
Susanne Gaschke, Neue Züricher Zeitung, hebt in ihrer Rezension auf den von Autor und Verlag herausgestellten Plot ab: „Menschen sterben in Abschiebezentren, die Presse wird eingeschüchtert, und Rechtsextreme sind Spitzenbeamte: Justus Benders Horrorvision von Deutschland im Jahr 2033. Berlin, hundert Jahre nach der Machtübernahme der Nazis … .“ Das Buch klettert vermutlich wegen dieses auf zig Seiten ausgewalzten Szenarios 2033 mit einer AfD-Bundeskanzlerin Alice Weidel, einem Vize-Kanzler Jens Spahn (!) die Bestseller-Listen hoch.
Erkenntnisreicher (zugleich spannender) ist jedoch diese Spur, die der weithin anerkannte AfD-Kenner Justus Bender auslegt: Die AfD werde weithin als Partei behandelt. Sie sei eine, aber zugleich auch keine. Der Autor verortet sie „in einem Zwischenraum“. Für ihre Mitglieder sei sie nicht selten lediglich „ein Stammtisch“. Repräsentanten und Funktionären bewegten sich immer in Unschärfe, Zweideutigkeit, alle Inhalte flimmerten: extrem, aber immer nur „an der Grenze der Verfassungstreue“. Sie sei „eine unbestimmte Partei“. Bender: „Sie ist verfassungskonform und sie ist verfassungswidrig.“ In Zeiten der Opposition wird es ihr ja auch leicht gemacht, so durch den politischen Alltag zu navigieren; zudem abgesichert mit der Brandmauer der Mitte-Parteien. Schließlich zwingt erst Regieren zu Eindeutigkeiten.
Mehr als ein Stammtisch, weniger als eine Partei
Bender beobachtet die AfD seit sie als bürgerlich-euroskeptische Partei startete, Er hat bereits 2017 mit „Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland“ eine vorzügliche Analyse vorgelegt; seit 2019 arbeitet er in der Politikredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. An der Bestimmung dessen, was die AfD genau ist, arbeitet er immer noch. Das ist ihm wichtig, ist doch seine These: Vor allem weil die demokratischen Mitte-Parteien fehldiagnostizierten, sie sei eine Partei, gingen sie falsch mit ihr um, kommunizierten falsch. Bender präzisiert: Diese Organisation AfD, die sich sehr wohl Partei nenne, auch im politischen Raum agiere, der fehle, was im Kern eine politische Partei ausmache: Sie habe vor allem keinen Plan, den sie gezielt verfolge. Sie zeichne vielmehr aus, dass in ihr „kein eindeutiger Wille existiert“. Ihre Politik bestehe aus Affekten; diese Gefühle mündeten zwar, da die AfD im politischen Raum agiere, in politische Forderungen, aber von Politik könne deshalb nicht gesprochen werden. Das heiße auch: Die AfD schaffe nichts, wolle das nicht, sie mache das, was sie gut könne: zerstören. Aber das tue sie „weniger absichtsvoll“, als ihr oft unterstellt werde. Bender im Wortlaut:
Wer den Rechtspopulismus verstehen will, muss in ihm eine Politik der Innerlichkeit sehen, die emotionale Mängel bearbeitet und sich gegen eine äußere Welt wehrt, die ihr dabei in die Quere kommt.“
Deshalb handelten AfD wie ihre Anhängerschaft oft so unberechenbar, willkürlich und wankelmütig, mal zivilisiert, mal gewalttätig, mal extrem, mal liberal, mal für und mal gegen die Demokratie. Diese Bendersche Positionsbestimmung erinnert an ein Zitat des AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland, der vor vielen Jahren, 2017, seine AfD als „gärigen Haufen“ charakterisierte. Bender legt mit seinen Analysen nahe, dass Gauland damit kein Durchgangsstadium definierte, sondern den AfD-Dauerzustand einfing.
Überforderte Demokratie
Aus seiner Diagnose zieht Bender diesen Schluss: Die AfD überfordere die jetzige Demokratie. Diese sei nicht eingestellt auf diese „neue Form von Extremismus, der diffuser, flatterhafter und vielstimmiger ist als seine Vorgänger in der Vergangenheit“. Bender: „Sie können vielstimmig, organisch, affektiv und planlos handeln, und gerade durch diese Art die Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und des Rechtsstaates angreifen.“ Nicht nur planvoller Extremismus, auch planlose Affektpolitik könne eine liberale Demokratie gefährden.

