
Inhaltsverzeichnis und Editorial sind frei zugänglich.
Am Anfang steht nicht das Wort, sondern der Mut zu schweigen. Manche Wörter gehen niemanden etwas an und vielleicht gibt es auch einfach nichts zu sagen. Die Schriftstellerin Monika Helfer erzählt in ihrem Roman »Die Bagage«, wie ihre Großmutter Marie sich dem übergriffigen Dorfpfarrer, der aus ihr eine Beichte zu einer unehelichen Schwangerschaft herauspressen will, widersetzt. Ihr sechsjähriger Sohn, in seiner Wahrnehmung noch unbeherrscht und unbeeindruckt von Konventionen und Institutionen, zeigt Moral. Er stellt den Würdenträger, zieht an seinem schwarzen Talar und schreit ihn an, dass er ein schlechter Mensch sei und in die Hölle kommen werde. Die Strafe folgt auf den Fuß und der Pfarrer lässt daraufhin das Kruzifix am Haus der Familie gewaltsam entfernen. Alle Kommunikation erfordert Mut, allein schon, weil jeder Kommunikationsversuch abgelehnt werden kann – auch die Nichtkommunikation.

Bereits der im Informationsbegriff von Gregory Bateson angelegte »Unterschied, der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied ausmacht« (1992, S. 488) zeugt von Mut, sich auf etwas einlassen zu wollen und zu können. Mutige Worte sind also für Ästhetik & Kommunikation konstitutiv. Aus dem Blickwinkel der Ästhetik erscheint Mut tolerabler, weil dahinter bisweilen eine bewusste Intervention steckt, um Wirklichkeitswahrnehmungen zu irritieren. Nicht selten kommt die mutige Intervention aber in den falschen Hals. Das steigert dann die Irritation und Empörung und erfordert noch mehr Mut, an der Kommunikation festzuhalten.
Mutige Worte sind noch kein Garant für mutige Taten
Die Berliner Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger wusste im Gegensatz zu anderen Politker:innen zwischen Kunstfreiheit und Politik zu unterscheiden, als sie dem Künstler:innenkollektiv Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) gestattete, für zwei Jahre eine Bronze-Statue des von einem Rechtsterroristen ermordeten ehemaligen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor dem Konrad-Adenauer-Haus in Berlin als Mahnmal für Lübckes Partei CDU aufzustellen. Kommunalpolitiker:innen brauchen viel Mut, allein schon weil in den Kommunen eine Differenz von Worten und Taten nicht lange toleriert wird. Weniger ungeduldig geht es auf den großen Bühnen der Bundespolitik zu. Ein Ausschnitt, der als mutig angesehenen »Ruck-Rede« des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog aus dem Jahr 1997 erscheint heute noch aktuell: »Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen, vor allen Dingen von den geistigen, von den Schubläden und Kästchen, in die wir gleich alles legen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.«
Solche mutigen Worte sind noch kein Garant für mutige Taten. Das erlebte auch Ex-Kanzlerin Merkel nach ihrem mutigen »Wir schaffen das« in der Flüchtlingskrise. Das Problem scheint hier nicht die zeitliche, sondern die soziale Sinndimension. Das Personalpronomen Wir wirkt rhetorisch. Gemeint sind eigentlich die anderen. Das Wir ist ein verkapptes Ihr, um andere in die Pflicht zu nehmen. Entsprechend stellt der französische Philosoph Michel Serres fest, dass in den
Kriegen, meist von Verantwortlichen reiferen Alters beschlossen und organisiert, die männliche Jugend getötet wurde. Mit anderen Worten: In den Ministerien, Botschaften und Hauptquartieren saßen Väter aus jener Elite, die sich mit Inbrunst einer im zweistelligen Millionenbereich betriebenen Ermordung ihrer Söhne widmeten. Den Söhnen und Töchtern, die überlebt hatten und zweifellos geblendet waren von der imponierenden Gräberzahl, wurde wenig später in den Hörsälen eine ganz andere Geschichte nahegebracht, die vom ›Vatermord‹ . (Serres 2019, S. 12)
Auch wenn tiefenpsychologische Motive die Väter zu Tätern werden lassen, ist ihnen nicht zu vergeben. Einem Kultfilm meiner Eltern widersprechend könnten Sie wissen, was sie tun.
Paradox erscheint die Vereidigung von Rekrutinnen und Rekruten am 20. Juli im Gedenken an den militärischen Widerstand gegen Hitler. Ein Widerstand führender Militärs, die vorher genau das taten, was Serres’ ihnen vorwirft: die generalstabsmäßig organisierte und exekutierte Ermordung von Menschen. Der Schriftsteller Navid Kermani, Festredner eines feierlichen Gelöbnissen am 20. Juli 2026, redet den Rekrutinnen und Rekruten in Anwesenheit des Verteidigungsministers und seiner Generäle mutig ins Gewissen und legt ihnen die Pflicht zur Befehlsverweigerung nahe:
Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.
