
Auf Einladug von „disput – Forum für kritische Gesellschaftstheorie und Bildung e.V.“ hielt Ilse Bindseil in Dresden einen Vortrag über „Das Traumziel Materialismus“. disput versteht sich als ein Verein, „der sich der Auseinandersetzung mit der kritischen Theorie der Gesellschaft verschrieben hat. Uns eint das Anliegen, die Gesellschaft, in der wir leben – und damit auch uns als Einzelne – im kritischen Denken zu entschlüsseln“. „Aufhören! (Kein)Kongress“ war der Titel des Treffens. „’KeinKongress‘, den Namen habe ich als Aufforderung verstanden: mit den Gewohnheiten der geistigen Erarbeitung − Vergewisserung der eigenen Position, Abgrenzung von anderen Positionen − zu brechen oder vielmehr, diese Gewohnheit für einen Moment zu unterbrechen und mir die Methoden des eigenen Nachdenkens zu vergegenwärtigen“, erläutert Ilse Bindseil und fügt hinzu: „Um herauszukriegen, was Materialismus ist, müssen nicht nur, wie es im Kinderbuch heißt, alle helfen. Was Materialismus ist, kann auch nur in allem gesucht werden.“ bruchstücke hilft mit und dokumentiert den Vortrag.
Einleitung
Als ich die Einladung zum Brainstorming bekam, da war ich mit meiner nächtlichen Hörbuch-Hörerei in Murakamis Buch „Von Beruf Schriftsteller“ (gelesen von Walter Kreye) gerade bei seiner Schilderung typischer Situationen bei seinen Lesungen angelangt. Da ich gehört, nicht gelesen habe, kann ich die Korrektur meiner langjährigen Aussprache des berühmten Namens gleich weitergeben: Háruki Murákami. In dem Aufruhr, in den ich in der Folge geriet, war die Korrektur wie ein Signal. Wenn ich nachts höre, passiert ohnehin allerlei, sei’s auf der Grenze zum Schlaf, die das Gehörte verwischt, sei’s auf der zum erweckenden Ruf. Nicht zufällig spielt das prophetische „Höre“ in religiösen Bewegungen eine große Rolle, und auch das Psychiatrische ist nicht weit.

„Dazu kann ich nichts sagen“, zitierte nun Murakami gleich mehrfach seine stoische Antwort auf die Fragen aus dem Publikum nach allem anderen als nach seinen Büchern, und durch die dramaturgisch geschickte Wiederholung der so bescheidenen Antwort war der Ausgangspunkt für meine heutigen Überlegungen, aber auch die begleitende Überforderung oder „Überwältigung“ durch das nicht genau konturierte Thema, der beständig anwesende Zweifel hinsichtlich des Gegenstands und seiner Repräsentanten gesetzt. Ich hatte mir den schülerhaften Fehler geleistet, mein Thema, bevor ich es anging, nicht einzugrenzen, und musste ihn ausbaden – und habe das bis zur letzten Zeile getan. Da ich die Fragestellung von „KeinKongress“ so verstanden und auch sehr wörtlich genommen hatte, dass die Routine in den Analysen und Abgrenzungen einmal ausgesetzt werden sollte, war ich das Risiko eingegangen, mich hoffnungslos zu verheddern.
Dazu kann ich nichts sagen: Eigentlich nicht schlimm für mich, habe ich dank meiner introvertierten Art nachzudenken den Bereich dessen, wozu ich etwas sagen können muss, doch systematisch verkleinert, durch die Konzentration auf die Erkenntnisbedingungen mich anders zentriert und werde wenig gestört, weil ich wenig störe. Dennoch traf mich Murakamis Antwort auf die Fragen seiner Fans wie ein Vorwurf und mir fielen die paar Male wieder ein, wo meine Gleichgültigkeit nicht von fehlender Zuständigkeit, sondern, ich hatte das gespürt, von Abwehr dirigiert war und die Wahrheit ans Licht wollte: Dazu könnte ich, selbst wenn ich müsste, nichts sagen! Wenn jetzt die Abwehr nicht mehr hielt, dann weil ich mein just-for-fun-Grübeln leid geworden war oder weil sich im Verhältnis von Denken und Realität tatsächlich etwas verschoben hatte? War letztere samt den ihr eigenen Attraktionen, Aktualität und Dringlichkeit, so mächtig geworden, dass ich sie mit meiner Art nachzudenken nicht nur nicht behelligte, sondern vor ihr auch versagte?
