
Der gerade von der taz zur Welt gewechselte deutsch-britische Reporter Nicholas Potter warnt in seinem aktuellen Buch vor einer “Bedrohung der demokratischen Gesellschaft” durch linken Antisemitisms. Die Haltung linker Bewegungen zu Israel hat sich seit 1948 stark verändert. In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des jüdischen Staates überwogen in Deutschland Sympathie und Solidarität mit einer überwiegend von sozialdemokratischen Kräften geprägten Regierung. Der Wunsch nach Versöhnung und die Erinnerung an den von den Nationalsozialisten betriebenen verbrecherischen Holocaust war deutlich präsent. Zudem entwickelten lebensreformerische Gemeinschaftsprojekte wie die Kibbuzim unter jungen Leuten große Strahlkraft. Diese positive Stimmung kippte aber schon früh, spätestens nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967.
In der Folge dieses Kriegs wurde Israel zur Besatzungsmacht im Westjordanland, in Gaza und zeitweise auch auf dem Sinai. Antijüdische Ressentiments nahmen massiv zu, gewalttätige linke Gruppen wie die “Rote Armee Fraktion” kooperierten schon in den 1970er Jahren mit palästinensischen Terroristen. Ihre Aktionen interpretierten sie als Unterstützung eines weltweiten “antiimperialistischen” Kampfes nationaler Befreiungsbewegungen.
Am 7. Oktober 2023 ermordeten Kämpfer der Hamas über tausend jüdische Menschen auf einem Musikfestival und in grenznahen Dörfern. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Kabinett reagierten darauf mit Krieg und der völligen Zerstörung des Gaza-Streifens. In Teilen der Linken weltweit wurde das zu einem weiteren Radikalisierungsfaktor. Israel gilt seither endgültig als Bastion westlicher Interessen im vorderen Orient, wird als kolonialer Siedlerstaat betrachtet, der die dort seit Jahrhunderten sesshaften arabischen Bewohner brutal unterdrückt. “From the river to the sea, Palestine will be free”, skandieren Demonstrierende – und befürworten damit unverhohlen die völlige Eliminierung des Judentums im Nahen Osten.
Nicholas Potter wurde 1990 in Großbritannien geboren, er war Redakteur bei der taz, inzwischen arbeitet er als Chefreporter für die Welt im schon immer besonders israelfreundlichen Springer-Konzern. Seine früheren Texte über Rechtsextreme und Antisemitismus erschienen aber auch im Tagesspiegel und der Jüdischen Allgemeinen, im Ausland im Guardian und der Haaretz. Der Autor ist sicher kein Anhänger der teils rechtsextremen Regierung in Jerusalem. Dennoch hat er jetzt ein Buch über “Die neue autoritäre Linke” veröffentlicht, die sich seiner Ansicht nach mit wachsender Aggressivität gegen den jüdischen Staat wendet.
Reißerischer Klappentext
Die autoritäre Linke gebe sich zwar stets fortschrittlich, bedrohe jedoch politische Gegner und trete demokratiefeindlich auf. “Getrieben von einem unerbittlichen Freund-Feind-Denken und tiefsitzendem Antisemitismus, verklärt sie islamitische Terrorgruppen wie die Hamas, die Hisbollah und die Huthis zu revolutionären Verbündeten im Kampf gegen westlichen Imperialismus.” Die Radikalisierung sei auf Demonstrationen, an den Universitäten, in digitalen Medien, in linken Subkulturen und auch in Teilen der Kulturszene spürbar. Kennzeichnend sei “ein Absolutheitsanspruch sowie eine Ablehnung von Komplexität zugunsten eines eindeutigen Kampfs von Licht gegen Dunkelheit”. Bewaffnete Gewalt gegen Zivilisten, wie bei dem Massaker der Hamas, werde als legitimer antikolonialer Widerstand verherrlicht.
Der Autor wertete für seine Recherche zahlreiche Chatprotokolle der linken Szene aus. Für kurze Zeit hat er auch direkt aus Israel journalistisch berichtet, er sieht er sich wegen seiner kritischen Beiträge ständigen Störaktionen, persönlichen Bedrohungen und Hasskommentaren ausgesetzt. Potter wird nicht nur im Internet diffamiert, sondern auch im analogen Raum zum Feind erklärt. Im öffentlichen Raum von Berlin hingen zeitweise Fahndungsplakate und Mordaufrufe.
In seinem berechtigten Furor über einseitige und klar antisemitische Deutungen des Nahost-Konflikts schießt der Autor in manchen Textpassagen und Formulierungen jedoch über sein Ziel hinaus. Schon der Klappentext des Buches titelt reißerisch und verallgemeinernd “Über eine Linke, die den Terror feiert”. Doch die Linke als einheitliches Gebilde gibt es nicht. In der Partei, die diesen Namen trägt, wird kontrovers über die Haltung zu Israel diskutiert. Diese Heterogenität der Meinungen zeigte sich etwa in den internen Auseinandersetzungen um das Urgestein Gregor Gysi, der in der DDR aufgewachsene Politiker hat jüdische Vorfahren. Auch in anderen, nicht parteigebundenen linken Strömungen gibt es sehr unterschiedliche Haltungen zum Thema. Potters pauschale Betrachtungsweise wirkt an diesem Punkt zu wenig differenziert.
Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft. dtv, München 2026. 256 Seiten, 20 Euro.
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