Leichter gesagt als getan; denn wie sollen juristisch wenig erfahrene Soldaten über Völkerrecht entscheiden können, wo doch sogar Verfassungsrichter und Völkerrechtler:innen zu keiner einhelligen Meinung über Kriegsentscheidungen kommen. Kermanis Botschaft wirkt als Double Bind, weil sie widersprüchlich und nicht entscheidbar ist. In der Psychopathologie gelten nach Gregory Bateson Double Binds als eine Ursache für Schizophrenie. Aber Soldatinnen und Soldaten erfahren bereits in der Grundausbildung sehr schnell, dass ein Nichtbefolgen von Befehlen drastisch sanktioniert wird.
„De Pastoor hett seggt“

Um sich nach einem aus demokratischer Sicht desaströsen Fernsehduell der Präsidentschaftskandidaten Biden und Trump rhetorisch »Mut zu machen«, erzählt nochmals Kermani in seinem Buch »Sommer 2024«, dass er sich die Radioansprachen Thomas Manns für »Deutsche Hörer« aus den Kriegsjahren der Nazidiktatur anhört. Er kommt dabei zu einer bemerkenswerten Beobachtung:
Die Nazis waren unterhaltsamer als Thomas Mann, erregender, rebellischer, man hörte ihnen lieber zu. Während der eine [Thomas Mann] jedes Wort mit Bedacht gewählt, wissen die anderen, daß man ihre Worte ohnehin nicht für bare Münze nimmt; sie lügen, sie zetern, sie übertreiben, werfen mit Schimpfwörtern, verulken ihre Feinde, wechseln ins Kolloquiale oder singsangen Rheinisch. (Kermani, 2026: 32)
Wie alle Diktatoren neigen auch Nazis zu Hochmut und damit zur Schwundstufe des ursprünglich angesehenen ritterlichen Mutes.
Ich muss bei der Lektüre eines Interviews mit Ex-Bundespräsident Joachim Gauck nochmals an Michel Serres’ mutige Worte denken. Der frühere Pastor Gauck prangert darin u. a. an, »dass einige Deutsche […] jede Wehrhaftigkeit gegenüber einem imperialistischen Russland ablehnen und glauben, durch ›lieb gucken‹ geschützt zu sein.« Weiter kritisiert er »Eskapismus, wenn nicht gar Feigheit.« (Gauck 2026) »De Pastoor hett seggt«, wären die Worte meiner Großtante Minna. Minnas einziger Sohn fiel als 17jähriger im imperialistischen Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen Russland, ebenso wie mein Großvater und seine beiden Brüder. Von dem Familienzweig meiner Mutter ist heute nichts mehr übrig. Hätten die Jungs doch mehr Eskapismus und Feigheit bewiesen.
Gaucks Russlandbild ist autobiographisch geprägt und spätestens nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine wieder salonfähig. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter kann es in einem Interview im Deutschlandfunk am Schluss nicht mehr an sich halten und verrät eigentliche Motive: »Wir müssen weg von der romantischen Vorstellung, dass Russland eine großartige Kulturnation ist.« (Kiesewetter 2026)
Gelinde ausgedrückt ist das für einen deutschen Außenpolitiker 80 Jahre nach dem Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen Russland kultur- und geschichtsvergessen. Dazu könnte man wissen, was der Historiker Jochen Hellbeck (2025) jüngst aufgedeckt hat. Dass nämlich Adolf Hitler den jüdisch-bolschewistischen Weltfeind im heutigen Russland zur zentralen Denkfigur seiner Rassenideologie machte und mit dieser Verunglimpfung aller Bürger der Sowjetunion als kulturlose Subjekte die Voraussetzungen schaffte für den barbarischen Vernichtungsfeldzug Barbarossa. Die Nazis nutzen dazu alle propagandistischen Mittel, um die deutsche Bevölkerung auf ihr barbarisches Vorhaben einzustimmen.
„Ich hatte nie eine schlaflose Nacht“
Auch wenn der gegenwärtige Machtapparat im Kreml aus verschiedenen Gründen verabscheuungswürdig ist, muss man von einem deutschen Außenpolitiker gerade im Rückblick auf die deutsche Geschichte Differenzierung erwarten. Alles andere wäre fahrlässig, weil sonst in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken der Eindruck entsteht, dass sich die Geschichte wiederholt. Wie sonst könnte eine frühere Forderung Roderich Kiesewetters, »den Krieg nach Russland zu tragen«, in Russland aktuell interpretiert werden?
Dagegen durfte ich nach dem Fall des eisernen Vorhangs bei Besuchen und Lehrtätigkeiten an der Saint Petersburg Art and Industry Academy immer wieder erleben, wie die großartige Kulturnation Russland trotz leidvoller Geschichte zu unterscheiden weiß zwischen Deutschland und Nazi-Deutschland. Und wie der Historiker Hellbeck (2025) betont, sollte trotz des zu verurteilenden russischen Überfalls auf die Ukraine nicht ausgeblendet werden, dass die Sowjetunion den größten Anteil am Sieg gegen Nazi-Deutschland hatte, leidvoll errungen mit mehr als 26 Millionen getöteten Sowjetbürgern.