Dieser Gedanke überfiel mich mit der gebotenen Dramatik nächtlicher Ereignisse, wobei das anekdotisch Berichtete sich mir prompt verdrehte. Murakami meinte lediglich, dass er zu den aufs Persönliche zielenden Fragen aus dem Publikum nichts, zu seinem Werk, aus dem er vorgelesen hatte, aber einiges hätte sagen können, nur wollte das niemand wissen. Ich, dagegen, mich wohl unbewusst mit dem berühmten Schriftsteller identifizierend, fasste die Sache andersherum auf. In dem zum Albtraum sich wandelnden Traum, berühmt zu sein wie Murakami, kam mir das Unhaltbare der Situation zu Bewusstsein, in die ich geraten würde, sollte man mir Fragen stellen, zu denen ich nichts sagen konnte, und verstand gleichzeitig nicht, wieso ich das so noch nie gesehen hatte. Dabei war es doch von fataler Deutlichkeit.
1Vor Jahren unterhielt ich mich mit einer Geschäftsfrau, bei der ich wegen meiner Enkelkinder einen Küchentisch mit besonders stabilen Stühlen gekauft hatte, und als sie sie brachte, kam es zu der kleinen Unterhaltung. Nicht nur die typische Peinlichkeit eines Small Talks zwischen Geschäftsleuten und Akademikern, sondern das Gefühl des Versagens machte mir später noch in der Erinnerung zu schaffen. Ich empfand ein Schuldgefühl, weil ich nicht unbefangen zugehört hatte, auch eine Form von Angst, weil es sein konnte, dass mir etwas entgangen war, mein Denkvermögen – so kam es mir vor – mich nicht nur nicht davor bewahrt hatte, etwas Wichtiges zu verpassen, sondern sich auch noch auf die Seite der Abwehr, der Ignoranz und Verleugnung geschlagen hatte. Jene Geschäftsfrau, nämlich, die mit ihrem handwerklichen Betrieb in unserem Viertel eine Alternative zur Ikea-Welt verkörperte, finanziell dabei von der Hand in den Mund lebte, hatte mir, Stichwort „Banken“, in der denkbar kürzesten Version einen Vortrag über den qualitativen Sprung vom wirtschaftenden zum sich selbst bewirtschaftenden Kapital gehalten, den sie, wenn ich mich recht erinnere, in die 90er Jahre datierte. Besonders irritierte mich daran die zeitliche Verortung und der sichere Standpunkt, die sich, so kam es mir vor, gegenseitig bestärkten und bestätigten, und ich murmelte daher etwas wie „noch genauer nachdenken müssen“ und wir verabschiedeten uns ein wenig kühl.
Vom wirtschaftenden zum sich selbst bewirtschaftenden Kapital
Jahre später traf ich die Geschäftsinhaberin noch einmal, ausgerechnet bei unserer gemeinsamen Bankfiliale, bei der an dem Tag sämtliche Geldautomaten ausgefallen waren, und die unangenehme Überraschung löste die Zungen. Inzwischen war die „Verwandlung“ der „Banken“ von einem Dienstleistungsunternehmen wie die Post, dessen Angestellte man seinerzeit „Beamte“ nannte, in eine Funktion von intrinsischer Zweckhaftigkeit, eine Art Casino, eine Geldmaschine von eigenen Gnaden und auf eigene Rechnung, sogar bei mir angekommen. Indem sie auf dem Höhepunkt ihrer Verwandlung prompt aus dem Straßenbild verschwanden, wo sie durch Automaten ersetzt wurden, setzten sie noch eins drauf und erinnerten mich in plötzlich frei gewordenem Zynismus an Saint-Exupéry. Hatte er nicht gesagt, „das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“? Warum sollte ich mich nicht dafür interessieren?
So fasste ich mir ein Herz, erinnerte die Frau an die stabilen Stühle für meine Küche und bat sie, mir, weil ich es damals nicht richtig kapiert hätte, die Sache mit den Banken noch einmal zu erklären. Da wir den Frust über die Geldautomaten loswerden wollten, nahmen wir nicht die U-Bahn, sondern gingen zusammen zu Fuß, sie zu ihrer Werkstatt, ich nach Hause, und ich hörte ihr zu.
