Ein schier unaufhaltsamer Abstieg der deutschen „Sozis“

Screenshot: Website ntv

Vor 43 Jahren hat der Soziologe Ralf Dahrendorf ein viel gelesenes und noch mehr diskutiertes Buch veröffentlicht. Es hieß: „Die Chancen der Krise, über die Zukunft des Liberalismus.“ Er bescheinigte darin unter anderem der Sozialdemokratie, sehr erfolgreich gewesen zu sein; und deswegen ihren Zenit überschritten zu haben. Ihre Zeit gehe allmählich vorüber. Im Verlauf dieser Jahre hat sich eine nicht enden wollende Diskussion darüber entwickelt, ob Dahrendorf Recht gehabt habe oder nicht. Tatsache ist, dass die Sozialdemokratie einen schier unaufhaltsamen Abstieg hingenommen hat, vielleicht hat  hinnehmen müssen, einschließlich Berlin 2026.

Wenige Jahre vor Dahrendorfs Publikation war die Sozialdemokratie noch eine wirkmächtige Bewegung, die den gesellschaftlichen Diskurs mitprägte, ideell auf der Höhe der Zeit war, den Milieus der Arbeiterklasse ebenso verbunden wie offen für fortschrittliches Bürgertum; eine Kraft, die viele anzog.

In den 43 Jahren seit 1983 liegen – nie grundlegend analysierte und aufgeklärte – Wahlniederlagen wie die mit dem Spitzenkandidaten Frank Walter Steinmeier 2009, als die SPD nur noch 24 v.H. der Stimmen nach 34 v.H. 2005 auf sich zu vereinigen vermochte. Eine „barbarische Bestrafung“, so der damalige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm mir gegenüber, seinem zeitweiligen Stellvertreter – mit Bedauern in der Stimme.  

„Mit der SPD jedenfalls nicht“

Dahrendorf ist 2009 in Köln verstorben. Er hat den Zusammenbruch des Realsozialismus noch miterlebt, die unbezwingbaren Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa, auch noch den beginnenden Zusammenbruch von Staaten am Rand des Mittelmeeres, er kannte aber keine AfD, keinen Brexit und lediglich den Beginn der reaktionären, rechten Massenbewegungen in Europa; hingegen keine Drohnen in der Luft, keine KI und kein Covid 19. In all dem Trubel, in den Wirren und Verirrungen der Zeit war die Diskussion über die deutschen „Sozis“ eine Art Konstante.  

Nun wird darüber diskutiert und wohl auch per Mitgliedervotum entschieden, ob sich die Berliner SPD unter politischer Führung durch die teils antisemitische Linke als dritte Kraft an einer Stadtregierung beteiligen soll. Auf der Basis einer Zustimmung von 12 v.H. der aktiven Berliner Wahlbevölkerung. Die Spitzenperson der Berliner SPD, Steffen Krach, geht mit einer tiefen „Schramme“ in weiterführende Gespräche mit der Berliner Linken. Im August 2026 hatte er dem Stern mit Blick auf die Forderung der Linken nach Enteignung von Wohnungsbestand in Berlin gesagt: „Wenn das die rote Linie ist für die Linkspartei, dann müssen sie gucken, mit welcher Koalition sie das umsetzen wollen – mit der SPD jedenfalls nicht.“   

Krach ist nicht der erste, der sich wie ein Baum fällen lässt.  

Zurück zum Ausgangspunkt: Im Westen der Republik ist die spätere Linke als WSAG – als „Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ gegründet worden. Ihr Sinn war, die Sozialdemokratie zu schwächen, sie überflüssig zu machen und für die Lohnabhängigen als unzuverlässig darzustellen. Sie ist zudem – glaubt man dem Neuen Deutschland „jünger und westdeutscher“ geworden. Und in Berlin? „Da viele der knapp 8.000 Berliner Genossinnen und Genossen ihren Verband im Ostteil der Stadt haben, dürften die Ossis noch leicht in der Überzahl sein. Doch das wird wohl nicht mehr lange so sein“, berichtete das ND 2018, also vor acht Jahren.

Ich beschreibe diese Entwicklung mit ihrem Ausgang in Berlin vielleicht ein wenig zugespitzt, freilich in der Essenz zutreffend: In Berlin begibt sich die Sozialdemokratie unter die Führung durch eine Partei, die zum großen Teil gegründet wurde, die heutige Sozialdemokratie verschwinden zu lassen. Sie zu zerstören. Ich befürchte, dass manchen in der SPD das nicht mal mehr bewusst ist.  


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Klaus Vater
Klaus Vater arbeitet als Kommunikationsberater und Autor. Er war stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, zuvor Pressesprecher des Gesundheitsministeriums sowie des Arbeitsministeriums. Seinen Jugend-Kriminalroman "Sohn eines Dealers" wählte die Kinderjury des Literaturpreises "Emil" 2002 zum Kinderkrimi des Jahres. 2025 erhielt Vater den Gregor-Gog-Literaturpreis.

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