Friedenauer Randnotiz

Al Capone ,1899-1947 (Foto: Unbekannt auf wikimedia commons)

Unter den furchtlosen Recken, von Eberhard Diepgen über Klaus Wowereit bis Kai Wegener, wagt(e) die Organisierte Kriminalität in Berlin kaum zu atmen. Jetzt atmet sie auf, denn eine mögliche neue Regierende Bürgermeisterin hat Angst vor ihr. Ist die Nachrichtenlage so halbwegs korrekt zusammengefasst? Schwer zu ertragen. Noch schwerer, etwas dazu zu sagen. Sobald der Öffentlichkeit ein nicht inszenierter, nicht frisierter, nicht PR-geschminkter Satz in die Hände fällt, machen sich alle darüber her.
Wer vor Terroristen keine Angst hat, ob sie im Kreml sitzen, in Neukölln Palästina-Thirts tragen oder im Auftrag  der United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) unterwegs sind, ist ein Idiot. Elif Eralp ist keine Idiotin. Das hat sie – offenbar leider nur aus Versehen – zu erkennen gegeben. Und der Spiegel hat daraus, natürlich nicht der Auflagenhöhe und der Klickzahlen wegen, sondern um ein öffentliches Informationsinteresse zu befriedigen, eine große Geschichte gemacht.

Jeder stürzt sich, politisch und publizistisch, auf den Aspekt der Geschichte, mit dem er für andere größtmöglichen Schaden herausquetschen kann. Das wiederum ist normal in einer Gesellschaft, die den Konkurrenzkampf als Lebenselexier auserkoren hat, Gewinner feiert und Verlierer als Versager hinstellt. Erstens schweife ich ab, zweitens schreibe ich sowieso nur eine Friedenauer Randnotiz.

Zu notieren gilt es die konzertierte rechtskonservative Aktion, einen rot-rot-grünen Senat und eine Regierende Bürgermeisterin Elif Eralp in der Hauptstadt unter allen Umständen zu verhindern, Motto: dieser Frau ist nicht zu trauen, aber alles zuzutrauen. Die lautesten dieser „Aktionäre“ haben die westlichen Werte auf den Lippen, ihre Vermögenswerte vor der Nase und für Wohnungsnot, wachsende soziale Unsicherheit, Klimakatastrophen (die großen Plünderer fliegen in Privatjets) kein offenes Ohr. Sofort alarmiert sind sie, wenn linke Fahnen wehen wie bei den gewalttätigen Protesten in Frankreich. Von Paris nach Berlin, für Boulevardmedien politisch ein Katzensprung.

„Als am Samstag [17.10.] in Berlin die Linkspartei gemeinsam mit SPD und Grünen ein Sondierungspapier vorstellte, das mehr illegale Migration und weniger Bundeswehr vorsieht, plünderte und brandschatzte sich ein linksextrem-islamistischer Mob durch Frankreich. Man könnte meinen: Wenn Gott wirklich in Frankreich lebt, dann wollte er mit dem Timing der Eskalation wohl auch ein Zeichen nach Deutschland schicken.“

Ja, die Berliner Linkspartei ist zu nahe am Antisemitismus; die Union zu nahe an der AfD, die FDP zu nahe an der Wirtschaft und damit an Wirtschaftskriminalität, die Grünen vormals zu nahe an Pädophilie, die SPD zu weit weg von allem. Ja, Vergesellschaftung ist ein großes und falsches Wort; Immobilienkonzerne sind nicht außerhalb der Gesellschaft, sie brauchen nicht „vergesellschaftet“, sondern „nur“ in einem rechtsstaatlichen Verfahren enteignet zu werden. Ja, es spricht wenig bis nichts dafür, dass Elif Eralp eine reale Chance hat; schon die taktische Schwankungsbreite der SPD und der Grünen spricht dagegen, von Rot nach Schwarz reicht sie allemal.

„Berlin imWürgegriff der Clans“ (BILD)

Zurück zu den furchtlosen Recken. Auf digitalen Plattformen kann man sich vor dem Panorama eines Berlins gruseln, „das kurz davorsteht, von aus dem Ausland eingewanderten kriminellen Großfamilien übernommen zu werden: Familien, die Parallelstrukturen errichteten, den Staat verachteten und nebenbei einen Antisemitismus nach Deutschland importiert hätten, der hier zuvor offenbar unbekannt gewesen sein soll“, schreibt Phillip Thieé.

Al Capones Zelle wie sie im Eastern State Penitentiary zu sehen ist
(Foto, 2007; Thesab auf wikimedia commonns)

Mit Hilfe seines Blog-Beitrags auf jungle.world kann man sich auch erklären lassen, was es historisch und aktuell mit Clans in modernen Metropolen auf sich hat, inklusive die „eigentlich langweilige Erkenntnis: Vermeintlich neue ‚Bedrohungen‘ haben eine ziemlich lange Geschichte“. Thieé fragt, wie Vertrauen in einem Markt entsteht, in dem es kein Recht gibt.

„Der legale Markt verfügt über einen gewaltigen unsichtbaren Apparat zur Herstellung von Vertrauen: Verträge, Gerichte, Polizei, Handelsregister, Banken, Versicherungen und staatliche Zwangsvollstreckung. Der illegale Markt hat das alles nicht. Er muss Vertrauen deshalb selbst herstellen. Gewalt kann das leisten. Reputation kann es leisten. Die Mitgliedschaft in einer Organisation kann es leisten. Jahrzehntelange persönliche Bekanntschaft kann es leisten. Und Familie kann es besonders gut: sowohl im kalabrischen San Luca als auch in Berlin oder Köln-Vingst.“

Märkte, Konkurrenzkämpfe (siehe oben) sind nicht ohne Schwarzmärkte zu bekommen. Wo Handel verboten, besteuert, rationiert wird, entstehen illegale Märkte. Die Prohibition in den USA (1920–1933) ist der klassische Fall, Al Capone seine Symbolfigur; Prostitution, Drogenhandel, „war on drugs“, digitale Schattenmärkte, Darknet-Marktplätze mit Bitcoin-Zahlungen und dem Tor-Netzwerk zur Anonymisierung von Internetverbindungen sind aktuelle Variationen. Als ob es das alles nicht gäbe, wird Neukölln zum Zentrum Organisierter Kriminalität stilisiert und Elif Eralp soll es entweder in der Manier einer Jeanne d’Arc befreien oder zuhause bleiben.

Vielleicht werden Historiker:innen einmal beschreiben, wie sich während kakophonischer Tumulte in und um Berlin Luftlinie 130 Kilometer entfernt, in Magdeburg, in aller Ruhe eine gesichert rechtsextreme Regierung gebildet hat.

So weit die Randnotiz aus Friedenau („Komm‘ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau, da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau Galopp“).
 


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Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt (at) arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: "Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken"; "Arbeit und Freiheit. Eine Paradoxie der Moderne"; "Spielen ist unwahrscheinlich. Eine Theorie der ludischen Aktion" (mit Fabian Arlt).

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