zeigen Falschmeldungen an. Seriöse Sender bieten darüber hinaus Instrumente wie „Faktenfinder“ etc. an.

Mit anderen Worten, sie kommunizieren mit den Bürgerinnen und Bürgern. Seriöse Sender informieren darüber, wenn das gezeigte Bildmaterial über das aktuelle Kriegsgeschehen nicht aus unabhängigen Quellen stammt und sie für seinen Wahrheitsgehalt nicht einstehen können. So auch die niederländische Stiftung World Press Photo: sie legt bei der „Wahl des Pressephotos des Jahres“ sehr strenge Maßstäbe an.4 Und ein Magazin wie „Mit offenen Augen“ des Senders ARTE widmet sich ausführlich der Bild- und Ideologiekritik. Es ordnet Bilder ein, erklärt Hintergründe und untersucht aktuelle Bildstrategien: z.B. wie der aktuelle Präsident der USA Donald Trump mit der neuen MAGA-Ästhetik ein neues Bild von Amerika zu zeichnen sucht.

MAGA-Ästhetik

Das ARTE-Magazin hat beispielsweise ein Photo vom 20. Januar 2025 analysiert, das den Trump-Clan am Tag der Amtseinführung zeigt. Vor allem die Männer tragen einen einheitlichen Look, der wie eine Uniform aussieht: einen Anzug und dazu eine rote oder blaue Krawatte, also die Farben der amerikanischen Flagge. Die Männer wirken wie Figuren aus den Superman-Comics in den 50er Jahren. Sie haben ein kantiges Gesicht und strotzen vor Kraft. Besonders sticht der Verteidigungsminister Pete Hegseth hervor, der die Figur des Kriegers verkörpert.

Auch die Frauen haben einen Dresscode und es scheint Regeln für die Frisur und die Haltung zu geben. Sie sind blond und vor allem sind modern wirkende weibliche Attribute herausgestellt. Dazu gehört teilweise auch eine künstliche Botox-Optik. So werden die traditionellen weiblichen Rollenbilder auf die Spitze getrieben.

Screenshot: Arte Mit offenen Augen: „Wie Trump ein neues  Bild von Amerika zeichnet

Man kann von einer MAGA-Ästhetik reden, mit der die Trump-Regierung Kulturkampf betreibt. Sie zeigt ein weißes christliches Amerika, in dem Geschlechterklischees revitalisiert und Diversität bekämpft werden. Kritiker vergleichen Donald Trump mit einem „Operettendiktator“, der eine Seifenoper mit immer neuen Folgen produziert, um Botschaften zu senden. Einerseits ist die MAGA-Bewegung modern, sofern sie die sozialen Medien und alle modernen Kommunikationstechnologien nutzt. Man weiß, was bei Jugendlichen und bei anderen Menschen ankommt. Andererseits wirbt sie für ein imaginäres Amerika, das es nur im Kino-Genre des „Western“ gegeben hat. Tatsächlich waren die meisten Menschen, die den Westen besiedelt haben, Einwanderer, sprich Schwarze oder Mexikaner.

Es reicht allerdings nicht aus, die Widersprüchlichkeit der MAGA-Ästhetik herauszustellen und zu kritisieren. Schließlich arbeitet die MAGA-Bewegung an einem amerikanischen Mythos und sucht Widersprüchliches zu einer Einheit zusammenzufügen: die Herrschaft der Weißen in einer multikulturell zusammengesetzten Gesellschaft. Es ist ihre Zielsetzung, Widersprüche in einer Erzählung aufzuheben.5

Niederlage

Zugleich sucht die gegenwärtige Regierung der USA die Geschichte fortzuführen. Ihr Anspruch in unserer Gegenwart, Staaten wie Panama und Grönland zu kaufen oder unter die Kontrolle zu bekommen, knüpft an nordamerikanische Praktiken des 19. Jahrhundert an: der Kauf des Lousiana-Territoriums von Frankreich 1803, der Kauf Floridas von Spanien 1819 und der Kauf Alaskas von Russland 1867. Darüber hinaus die Annexion des selbständigen Texas 1845 und der Krieg gegen Mexiko 1846-48, das sein halbes Staatsgebiet abtreten musste, auf dem sechs US-Staaten entstanden.