Wo von mutigen Worten die Rede ist, muss auch an das Abgleiten in das hochmütige Raubrittertum des Spätmittellalters erinnert werden. Amerika gibt hier nicht selten großschnäuzig den Ton an. Der amerikanische Bomberpilot Paul Tibbets tötet am 6. August 1945 Schätzungen zufolge über 140.000 Männer, Frauen und Kinder mit einem Atombombenabwurf auf Hiroshima. Tibbets betonte in Interviews stets: »Ich hatte nie eine schlaflose Nacht, nur weil ich die Bombardierung befehligte.« Auf Fragen, ob ihn seine Tat belaste, antwortete der später sogar zum General beförderte: »Hell, no!« (von Lüpke 2015)

Im Buch »Ein ehrenhafter Abgang« erzählt der französische Schriftsteller Éric Vuillard vom blutigen Ende der französischen Kolonialherrschaft in Indochina. Der Kolonialkrieg(1946–1954) mit nach Schätzungen rund einer Million Todesopfern insgesamt auf vietnamesischer Seite wurde gegen Ende maßgeblich von den Amerikanern finanziert. Vuillard berichtet von einer historisch denkwürdigen Begebenheit im französischen Außenministerium. Als der Krieg für Frankreich und die unterstützenden USA militärisch verloren war und es nur noch um eine strategisch günstige Ausgangsposition für wirtschaftliche und politische Interessen – den »ehrenhaften Abgang« – ging, bot der amerikanische Außenminister John Foster-Dulles seinem französischen Amtskollegen Georges Bidault zwei Atombomben zum Einsatz an. Sichtlich verdutzt, berichtet Außenminister Bidault von der Begebenheit in einem Interview, das in dem Oskar-prämierten Dokumentarfilm Hearts and Minds (1974) festgehalten ist. Über Straßennamen wird in Berlin viel nachgedacht. Wann hat endlich jemand den Mut, das Haus der Kulturen der Welt im schönen Tiergarten von der John Foster-Dulles-Allee zu befreien?
In seinen Episteln verwendet der römische Dichter Horaz die Redewendung sapere aude. Der Philosoph Immanuel Kant textet daraus den berühmten Wahlspruch von der Aufklärung als Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Weniger bekannt sind bis heute die Hintergedanken Kants. Die Literaturwissenschaftlerin Tina Hartmann (2024) deckt Kants eigentliche Intention als nebengeordnete Abschweifung auf. Die Selbstverschuldung der Unmündigkeit, die dem Mut entgegensteht, hatte Kant nämlich an das weibliche Geschlecht adressiert und als vermeintlich natürliche Ordnung anthropologisch zementiert. Über diese Lesart von Kants Aufklärung wird leider im Schulunterricht immer noch hinweggelesen. Bereits der Titel »Vergesst Kant!« von Tina Hartmanns Schrift ist mutig und zugleich eine Aufforderung, die gewalttätige Unterdrückung von Frauen und Mädchen, die Feindseligkeit gegenüber Fremden, die Lust an Krieg und Terror und eine Heldenverehrung, die keine Heldinnen kennt, endlich zu thematisieren und sein zu lassen.
Ellenor Bockentin, 18 Jahre alte Schülerin des Robert-Stock-Gymnasiums am Bundeswehr-Standort Hagenow in Mecklenburg Vorpommern, erntet mit ihrer Wutrede anlässlich einer Abiturfeier im Juni 2026 Beifall bei Eltern und Mitschüler:innen und Resonanz in den Medien. Ihre Rede endet mit den mutigen Worten: »Ganz ehrlich: fickt euch einfach nur alle!«
Literatur
Bateson, Gregory (1992). Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Gauck, Joachim (2026). „Es kommt zu einer gefühlten ‚Entheimatung‘. Darauf reagiert der Osten deutlicher als der Westen“ Interview mit Helge Fuhst. Welt am Sonntag. Veröffentlich am 1. Juli 2026.
Hartmann, Tina (2024). Vergesst Kant! Was war und ist Aufklärung wirklich? Ditzingen: Reclam.
Helfer, Monika (2020). Die Bagage. München: Hanser.
Hellbeck, Jochen (2025). Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. Aus dem Englischen von Karin Hielscher. Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag
Kermani, Navid (2026). Sommer 2024. München: Hanser.
Kiesewetter, Roderich (2026). (CDU): „Unsere Sicherheit ist in Gefahr.“
Deutschlandfunk. Information am Morgen. interview mit Dirk-Oliver Heckmann, 7. August 2026, 6:49 Uhr.
Serres, Michel (2019). Was genau war früher besser. Berlin: Suhrkamp.
Von Lüpke, Marc (2015) Reuelos nach dem Massensterben. DER SPIEGEL https://www.spiegel.de/geschichte/hiroshima-atombombe-pilot-paul-tibbets-spielte-angriff-nach-a-1045800.html
Vuillard, Éric (2023). Ein ehrenhafter Abgang. Berlin: Matthes und Seitz.
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