Frankfurter Stimmungsbild

Screenshot: FFH auf Instagram

Samstag, 31. 10. 2026, 14.00 Uhr Auf dem Gelände der Weseler Werft am östlichen Mainufer von Frankfurt (im Angesicht der EZB-Bank) sammeln sich langsam, langsam Jugendliche und viele ältere Menschen. Die Jugendlichen häufig mit selbstgebastelten Pappschildern, die (für die Beobachterin überraschend) vielen Älteren mit roten Fahnen von der Linken über die SDAJ und trotzkistische Grüppchen. Totenkopffahnen werden geschwenkt und Palästinafahnen. Auf einem Podest liest eine Aktivistin die Forderungen vor: Themen aus der Schule, der Ausbildung in Lehre oder Studium kommen vor, aber gehen in den großen Themen der Aufrüstung, des Kapitalismus und Teuerung des Lebens nahezu unter. Einige Vermummte verzögern den Start. Dann wird aus den zwei angemeldeten Demonstrationen eine einzige: Gegen 15 Uhr ziehen etwa 2000 bis 2500 Menschen los, vorweg eine Handvoll Polizeiautos, am rechten und linken Rand läuft die Polizei mit. Auffallend ist: Die Polizistinnen und Polizisten sind fast alle so alt, wie die jungen Frauen und Männer, die in der Weseler Werft starten.

15.45h Kurz vor dem Eisernen Steg, der historischen Fußgängerbrücke, auf der Fotografen und Schaulustige stehen, reiht sich ein rotes Auto in die Demonstration ein, die für den Schulstreik (gegen die Wehrpflicht vor allem) am 20. November wirbt und auf dem eine Stunde später ein vermummter junger Mann die Palästinafahne schwingt. Kaum 500 Meter nach dem Eisernen Steg kommt der Zug zum Stehen, es ist die erste Pyrotechnik geflogen.

Das Bild hat sich verändert: Schülerinnen und Schüler mit ihren selbstgemalten Schildern laufen (wie die Polizei) am Rand mit, die Blöcke im Zug sind größer geworden und verfestigen sich: einem lautstarken Antifa-Block folgen zwei dichte Blocks der Propalästina- Gruppen, die in Frankfurt bei keiner Demonstration fehlen. Beide Blocks beherrschen nicht nur das Bild (und die Bilder), sondern auch das lautstarke Geschehen und die Zahl, die jetzt bei fünf- bis sechstausend liegen dürfte. Die Route (außerhalb der engen Frankfurter Innenstadt) führt über den Willy-Brandt-Platz und das Eschenheimer Tor zur Konstabler Wache.

19.00h Konstabler Wache: Die Kirchenglocken läuten den Sonntag ein, gleichzeitig steigen die ersten Leuchtraketen in den Himmel. Böller gegen die Polizisten schießen wahllos in die Reihen der Demonstranten hinein und verletzen einige. Mit schwerem Geschütz und Wasserwerfer beendet die Polizei die Demonstration. Die Zahl der Vermummten nimmt sprunghaft zu. Auf dem Platz, über dem seit einigen Monaten ein buntes (heftig diskutiertes) Kunstwerk schwebt, stehen verloren Jugendliche, einige weinen, „weil sich Randalierer nicht an die Abmachungen gehalten hätten“. Ihre Mobilisierung über Tikok und ihre sonstigen Medien endet in einer großen Enttäuschung.

20.30h Konstabler Wache: die Polizistinnen und Polizisten haben sich ebenfalls martialisch vermummt, bilden kleine Gruppen zu fünft oder sechst. Jeder Böller in der Fußgängerzone, in den Nebenstraßen wird mit Jubelrufen von dunkel gekleideten, vermummten Männern begleitet. Sie ziehen los: die Stunden der Gewalt, der Zertrümmerung von Fensterscheiben, der Plünderung beim Sportgeschäft Snipes beginnen.

Mit den Anliegen, mit dem Werben der jungen Generation um Aufmerksamkeit hat dieser Ausbruch von Gewalt nichts mehr zu tun.


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Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik".

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