Den Demokraten schiebt Bender diese Erkenntnis und Aufgabe zu: Seit 2026 sei gesichert, die AfD sei „kein struktureller Wiedergänger der NPD“, für „den ambivalenten Extremismus von AfD-Anhängern“ gebe es kein historisches Vorbild; so befürworteten beispielsweise, nach Befunden der Mitte-Studie 2025, streut Bender ein, lediglich sieben Prozent der AfD-Anhänger eine Diktatur. Weiter im Text: „Seit dem Jahr 2026 hätte ein Verständnis dafür erarbeitet werden müssen, wie eine irrationale, erratische, affektgesteuerte Partei den Staat zersetzt.“ Bender argumentiert damit nahe den Positionen von Faschismus-Forschern wie Robert O. Paxton — der Faschismus brauche keine Theorie, er lebe von „mobilisierenden Leidenschaften“ — und Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey mit ihrer Grundthese, der „Maschinenraum des Faschismus“ beruhe vorrangig auf „affektiven Anziehungskräften“.
Der Schlüssel zur AfD-Welt
Was bedeuten diese Erkenntnisse nun, nach Bender, für den Umgang mit dem AfD-Apparat und seiner Anhänger- und Wählerschaft?
Es sei ein Irrtum, „mit der AfD einen politischen Meinungskampf zu führen. Der Widerspruch, der Faktencheck, das Expertenurteil, die Entzauberung, der Appell, all das sind Kategorienfehler. Sie entstammen einer anderen Zeit“. Dies alles berühre AfD-Anhänger nicht. Eine auf Fakten basierende Debatte werde zumindest dann nicht einmal angenommen, wenn sie wie bisher „floskelhaft oder paternalistisch oder mitleidig“ versucht werde.
Und die demokratischen Mitte-Parteien redeten vielmehr „mit keinem Wort über das tatsächliche Bedürfnis der AfD-Anhänger. Schlimmer noch: Sie belehren sie, dass ihre emotionale Not ein Makel sei, der auf falschen Grundlagen beruhe und moralisch verwerflich sei.“ Dabei liege der Schlüssel für eine wirksame Kommunikation in und mit der AfD-Welt in dieser Erkenntnis: „Wer versteht, dass AfD-Anhänger irrationale Motive haben, versteht auf einmal sehr viel.“
Was berührt die AfD-Anhängerschaft?
Deren Triebfeder sei „vorpolitisch“. Es gehe ihr vor allem um die Kränkung, bei vielen wichtigen Themen, ob Pandemie, Migration oder Ukraine-Waffenlieferungen, „in seinen Gefühlen abgewertet und verlacht worden zu sein“. Und es gehe um die Irritation, „in der Demokratie seinesgleichen nicht unter den Volksvertretern zu finden“; das herrschende Empfinden in der AfD-Welt sei, wir werden nicht ernst-, nicht einmal wahrgenommen. So sei bisher der rechtsextreme AfD-Funktionär oder -Politiker der einzige, der Bürgern mit ihren Ängsten signalisiere, er empfinde genauso, egal ob es sich um Migration, Pandemie oder Waffenlieferungen handle.
Keine Überraschung, dass sich die AfD mit ihrer Affekt-Politik im von Gefühlen beherrschten Netz wie ein Fisch im Wasser fühlt, ganz im Gegenteil zu der von Rationalität dominierten demokratischen Mitte-Politik, die sich meist verstellen muss, um dort auch nur Fuß fassen zu können; und dann mit der Verstellung bereits ins Stolpern gerät.
An dieser Stelle den kurzen Einschub: Es gibt wohl niemanden, der Gefühle, Emotionen aus der Politik verbannen will, gar könnte. Zumal sie neben Person und rationalem Argument/Programm als ein Pfeiler der demokratischen Rhetorik gelten. Jedoch: Gefühle sollten sachlich, faktenhaltig und korrekt unterfüttert sein, nicht (verfälschende) Propaganda oder leeres Pathos.
Wie ein Fisch im Wasser
Sehr einleuchtend und anschaulich schildert Bender die Startvorteile, die digitale Techniken und Plattformen der AfD, rechtspopulistischen Bewegungen generell böten. Seit Mitte der 1990er Jahre komme es nach und nach zu einer Zerstörung der demokratischen Kultur. Menschen würden unter diesen relativ neuen Kommunikations-Verhältnissen vereinzelt, sie würden sich unter dem Schutz der Anonymität leichter radikalisieren, fänden leichter als früher gleichgesinnte Radikale, lernten, dass derjenige Follower findet, der sich möglichst laut und extrem zu Wort melde, der Rücksicht und Wahrheit ignoriere. Die korrigierende Kraft von Verbänden, Vereinen werde dagegen schwächer, das Treffen in der Eckneipe, bei der auch Andersdenkende seien, falle mit der Eckkneipe weg. Bender fasst das Problem der politischen Kommunikation in Zeiten des Netzes in dieses Bild:
„Niemand wäre in der internetlosen Welt auf die Idee gekommen, hunderte politisch verfeindete Menschen in einen Saal einzuladen, ihnen zu erlauben, sich zu vermummen, jedem ein Mikrofon zu geben, keine Moderation zuzulassen und dann eine politische Debatte zu beginnen.“
In dieser neuen Welt gebe es weder Repräsentation noch Verantwortung. Wo alle alles sagen dürften, würden ständig Tabus gebrochen. Für Affekte gebe es keine Barrieren, und das sei der Kern, mit dem die AfD Politik macht.