2 Auch bei Murakami, dem Schöngeist, geht es um die 90er Jahre, die bubble, die in „Untergrundkrieg“, seinem großen Interviewbuch über den Sarin-Anschlag von 1995, den gesellschaftlichen Hintergrund eher an- als ausleuchtet. Damals gab es, wie es in „UFO in Kushiro“, der ersten seiner Erzählungen „Nach dem Beben“, die beinahe zeitgleich mit „Untergrundkrieg“ das Erdbeben von Kobe verdauen, kurz und bündig heißt, „in Japan […] Geld in Hülle und Fülle. Die Geldbörsen der Leute quollen nur so über vor Zehntausend-Yen-Scheinen, und alle waren ganz scharf darauf, sie auszugeben.“ („Nach dem Beben, Köln 2003, S. 10). “Besonders in der Zeit der Wirtschaftsblase, in der auf einmal doppelt so viel Geld dagewesen war, hatten die Herren Kundenberater nicht gezögert, jede beliebige Summe zu verleihen, solange nur irgendeine Sicherheit – sei es ein Grundstück oder seien es Wertpapiere – vorhanden war.“, heißt es in der letzten, „Frosch rettet Tokyo“. Aber „nachdem die Blase geplatzt war […] fielen die Aktienkurse, dann die Grundstückspreise. Alle sogenannten Sicherheiten verloren ihren Wert.“ (Ebd.) Der „Befehl von oben lautete nun, möglichst Bargeld aus den Schuldnern herauszupressen, und sei es noch so wenig.“ (ebd.,125)
Er kommt von der Fantasie und landet bei der Wiedergabe
Als ich „Untergrundkrieg“ und die Kobe-Erzählungen während der Vorbereitung auf den heutigen Vortrag las, schien es mir, dass der Autor unter den traumatischen Erfahrungen von Anschlag und Erdbeben dem Realen den Vortritt gelassen hatte, den er in „Untergrundkrieg“ dann auch in der Form so spektakulär vollzieht. Verglichen mit Murakamis erzählenden Werk, das gewöhnlich in jenem Zwischenraum zwischen dem Alltäglichen und dem Fabelhaften verortet wird, den man surrealistisch nennt und in der „fernöstlichen“ Version ein wenig trivial finden kann, vertritt „Untergrundkrieg“ ganz prononciert die Ereignisse, so wie sie passiert sind, vor allem die Wahrnehmung von Leuten, an denen nichts Fabelhaftes ist, außer dass ihnen etwas zugestoßen ist, was außerhalb aller Norm liegt. Als Profi in Sachen Literatur hätte Murakami eigentlich davon ausgehen können, dass er in seiner Arbeit auf Katastrophen nicht angewiesen war. Als er dennoch beschloss, die Opfer des Anschlags zu Wort kommen zu lassen und ihnen auf diese Weise seinen Respekt zu erweisen, da wusste er noch nicht, dass die einzelnen Interviews sich zu einem literarischen Werk eigener Art, dem Gesamtporträt der japanischen Gesellschaft, zusammenfügen würden. Dank der „unfassbaren“ Bescheidenheit der Berichtenden, der von Monotonie nicht zu unterscheidenden Gleichförmigkeit ihrer Berichte war es am Ende unmöglich, zwischen dem funktionierenden und dem vom Schock getroffenen Japan noch einen Unterschied zu gewahren. Vielmehr entstand das Bild eines Landes, das sich auf beklemmende Weise nicht von sich unterschied, umso mehr dafür von der von Zwanglosigkeit geprägten, dabei ein wenig irrlichternden und auch ein ganz klein bisschen langweiligen Literatur, für die Murakami nicht nur berühmt geworden ist, mit der er auch den „Beruf Schriftsteller“ unermüdlich ausgestaltet, ihm einen ganz eigenen Inhalt gegeben hat.

In einem „Übersprung“, der durch die Dramatik der Ereignisse verständlich wird, widmet Murakami den Aussagen der Opfer des Giftgas-Anschlags von Tokio sowie den für ihn ungewohnten Ansprüchen der Dokumentation die gleiche ungeteilte Aufmerksamkeit, die er auf das Erfinden seiner fantastischen Erzählungen verwendet. Mir ist das wichtig festzuhalten, er kommt von der Fantasie und landet bei der Wiedergabe. Er widmet ihr einen wahrhaft nicht geringen Teil seiner Lebenszeit und Kraft und ich wiederum finde darin so etwas wie eine Ehrenrettung für mich, einen eventuellen Grund und eine Entschuldigung für mein Zögern bei Gegenständen, die, ganz anders geartet als die, mit ich denen ich mich sonst beschäftige, in meiner Vorstellung noch einmal den gleichen Aufwand und mehr erfordern würden. „Geh mir aus der Sonne“, hätte ich am liebsten gesagt, als mir die Geschäftsfrau mit dem Kapitalismus kam, „störe meine Kreise nicht“, muss man doch kein Diogenes, kein Archimedes sein, um sich für die Kontinuität des Gedankens, das einzige, was ihn ausmacht, verantwortlich zu fühlen. Die zweite der acht „Brokatübungen“ des Qi Gong fällt mir gelegentlich ein, „Den Bogen spannen und auf den Adler zielen“. Der am Buddhistischen wenig interessierte Übungsleiter hatte erklärt, da die Bewegung der Augen ruckhaft sei, müsse man ihnen einen sich sanft bewegenden Gegenstand vor − Augen führen, von dem sie sich ziehen lassen könnten, sodann würde ihr Sehen kontinuierlich sein.
3 Am „Traumziel Materialismus“ verzweifelnd, nahm ich mir vor, für den absehbaren Fall meines philosophischen Scheiterns dem Literaten die erste Erläuterung, gar Lösung meiner Probleme zu überlassen, hat er mir doch Entscheidendes voraus. Worauf ich mich hinbewegen will, das ist sein Ausgangspunkt. Kann ich es nicht erreichen, kann er es nicht verfehlen. Man mag darin etwas „typisch Fernöstliches“, auch die Erklärung für das leicht Triviale sehen, das die Literaturkritikerin Sigrid Löffler auf den Begriff des literarischen Fastfood brachte. Ich, um mit dem schweren Geschütz zu kontern, fühle mich an den „Genesenden“ Benjamins in seiner Charakteristik von Robert Walsers „Gehülfe“ erinnert. Es kommt nämlich nicht so sehr darauf an, was Materialismus ist, sondern wo er verortet wird, am Ende oder am Anfang, am Ausgangspunkt oder am Ziel des Gedankens. Nur wenn ich Materialismus nicht anstrebe, sondern von ihm ausgehe, kann ich ihn mit dem Inhalt füllen, um dessentwillen ich ihn anstrebe.
„Also gut, was soll ich tun?“
Auf der simplen Ebene, auf der ich mir die Dinge klarzumachen pflege: Kann ein Begriff, von einem Anfang an ein Ende transportiert, aus einer Voraussetzung in eine Schlussfolgerung gewandelt, überhaupt noch enthalten, was er enthielt? Oder sollte er lieber zurücktransportiert und, Traumziel, der er ist, entweder aus der Ferne angeschmachtet oder aber in einen eigenen Zusammenhang mit eigenen Koordinaten transponiert werden, so wie Murakami es in seiner Selbstdefinition als „von Beruf Schriftsteller“ es vormacht? Tatsächlich bin ich überzeugt, Materialismus, wenn man dem Begriff in irgendeiner Weise gerecht werden will, wird nicht gemacht, sondern er ist und er kann auch nur in der unspektakulärsten Weise aufgefasst, in der radikalsten Egalität oder Trivialität gelebt und erlebt werden, mehr und anderes gibt er nicht her. Ich zitiere wiederum nicht aus dem erhabenen Zusammenhang von „Untergrundkrieg“, sondern aus dem burlesken von „Frosch rettet Tokyo: „Warum sollte ausgerechnet jemand wie ich Tokyo retten?‘“, fragt der ungeachtet seines schändlichen Berufs höchst unspektakuläre Geldeintreiber. „Tokyo kann nur von jemandem wie Ihnen gerettet werden‘, sagt Frosch. „‚Und wenn ich versuche, Tokyo zu retten“, wiederholt Frosch, „dann für Menschen wie Sie.“ „Also gut“, sagt der unauffällige Geldeintreiber, „was soll ich tun?“ (134)
4 Ich erinnere mich noch weiter, hinter 1995, zurück.1968, zeitgleich mit der Studentenrevolte, fand die erste Sitzung des „Club of Rome“ statt. „Die Grenzen des Wachstums“ lautete der Titel des 1972 veröffentlichten Berichts, der die „Lage der Weltwirtschaft“ schilderte, nicht klassenkämpferisch, aber auf andere Weise deutlich. Ich las ihn nicht, aber da er formulierte, was heute Allgemeinwissen ist, weiß ich trotzdem, dass es um das wachsende Missverhältnis im Umgang mit den Ressourcen ging, das auf ein beschleunigtes Ende der letzteren, um nicht gleich zu sagen, der an sie geketteten Menschen hindeutete.