Der Historiker Peter Bender hat die Amerikaner als die Römer unserer Zeit charakterisiert und die USA als „neues Rom“.6 Er beschrieb die Parallelen zwischen beiden hegemonialen Mächten. Aus dem Bestreben der USA, mit den Kriegen gegen Vietnam, den Irak und Afghanistan Einfluss auf Staaten in Übersee zu gewinnen, resultierte allerdings eine Reihe militärischer Niederlagen; und gegenwärtig könnte ihr mit dem Krieg gegen den Iran eine weitere hinzugefügt werden.

Als am 11. September vor 25 Jahren die Flugzeuge von Selbstmordattentätern des Terrornetzwerkes al-Quaida in das Word Trade Center einschlugen, geschah etwas bis dahin Einzigartiges. Die USA hatte erstmals auf eigenem Territorium einen schweren Schlag hinnehmen müssen, und die amerikanische Bevölkerung hatte den Krieg selbst miterleben müssen. Dieser Tag, der ein tiefer Einschnitt in der Geschichte des „neuen Rom“ war, verunsicherte die Weltmacht tief. Die Ereignisse von 9/11 waren für sie unvorstellbar. Daran konnten Legenden gebildet werden, und die Leugnung der Niederlage ist der Stoff, aus dem sie Politik macht.

Einmischung

Es kam also nicht unerwartet, dass Thomas Hoepkers Foto in den USA zu einem „taboo photo“ wurde, das monatelang Gegenstand von öffentlichen Kontroversen war. Viele Leute fragten sich bei diesem Foto: „Was ist da eigentlich los? Da passiert die ‚Mother of all Catastrophies‘ im Hintergrund und diese Leute sitzen davor im Sonnenschein, als wäre es ein Picknick.“ Man warf dem Fotografen sogar vor, dass er sich in amerikanische Angelegenheiten einmischte: „Wie kommt ein deutscher Fotograf dazu, amerikanische Jugendliche in seinem Bild als unbekümmerte Menschen hinzustellen, die sich angesichts des horrifizierenden Einsturzes der Türme des World Trade Center anscheinend dem Sonnenbaden hingeben?“ Offenkundig hatte dieses zufällige Foto von Manhattan am 11. September 2001 einen wunden Punkt getroffen.

Dieses Foto gelangte erst Jahre später in die Öffentlichkeit. Am Katastropen-Tag beförderten die Massenmedien andere Bilder um die Welt, und zwar binnen kürzester Zeit. Die visuell geprägte Kultur der Gegenwart zeigt die heutigen Kriege fast in Echtzeit; und zwar nicht Sendemedien wie das Fernsehen, sondern auch die sogenannten „sozialen Medien“ über Handys und Digitalkameras.

Die Weltbevölkerung muss nicht mehr auf die Berichte warten, wie sie einst Historiker und Dichter verfassten. Sie formten die Wahrnehmung der Geschichte bis in die Gegenwart. Heute findet symbolische Formung anders statt: mit weltweit übertragenen audiovisuellen Bildern und Texten, unmittelbar nach der Jetztzeit, zu einem bestimmten Moment und von einem geographischen Standpunkt. Am 11. September 2001 dokumentierten sie die Verletzlichkeit einer Weltmacht auf ihrem eigenen Territorium.

1 Thomas Hoepker (2024) Wie Thomas Hoepkers berühmtes 9/11-Bild entstanden ist – und was es bedeutet. Text Michael Diers. In: monopol – Magazin für Kunst und Leben vom 15.07.2024 (E: 2026-08-26) https://www.monopol-magazin.de/thomas-hoepker-11-september
2 Graff, Garrett (2019) The Only Plane in the Sky: An Oral History of 9/11Avid Reader Press. Deutsche Ausgabe erschien 2021 unter dem Titel Und auf einmal diese Stille im Suhrkamp Verlag Berlin
3 Marquard, Odo (1986) Apologie des Zufälligen. Stuttgart: Reclam Verlag
4 Vgl. „Direktor des „World Press Photo“-Wettbewerbs ist „geschockt“ über massenhafte Bildmanipulation“, Der Spiegel
5 Soeffner, Hans-Georg (2010) Symbolische Formung. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, S.10
6 Bender, Peter (2003) Weltmacht USA Das Neue Rom. Stuttgart: Klett-Cotta
 


Entdecke mehr von bruchstücke

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Klaus West
Dr. Klaus-W. West (kww) arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Berater, u.a. der Stiftung Arbeit und Umwelt in Berlin. Zuvor kontrollierte Wechsel zwischen Wissenschaft (Universitäten Dortmund, Freiburg, Harvard) und Gewerkschaft (DGB-Bundesvorstand, IG BCE).

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert