
Es dauerte nur wenige Minuten, bis das Bild in den Medien von X bis TikTok kursierte: Eine Stunde lang hatten junge Aktivisten und Sympathisanten der linkspopulistischen La France Insoumise (LFI) des Jean-Luc Mélenchon den Sozialdemokraten Raphaël Glucksmann am Donnerstag (5. November) in Paris eingekesselt, verhöhnt, wüst beschimpft und mit Flugblättern der LFI beworfen. Mit aller verbalen und körperlichen Gewalt verhinderte die Gruppe, dass der Europa-Abgeordnete des „Place publique“ an dem „Generalstreik“ und dem Protestmarsch der nationalen Gewerkschaften teilnehmen konnte. Verachtung und offener Hass schlugen Glucksmann entgegen, der die Vorwahlen der Sozialisten mit über 66 Prozent überraschend klar für sich entschieden hatte und sich als einer der zahlreichen sozialdemokratischen, sozialistischen, kommunistischen und linksradikalen Kandidaten um die Nachfolge von Emmanuel Macron bewirbt.
Für Mélenchon, der zum vierten Mal für die Präsidentschaftswahlen antritt und sich mit Unterstützung der jungen Generation ausrechnet, in die Stichwahl mit Marine Le Pen vom Rassemblement National zu kommen, ist Glucksmann zur eigentlichen politischen Zielscheibe der „Unbeugsamen“ und der demonstrierenden jungen Menschen aus den Vorstädten von Paris geworden. Mit der Verweigerung seiner Freiheit, mit den Gewerkschaften zu demonstrieren, treffen sie ihn, seine Partei und die Sozialisten frontal. Er hat damit nicht gerechnet. Obwohl: Seit dem Beginn der Schülerproteste vor sieben Wochen, die von Mélenchon, von Abgeordneten in der Nationalversammlung und von Bürgermeistern der LFI sofort massiv unterstützt wurden, hat Glucksmann Mühe, für sich und die Sozialisten eine Linie zu finden.
Nie marschierte er wie Mélenchon Arm in Arm mit den Schülerinnen und Schülern in der ersten Reihe mit: Er sei als Kandidat für die Präsidentschaft verantwortlich, Antworten auf die Wut und eine politische Perspektive zu finden. Er hat im Sommer dazu sein Buch vorgelegt: „Wir haben noch Lust“. Die Lust ist in den letzten Tagen kämpferischem Trotz gewichen. Er wird ihn brauchen, wenn die Sozialisten bei der Wahl noch eine Chance haben wollen. Mélenchon ermuntert die Jungen in den Banlieues, weiter zu streiken, weil die derzeitige Regierung versprechen kann, was sie will. Macht und Mehrheiten hat sie nicht (mehr). „L‘Avenir en commun“ heißt daher seine Botschaft an die Jugend des „neuen Frankreichs“: Am Freitag wurde diese „gemeinsame Zukunft“ auf 160 Seiten, die 4,90 Euro kosten, vorgestellt. Ob sie die junge Generation überzeugen wird?
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