Das Antiautoritäre, die auszeichnende Kompetenz der aufkommenden linken Bewegung, war in diesen Überlegungen seinerzeit schlecht unterzubringen, der gesunde Menschenverstand war nicht antiautoritär, ebenso wenig die Wissenschaft auf der unanfechtbaren Ebene der Tatsachen und in der schülergerechten Form der „eingekleideten Aufgabe“: Wenn du so und so viel hast und täglich so und so viel verbrauchst, wie lange reichst du dann? Wenn in der Präzisierung durch Sandrine Aumercier in ihrer in der deutschen Übersetzung 2023 in Zürich erschienenen Abhandlung über „Die Energieschranke des Kapitals. Technikkritik als Kapitalismuskritik“ die Aufgabe lautet, wenn der Fortschritt stets mehr verbraucht, als durch Fortschritt jemals gespart werden kann, dann stellt sich für mich das gedankliche Bild eines asymptotischen Endes ein und ich kriege noch einmal eine Chance. Zwar wird der urwüchsige Zusammenhang zwischen Finalität und Fortschritt dekonstruiert, dem Interesse aber ein neues Stichwort gegeben: Technik. Da der Gegenstand, wie man in schlechtem Deutsch sagt, neben den Kapitalismus zu stehen kommt, kann man sich mit ihm beschäftigen, als Stoff, und von der durch den Kapitalismus und im Maß seines Begreifens erlittenen Unfreiheit erholen. Prompt wurde der Autorin in einer Würdigung ihrer Arbeit, eine „oft unnötige Weitschweifigkeit“, in den „naturwissenschaftlichen Erörterungen“ vorgehalten, die „vor allem der Thermodynamik, zu viel Raum gibt“ (Anselm Jappe, Von Mixern und Sozialdarwinisten. Ein Kommentar zu Andreas Urbans Bemerkungen anlässlich der EXIT-kritik an Sandrine Aumercier, wertkritik.org). „Weitschweifig“ lässt sich sowohl als „unnötig“ als auch als „entfremdend“ übersetzen, irgendwo dazwischen als „ablenkend“. Wovon soll aber Technikkritik handeln, frage ich mich, wenn nicht von der Technik? Wovon könnte sie ablenken? Wie soll Kritik resultieren, wenn nicht aus der in der Tat riskanten Versenkung in den Stoff, der im Märchen wohlweislich als Hirsebrei bezeichnet wird, der im Mund quillt und an dem man womöglich erstickt? Ich muss an Robert Kurz denken, den ich wegen der von ihm insinuierten Nähe von Erkennen und Urteilen ablehnte. Aber nachträglich wäre ich ihm gern beigesprungen, wenn sein Werk sei’s als Ausweis von Allwissenheit glorifiziert, sei’s im Kalauer als „Handelsblatt“-Duplikat niedergemacht und das Wesen des Stoffs und die Fähigkeit, sich zu versenken, verkannt wurde.
Die Sache mit der Vernunft noch einmal neu überlegen
Natürlich könnte heute, sechzig Jahre später, selbst eine Ahnungslose wie ich in dem vom Club of Rome formulierten Befund Unbestimmtheiten entdecken, in denen sich die Illusion einnisten konnte, jene hochangesehene vor allem, die Sandrine Aumercier aufs Korn genommen hat und die da heißt: „…wächst das Rettende auch“. Der Abgrund zwischen der Prognose des Dichters und der des Club of Rome spiegelt den verfestigten Gegensatz zwischen dem technischen Verstand und der reflektierenden Vernunft, die letztere mit sich selbst, der erstere mit allem anderem beschäftigt. Aber nicht zuletzt die rasante Entwicklung der KI, die sich der Werkzeuge des Dichters bemächtigt hat, könnte ein Ansporn sein, sich die Sache mit der Vernunft noch einmal neu zu überlegen. Wäre ja möglich, dass die Barrieren, die sie gegen ihre eigenen Übergriffe errichtet hat, ans Ende ihrer Funktionsdauer gekommen sind, dass die splendid isolation, die sie bescheiden inszeniert, ihre Nichtigkeit nicht länger überdeckt und die Selbstkritik am anderen Ende fortgesetzt werden sollte, da, wo der Stoff anfängt und die Vernunft meint, dass sie aufhört.

Den Versuch, scheint es heute, wäre es wert. Damals aber, 1965, als die Politisierung gerade erst begonnen hatte, lag nichts ferner, trat im Appell des Club of Rome doch das „Bestehende“ als gesamtgesellschaftliches Überlebensinteresse auf den Plan und schien in dieser untadeligen Gestalt auch nur eine der unzähligen Weisen zu sein, in denen das Besondere zum Allgemeinen sich aufblähte. So war unvermeidlich, dass dem Appell mit Verweigerung begegnet wurde, weil der Befund „objektiv“ ablenkend war und bei der Frage, wie man sich zum Club of Rome und seinen Prognosen verhalten solle, es scheinbar nicht um die Wurst, sondern um die richtige Position ging. Die Spaltung zwischen Standpunkt und Stoff prägte eine ganze Studierendengeneration, die sich vom NS der Eltern gerade erst erholte. Das geschah zunächst noch in der schlichten Version von klugen Sozial- und dummen sonstigen Wissenschaften, später in der sich zunehmend perfektionierenden Einheit der Theorie mit sich selbst als ihrem eigenen Stoff. Während die politische Ökonomie sich als das Grundwissen der Gesellschaft etablierte, brachte der Rest der Welt im üblichen Kuddelmuddel aus Erleben und Erleiden, Verschulden und Verleugnen mit dem Klimawandel − ich zitiere aus einem ganz gewöhnlichen Krimi − die „Katastrophe der Katastrophen“ hervor. (Håkan Nesser, Ein Brief aus München. S. 188) Fridays for Future, der Seite des Stoffs nach Verweserin der Anliegen des Club of Rome, als Bewegung die Nachfolgerin schlechthin der antiautoritären Bewegung, sie brachte die beiden konkurrierenden Positionen von damals zusammen, aber sie fand keinen Adressaten, dem sie ihr Anliegen vortragen konnte.
5 Ein anderes Beispiel für „Stoff“: Corona. Was hat an Corona so geärgert, dass Erklärungen, die auf Verschwörung der üblichen Verdächtigen und ihre Schachzüge zielten, zu einem akzeptablen Angebot wurden? War die Krankheit langweilig und nur als Verschwörung genießbar? Dabei war sie im Gegenteil doch interessant. Was war mit den Fledermäusen, nicht nur im ungleichen Kampf um etwas, was bereits der NS als Raum qualifiziert hatte, sondern was war mit ihnen wirklich? War es unter dem ethnologischen Stichwort „Das Rohe und das Gekochte“ (Lévy-Strauss) bereits abgelegt worden, hätte man sich jetzt, wo es einem auf den Pelz rückte, noch einmal interessieren können, nicht um unbekannte Welten zu erkunden, sondern um gekappte Bezüge wiederherzustellen, die Einheit der Welt statt im Jenseits der Ethnologie im Diessseits der Verhältnisse zu realisieren.
Ein verstörtes und empörtes Publikum
Nicht zufällig traten die bürgerlichen Forscher von ehemals, die „Mikrobenjäger“ (Paul de Kruif) des vorvergangenen Jahrhunderts, noch einmal auf den Plan, schienen als einzige verlässlich und mussten deshalb dekonstruiert werden. Dabei erwuchs ihnen aus ihrer Leidenschaft für den Stoff doch kein untadeliges politisches Urteil, für das verstörte oder empörte Publikum aber eine Vorstellung von Urteilskraft, wie es denn wäre, wenn es davon etwas hätte. Ich muss in letzter Zeit wieder öfter an den Titel einer klassischen 68er Dissertation, „Der Begriff des Interesses. Eine Studie zu den Gesellschaftstheorien von Hobbes, Smith und Marx“ (Ffm 1973), von Hartmut Neuendorff denken, die in der Unterzeile das Studienprogramm und die politische Richtung der neuen Bewegung, mit dem „Interesse“ in der kahlen „Oberüberschrift“ aber ebenfalls ein Programm formulierte: ein Interesse zu entwickeln und ihm als Triebkraft zu vertrauen. Ich, wie immer neben der Spur oder auf eigenen Wegen, machte mir nicht das fremde Wissen, aber das Vertrauen zu eigen. Kein Werkzeug, sondern eine Triebkraft, trug es nicht nur mich durch die ganze Revolte.

6 Ich möchte noch einen Moment bei der Antwort auf eine von uns Standard-68ern damals nicht gestellte Frage verweilen. Zu unserer Entschuldigung sei angemerkt, dass die kritische Theorie von der Anerkennung, die sie sich erkämpft hatte, nicht „locker“ abgeben konnte. Wenn man sich die Wahrheit als einen Verteilungskampf der Interpretationen vorstellen will, dann fand er in jenem Mini-Segment gesellschaftlicher Selbstverständigung statt, von dem man gern glaubt, es wäre der produktive Ort, an dem Gesellschaft nicht bloß reflektiert, vielmehr gemacht wird, ein Irrtum, der nicht so schlimm wäre, würde dadurch nicht jener andere befördert, Reflexion wäre der Nabel der Welt und unser geistiges Ich eine Inkarnation jenes von Heinrich Böll ins Visier genommenen „höchsten Wesens, das wir alle verehren“. Solcher Größenwahn ist nur zu verstehen, wenn man nicht nur den Selbstzweifel in Rechnung stellt, der jede theoretische Anstrengung begleitet, sondern auch die latente Autonomie des Gegenstands, der sein eigenes theoretisches Gepäck mit sich herumschleppt, das ihn für ein bereits in Anspruch genommenes Interesse gleichsam unsichtbar macht.