Die andere Perspektive
Wie also mit den BürgerInnen anders kommunizieren, welche die AfD heutzutage so leicht anzieht?
Beispiele: 2015 kamen in kurzer Zeit immer mehr Flüchtlinge. Viele machten sich Sorgen, bekamen gar Angst, andere Wut: fremde Menschen, fremde Kulturen, Konkurrenz um Wohnung und Arbeit, den einen und anderen Amoklauf, was auch immer. Das Merkel-„wir schaffen das“ sei von den Besorgten und Verängstigten so interpretiert worden: unsere Gefühle werden weggedrückt. Die AfD habe diese Leute gewonnen, weil sie deren Gefühle dagegen gerne aufnimmt und bestätigt. Die demokratischen Mitte-Parteien hätten eben zu Beginn jeder Unterhaltung, jedes Streites sagen müssen: Wir anerkennen Eure Gefühle, Sorgen, Ängste als Grundlage aller weiteren Beratungen.
Wer die Umwelt-Katastrophe leugne, wende sich dem zu, der diese Position teile, nicht denjenigen, die sagten, Du musst keine Angst davor haben, wir lösen das Problem.
Ein gelungenes Beispiel: So habe Cem Özdemir, Grüner, vor Monaten und vor seinem Wahlsieg in Baden-Württemberg, in einem Zeitungsbeitrag beschrieben, wie seine Tochter im Alltag von Migranten begafft und sexualisiert werde, darüber aber nicht erzählen wolle, weil sie befürchte, Rechtsradikale könnten dann aus ihren Erzählungen politisches Kapital schlagen. Bender: „Das war eine für Grünen-Politiker ungewöhnliche emotionale Botschaft: Wem Migration Angst machte, den würde der Migrantensohn Özdemir nicht verurteilen. Er würde sagen, dass es seiner Tochter genauso gehe.“
Für diese Methode des nicht-taktischen und ernstgemeinten Perspektivwechsels wirbt Bender.
Der Autor versteht sein Buch als „Gefahrenprophylaxe“
Bender unterstellt, so könnten AfD-Anhängerschaften auch erreicht werden. Denn: „Viele AfD-Anhänger haben kein geschlossen rechtsextremes Weltbild.“ Und: „Die Ängstlichen sind nicht auf eine Ideologie festgelegt, solange man ihre Persönlichkeit nicht als Ausdruck eines zivilisatorischen Niedergangs deutet.“ Die Not, die AfD-Anhänger empfänden, so Bender, hänge schließlich nicht von einer bestimmten Zahl von Geflüchteten im Land ab oder von einem bestimmten Benzin-Preis, „sondern davon, in ihren Affekten nicht gewertschätzt, repräsentiert oder anerkannt zu werden“.
Bender versteht sein Buch als „Gefahrenprophylaxe“. Es blieben der demokratischen politischen Elite — die Wirtschaftselite spricht er nie an — bis zur übernächsten Bundestagswahl 2033 nur wenige Jahre, um ihr Verhalten, Kommunizieren und damit auch Tun grundlegend zu ändern.
Was nicht selten irritiert, verwirrt: „2033“ besteht aus mindestens zwei Büchern. Das länglich ausgemalte Szenario der Weidel-Volkskanzlerschaft gliedert chronologisch das gesamte Buch, und in diese Monate sind die sehr kundigen Einblicke in das Innenleben der AfD und die gesellschaftlichen Bedingungen und Techniken eingewoben, welche der AfD für ihre Erfolge unentbehrlich waren und sind. Nicht immer weiß die Leserschaft, wo und in welcher Zeit sie sich mit dem Autor gerade befindet, wo die Fiktion beginnt und wo sie endet.
Trotz des Plots, den ihm wohl die Marketing-Abteilung des Verlages einredete: Der neue Bender ist ein sehr bemerkenswertes Werk, voll mit Erkenntnissen und Anregungen, geradezu ein Handbuch für Demokraten, welche die AfD verkleinern wollen.
Justus Bender: Deutschland 2033. Ein Szenario.
Verlag C. H. Beck, München 2026. 284 S., 20 Euro
Entdecke mehr von bruchstücke
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.