Die Frage, damals die uninteressanteste von der Welt, lautete: Was ist mit den Tieren? Tiere waren nicht radikal. Als von den Zeitungen als „radikale Tierschützer“ apostrophierte Akteure Nerze befreiten, von deren Existenz in Deutschland ich so wenig Ahnung hatte wie die befreiten Tiere von einem Leben außerhalb des Käfigs, da war das eine seltsame, eine „erratische“ Tat, bei der ich an die Mäntel dachte, die ich nur von den Hochglanzfotos Hollywoods kannte, die aber im Gegensatz zu den Tieren einen festen Bestandteil meines kulturellen Bewusstseins bildeten. So wusste ich, als die Nachricht im Radio kam, im ersten Moment nicht, ob es die Tiere waren, die man befreit hatte, oder die Mäntel. Die Nachricht irrte in meinem Gehirn herum und wusste nicht, wo andocken. Aber seltsamerweise habe ich über die Jahrzehnte ein nie gesehenes Bild im Kopf aufbewahrt von dem Moment, wo das Gitter hochgezogen wird, ein paar Zentimeter nur, und die beweglichen Tierchen darunter hervorquellen und in alle Richtungen davonspritzen.

Hinderlich fürs Begreifen war sicherlich auch, dass den Urhebern der Befreiungsaktion das Adjektiv umstandslos zugestanden wurde, dass die „kleine, radikale Minderheit“ der 68er sich so mühsam erkämpfen musste. Tiere vor ihrer Vernutzung retten zu wollen, ergab für das damalige Verständnis nur dann einen Sinn, wenn man die Absicht psychoanalytisch als eine Verschiebung verstand, von der unbegreiflichen Ermordung der Juden auf die innerhalb der Wertschöpfungskette getöteten Tiere. Dass das von einer „gewissen wilden Logik und haarsträubenden Sachlichkeit“ gekennzeichnete Projekt – eine Charakteristik, die Sebastian Haffner dem jungen Lenin und seinen Bolschewiken zuteilwerden lässt (Sebastian Haffner, Der Teufelspakt. Die deutsch-russischen Beziehungen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, S. 10) − ein Anfang war, der sich im Verlauf seiner Entwicklung entzerren und entfalten, zuerst bloß das Bewusstsein sogenannter „junger Leute“ verstören, sodann das Warenangebot der Supermärkte erweitern würde, war vor dem Erfahrungshintergrund von damals schlechterdings nicht vorstellbar. Nicht einmal als verstörend, bloß als nichtig erschien das Vegetarische, das mit dem Verweis auf Hitlers Essgewohnheiten abgetan wurde. Tatsächlich sollte es sich als etwas anderes herausstellen als eine der unzähligen Marotten, mit denen die Gesellschaft sich zu entkommen sucht, und wenn doch eine Marotte, dann in jener Symbiose mit dem Allgemeinen, die es als etwas dem Allgemeinmenschlichen nachgebildetes Gemeingesellschaftliches ausweist, wie es die Klassentheorie nicht mehr erreichte, seitdem sie aus dem gesellschaftlichen Körper in den Kopf gewandert und seitdem von stupender Richtigkeit, aber, wie die Kinder sagen, „irgendwie komisch geworden“ war, seltsam herausgefallen, abgekoppelt weniger von dem, was ist, als davon, dass es tatsächlich geschieht.
frau war gewollt, divers kam heraus
An der von allen ideologischen Debatten losgelösten Verbreitung des bis dahin zu einem Nischendasein verurteilten Bekenntnisses, „kein Fleisch zu essen“, an seiner marktmäßigen Entfaltung und erneuten ideologischen Zuspitzung Richtung vegan, hätte man so etwas wie einen Umbau der Gesellschaft verfolgen oder vielmehr eine Ahnung davon bekommen können, wie Umbau verläuft: nicht in der Bewegung von der Theorie zur Anwendung, sondern in jener unerreichten unpersönlichen Form, an die das französische „ҫa“ so nachdrücklich erinnert. Sogar im Feminismus, der es als entschlossene Gegenposition zum männlichen Marxismus schwerhatte, sich von der öden Debatte um Haupt- und Nebenwiderspruch zu lösen, war dies Unpersönliche zu spüren. Aufgerufen oder angetreten, über die sprachlosen Verhältnisse endlich die richtige Auskunft zu geben, war der Feminismus wesentlich ein Teil dessen, was ist, statt bloß jenes anderen, das sein soll und womöglich nie wird, und dies nicht, weil es Frauen nun einmal gibt, sondern weil die Sphäre, in der vorzugsweise für sie gekämpft wird, nur als abgekoppelte, belehrende existiert.
Einen Hinweis auf das Fragwürdige, Unhaltbare daran hätte die erstaunliche Tatsache geben können, dass der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit, seinerzeit begonnen als Kampf der Frauen für die Frauen, die Referenzkategorie in dem Moment hinwegfegte, wo er Erfolg hatte, stellte doch Frau sich als Produkt einer nicht länger tragbaren Vereinfachung heraus, so wie, dies nur in Klammern, auch „Gender“ sich als eine nicht tragbare Vereinfachung herausstellen wird. Begonnen als Vollendung des Kampfes der Suffragetten um Gleichberechtigung, löste die verlässliche Kategorie der Weiblichkeit sich auf: frau war gewollt, divers kam heraus; letzteres in den modernen Stellenausschreibungen m/w/d zwar bloß ein Teil, in Wirklichkeit das Ganze, nicht ein Individuelles, sondern das Allgemeine, auch nicht ein Exklusives, sondern bloß die reflektierte Form von „identisch“, nämlich „verschieden“.
Ein Blick auf die parallel verlaufene sozialpsychologische Arbeit am Begriff der Normalität, dessen, was „gelebt“ werden darf und nicht therapiert werden muss, kann die Dynamik auf der Begriffsebene verdeutlichen. Vormals eine Methode der Abgrenzung, wird mit der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) der Normalität ein Ensemble von Abweichungen gegenübergestellt, dem gegenüber sie sich nicht halten kann. Konsequent löst sie sich auf: Unmöglich, die Wirklichkeit gegen die Vielfalt der Varianten zu verteidigen. Dabei steht nicht nur der herkömmliche Begriff des Normalen zur Disposition, vielmehr ebenso die im Begriff der Störung festgehaltene Möglichkeit, die Gesellschaft als von sich selbst abweichend zu beschreiben. Handelt es sich um einen Fortschritt in der gesellschaftlichen Betrachtung, wenn diese Möglichkeit verschwindet, oder vielmehr: Sind wir dem Fortschritt gewachsen? Wenn „trans“ sich immer noch mit dem mittlerweile historischen „Weggehen, um anzukommen“ (Alexandra von Grote, Film 1982) übersetzt oder das unvergleichliche „queer“ im Sinne von „eigentlich“ vereindeutigt wird, hat sich der Aufwand gelohnt? Die enorme Erleichterung, die es bedeutet, das Faktische wenn auch unter pathologisierender Überschrift zuzulassen, könnte Ansporn sein, auch die Klassentheorie in eine aufhebende Betrachtung einzuschließen, nicht nur mit ihr über tendenziell andere, sondern − schließlich ist sie selbst ein Gedanke − auch in einer reflexiven Form über sie nachzudenken. Die Art, in der die gesellschaftliche Debatte über sie hinweggegangen ist, könnte Ansporn sein, den Materialismus als Bezugspunkt in den Blick zu nehmen. Ich muss an ihn wie an einen „schlafenden Riesen“ denken, die Vorstellung macht mir Spaß.
Nachbemerkung
Es ist ganz schön viel und mit der Zeit immer mehr geworden, wozu „ich nichts sagen kann“, und von der Klimakrise war noch gar nicht die Rede. Dabei bringt sie den point of no return, den Kipppunkt, noch einmal ins Gespräch, der bis in jüngster Zeit die Domäne der Kapitalismuskritik, in ihr aber wie eingekapselt war, so dass der Eindruck entstehen konnte, es gehe bloß um das Schicksal des Kapitalismus, wogegen dem Klima, wenigstens solange bis es von den Messdaten in die Erlebnisse, um nicht zu sagen in die Schicksale gewandert ist, noch eine Allgemeinheit anhaftet, der sich niemand entziehen kann. Der Kipppunkt hat seine eigene endzeitliche Tradition und darin etwas überaus Kontinuierliches. Für die Reflexion drückt er nicht zuletzt die beharrliche Unfähigkeit der Theorie aus, sich eine Welt ohne sie anders denn als „gekippte“ denken zu können.
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